Recht auf Welt!

Wie erhaben Wim Wenders in der Paulskirche seine hohen Worte auf Sebastião Salgado spricht, anprangert, daß etwa „Frieden“ zu einer „Worthülse“ verkommen ist.

Wie gut, einen Menschen zu hören, der ohne Worthülsen auskommt, der seiner Rede eine Tiefe zu vergeben mag, die zu erreichen, etwa einem Papst je nicht gegeben. Einen zu hören, der Worte wählt, die keine Worthülsen sind, etwa „Völkerwanderung“, „Fluchtbewegung“, „Heimat“.

Beim Hören von Wörtern wie „Völkerwanderung, „Fluchtbewegung“, „Heimat“ muß immer daran gedacht werden, es ist hoch an der Zeit, mehr als hoch an der Zeit, damit aufzuhören, die Wörter von jenen so leichtlippig nachzureden, deren Sicht auf die Welt eine gesinnungsblinde ist.

Zuerst einmal ist alles auf der Tafel auszulöschen, auszuradieren, Platz zu schaffen, zuerst vor allem ist „Recht auf Heimat“ zu löschen. Die Tafel ist neu zu beschreiben, auf eine Weise, die den Menschen und ihren Welten gerecht wird.

Zuerst vor allem ist auf die Tafel zu schreiben:

Recht auf Welt!

Ach, wie wird, gerade in der sogenannten westlichen Welt, mit den Menschen mitgefühlt, die sich in andere Gegenden der Welt aufmachen, wie mitfühlend wird versucht zu argumentieren, die Menschen verlassen nicht freiwillig und nicht gern ihre „Heimat“, sondern sie sind gezwungen durch … Und wenn es diese zwingenden Gründe nicht geben würde, würden sie ihre „Heimat“ nicht verlassen. Sie blieben, wo sie sind. Und sie kehrten, wenn sie schon ihre Heimat verlassen mußten, augenblicklich in ihre Heimat zurück, wenn die zwingenden Gründe für den Fortgang nicht mehr … Sie sprechen, als sprächen sie für die Menschen. Das „Recht auf Heimat“, auf das gerade in der sogenannten westlichen Welt gepocht wird, ist in Wahrheit, in Wirklichkeit: Kein Recht auf Welt!

Gerade die Menschen, die die sogenannte Globalisierung am meisten befürworten, am meisten in Anspruch nehmen, als ihr alleiniges Recht ansehen, für sich und ihresgleichen, sind, wenn es um Menschen geht, die nicht ihresgleichen sind, für die unbedingte Deglobalisierung, für eine total entglobalisierte Welt als dienende ihres absolutes Globalisierungsregimes.

Die Menschen sollen bleiben, wo sie sind, dafür wird ihnen sogar ein Recht gewährt, barmherzig eingeräumt, das „Recht auf Heimat“, dieses Recht also wird der vierten Klasse der Weltbevölkerung überlassen, während die erste Klasse für sich einzig das Recht auf Welt reserviert hat, für ihre Reisen mit Komfort immer und überallhin auf der Welt, für ihr Niederlassen auf der Welt, wo immer sie will, ohne Gründe und vor allem ohne zwingende Gründe.

Als ein konkretes Beispiel muß hierfür nicht etwa nach Afrika gesehen werden, es kann in Europa geblieben werden, auch in den Ländern der Europäischen Union. In diesen gibt es das Recht des sogenannten freien Personenverkehrs, aber nicht für alle Menschen, für gewisse Menschen gibt es nur das sogenannte Recht auf Heimat, nicht aber das Recht, sich in den Staaten der Europäischen Union frei zu bewegen, diese Menschen sollen in ihren sogenannten Heimaten bleiben, und wenn sie nicht dort bleiben, sind sie dorthin zurückzubringen. Es wird nicht mehr gesagt: Deportation. Es wird für sie gefordert: Recht auf Heimat.

