Auschwitz, Oberwart und weiter

Am 4. Februar 20 werden es 25 Jahre her sein, daß vier Menschen ermordet wurden.

Der Grund für die vier Morde ein Abgrund wie der Abgrund der Morde 50 Jahre davor.

Verantwortlich und Ausgangspunkt dafür Gesetze des Abgrunds, die vor 85 Jahren erlassen wurden.

Und in Österreich Jahrzehnte später der Abgrund, den Abgrund wieder beleben zu wollen …

„Unter den Tätern finden sich auch Österreicherinnen und Österreicher.“ Das sagt nun der österreichische Bundespräsident.

Es muß also gesucht werden, um „Österreicherinnen und Österreicher“ dann doch auch „unter den Tätern“ zu „finden“. War wohl kein leichtes Finden unter so vielen Täterinnen aus gar vielen Ländern.

Der Hitlerismus war für die oben erwähnten Rassengesetze verantwortlich. Adolf Hitler, deren Schöpfer, ein Österreicher. Ein Österreicher, der nicht „unter den Tätern“ zu finden, ein Österreicher, der über den „Tätern“ thront, weithin sichtbar, ein Österreicher, der nicht gesucht werden muß, um ihn zu „finden“. Wen „unter Tätern zu finden“, klingt, wie nach unter bloßen Mitlaufenden zu suchen und zu finden, die also gar keine führenden Positionen …

„Unter den Tätern finden sich auch Österreicherinnen und Österreicher.“ Wenn wer schriebe, unter den Komponisten von Fidelio finden sich auch Österreicherinnen und Österreicher, was würde erwidert werden?

Mit dem Komponisten von Fidelio kann zu einer nach wie vor beliebten nationalen Zuordnung gekommen werden, aber auch zu einem beabsichtigten Gesetz in Österreich, das nicht vor 85 Jahren beabsichtigt zu verabschieden, sondern 85 Jahre später in Österreich …

An Auschwitz wird seit Jahrzehnten gedacht, auch in Österreich, und es wird vor 25 Jahren an die Befreiung ebenfalls gedacht worden sein, also kurz bevor ein Mann, nur wenige Tage später, sich ein Mann auf seinem christlich abendländischen Weg machte, mit einer Bombe, nach Oberwart, und kurz danach ein christlich abendländisch geprägter Mann den Menschen, aus deren Gemeinschaft vier Menschen das Leben lassen mußte, unterstellte, es werde wohl eine Fehde … die Ermordeten also selber verdächtigte …

„Wir dürfen nicht nur an Auschwitz-Birkenau denken, an die vielen anderen KZs, sondern die Vorgeschichte bedenken, wie es dazu kommen konnte.“ Sagt nun der österreichische Bundespräsident, der 22 Jahre nach den Morden von Oberwart Wegbegleiterinnen und Wegekameraden des leichtfertigen Autofahrers, nun selbst nicht mehr aus eigener Schuld am Leben, an einem Montag angelobte.

Was dieser verantwortungslose und leichtsinnige Autofahrer wohl heute Vergleiche ziehen würde über die Streitereien zwischen Männern dieser Partei? Keinen anderen, darf angenommen, als jenen, der ihm einmal schon einfiel, als um die schwarze und die rote Partei ging.

„Das Gedenken allein genügt nicht.“ Ein weiser Mann, der Präsident …

Was ist in den 25 Jahren seit den Morden in Oberwart für die Menschen gemacht worden? Es ist für sie nicht besser geworden, in diesem Europa. Es wird ihnen, vor allem in Österreich, im Portschyland, nicht einmal ein Wort zugestanden. Als wäre es ein Geschenk an sie, das sie nicht verdienten, würde hinzugefügt werden, wenn gegen Antisemitismus und gegen Rassismus gesprochen und geschrieben wird, würde auch hinzugefügt werden: gegen Antiziganismus, gegen Antiromaismus, gegen Antisemitismus, gegen Rassismus. Es dürfte wohl die Furcht zu groß sein, ihnen etwas zu geben, nicht einmal ein Wort, daß sie dann bleiben, statt zu gehen, statt Österreich zu verlassen. Ist doch allerorten in Österreich die Taktik Empfehlung, nichts geben, dann sind sie fort …

An einem Montag vor drei Jahren Männer und Frauen angelobt aus einer Partei aus dem Bündnis mit einem Innenminister, der von seinen Gesinnungsbegehren her auch Tobias Portschy hätte heißen können.

