Über die Dummheit in der Ausgabe von Jung und Jung fiel sofort auf, was im Nachwort zu Hans Kelsen im Zusammenhang mit Robert Musil …
Musil unternahm gewissermaßen eine Exploration der unterwerfungswilligen Massenseele und des deutsch-österreichischen Kollektivismus am Vorabend der Katastrophe. Am Beginn zitierte er (ohne den Titel des Buches zu nennen) aus dem Mann ohne Eigenschaften: „Wenn die Dummheit nicht dem Fortschritt, dem Talent, der Hoffnung oder der Verbesserung zum Verwechseln ähnlich sähe, würde niemand dumm sein wollen.“ Das 16. Kapitel des Romans, aus dem das etwas gekürzte Zitat stammt, trägt den bezeichnenden Titel ‚Eine geheimnisvolle Zeitkrankheit‘. Dass seine Rede über die Dummheit primär auf diese Zeitkrankheit zielte, wurde, ohne dass der Begriff fiel, schon mit dem ersten Satz der Rede klar, wo Musil den Verdacht äußerte, „über die Dummheit zu sprechen“ könnte einem Redner „heute“ als „Störung der zeitgenössischen Entwicklung ausgelegt werden“. Die Temporaladverdien ‚heute‘, ‚heutig‘, ‚heutigentags‘, erscheinen im Verlauf der Rede mit derart obstinater Regelmäßigkeit, dass nicht der geringste Zweifel darüber aufkommen konnte, worauf Musils Auslegungen des Begriffs zielten. Schon in den Vorarbeiten zu Kapitel 16 des Romans wird die Gleichung „Zeitkrankheit – Dummheit“ explizit hergestellt. Etwa zur selben Zeit (Frühjahr 1930) notierte Musil im Zusammenhang mit dem Faktum, dass Hans Kelsen, der maßgebliche Autor der österreichischen Verfassung von 1920 und Richter am Verfassungsgericht, aus politischen Gründen aus seinem Amt entfernt worden war, im Tagebuch: „Heute morgens noch dachte ich, man müßte einen Verein gegen die Ausbreitung der Dummheit gründen“.
Bei der Vertreibung von Hans Kelsen aus Österreich ging es u. a. um die Ehe, genauer, die Scheidung von Ehen,
Eine Reihe familienrechtlicher Entscheidungen des Verfassungsgerichtshofes sorgen Ende der Zwanzigerjahre für den politischen Eklat. Das katholische Österreich kannte keine Scheidung, aber einige SP-Landeshauptleute erlaubten die Wiederverheiratung nach einer Trennung. Unter Kelsens Führung wurden diese „Dispensehen“ für verfassungskonform erklärt. Kirche und Christlich-Soziale zetteln daraufhin einen Sturm an, Kelsen und Kollegen wird Nihilismus und Vielweiberei vorgeworfen. Ein spezielles Verfassungsgesetz setzt alle auf Lebenszeit ernannten Richter ab. Die Wiederernennung durch die Sozialdemokraten allein lehnte der 1919 noch mit den Stimmen aller Parteien Gewählte ab, sagt Olechowski. Er sei den Sozialdemokraten zwar nahegestanden, aber wollte kein Parteisoldat sein.
Stattdessen geht Kelsen auf Drängen des Oberbürgermeisters Konrad Adenauer als Professor für Völkerrecht nach Köln. Als er 1933 auch diesen Posten verliert, nimmt ihn die Universität Wien nicht mehr auf. Kelsen pendelt zwischen Genf und Prag, wo seine Berufung an die Deutsche Universität durch die Regierung gewalttätige Proteste der NS-nahen Sudetendeutschen auslöst. „Es kam zum offenen Kampf zwischen Nationalen und Gemäßigten, die Universität wurde geschlossen, im Hörsaal mussten zwei Kriminalbeamte stehen“, erzählt Olechowski.
Kelsens Vertreibung aus Wien war eine „eigenartige Mischung aus fachlichen Differenzen und Antisemitismus“, sagt er im Standard-Gespräch. Seine reine Rechtslehre sei an der Universität Wien höchst umstritten gewesen, weil sie den Staat mit der jeweiligen Rechtsordnung gleichsetzte und keinen Platz für Religion, Moral und nationale Gefühle ließ. In Form eines verklausulierten Antisemitismus hätten andere Professoren „den Zustand der Fakultät“ beklagt und damit den getauften Juden Kelsen gemeint.