In einer tatsächlich globalisierten Welt gibt es keine „Fluchtbewegung“, gibt es keine Menschen, die flüchten, gibt es keine „Völkerwanderung“, sondern nur Menschen, die sich frei in der Welt bewegen, mit oder ohne Gründe, weil eben alle Menschen ein Recht auf Welt zu haben haben. Und wer das Recht auf Welt hat, wird, sollte es danach je ein Bedürfnis noch geben, eine Gegend, irgendeine Gegend, in die ein Mensch nicht hineingeboren wurde, sondern diese irgendwann in seinem Leben als Lebensgegend gewählt und in diese gezogen ist, als Heimat empfinden, dann soll er, warum nicht, es als seine Heimat bezeichnen.

Das Recht auf Welt! Ein Recht, das nicht mit Kreide auf eine Tafel zu schreiben ist, sondern zum ersten Paragraphen

Artikel 1

Das Recht auf Welt ist das unveräußerliche und uneingeschränkte Recht von allen Menschen.

Die Pflicht jedes einzelnen Menschen ist es, zu garantieren, daß kein Mensch an seiner freien Wahl seines Lebensortes, wo immer auf dieser Welt, gehindert wird, daß kein Mensch dazu gezwungen wird, seinen Geburtsort, wo immer auf dieser Welt, nicht zu verlassen, wenn es nicht sein freier Wille ist.

der Menschenrechte zu werden hat.

PS „Völkerwanderung“, „Fluchtbewegung“. Was für ein Aufbauschen. Bei einer Weltbevölkerung von rund acht Milliarden Menschen sind es – je nach Zählweise – gerade einmal, aber nur wenn aufgerundet wird, ein Prozent oder gerade einmal um 2,5 Prozent höchstens, die sich von ihrer sogenannten Heimat aufmachen, ihre sogenannte Heimat verlassen, um sich woanders auf der Erde niederzulassen, aus welchen Gründen auch immer, ob aus oder nicht zwingenden, aufgezwungenen Gründen …

Wenn dies schon ein Problem ist, ist den Menschen zu wünschen, daß sie niemals ein Problem bekommen, oder, wenn dies schon ein Problem ist, wird verstanden, warum Menschen keines ihrer Probleme, die tatsächlichen und wirklich zwingenden, die sich selbst aufgezwungenen je …

PPS Das Recht auf Welt ist ein Recht, das, gemessen an der Weltbevölkerung, absolut wenige erst für sich in Anspruch nehmen. Nach den Prozentsätzen kann gesagt werden, beinahe einhundert Prozent unterwerfen sich dem Befehl, auch dem sich selbst gegebenen Befehl, ihr gesamtes Leben in ihren sogenannten Heimaten abzudienen.

Ma Jian and Ma Jian

馬健 – 中國夢辦公室 華為

„Das Kunstwerk, das er dann schuf, übertrifft meine kühnsten Erwartungen. In den gebrochenen Ästen sehe ich die Brutalität der Autokratie, das zerbrechende Individuum und die Sehnsucht der menschlichen Seele nach Freiheit. In diesem Kunstwerk steckt alles, was ich mit Traum von China ausdrücken wollte. Ich fühle mich außerordentlich geehrt und bin Ai Weiwei zutiefst dankbar dafür, dass er dem Buch ein so schönes, machtvolles Bild geschenkt hat.“

Mehr ist zu diesem Roman nicht zu schreiben, als das Zitierte aus der „Bemerkung zum Cover“, und dann bleibt allen nur eines, und hernach, wenn wieder Zeit ist, auch das Buch zu lesen, dem Ma Jian die Widmung voranstellt: „Für George Orwell, der alles vorausgesagt hat.“

Drei Sätze aus dem Vorwort von Ma Jian sind doch zu zitieren, nicht aber, um das Buch anzupreisen, das braucht der Roman nicht, jedoch, um einen Gedanken zum „Implantat“ zu formulieren, der nur indirekt mit China zu tun hat.

