Die Nichtzuerinnernden der Gegenwart

Es gibt Menschen in der Gegenwart, die wollen sich selbst dem Vergessen lautstark entreißen. Sie versuchen sich an Stellen in Erinnerung zu bringen, an denen sie je nicht vorkommen. Sie wollen, daß alle sie so sehen, wie sie sich selbst sehen, auch von denen fordern sie das, für die sie je ohne Interesse sind, denen ihre Namen nie etwas sagen, die ihre Namen vielleicht in gewissen Zusammenhängen lesen, aber diese dabei stets überlesen. Weil sie für die Sache, um die es geht, bedeutungslos sind. Nur sie allein meinen, es geht um sie, sie fühlen sich beleidigt, einer Frechheit ausgesetzt. Aber sie werden nicht beleidigt, es werden keine Frechheiten gegen sie herausgenommen. Wie denn auch? Wenn sie nie erwähnt werden, wenn es nie um sie geht. Denn sie sind derart bedeutungslos, daß je nicht einmal in einer Sache über sie in der Art geschrieben werden könnte, wie: es hätten Bedeutungslose mit Namen …

Diese Art von Menschen schreiben unzählige Briefe, betteln um Aufmerksamkeit, und wird ihnen Aufmerksamkeit geschenkt, ist es ihnen auch nicht recht. Sie widersprechen von einem Brief zum anderen sich selbst.

An einem Tag sind sie zufrieden mit dem, was für sie getan wird, was ihnen Gutes getan wird, ohne aber von ihnen dazu je verpflichtet werden zu können, ohne daß es dafür je einen berechtigten Grund gibt, einzig nur deshalb, weil kein Mensch ungehört bleiben soll, auch jene sollen gehört werden, die je kein Recht auf ein Gehörtwerden einklagen können. Denn das eine oder andere von ihnen Geäußerte kann in einer gewissen Sache sogar etwas beitragen. Aber nicht zum Zerstreuen von Bedenken, die in einer gewissen Sache geäußert werden, wie sie meinen, sondern um diese Bedenken erst recht zu bestätigen. Sie legen Zeugnis ab von der Richtigkeit. In einer Dokumentation wären auch ihre Briefe Belege dafür. Aber Briefe von solchen Menschen werden je in keiner Dokumentation vorkommen. Denn. Wer will schon Platz und Zeit einer Dokumentation mit Belanglosem von Bedeutungslosen verschwenden?

An einem anderen Tag sind sie nicht zufrieden mit dem, was für sie getan wird, was ihnen Gutes getan wird. An solch einem Tag treibt sie Hysterie an. So ein Tag zerreißt ihnen das gute Bild, das sie von sich selbst haben. Sie erkennen, obgleich sie in einer gewissen Sache gar nicht genannt werden, wenn sie das über diese gewisse Sache Geschriebene lesen, daß sie sich mit Organisationen, mit Menschen eingelassen haben, die, so ihre Befürchtung, auf sie selbst kein gutes Licht werfen, auch dann nicht, wenn sie selbst gar nicht erwähnt werden, sie mit diesen Vereinigungen gar nicht in Verbindung gebracht werden. Aber es ist ihnen schrecklich bewußt, andere wissen es, daß sie für solche Organisationen, für solche Menschen schon einmal tätig waren. Und sie fürchten sich auch davor, daß sich Menschen, die von ihrer Arbeit für solche Gesinnungsgemeinschaften wissen,  sich nun von ihnen abwenden könnten. Das wäre hart, das kann verstanden werden. Und ein Abwenden von ihnen wäre auch oft zu hart und oft zu ungerecht. Denn viele versuchen sich nur irgendwie durchzubringen, wissen dabei oft gar nicht, mit wem sie sich einlassen, wissen nichts von den Organisationen, erkundigen sich nicht, sind bloß heilfroh über einen Auftrag, das Geld. Das Leben ist teuer. Ein Auftrag bedeutet auch Anerkennung. Einmal selbst vor dem Mikrofon im Rampenlicht zu stehen, wer will das nicht. Daß solche Menschen Aufträge zum Überleben annehmen, ganz gleich, ob sie etwas davon verstehen, was der Inhalt ihres Auftrages ist, ob sie dafür das Rüstzeug mitbringen, einen Auftrag nach den gegenwärtigen Standards beispielsweise wissenschaftlicher Arbeiten erfüllen zu können, aber auch die Standfestigkeit besitzen gegen das Einflüstern, gegen das Intervenieren, um die Arbeit in gewisse Richtungen tendenziös zu bringen, kann verstanden werden. Ihnen ist kein Vorwurf zu machen. Denn. In keinem Land wächst das Brot auf Bäumen und kann ohne Geld gepflückt werden. Aber Unternehmen mit ihren Hundertschaften an Angestellten, die solche Arbeiten verbreiten, die Unternehmen, die mit solchen Vereinigungen kooperieren, sind verantwortlich dafür, welche Geschichten von wem breit erzählt werden.