Die Gewalt gegen Menschen, die dem Antiziganismus, dem Antiromaismus ausgesetzt sind, hat seit den Gesetzen von vor 85 Jahren nicht, auch mit dem Ende von Auschwitz vor 75 Jahren nicht und auch nicht nach den Morden vor 25 Jahren aufgehört. Es scheint sich dabei das Paradoxe einzustellen, daß sich das Nationalistische, wenn es gegen diese Menschen geht, internationalistisch gebärdet, in so vielen Ländern in Europa sind Menschen auch dem gewalttätigen Antiziganismus, dem Antiromaismus, Pogromen ausgesetzt.

75 Jahre Porajmos, 25 Jahre Oberwarter Morde

An diesem Tag, 27. Jänner 20, wieder einmal Bekenntnisse in Österreich gegen „Antisemitismus, Rassismus, Haß und Hetze.“

Ein Bekenntnis fehlt auch diesmal: gegen Antiziganismus, gegen Antiromaismus.

Dabei ist gerade in Österreich ein Bekenntnis gegen Antiziganismus, gegen Antiromaismus wie in keinem anderen Land abzulegen, in Österreich, in dem Land, in dem die Schrift gegen die darunter weiter zu leidenden Menschen verfaßt wurde.

Am 4. Februar 2020 wird es 25 Jahre her sein, daß vier Menschen in Oberwart ermordet wurden, 50 Jahre nach Auschwitz wieder aus dem Geist, der Auschwitz gebar, vier Menschen ermordet wurden.

Dennoch wird in Österreich weiter davor zurückgeschreckt, ein Bekenntnis gegen Antiziganismus, gegen Antiromaismus abzulegen. Ein Zurückschrecken davor von allen Parteien in Österreich.

Auch das aktuelle Programm der aus der türkis getupften schwarzen und der grünen Partei bestehenden Bundesregierung in Österreich kommt gänzlich ohne ein Bekenntnis gegen Antiziganismus, gegen Antiromaismus aus und vor allem, was noch schwerer wiegt, gänzlich ohne Ankündigung von beabsichtigten Handlungen gegen Antiromaismus, gegen Antiziganismus, gänzlich ohne Vorhaben aus, die Lage der darunter leidenden Menschen in Österreich im besonderen und in Europa im allgemeinen verbessern zu wollen.

Womit das wohl zusammenhängt? Vielleicht auch damit, daß mit einem Bekenntnis gegen Antiziganismus, gegen Antiromaismus es wohl schwerer fiele, gegen die darunter leidenden Menschen Gesetze zu erlassen, das zwar nicht offen ausgesprochen wird, aber im Grunde doch gegen sie …

Gruppenbild mit Sobotka

„Auch ÖVP-Abgeordneter Martin Engelberg hat am Samstag Kritik an […] geübt. Das Foto spreche eine ‚deutliche Sprache‘ und sei Beleg dafür, dass sämtliche Kritik an der fehlenden Distanz […] zum rechten Rand begründet ist. Für Engelberg ist es ‚völlig inakzeptabel‘ sich als Chef einer demokratischen Partei mit Vertretern der Identitären zu zeigen. Er empfehle […] eine klare Haltung gegen Identitäre und Extremismus, so der Nationalratsabgeordnete.“

Was für eine Aufregung um ein Foto mit zwei Männern auf der Akademikerballbude. Fehlte auf diesem Foto der Mann von den außerparlamentischen Identitärinnen, bleibt immer noch ein Mann auf dem Foto, nämlich ein Mann von der identitären Parlamentspartei.

Es ist also eine Aufregung um ein falsches Foto.

Schlicht wie kurz: eine unnütze Aufregung.

Denn. Jedes Foto mit Männern und Frauen dieser Partei ist ein identitäres Foto.