Der Standard. 3. März 2010.
heutigentags fällt dazu sogleich Norbert Nemeth zur Ehe 1811 —
Und dann 1933
Kelsen, nach Herkunft, Einstellung und Auftreten ein Grandseigneur, hatte persönlich nichts gegen Schmitt und wußte durchaus zwischen dem Ideologen und dem Staatslehrer zu unterscheiden. So stimmte er der Berufung Schmitts nach Köln zu. Schmitt „revanchierte“ sich, indem er dafür sorgte, daß Kelsen als einer der ersten jüdischen Gelehrten schon im Frühjahr 1933 seinen Lehrstuhl verlor [51] Während Schmitt als von Göring ernannter Staatsrat und „Kronjurist“ des Dritten Reichs große Triumphe feierte, erlebte Kelsen ein bitteres Jahrzehnt.
So hat Kelsens großer Aufsatz in der Zeitschrift „Die Justiz“ noch keine Patina angesetzt; gerade heute wird man ihn wohl mit noch mehr Spannung und Beklemmung als damals lesen. Erregend ist vor allem, wie Kelsen die Tendenz Schmitts zum Totalitarismus aufdeckt. Noch unbefangen, ohne moralisch-sittliche Wertung, konnte Kelsen den Begriff des „totalen Staats“ analysieren und ihm den parlamentarischen Pluralismus entgegenstellen; der totale Staat müsse, was Schmitt noch nicht sage, aber letztlich meine, zur Ausschaltung des Parlamentarismus führen. Massiv endete Kelsens Abrechnung: „Aus beiden von der Verfassung eingesetzten Trägern der Staatsgewalt wird ein Feind und ein Freund des Staates; einer, der ihn, d. h.seine . Einheit‘, zerstören will, und ein anderer, der ihn gegen diese Zerstörung verteidigt, der Verletzer und der Hüter der Verfassung. Das alles hat mit einer positiv-rechtlichen Interpretation der Verfassung nichts mehr zu tun, das ist — im staatsrechtlichen Gewände — die Mythologie von Ormuzd und Ahriman.“ [47]
Heute ist bei uns von dem „leading jurist of his time“ Kelsen nur ein Abschnitt in der Geschichte der Rechtstheorien übriggeblieben; der „provinzielle“ Carl Schmitt spielt indes nach wie vor in der deutschen Staatslehre auf dem Weg über Freunde und Schüler eine aktuelle Rolle [56] Er „siegt“ noch heute über seinen weltoffenen Gegner.
Wie treffend Kelsen Schmitt charakterisiert hat, ohne sicherlich dessen verhängnisvolle Entwicklung zu ahnen, geht aus seinem großen Beitrag in der Zeitschrift „Die Justiz“ hervor. Er mokiert sich hier — wie noch heute Sternberger [57] —, daß Schmitt in seinem Buch „Hüter der Verfassung“ „längst bekannte Tatsachen mit einem neuen Namen versehen“ habe; es handle sich nämlich um eine Neuauflage von Benjamin Constant, für Zeitgenossen „ein übler Opportunist“ [58] Gilt nicht das gleiche für Carl Schmitt, „ein Mann der Stunde”, wie ihn Hans Mayer immer wieder glossiert [59] Carl Schmitt gerierte sich in seiner Bonner Zeit, als der spätere Verfassungsrichter Professor Friesenhahn und der linke Rechtspolitologe Kirchheimer bei ihm promovierten, als liberaler Republikaner. Mit dem Buch „Hüter der Verfassung“ trat er für die „Präsidialdemokratie“ Brüning-Hindenburg ein, um alsdann Rechtsberater von General Schleicher zu werden. Nur wenige Tage nach der Ermordung seines Mentors durch die SS im Zusammenhang mit den Röhm-Morden am 30. Juni 1934 verfaßte Schmitt den berüchtigten Beitrag für „seine“ DJZ: „Der Führer schützt das Recht“ [60] Schließlich ging er so weit, den Rechtslehrern zu verkünden: „Wir müssen den deutschen Geist von allen jüdischen Fälschungen befreien, Fälschungen des Begriffes Geist, die es ermöglicht haben, daß jüdische Emigranten den großartigen Kampf des Gauleiters Julius Streicher als etwas , Un-geistiges’bezeichnen konnten.“ [61]
Zum im obigen Zitat vorkommenden Julius Streicher, das nur kurz nebenbei, fällt der „österreichische Streicher“ ein, genauer, das auf ihn zurückgehende
Die Nazis säubern die Wissenschaft
Berlin, 13. April. (Wolfs.) Auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums hat der Reichskommissär Rüst (der notorische Psychopath. Red.) zunächst folgende Professoren beurlaubt: Bonn (Handelshochschule Berlin), Lohn (Breslau), Dehn (Halle), Feiler (Handelshochschule Königsberg), Heller (Frankfurt am Main), Horkheimer (Frankfurt am Main), Kantorowicz (Bonn), Kantorowicz (Kiel), Kelsen (Köln), Lederer (Berlin), Löwe (Frankfurt am Main), Löwenstein (Bonn), Manheim (Frankfurt am Main), Marck (Breslau), Sinzheimer (Frankfurt am Main), Till ich (Frankfurt am Main).