„Die Traum-von-China-Ämter, die Nachtclubs der Roten Garden und die kollektiven Feiern des Goldenen Hochzeitstages alter Ehepaare, um nur einige Beispiele zu nennen, gibt es im heutigen China wirklich. Der Traum-von-China-Trunk und das neurologische Implantat hingegen sind meiner Phantasie entsprungen.“

Das „neurologische Implantat“ soll das Gedächtnis der Menschen löschen, die Erinnerungen an die Vergangenheit, es soll die indidivuellen Träume löschen, und diese durch einen einzigen kollektiven Traum ersetzen, nämlich durch den „Traum von China“, alle Menschen sollen nur noch einen Traum haben, nur eines noch träumen, den „Traum von China“.

Wenn daran gedacht wird, wie unbedarft, wie leichtfertig Menschen außerhalb von China sich ein Smartphone der chinesischen Marke „Huawei“ anschaffen, es verwenden, wenn überhaupt daran gedacht wird, wie unbedarft, wie leichtfertig Menschen weltweit Smartphones gleich welcher Marke verwenden, mehr als verwenden, als wäre das Smartphone ein Teil ihres Körpers, als wären sie mit dem Smartphone geboren worden, ihnen kein „neurologisches Implantat“ mehr eingepflanzt werden muß, weil sie sich dieses Implantat, also das Smartphone, selbst einpflanzen, um Weltvergangenheit, Weltgegenwart aus dem Gedächtnis zu löschen, kollektiv nur einen Traum noch zu träumen, den sie vor sich selbst als einen individuellen Traum ausgeben, muß gesagt werden, George Orwell hat nicht alles vorausgesehen, er hat nicht vorausgesehen, daß es keine „Oligarchie“ mehr braucht, jedenfalls außerhalb von China, daß es kein „Ministerium der Wahrheit“ mehr braucht, es die Menschen selbst sind, die das alles übernehmen, durchführen, ausführen, besonders in der sogenannten westlichen Welt, zu der auch Europa gehört.

Es gibt Ma Jian, den Schriftsteller, und dann gibt es noch diesen …

„Ma Jian was vice-minister in the powerful ministry of state security, which oversees foreign and counterintelligence operations. His case is linked to that of one of China’s most-wanted fugitives, exiled property tycoon Guo Wengui, who has published a series of allegations of corruption among top members of the Communist Party. Ma used his position to help Guo Wengui, who now lives in New York, further his business interests, the Dalian Intermediate People’s Court said in a statement. He took more than 100m yuan (£11.4m; $14.5m) in bribes and profited by trading stocks based on insider information, it added.“

Das erinnert ein weiteres Mal daran, wie verschieden doch die Lebensläufe von Menschen sein können, die denselben Namen haben, wie bereits erzählt wurde – von Jacob, von Mannheimer

Und wie unterschiedlich gar sind die Lebensläufe von Menschen, die nicht denselben Namen haben, aber den gleichen Beruf ausüben, etwa den der Schriftstellerei, die einen müssen fort, ins Exil, die anderen suchen die Nähe der Autokratinnen, realistischer gesagt, sie suchen die Nähe der Autokraten, wie jener aus dem Poesieheim Serbien …

Adolf, der Österreicher, schickt Arthur, den Österreicher, in die Niederlande, wo Joseph, der Österreicher, wieder in einem Keller dem Untergang entgegen

Österreich schafft es in diesen Tagen, wie gütig die Vorsehung vor dem unmittelbar bevorstehenden Nationalfeiertag ’19 zu Österreich ist, wieder einmal in die sogenannte Weltpresse.

Diesmal bringt ein Joseph aus Österreich, gebürtig aus dem Oberösterreichischen, Österreich in die Weltpresse. Und es geht wieder um einen Keller, wieder um jahrelang im Keller gehaltene Menschen, wieder um jahrelang im Keller gehaltene Kinder und Jugendliche.

Woher das wohl kommen mag?