Ein Witz dabei ist, daß Martin Engelberg hierbei meint, sich besonders hervortun zu müssen, der – kurz ist das her – im Parlament durch den berüchtigten Klubzwang zustimmen mußte zu den Vorlagen der, kurz gesagt, auch identitär besetzten Bundesregierung, und soher wohl auch zu den Vorlagen des für kurz gewesenen Ministers des Identitären, den er nun … und wie er sich auch außerhalb des Parlaments für die kurz gewesene identitäre Regierungspartei einsetzte – unnütz und auch unnütz, es zu wiederholen …

Keine falsche Aufregung wäre es, kein Aufzäumen eines Pferdes von der falschen Seite wäre es, wenn es über das Gruppenbild mit Sobotka — oder sollte nicht schon von Gruppenbildern gesprochen werden –, Aufregung geben würde, auch von einem Martin Engelberg … Von ihm, Engelberg, kann das wohl nicht erwartet werden, jedenfalls bis zu dem Tag, an dem er nicht mehr zu den Vorlagen der türkis getupften schwarzen Partei im Parlament den Arm zur Zustimmung gen seinem katholischen Jungscharobergruppenleiter strecken darf.

Die identitäre Parlamentspartei selbst zäumt ein weiteres Mal das Pferd von der falschen Seite auf, wenn sie nun im Zusammenhang mit diesem Foto darauf verweist, über sich selbst einen Freispruch fällt, es habe auch Alexander Van der Bellen sich mit einem Mann der außerparlamentarischen Identitärinnen ablichten lassen. Das kann ihm, dem Präsidenten, nicht angelastet werden, gerade im Zuge von Wahlveranstaltungen ist es für einen Kandidaten unmöglich zu wissen, wer sich ein Foto mit einer Kandidatin von einer Sekunde auf die andere erschleichen will, um es sich für und im Grunde gegen den Kandidaten auszuschlachten. Daß aber der Präsident ihm bestens bekannte Identitärinnen so einfach, so gemütlich, so heiter angeloben konnte, das wird von ihm und seiner Präsidentschaft bleiben …

Kurz zum Schluß. Die selbst gefällten Freisprüche der identitären Parlamentspartei im Zusammenhang mit Fotos, auf denen auch außerparlamentarische Identitärinnen zu sehen sind, je mit Verweis auf den Bundespräsidenten offenbaren ein weiteres Mal eindrücklich die Ununterscheidbarkeit von der strachischen identitären Regierungspartei und von der hoferischen identitären Parlamentspartei – ein eineiiger Zwilling, eine Partei aus einem einzig befruchteten Ei, gleich wer es trägt …

Im "langen Schatten" des Fälschers

„Heute gedenkt die Kirche des Hl. Kirchenvaters Augustinus. Augustinus schreibt in einem Brief: ‚Seelisch bin ich noch kraftlos. Was ich brauche, sind die Arzneien der Heiligen Schrift. Diese muss ich notwendig studieren, bis jetzt hatte ich keine Zeit dazu. Ich weiß jetzt aus erster Hand, was ein Mann benötigt […] Augustinus […] intensiv die Heilige Schrift zu studieren […] sie weitgehend auswendig […] keine Seltenheit, dass man die Heilige Schrift weitgehend auswendig […] heute noch viele Menschen gibt, die den Koran auswendig können, schon Kinder, die ganz stolz vorgeführt werden.“

Kurz ist es erst her, daß Christoph Schönborn, dem Schöpfer zum Geschenk zur Versteigerung für einen guten Zweck kreiert wurden, wieder einmal einen Mann stolz vorführte …

Augustinus —

„Das spanische Königreich des 15. Jahrhunderts, das sowohl auf der Theologie wie den misogynen und rassistischen Vorurteilen des Augustinus fußte, wirft seinen langen Schatten auf jenes blutige Abenteuer, das manche die Conquista und andere die Invasion der beiden Amerikaes nennen.“

Es könnte noch weiter aus „Die verborgene Bibliothek“ von Alberto Manguel zitiert werden. Etwa, wie es dann weiterging, in Amerika, „Tausende Manuskripte und Artefakte der Ureinwohner zu verbrennen, die im Widerspruch zum einzig wahren Glauben, um die Neukonvertiten mit dem Katechismus zu versorgen.“

Das muß nicht noch einmal erzählt werden. Es ist bekannt, die blutige Geschichte unter dem Schatten des von Christoph Schönborn angebeteten Mannes, des Fälschers mit dem Namen Augustinus.