Diese Liste— offenbar die erste, der weitere folgen sollen— enthält vorwiegend Lehrer des Staatsrechtes und der Gesellschaftswissenschaften. Es ist eine Reihe von erlesenen Namen, deren Glanz den deutschen höchsten Ruhm gereichte. Hochschulen zum von Männern, deren Wirken die deutsche Wissenschaft seit Jahren befruchtete. Auch sie werden nun, da die deutschen Hochschulen „gleichgeschaltet“, das heißt, auf das Niveau des hakenkreuzlerischen Ungeistes gebracht werden, aufs Pflaster geworfen; dabei zeigt die Liste, daß auch erzbürgerliche Gelehrte, daß vor allem auch arische Professoren nicht geduldet werden, wenn sie den Hakenkreuzstudenten nicht passen, wie zum Beispiel der protestantische Theologe Professor Dehn in Halle, der von den Nazi wegen einer pazifistischen Rede verfolgt wird. Unter den Hinausgeworfenen sind weltbekannte Gelehrte, wie M. I. Bonn und Emil Lederer, heute zweifellos die berühmtesten Nationalökonomen Deutschlands, Hans Kelsen, der hervorragende Staatsrechtslehrer, den der kleinliche Ungeist der Reaktion aus Wien vertrieben hat, Artur Feiler, der als Redakteur der „Frankfurter Zeitung“ sowie durch seine Bücher über Amerika und Rußland Weltruf erlangt hat, Hermann Heller, der Verfasser eines berühmten soziologischen Werkes über den Fascismus, Hermann Sinzheimer, Deutschlands größter Sachverständiger auf dem Gebiet des Arbeitsrechtes, Siegfried Marck, der Breslauer marxistische Philosoph, und Horkheimer, der Nachfolger Karl Grünbergs in Frankfurt. Man wird gewiß unter denen, die im Zeichen des Hakenkreuzes an den Hochschulen verbleiben dürfen, nicht einmal halb soviel berühmte Naamen finden: nur den gesinnungslosen Nullen und den charakterlosen Strebern ist es heute noch erlaubt, in Deutschland zu forschen und zu lehren. Arme deutsche Wissenschaft!
Arbeiter Zeitung. 14. April 1933.
Für die „Salzburger Chronik für Stadt und Land“ am 28. September 1933 war es ein Einzeiler unter „Umschau in Deutschland“, die Versetzung in den Ruhestand mit 52 Jahren eine für diese österreichische Zeitung angemessene Meldung, ein menschgemäßer Vorgang, mit 52 Jahren pensioniert zu werden, während
Umschau in Deutschland
Müller zum ersten deutschen Reichsbischof gewählt
TU. Wittenberg, 27. September. Die Deutsche Evangelische Nationalsynode wählte am Mittwoch nachmittags eintimmig den Landesbischof Ludwig Müller zum ersten Reichsbischof der Deutschen Evangelischen Kirche.