Diese österreichische Sehnsucht nach dem Keller, diese österreichische Sucht nach einem Leben im Keller, diese österreichische Lebenserfüllungserwartung durch das Halten von Menschen im Keller.

Das muß vor Jahrzehnten sich tief in die österreichische Seele eingegraben haben, in der österreichischen Seele zum Keller als Fundament ausgehoben worden sein, daß es bis heute so tatkräftig wirkt: das Kellerleben, die Kellermenschenhaltung.

Vor Jahrzehnten mußte das sogenannte österreichische Volk in seiner Gesamtheit immer wieder in die Keller, mußte es lange Zeiten in Kellern sein Leben zubringen, wurde es Jahre in Kellern gehalten, auch von einem Österreicher, von Adolf, dem Österreicher, sozusagen von dem Übervater der Menschen-im-Keller-Halter. Und das muß sich derart als Lebensglück tief in die österreichische Seele eingegraben haben, daß es heute noch besonders für den österreichischen Mann das Höchste ist, das er Menschen an Gutem zuteil werden lassen kann, ihm das Wichtigste ist, das von österreichischer Generation zu österreichischer Generation weiterzugeben ist.

Und nun ist es ein österreichischer Joseph, der die Menschenhaltungspflicht erfüllt, mit einem Keller in den Niederlanden, also nicht irgendwo auf der Welt, sondern in den Niederlanden, genau dort, wohin einst schon Adolf, der österreichische Übervater, Arthur, den Österreicher, schickte. Es wird in den Niederlanden noch Menschen geben, die erzählen können, von ihrer Haltung in Kellern über und unter der Erde durch Arthur, dessen Aufstieg in Österreich schon unter der Partei begann, die bald wieder den Kanzler in Österreich stellen wird, der selbst kurz Kanzler war und als solcher, je nach Sichtweise, die Goldmedaille oder die Silbermedaille für die kürzeste Kanzleramtszeit

Was sich für Joseph, dem Österreicher, im Bauernhofkeller nicht erfüllte, war der „Weltuntergang“, auf den, wie berichtet wird, gewartet wurde. Auch das muß sich tief in die österreichische Seele eingegraben haben, die Weltuntergangserwartung, die Sehnsucht nach einem neuerlichen Untergang, mit dem Adolf, der Überösterreicher, die österreichischen Menschen einst beglückte, mit einem tatsächlichen Untergang, mit einem wirklichen Untergang, den sie ganz real erleben durften, gehalten dabei in Kellern, und es war tatsächlich – es kommt bloß darauf an, wie Welt definiert wird – ein Weltuntergang, den ihnen Adolf, der Österreicher, schenkte, für den sie ihm bis heute dankbar sind und sich kenntlich erweisen, auch durch weiteres Halten von Menschen in Kellern. Höchste Gabe an Adolf, den Österreicher, scheint dabei zu sein, wenn es noch Kinder sind, die in Kellern …

Und wenn einmal ein österreichischer Mann keine Menschen im Keller hält, so weiß er doch um den „Weltuntergang“, läßt ihn dieses österreichische Kellererbe vom „Weltuntergang“ sprechen, wie Norbert, den Österreicher, der in diesen Tagen ’19 weiß, von welcher „Sekte“ er den „Weltuntergang“ erwarten darf … obgleich er den „Weltuntergang“ erwartet, wurde bis jetzt noch nicht vernommen, er hätte bereits einen Keller hergerichtet, um … aber für manche Menschen ist es nicht notwendig, dafür einen wirklichen Keller zu haben, um sich und andere in einem wirklichen Keller zu halten, ihnen ist ihr Kopf der wahre Keller …

Sie kommen aus den Kellern und kehren in die Keller zurück – zum Untergang. So war es schon beim Überahn, bei Adolf, dem österreichischen Übervater, aus den Schußkellern des Krieges bis ’18 in den Bürgerbräukeller einen Stock höher und weiter tiefer und tiefer hinunter in den tiefsten Keller zum totalen Weltuntergang …