Der „lange Schatten von Augustinus“, von dem Manguel schreibt, ist es, der veranlaßt, noch einmal Augustinus in einem Kapitel zu erwähnen, diesen Mann, von dem bis zu diesem Tage herauf so viele noch die Hostie Misogynie empfangen, sich von ihm mit der Hostie Rassismus nähren lassen. Es ist nicht allein Christoph Schönborn, auch sein Chef feiert Augustinus, der die Wertigkeit der Frau weit, weit unter die des Mannes festlegt, dem der Haß auf die Frau höchstes Sakrament ist, zu dem er wohl durch Auswendiglernen von den einzigen Schriften, die nicht unter den verbrannten etwa in Amerika waren …

Unter diesem „langen Schatten“ liegt Österreich. Es ist Au. W. nicht allein in diesem unter dem „langen Schatten“ liegenden Österreich, der „stolz die Kinder vorgeführt“ haben möchte, die nicht nur seinen Koran auswendig aufsagen können, sondern auch „stolz die Kinder vorgeführt“ haben will, die nur und ewiglich seine Partei wählen, die ihm seinen christlichen Lohn aus der Schatulle zahlt, die nicht von seiner Partei gefüllt wird.

Und mit der von Manguel erwähnten „Conquista“ kann in Österreich auch zugesehen werden, wie Österreich unter diesem „langen Schatten“ kriecht, auf der Stelle kriecht

Kurz ist es her, daß also Christoph Schönborn den „langen Schatten“ wieder einmal anbetete:

„Augustinus ist überzeugt, dass nirgendwo so deutlich das Fundament des christlichen Lebens gezeigt wird, wie in der Bergpredigt. Dass gerade hier die vollkommene Weise des christlichen Lebens vorliegt, schließt Augustinus aus den Worten Jesu, mit denen die Bergpredigt schließt: ‚Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der‘ […] Bergpredigt ist also die Charta des christlichen Lebens.“

„Wer diese meine Worte hört und danach handelt“ … Nun, wie danach gehandelt wird, erzählt, und muß nicht wieder erzählt werden, die blutige Geschichte unter dem „langen Schatten“ des Fälschers … Was aber nicht erzählt wird, ist, was dieser Mann in der Hand hält, als er davon spricht, „wer diese meine Worte hört und danach handelt“ … Gehandelt wird nach dem Eisen, das er in der Hand hält, so ward es gesehen, und dieses todbringende Eisen wird weiter fest umklammert, nicht nur von einem Manne, auch in diesem unter dem „langen Schatten“ weiter auf der Stelle kriechenden Österreich fest umklammert das Schwert, das ihnen Handeln genug …

Das Schwert, das im Kreuze angebetete Schwert, das Kreuz der Lehre zum Zustechen

Auf Sicherungshaft über den Bodensee

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Im Morgenjournal von diesem 23. Jänner 20 spricht sich Landeshauptmann Markus Wallner vehement für die „Sicherungshaft“ aus. Er redet irgend etwas von einem genauen „Hinschauen“.

Was führt er an für sein Begehren der „Sicherungshaft“?

Einzig den Fall aus Dornbirn.

Es hätte gedacht werden können, die Stute Sicherungshaft ist seit dem Abgang des Gesinnungshammer schwingenden Innenministers bereits zu Tode geritten.

Aber nein.

Stute Sicherungshaft wird nun von der türkis getupften schwarzen Partei geritten. Oder die türkis getupfte schwarze Partei gibt der nun grün gesattelten Sicherungshaft die Sporen, bis sie gänzlich zerschunden, erschöpft daran …

Mit dem Fall von Dornbirn kann kein Pferd, kann ein Pferd nicht einmal von der falschen Seite aufgezäumt werden. Im Grunde müßig, es zu wiederholen. Nachdem aber auch nicht wenige Medien mit Breitenwirkung mit dem Fall von Dornbirn für eine „Sicherungshaft“ galoppieren, muß es wiederholt werden.

Wie in Österreich „hingeschaut“, gar genau hingeschaut wird, das hat Tradition.

Oh, du lieber Augustin, alles is hin, auch’s schaun.

Hitler war ein Deutscher, Beethoven ein Österreicher. So wird in Österreich nach wie vor die Vergangenheit Österreichs heiter gemütlich verklärt.

Und die Gegenwart Österreichs wird in Österreich so verklärt. In Dornbirn wird ein Österreicher getötet, und der Mann, der ihn ersticht, ist ein „Asylwerber“.

