Um Weihnachten herum, wenn es unausbleiblich ist, auf dem Land sich aufzuhalten, sind Spaziergänge die einzige Abwechslung, und die einzige Attraktion auf dem Lande sind die Friedhöfe, auf denen die Spaziergänge unausbleiblich enden.
So ist auch zu dieser Weihnacht, zu der eine Kronenfeder verkündet, es werde mehr Weihnachten gebraucht — Weihnachten als Erlösung, und was für eine Erlösung das ist, das verkündet in seiner feierlich begangenen Weihnacht einer, der nicht nur einen Erlöser in die Welt schickt, sondern viele, viele Erlöser auf die Welt herabschickt, die Menschen zu erlösen.
Auf dem Friedhof, auf dem diesmal gelegenen Spazierweg, unausbleiblich wie auf so vielen Friedhöfen eine Gedenktafel mit der immer selben Inschrift:
In Liebe und Dankbarkeit gedenkt […]
seiner im […]krieg […] verlorenen Söhne
Auf dem Friedhof, auf dem diesmal der Spaziergang endet, wird nur den „verlorenen Söhnen“ im Weltkrieg von 1914 bis 1918 gedacht, auf vielen anderen Friedhöfen sind auch die „verlorenen Söhne“ im Weltkrieg von 1939 bis 1945 hinzugefügt, alle aus beiden Kriegen fein säuberlich mit Namen und Geburtsdatum festgehalten. Ach, wie gut Kriege doch sind, es gehen zwar Söhne verloren, aber wer verloren geht, ist nicht tot, kann wiederkommen, so werden auch die Erlöser diesmal sich nur verlieren, aber, wenn sie sich wiedergefunden haben werden, werden sie aufstehen, ihren Heimgang antreten und an die Tür von dem klopfen, der sie herabschickte — seine verlorenen und nun heimgekehrten Söhne …
Was die Gedenktafel auf diesem Friedhof aber recht besonders macht, ist der Name eines Sohnes, der Soldat war, einst von seinem ganz in Patriotismus aufgegangen Herrn herabgeschickt zur Erlösung der Menschen; er ließ Söhne verlorengehen, bis er schließlich selbst verlorenging, der, auch er, schuldlos daran, daß uniformlose Frauen und Männer in diesem Krieg wie in allen Kriegen und in immer mehr Kriegen seit diesem ersten Weltkrieg immer mehr und mehr uniformlose Männer und Frauen nicht verlorengehen, aber ihr Leben verlieren, wie es milde heißt, aber, ungeschönt gesagt, in einem Krieg das Leben zu verlieren, heißt: ermordet zu werden. Massenweise werden seit diesem ersten Weltkrieg in Kriegen uniformlose Menschen getötet, ermordet.
Der Name dieses verlorenen Sohnes: „Warum geb.1888“. Auch ein zweiter verlorener Sohn mit Namen Warum ist auf dieser Gedenktafel eingetragen, vielleicht war dieser der um zwei jüngere Bruder —
Die zwei verlorenengegangen Söhne Warum werden sich vielleicht bei ihrem Ausmarsch gefragt haben, warum haben sie in den Krieg zu ziehen,
sehr vielleicht aber werden sie sich das nicht gefragt haben, sondern sie werden es mit Hurrah! hingenommen haben, als des Herrn …
In den Familien Warum, die das Verlierengehen ihrer Söhne zu beklagen hatten, wird vielleicht in Trauer ausgerufen worden sein: Warum?! Warum unsere Söhne? Ihre sie selbst tröstende Antwort darauf wird wohl gewesen sein, weil die Wege des erlöswilligen Herrn unerforschlich, unergründlich …
Wonach aber, seit es Kriege gibt, nicht mehr zu fragen ist: Warum Kriege? Die Antwort darauf ist vollkommen klar und weithin bekannt, und wird auch um diese Weihnacht herum wieder einmal klar gegeben: jetzt zu dieser Weihnacht geht es wieder einmal um Flüssiges im konkreten, im allgemeinen geht es immer um Bares.
Und wonach, seit es Kriege gibt, ebenfalls nicht mehr zu fragen ist. Nach dem Wer.
Die Schuldigen eines jeden Krieges bis herauf zu dieser Weihnacht sind stets bekannt —
es sind, einfach wie kurz mit einer Beschreibung von Aldoux Huxley gesagt, der boy gangster Kriege …



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