An den Pfahl gebunden, und das Leben schwebt vorbei wie ein Traum

„Heimito von Doderer, der große österreichische Epiker, hat einmal geschrieben – von seinen Helden in den Büchern –, er fühlte sich losgebunden vom Pfahl des eigenen Ich. Vielleicht hätte mir der Preis bedeutet, dass man sich losgebunden fühlt von sich selber. Man ist nicht mehr das Individuum, was man ist – was man war.“

Sagt Handke, am Bahnsteig, falls es in Griffen einen Bahnhof gibt, oder auf dem Gemeindeamt.

Ein Kapitel kann auch nur eine Notiz sein, für ein Kapitel, das noch zu schreiben ist, und zwar das zu „Traum von China“.

Dieses Kapitel also bloß als eine Notiz, die nur scheinbar eine zu Peter Handke ist, tatsächlicht aber, um nicht zu vergessen, nicht wieder zu vergessen, endlich das Kapitel zu Ma Jian zu schreiben, auf das bis jetzt einfach vergessen wurde, wie es in der Welt so leicht vergessen wird, besonders in Europa so leicht vergessen wird, was China dieser Partei war und weiter ist.

„Er wiederholte die fünf Wörter des Mantras, das ihm seine Geliebte Li Wei beigebracht hat und das alle Erinnerungen an seine Vergangenheit verbannen soll: Du bist nicht ich, verschwinde, Du bist nicht ich, verschwinde.“

„Verschwinde“: fordert Handke am Bahnsteig, falls Griffen einen Bahnhof hat, mit lautbestimmtem Ton, aber in der Mehrzahl …

In Griffen

Peter Handke steigt um: vom lieben auf den gewöhnlichen Zug

Es wird nicht gewußt, ob Griffen vom Zug angefahren wird, in Griffen überhaupt ein Zug hält, Griffen einen Bahnhof hat, ob überhaupt Züge durch Griffen durchfahren oder wenigstens nahe an Griffen vorbei …

Es wird nur von einem Zug gewußt, von dem Zug, mit dem Peter Handke in Griffen ankommt, mit dem Nachtleichenzug Slobodan, und er steigt in Griffen aus dem Leichenspeisewaggon Radovan, und sogleich empört er sich darüber, daß er nicht nach Tolstoi, Homer, Cervantes gefragt wird, er, in seinem Sakko der Marke Tomislav, tritt aus dem Zug und sogleich ereifert er sich darüber, daß er nicht nach Handke gefragt wird, nicht danach gefragt wird, was Handke geschrieben hat, was er, Handke, schreibt, daß er nicht gefragt wird, ob er, Handke, es nicht grandios fände, daß sie, die Journalisten, ihn, Handke, täglich lesen, und wenn sie überhaupt lesen, dann ausschließlich Handke lesen, daß er, Handke, nicht gefragt wird, ob es ihm, Handke, gefalle, wie schön die Journalistinnen ihm, Handke, ganze Kapitel von Handke hier und jetzt auf der Stelle auf dem Bahnsteig, falls es einen Bahnhof in Griffen gibt, oder eben auf dem griffnerischen Gemeindeamt auswendig und ohne zu stocken, aber ergriffen aufsagen können, während der Bürgermeister und der Landeshauptmann ihm, Handke, Blumen von stifterischer Straußenpracht überreichen.

Aber er, Handke, ist nicht mit dem Tolstoi gekommen, hat nicht im Homer gespeist, und er, Handke, trägt keine Hosen der Marke Cervantes.