Es muß ein „Asylwerber“ sein, weil es einfach nicht sein kann, was ist, daß nämlich dieser „Asylwerber“ in Österreich geboren wurde, daß dieser „Asylwerber“ in Österreich sozialisiert wurde, daß dieser „Asylwerber“ erst mit weit über zwanzig Lebensjahren Jahren Österreich verlassen mußte, weil in Österreich vieles versäumte wurde, weil von österreichischer staatlicher Seite auch Bestimmungen mißachtet …

Möglicherweise ist er erst durch diese in und durch Österreich verursachte Biographie zu dem Mann geworden, der nicht wahllos irgendeinen, sondern einen bestimmten und ihm sehr lange schon bekannten Mann, mit dem ihn eine sehr lange Geschichte verband, tötet.

Es darf dies alles nicht als Entschuldung eines Mannes, der tötet, gelesen werden. Das ist er. Ein gewaltbereiter Mann. Was er aber nicht ist, beim genauen Hinschauen auf seine gesamte Biographie, was er nicht ist: ein „Asylwerber“.

Und nun wird er seit dem identitären Innenminister in Österreich als „Asylwerber“ mißbraucht. Er taugt ganz und gar nicht als Argument für die Einführung einer „Sicherungshaft“. Er wird mißbraucht für die Gier nach Einführung einer „Sicherungshaft“.

Der Mißbrauch als Argument.

Aber er wird nicht nur dafür mißbraucht, sondern auch zur Entsicherung der Gesinnung, die in keiner Weise sicherheitsförderlich …

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Wohin beim Ritt auf Sicherungshaft ganz und gar nicht geschaut wird. Wie wirkt sich denn eine „Sicherungshaft“ auf einen Menschen aus?

Angenommen, nur für eine Sekunde angenommen, für eine Sekunde, die es nach dieser Annahme je nicht gegeben hat, somit auch nie die Annahme.

Ein Mensch wird in „Sicherungshaft“ genommen, weil er, so die Einschätzung von wem auch immer und aufgrund welcher Einschätzungen auch immer, gefährlich sei, hat ein solcher Mensch nach beispielsweise sechs Monaten „Sicherungshaft“ seine „Gefährlichkeit“ gänzlich verloren? Und aufgrund welcher Maßnahmen soll aus einem „gefährlichen“ Menschen nach sechs Monaten ein gänzlich „ungefährlicher“ Mensch werden?

Ist dafür die „Maßnahme“ „Sicherungshaft“ vollkommen ausreichend? Ein „gefährlicher“ Mensch muß nur sechs Monate in einem Gefängnis sitzen, um als gänzlich „ungefährlicher“ Mensch das Gefängnis zu verlassen?

Erzählen nicht gerade die Gefängniskarrieren von so vielen Menschen, vor allem von so vielen Männern das genaue Gegenteil? Den Gesellenbrief, den Meisterbrief zum hauptberuflichen Kriminellen erst nach Aufenthalten in Gefängnissen wirklich erworben. Das Gefängnis, Schmiede der Radikalisierung. Das Gefängnis, Einstiegsstelle zum Extremismus. Das Gefängnis, Fachhochschule mit Abschluß zum Gewaltmaster. Das Gefängnis, Universität der Promotion zum Doktor der Gemeingefährlichkeit.

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Passend zu diesem Tag, 23. Jänner 2020, an dem an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren international gedacht wird.

Die auf Sicherungshaft Hockenden hämmern schlicht wie kurz unaufhörlich, die „Sicherungshaft“ hätten doch schon so viele andere Staaten auch, weshalb solle dann Österreich nicht auch die „Sicherungshaft“ haben können dürfen …

Wie gut, daß vor achtzig Jahren Regierungen anderer Staaten nicht mit Hinweis auf das deutsche reich riefen, Deutschland habe ja auch schon sein Auschwitz, weshalb solle dann nicht auch … sein Auschwitz haben können dürfen …

Es muß nicht alles gehabt werden wollen, nur weil es irgendwer schon hat.

Für einen guten Zweck, Schöpfer zu versteigern.