Koch, Königsberg, Oberpräsident
TU. Berlin, 27. September. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst meldet, ist Gauleiter Koch in Königsberg zum Oberpräsidenten daselbst ernannt worden.
Pensionierung des Professors Kelsen
Berlin, 27. September. Wie die „Frankfurter Zeitung“ meldet, wurden an der Universität Köln der Staatsrechtler Professor Dr. Hans Kelsen und der Ordinarius für romanische und vergleichende Philologie, Professor Dr. Leo Spitzer, in den endgültigen Ruhestand versetzt.
Krise im Hause Ullstein
Berlin, 26. September. Nach der redaktionellen Gleichchaltung des Ullstein-Verlages durch den nationalozialistischen Schriftleiter Dr. Stadler wird nun auch der Verlag gesäubert. Soeben wird bekannt, daß Heinz Ullstein seine Anteile an eine anonyme Finanzgruppe abgetreten hat, so daß von den eigentlichen Besitzern des Ullstein-Konzerns nur noch Franz Ullstein übrigbleibt. Man hatte ihn zeitweilig verhaftet; aber bald wieder auf freien Fuß gesetzt.
Wesentlich aber, wenn von Hans Kelsen gesprochen wird, ist nicht die Vergangenheit, sondern einzig wie es heutigentags um die Verfassung Österreichs bestellt ist, die
Korrektion respektive Züchtigung der Hans-Kelsen-Verfassung aufzuheben; daran hat vor kurzem auch Armin Thurnher in seinem Nachruf „Adieu, Alfred Noll : Der wahre Staats-Anwalt“ …
Welan war ein bürgerlicher Intellektueller der Busek-Schule, bewunderte Nolls Intellekt und war mit ihm verbunden im Anliegen, die in der Verfassung fatal mächtige (und nur in der Realpolitik heruntergespielte) Rolle des Bundespräsidenten zu korrigieren.
Falter. 12/2026. 16. März 2026.
Auf der selben Seite der „Arbeiter Zeitung“ ist am 14. April 1933 zu lesen:
Major Pabst für die schwarz-braune Koalition
Was der Mann sagt, der jetzt in Rom die Drähte zieht.
Major Waldemar Pabst, der ehemalige Stabschef der Heimwehr, der gegenwärtig in Berlin lebt und beim Stahlhelm eine Rolle spielt, bernüht sich schon seit Wochen, auch in Oesterreich so etwas wie eine „nationale Konzentration“ zustande zu bringen und zu diesem Zweck die streitenden fascistischen Bruder in Oesterreich, die Braunen und die Grünweißen, miteinander zu versöhnen. Nun hat Herr Pabst den „Jnnsbrucker Nachrichten“ ein Interview über Fragen der österreichischen Innen- und Außeilpolitik gegeben. Er verwies zunächst auf die „natiolale Einigung“ in Deutschland und sagte dann:
„Ich bin sicher, daß die nationale Stunde auch für Oesterreich schlagen wird, wobei Personenfragen keine Rolle spielen dürfen und noch weniger Rücksichten auf etwaige Bindungen mit den jetzigen zumeist überalterten politischen Parteien. (Die Christlichsozialen dürfen sich auf manche peinliche Ueberraschung gefaßt machen. Red.) Wahlen mit all ihrem Hader und ihrer Vergiftung des Gemeinschaftsgedankens im Volke können niemals etwas Ideales sein. Auch in Oesterreich wird der Tag kommen, wo Parlamente nur eine dekorative Bedeutung haben werden. Auch hier wird nur dann Ruhe und die Möglichkeit eines Wiederaufbaues gegeben sein wenn die Schwatzbuden für Jahre geschlossen und die Eifersüchteleien der Parteien beendet sind. Wenn die Neuwahl in Oesterreich uns diesem Ziele näherbringt, dann muß sie mit allen Mitteln gefordert und durchgedrückt werden.“ (Das ist die Konzession an die Naziforderungen. Red.) Ferner erklärte Pabst, daß „ein Neuaufbau Oesterreichs ohne die entscheidende Mitarbeit der Nationalsozialisten ein Ding der Unmöglichkeit“ sei. Der Landsknecht der deutschen Reaktion, der seit Jahren in Oesterreich hinter den Kulissen manche Drähte zieht, ist also für die schwarz-braune Koalition. Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß die von Pabst geäußerten Meinungen auch bei den Besprechungen in Rom eine große Rolle spielen. Zu den frommen römischen Ostergästen soll auch Herr Pabst gehören. Daß auch Herr Starhemberg nach Rom gefahren sei, wie bürgerliche Blätter berichtet haben, wird von der Heimwehrpresse abgestritten, aber sicher ist, daß die Oberhahnenschwänzler in ununterbrochener Verbindung mit Rom stehen. Danach kann man sich eine Vorstellung davon machen, was in Rom ausgekocht werden soll.