Er ist in Griffen mit seiner Wirklichkeit ausgestiegen und stößt auf dem Bahnsteig, falls es in Griffen einen Bahnhof gibt, oder eben auf dem griffnerischen Gemeindeamt mit der ihm verhaßten Wirklichkeit zusammen, der seine Wirklichkeit zu gut oder zu bitter bekannt ist, um ihn, Handke, nicht nach seiner Wirklichkeit zu fragen, es ihr, der Wirklichkeit, gar nicht anders möglich ist, als ihn, Handke zu befragen, wie er es mit der Wirklichkeit jenseits seiner Wirklichkeit hält, es geradezu ein Versäumnis medialer Pflicht wäre, ihn, Handke, unbefragt in seiner Wirklichkeit zu belassen, ihm, Handke, nur mit Worten von seinem Stift zu huldigen, ihn zum Caesaren des Tiefsinnnblattlandes am großen Wasser zu krönen, gleich auf dem Bahnsteig, falls Griffen einen Bahnhof hat, oder auf dem griffnerischen Gemeindeamt.

Wieder einmal versteht er die Wirklichkeit nicht, aber die Wirklichkeit, in diesem Fall die Medienwirklichkeit, mißversteht auch ihn, wenn Medien noch desselben Tages davon schreiben, er, Handke, übe scharfe Medienkritik, in Griffen. Das keine Medienkritik ist. Es ist bloß das Schmerzliche, das eine Caesarin in ihrer Wirklichkeit empfindet, wenn sie erleben muß, daß die Wirklichkeit jenseits ihrer Wirklichkeit nicht ihre Wirklichkeitstanzbärin ist. Und die Schmerzen der Caesaren setzen Welten in Brände, seit allen Tagen, von denen auch Homer, Cervantes, Tolstoi …

Aber er, Handke, ist kein Caesar. Sein Schmerz zündet nicht, läßt keine Welt brennen, sein Schmerz gebiert bloß Antwortlosigkeit. Aber seine Sehnsucht nach Interviews wird rasch diesen griffnerischen Schmerz vergessen lassen, sein Androhen, keine Interviews mehr zu geben, ab diesem Tag auf dem Bahnsteig, falls es in Griffen einen Bahnhof gibt, wird rasch kehren in sein persönliches Aufsuchen von vielen Redaktionen, um selbst nach Fragen zu fragen, wer mit ihm Interviews – gerne auch bei ihm, in seinem Poesieheim Serbien nahe Paris, und würde, wenn es denn sein müßte, den Menschen des Mediums auch die Eisenbahnbilletts hin und zurück …

Es wird nicht gewußt, ob es in Griffen einen Bahnhof gibt. Diese Frage bleibt unbeantwortet. Eine Frage aber ist beantwortet. Die Frage nämlich: „Wann, lieber Peter Handke, kommt ihr nächstes liebes Interview?“

Die Frage ist endgültig beantwortet. Für alle Zeit. Das Warten ist zu Ende. Und wenn es kommt, das Interview, und es werden – denn auch von den Interviews kommt er her – bald viele kommen, werden diese ungehört und ungesehen vorbeiziehen, wie Züge an Griffen fern oder vielleicht ein wenig nah vorbeifahren.

Aus Griffen sogar ein Eckermann?

Aber es gibt einen jungen Mann, vielleicht gibt es noch weitere junge Männer, in Griffen, von dem einen jungen Mann jedenfalls kann erzählt werden, von dem jungen Mann aus Griffen, der jetzt wohl recht gespannt auf Interviews von ihm, Handke, warten wird, der jetzt auf der Suche nach der Gesamtausgabe von Handke ist, der auch in seiner Wirklichkeit mit der Wirklichkeit jenseits seiner Wirklichkeit hadert, der jetzt wohl nicht abgeneigt ist, in das Poesieheim Serbien nahe Paris gar zu reisen, um mit ihm, Handke, gemeinsam in die Wälder zu gehen, ihm, Handke, alle seine Bücher auswendig aufzusagen, während er, Handke, Pilze …

Was für ein T-Shirt zöge der griffnerisch Identitätsaufgeladene wohl an, machte er sich wirklich auf zu ihm, zum Handke, eines mit dem Konterfei jenes Mannes, dem auch eine recht eigene Wirklichkeit attestiert und eine rechte Nähe zu … oder schon eines aus einer vielleicht schon recht rasch gemachten neuen Kollektion, mit dem Bildnis des Dichters …