Zur Benefizveranstaltung in der kleinen Kirche am Platze zum Anlaße des hohen Geburtstages des hohen Herrn wird das Unternehmen Lord GmbH. & Co. KG, teilt deren Pressestelle mit, ein Geschenk beisteuern: ein Set Schöpfer.

Sie, die Lord GmbH. & Co. KG, habe zu diesem hohen Anlaße ein gänzlich neues Modell für ihre Produktpalette Schöpfer kreiert. Diesem Design habe sie den Namen Schöpfung gegeben. Lord GmbH. & Co. KG hoffe, daß mit der Übergabe des ersten Sets aus dieser Produktlinie am letzten Samstage im Wintermonat 20 der hohe Herr in seiner allumfassenden Güte die Taufe der Schöpfer auf den ihnen zugedachten Namen Schöpfung vornehmen werde.

Weiters hoffe sie, die Lord GmbH. & Co. KG, daß in der kleinen Kirche die Versteigerung des ersten Sets Schöpfer der Marke Schöpfung einen recht hohen Erlös erzielen werde. Denn viele sind der Zuwendung bedürftig. Sie, die Lord GmbH. & Co. KG, denke hier vor allem an die gar unterstützenswerte Gemeinschaft der Albertina, die Jahr für Jahr gemeinnützig auf dem Platze sich einbringt.

Denn sie, die Lord GmbH. & Co. KG gehe davon aus, daß der hohe Herr in seiner Allbescheidenheit die Schöpfer nicht für sich behalten werde, sondern, nachdem er sie getauft haben werde, sofort, noch während des Benefizhochamts, zur Versteigerung bringen werde.

Und es kann ein jeder Mensch sicher sein, daß das, was der hohe Herr anbietet, das Beste aus einer Welt ist.

Der hohe Herr stehe, so die Lord GmbH. & Co. KG, für das Beste aus einer Welt. Das habe er mit seinem gesamten bisherigen Leben eindrücklich bewiesen. Sein Credo, vermute sie, sei es immer gewesen, das Beste aus einer Welt sei das Beste, das Beste aus zwei Welten aber, wie manche es sich erhoffen, sei stets nur das Nullbeste für eine Welt.

Er habe daher in seinem Leben stets auf das Beste aus einer Welt gesetzt. Auf die Bibel. Niemals beging er Verrat an der Bibel, bloß die Farbe des Einbands seiner Bibel wechselte er. Rot mußte ihm seine Bibel sein, als er ein junger Mann war. Rot, die Farbe der Liebe. Rot, die Farbe des Frühlingserwachens im jungen Manne. Das ist auch die Zeit der Verwechslungen, der Irrtümer, des blinden Glaubens an den eigenen Orientierungssinn. Der hohe Herr als junger Mann meinte sich gestaltend im „Diesseits“, während er, auch wenn er dabei seinen Bibelherrn noch mit andrem Namen anrief, tatsächlich schon im „Jenseits“ mit seinem Lebenstrost war, das er hernach nie mehr verließ, nie mehr den Versuch unternahm, ein Boot zu besteigen, um das „Diesseits“ am anderen Ufer zu erreichen.

Der hohe Herr blieb fortan auf seiner Uferseite und ging von dort los, das Hinterland zu erkunden, in dem er viel Raum für sein „Gestalten“ fand. Der Leuchtturm, um eine heutzutage gar so beliebte Vokabel zu verwenden, der Leuchtturm seines Wirkens, um einen exemplarisch aufzustellen, ist seine Mitschrift am Katechismus.

Und des Gestaltens kein Ende. Sie, die Lord GmbH. & Co. KG, wisse nicht, mit was beginnen, mit was enden, so wolle sie es bei dem einen Leuchtturm bewenden lassen, sich nicht in Versuchung bringen einer vollständigen Aufzählung.

Sie, die Lord GmbH. & Co. KG, durfte am eigenen Leibe die Allbescheidenheit des hohen Herrn erfahren, das möchte sie zum Schluße noch mitteilen. Als sie dem hohen Herrn ehrfürchtig das Angebot überbrachte, ihm für seinen hohen Tag die Stadthalle auf ihre Kosten als Ort seines Hochamts zu mieten, da winkte der hohe Herr, der Allbescheidene, bescheiden ab, ihm genüge die kleine Kirche, ihm lebendig gewordener Stein, in den eingeschrieben der Schwur seines Herrn, was Vergangenheit war, soll Zukunft bleiben.