Zwischen dem Pabst und dem Papst.
Ueber die Besprechungen des Bundeskanzlers Dollfuß in Rom dürfen seine Landsleute nur folgendes erfahren: Bundeskanzler Dr. Dollfuß wurde heute vom Papst in Privataudienz empfangen, in deren Verlauf der Heilige Vater sein besonders warmes Interesse für Oesterreich bekundete. Vorher hatte der Bundeskanzler dem Kardinalstaatssekretär Pacelli seine Aufwartung gemacht. Der Bundeskanzler nahm diesen Anlaß wahr, um die in der allernächsten Zeit beginnenden mündlichen Konkordatsverhandlungen persönlich einzuleiten. Heute früh nahm Dr. Dollfuß an der vom Heiligen Vater gelesenen privaten Messe teil und wohnte sodann der in der Sixtinlschen Kapelle in Anwesenheit des Papstes zelebrierten Pontifikalmesse bei. Um die Zahl der in Rom versammelten Fascisten vollzumachen, ist Sir Oswald Mosley, der Führer der englischen Fascisten, angekommen, ein Wichtigtuer, dessen Anhängerschaft in einem einzigen Eisenbahncoups Platz hat.
Papst, mit dem auf Anhieb kaum ein Mensch etwas anzufangen wird wissen, im Gegensatz aber mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, deren Mörder — und wenn dieser Mörder von Parlamenten als „nur eine dekorative Bedeutung“, Parlamente, die ihm „Schwatzbuden“, die „für Jahre geschlossen“, ihm „Wahlen niemals etwas Ideales“, fällt sofort einer aus der identitären Parlamentspartei ein, der 93 Jahre später, am 25. März 2026, von „elektoraler Demokratie“ und „liberaler Demokratie“ redet, wobei sein, einfach wie kurz gesagt, sein Herz und sein Geist recht für die erstere …
Es sind auf derselben Seite der „Arbeiter Zeitung“ vom 14. April 1933 zwischen Papst für die schwarz-braune Koalition – Die Nazis säubern die Wissenschaft und Der Schlag gegen die Arbeitslosen, weitere Artikel, die nicht zum Vergleich zwischen Vergangenheit und Gegenwart einladen, aber an die Gegenwart unweigerlich denken lassen, mit ihren unabgeschlossen behandelten Themen seit der Vergangenheit, dabei sollten diese doch längst keine Themen mehr, bei dieser langen, langen Behandlungsdauer, und die straft den Spruch, was lange währe, werde endlich gut, als das, was dieser ist, ein bloßer Spruch …
Wie geht es doch heutigentags hoch her um die Zensur„, um den Vorwurf der Zensur, um die Forderung nach Zensur, und auf der Zeitungsseite vom 14. April 1933 ist zu lesen unter „Der deutsche Ungeist“:
Berlin, 13. April. Die Deutsche Studentenschaft veranstaltet in den drei Wochen bis zum 10. Mai einen Feldzug „Wider den deutschen Ungeist“. Zunächst werden zwölf Thesen öffentlich angeschlagen:
1. Sprache und Schrifttum wurzeln im Volk. Das deutsche Volk trägt die Verantwortung dafür, daß seine Sprache und sein Schrifttum reiner und unverfälschter Ausdruck seines Volkstums ist.
2. Es klafft heute ein Widerspruch zwischen Schrifttum und deutschem Volkstum. Dieser Zustand ist eine Schmach.
3. Reinheit von Sprache und Schrifttum liegt an dir!. Dein Volk hat dir die Sprache zur treuen Bewahrung übergeben.
5. […] Der Deutsche, der deutsch schreibt, aber undeutsch denkt, ist ein Verräter. Der Student, der undeutsch spricht und schreibt, ist außerdem gedankenlos und wird seiner Aufgabe untreu.