Solche Menschen mit ihren unzähligen Briefen können sehr lästig sein. Ein, zwei oder drei Tage lang kann es durchaus amüsant sein, diese sich widersprechenden Briefe zu lesen, wären in diesen nicht auch die Drohungen enthalten, sich noch mehr mit diesen Menschen beschäftigen zu müssen, genauer, sinnlos und für sie selbst erfolglos von ihnen beschäftigt zu werden, weil sie zwischendurch, wenn ihnen der Tag gerade nicht flüstert, zuzustimmen, damit auch drohen, an der Tür Einlaß zu fordern, über die Franz Kafka eine Geschichte schrieb, in der die Tür für nur einen bestimmten Mann vom Lande bestimmt war. Allerdings hätte Kafka solche Menschen gekannt, die wegen einer gewissen Sache, für die sie bedeutungslos sind und also in der Beschreibung dieser gar nicht erwähnt werden, derart hysterisch werden und also sachlich gänzlich falsch liegen können , er hätte einen anderen Schluß schreiben müssen, oder, die Parabel mit dem Türsteher gar nicht erst schreiben können.

Damit solche Menschen nicht vergeblich an die Tür klopfen müssen, sie nicht eine weitere Enttäuschung in ihren Leben hinnehmen müssen, kann ihnen ein letzter guter Dienst erweisen werden, also alles das zu entfernen, in dem sie gar nicht vorkommen, sie dennoch einmal in Rage bringt, dann wieder einmal zur Vernunft und zur Zustimmung, dann wieder zur Rage mit unverständlichen und nicht nachvollziehbaren Mitteilungen, die nebenher belegen, sie verstehen nicht einmal das, was ihnen persönlich geschrieben wird. Diese gewisse Sache hat ja auch nicht die Bedeutung, so kann es auch leicht entfernt werden, ohne Druck von außen, es ist doch viel wichtiger, daß solche Menschen sich wieder beruhigen, sie brauchen doch ihre Energie für viel wichtigere Sachen, ihre Leben so in Ordnung zu bringen, daß sie beispielsweise nicht jeden Auftrag annehmen müssen, darauf achten können, mit wem sie sich einlassen.

Es ist tatsächlich einerlei, ob diese gewisse Sache veröffentlicht bleibt oder nicht. Es ist bloß eine Sache unter den vielen, über die berichtet werden kann, oder auch nicht.

Ganz uneigennützig ist es dennoch nicht, sich um das Wohl von solchen Menschen zu sorgen. Denn. Es ist ein auch Gewinn, einmal eine Geschichte zu schreiben, die von gewissen Menschen ganz allgemein handelt, aber für die ein bestimmter Mensch Modell saß, eine Geschichte zu schreiben, die sonst niemand lesen wird, auch wenn sie veröffentlicht ist, außer dieser bestimmte Mensch, der Modell saß, und dieser bestimmte Mensch wird auch der einzige Mensch sein, der diese Geschichte verstehen wird, und dem diese Geschichte deshalb allein gewidmet ist.

Aus Dankbarkeit dafür wäre eine namentliche Widmung ein Akt der Höflichkeit und des Respekts, aber der Name, der Name des dafür Model gesessenen Menschen kann jetzt schon nicht mehr erinnert werden.