Ihr, der Lord GmbH. & Co. KG bleibe nur noch die demütigste Danksagung an einen weiteren hohen Herrn, ihren hohen Herrn nicht abberufen zu haben, denn sie erhoffe sich von ihm noch reichliches Gestalten, jetzt, da er sich „wirklich den Herrn zur Verfügung stellen [will]“. In diesem erneuerten Wunsch seines Dienens offenbare sich auch sein Wesen eindrücklich, nicht dem Herrn, sondern den Herren zur Verfügung

Durch Österreich tief unter der Erde

Die Gemütlichkeit in Wien, überhaupt die Gemütlichkeit in Österreich, die aus dem Gemüt der Menschen in Wien, überhaupt der Menschen in Österreich unmittelbar abstammende Gemütlichkeit kann in Wien, überhaupt in Österreich zu jeder Tageszeit erlebt werden, nicht nur am Nachmittag um halb vier.

Besonders erlebt werden aber kann die direkt vom Gmiat abstammende Gmiatlichkeit der Menschen, die hier geboren und deshalb davon fest bona fide überzeugt, seit jeher von hier abzustammen, von Wien, überhaupt von Österreich seit jeher tief unter der Erde …

Kurz ist’s her, als die Gemütlichkeit am Abend nach acht tief unter der Erde erlebt werden durfte, begleitet von bildungsbürgerlichen Tönen.

Und kurz nach dem Abend der Gemütlichkeit in der Tiefe darf an diesem Nachmittag um halb vier, darf wieder die Gemütlichkeit tief unter der Erde erlebt werden, auch mit Musik, mit Tönen, mit Wörtern.

In der U-Bahn, tief unter der Erde

Ein Ehepaar, gemütlich nebeneinander, goldkettig und fingerringvoll vor allem er, mehr zu beschreiben, bedarf es nicht, zu oft hat Manfred Deix hiesige Frauen und Männer gezeichnet, um sie je noch beschreiben zu müssen.

Ein Mann beginnt auf seinem Akkordeon zu spielen. Mit dem ersten Ton von „Bella ciao“ tönt die Gattin sofort: „Auweia!“

Während der Mann spielend durch den Waggon geht, brummt der Gatte:
„Wos wolln die do.“

„Solln sich schleichn, durthin, von wo sie herkumman.“

„Betteln. Oaschlecha!“

Einige bezahlen den Mann etwas für sein Spielen. Und der Gatte brummt dazu:
„Wenns denen nix gibst, warat kana mehr do.“

Der Akkordeonspieler steigt aus. Das Ehepaar bleibt sitzen, gemütlich nebeneinander.

Gleich nach dem Verlassen des Waggons mit dem gemütlichen Ehepaar auf dem Gang tief unter der Erde zur nächsten Linie

Zwei Polizisten und eine Polizistin schlendern gemütlich den Gang entlang. Nicht gemütlich an ihnen ist ihre uniformale Ausstattung. Ein hiesiger gemütlicher Mann kommt ihnen entgegen. Sein Aussehen — schlagen Sie nach bei Deix. Mit seinem kleinen, recht kleinen Hund, der an der Leine zerrt, knurrt, drohende Töne gibt der kleine, recht kleine Hund von sich, von seinem Gemüt stammt keine Gemütlichkeit ab. Die drei Uniformierten belustigt der Hund und freundlich fragen sie den Mann, weshalb der Hund so …

Hiesig gemütlicher Mann:
„Er glaubt, er tötet einen Türken.“

Das erheitert die drei Uniformierten, ungemein. Wohlwollend gemütlich verabschieden sich die drei Uniformiererten von dem Mann mit seinem gmiatlosen Hund, die Uniformierten in die eine Richtung, der Mann mit seinem Hund in die andere Richtung. Es heißt, wenn nur lange genug in die eine Richtung und nur lange genug in die andere Richtung gegangen wird, dann gehen alle irgendwann in die gleiche Richtung.

Nachmittags um halb vier in Österreich. Abends nach acht in Österreich. Vormittags um halb zehn in Österreich wird es auch nicht anders sein, jede Tagesstunde, jede Nachtstunde in Österreich Zeit, sich mit einem Riegel Gmiatlichkeit zu stärken.