6. Wir wollen die Lüge ausmerzen, wir wollen den Verrat brandmarken. Wir wollen für den deutschen Studenten nicht Stätten der Gedankenlosigkeit, sondern der Zucht und der politischen Erziehung.
7. […] Wir fordern deshalb von der Zensur […] Schärfstes Einschreiten gegen den Mißbrauch der deutschen Schrift! Deutsche Schrift steht nur den Deutschen zu! Der undeutsche Geist wird aus den öffentlichen Büchereien ausgemerzt.
8. Wir fordern vom deutschen Studenten Willen und Fähigkeit zur Reinhaltung der deutschen Sprache.
10. Wir fordern vom deutschen Studenten den Willen und die Fähigkeit zur Ueberwindung […] liberalen Versallserscheinungen im deutschen Geistesleben.
11. Wir fordern die Auslese von Studenten und Professoren nach der Sicherheit des Denkens im deutschen Geiste.
12. Wir fordern die deutsche Hochschule als Haupt des Deutschtums und als Kampfstätte aus der Kraft des deutschen Geistes.
Autodafé.
In der dritten Woche der studentischen Propaganda wird eine öffentliche Sammlung zersetzenden Schrifttums durchgeführt. Jeder Student wird seine eigene Bücherei von allem Undeutschen säubern und auch die Büchereien seiner Bekannten sichten. Die Studentenschaften werden sich für die Reinigung der öffentlichen Büchereien, sofern sie nicht lediglich der Sammlung des gesamten Schrifttums dienen, einsetzen. An allen Hochschulen wird am 10. Mai 1933 das zersetzende Schrifttum den Flammen überantwortet. Die öffentliche Bekanntgabe der Sammelstellen wird zu Beginn der Sammlung erfolgen.
Numerus clausus an den Hochschulen.
Berlin, 13. April. (Verein deutscher Zeitungsverleger.) Das Reichskabinett dürfte am kommenden Mttwoch eine Vorlage verabschieden, die den Numerus clausus für […] Weiter wird das Reichskabinett das neue preußische Studentenrecht auf das ganze Reichsgebiet ausdehnen. Das neue Staatsbürgergesetz wird bereits in wenigen Wochen verabschiedet werden können.
Und heutigentags sind Universitäten weiter und wieder ausgerufene „Kampfstätten „ von —
Ähnlich wie die GegenUni betont auch Martin Sellner die Bedeutung von Intellektuellen und Universitäten als „Quelle aller Definitionsmacht“ in Politik und Gesellschaft im „Kampf um den geistigen Raum der Nation“, also die „Deutungshoheit im vorpolitischen Raum zur Erlangung und Festigung der realen politischen Macht im parlamentarischen Bereich“ (Verfassungsschutzbericht 2020). Dabei macht Sellner zu Beginn seines Beitrags in der Sezession auf Folgendes aufmerksam:
„Lange vor den Erfolgen der NSDAP [i. e. der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei] hatte der Nationalsozialistische Studentenbund bereits die Universitäten in der Hand. Im Mai 1928 erreichte die NSDAP gerade einmal 2,6% der Stimmen, während der NSDStB 1929 bereits 19,5% und im Jahr 1930 34,4% erhielt. Die Ergebnisse unter den Studenten waren im Schnitt doppelt so hoch wie unter der Restbevölkerung. 1930 stellte die NS-Studentenschaft an elf Hochschulen die absolute Mehrheit und an zwölf Hochschulen die stärkste Fraktion. 1931 kam es sogar zu einem reichsweiten AstA-Wahlergebnis [AstA = Allgemeiner Studentenausschuss] von 44,4%. Auch die marxistische Rebellion in Rußland wurde, wie Lenin zu berichten weiß, von jungen Akademikern getragen, die im ,Honigmond‘ des russischen Marxismus dessen Theorien popularisierten“.
Verfassungsschutz Hessen.Stand 14. 04. 2022.
















































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