Vielleicht hat dieser Bursche aus Griffen sogar das Zeug, sein Eckermann, Handkes Eckermann zu werden. Oh, was wäre das für ein Abschnitt in der Literaturgeschichte, zwei aus dem gleichen Ort … und ach, welche Verse könnte der griffnerische Eckermann aufschreiben, die er, Handke, leichtlippig in den Wäldern dichtet … Verse etwa, die erzählen von Gipfeln, vom Gewöhnlichen über allem …

Hofa

Zu Volksgut gewordene Verse können im Laufe der Zeit eine Verwandlung erfahren, eine Abänderung, eine Anpassung an bestimmte Landstriche, wie jener, vom dem erzählt wurde. Und solch ein veränderter Spruch ist, wie erzählt wird, nicht selten Anstoß für ein Lied, zu dem bloß die Musik noch fehlt, bis dahin aber, kann es auch mit einer bereits sehr bekannten Melodie gesungen werden …

Eines nur noch, um die Einleitung doch kurz zu halten, im Angesicht der vielen Hofers in diesem Land ist deren Liederbuch doch recht dünn.

Zeit für ein weiteres …

Und täglich hämmert der Holzmann

In der gestrigen Pressestunde sagt Robert Holzmann, er würde alles wieder so machen, wie er es gemacht hat. Seine mit Schock getroffenen Personalentscheidungen gegen Ende September 19. Wie Berichten entnommen werden darf, wurde rasch wieder alles zurückgenommen. Aber Holzmann würde alles wieder so machen, wie er es mit Schock gemacht hat. Und machte er das alles wieder so, wie er es mit Schock gemacht hatte, begänne es wieder von vorne, wieder und wieder, bis es zur Ablösung eines Filmtitels käme durch: Und täglich hämmert der Holzmann.

Er, Holzmann, würde es wieder so machen. Das klingt nicht danach, daß er selbst noch sehr motiviert ist, es erweckt den Anschein, daß er bildungsresistent, entwicklungsimmun bei bester Gesundheit … Es könnte gesagt werden, er selbst erfüllt nicht alle von ihm selbst formulierten Kriterien, um Menschen, auch wie ihn, länger in Arbeit zu halten, worin er, wie bereits ausgeführt, die Lösung des Pensionsproblems

In der Pressestunde des österreichischen Fernsehens am 13. Oktober 19 gab er, Holzmann, zur Lösung des sogenannten Pensionsproblems einen aufzumerkenden Satz von sich:

„Im Rahmen dieser Diskussion habe ich den Vorschlag gemacht, in den Ruhestand zu treten, auch weil er schon sehr lange, sieben Jahre, über der Ruhestandszeit ist.“

Von dem Angestellten, dem Holzmann den „sofortigen Pensionsantritt verordnete“, berichteten alle Medien, daß er 62 Jahre alt ist. 62 weniger 7 ist gleich 55.

Die Lösung des Pensionsproblems ist somit, Holzmann beim Wort genommen, die Anhebung des Pensionsantrittsalters auf 55 Jahre. Ein Renteninselparadies.

Bei den mannigfachen Aufgaben, Entscheidungen eines Gouverneurs darf davon ausgegangen werden, diesen Satz noch oft zu hören (und nicht nur bei von ihm gemachten Personalentscheidungen), er würde es wieder so machen … Und täglich hämmert der Holzmann.

Und noch ein aufzumerkender Satz von ihm in der gestrigen Pressestunde, er wiederholte sich damit, er machte es in der Formulierung wieder …

„Die Nominierung erfolgte durch Bundeskanzler Kurz […]“

Es kann in Österreich durchaus zu noch einer Ersetzung eines zum Sprichwort gewordenen Verses kommen, und zwar durch:

Es ist der Kurz und nicht der Strache.