Wann, lieber Peter Handke, kommt Ihr nächstes liebes Interview?

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Kennen Sie den? Reden zwei vom Berg …

 

Es gibt Augenblicke, in denen es nicht falsch scheint, den Begriff „ich“ zu verwenden.

Ein ich also sprechen zu lassen.

Vor allem in diesen raren Momenten, wenn es gilt, einem Dichter, einem Poeten, einem feinen Menschen die Referenz zu erweisen – Peter Handke, wie er sich einem ich auf dem Bildschirm darstellt. Einem kleingeschriebenen ich, nicht einem nach gewissen Philosophen großgeschriebenen Ich (und zur Seite gesprochen: das werden die Herren von „Willkommen Österreich“ wohl auch nicht verstehen).

Nur ein Poet scheint noch in der Lage zu sein, der Stille einen Raum zu geben. Und das sogar im Fernsehen – noch. Peter Handke weiß noch um die Bedeutung der Stille in einem Gespräch, er weiß noch, was es heißt, Menschen daran teilnehmen zu lassen, Beteiligte an dem Prozeß zu sein, wie ein Mensch zu seinen Gedanken kommt, einem Menschen beim Denken zusehen und zuhören zu können. Über die englischen Vorlesungen von Ludwig Wittgenstein heißt es, die Studentinnen konnten miterleben, wie er, Wittgenstein, nicht einfach zu ihnen sprach, eine Vorlesung abspulte, sie konnten ihm, wie es so schön heißt, beim Denken zusehen, wie er seine Vorlesungen dazu nutzte, zu denken – für sich und für die Studenten, bemüht darum, im Denken weiterzukommen, das Denken voranzutreiben, neue Gedanken zu entwickeln. Zögerlich, immer wieder innehaltend, vorsichtig …

Zögerlich, immer wieder innehaltend, vorsichtig. So kann auch beschrieben werden, wie Peter Handke sich in diesem Interview verhielt. Und einem ich fällt dazu nur ein: Respekt, Hochachtung, auch Rührung, und Dankbarkeit ist dabei, so ein feines Interview gerade in heutiger Zeit noch hören und sehen zu dürfen. Ein feines und vornehmes Interview bleibt es sogar dann, wenn Peter Handke ein leises „Arschlöcher“ inmitten seiner Ausführungen zu den „europäischen Werten“ spricht, von dem „neuen Gesindel“ spricht, das jene für ihn sind, die die „europäischen Werte“ als „Axt gegen …“.

Aber Peter Handke spricht nicht mit der Einbildung eines Wissenden, wie die Wissenden, die heutzutage mehr denn je die Welt bis zur Unerträglichkeit bevölkern. Er weiß um die Bedeutungslosigkeit des Menschen Wissens, er weiß um die Auswechselbarkeit und um die Vergänglichkeit der eigenen und des Menschen Meinung. Und wenn er seinen Ausführungen zweimal ein „So scheint es mir“ folgen läßt, ist zu spüren, hier spricht ein Mensch, der um den Wert seines Gedachten genauestens Bescheid weiß.

„So scheint es mir“: bewundernswertes Eingeständnis und zugleich wünschenswerte Formel, nach der sich vor allem alle jene richten sollten, die polternd, schenkelklopfend ihre Meinungen verbreiten, hoch angekränkelt von ihrem Ich, das nur ein angeschwollener Ichkamm …

Vor langer Zeit gab es noch einen Schriftsteller, der auf dieselbe Art zu rühren vermochte, Respekt abverlangte, mit seiner Menschlichkeit, mit seiner gockellosen Art, Interviews zu geben: Johannes Mario Simmel, der nicht wie ein Bestsellerautor auftrat, sondern leise, wie es nur ein Poet vermag. An ihn mußte auch gedacht werden, beim Sehen des Interviews mit Peter Handke. Und, wie gut, daß es Peter Handke gibt. Wenigstens noch Peter Handke. In diesem sonst zur Thomas-Bernhard-Rechthaberei verkommenen Land, der in seinen Interviews, zwar nicht unwitzig, mit seinem von den unsäglichen und mit Kruzifixen verunzierten Stammtischen her bekannten „Nicht?“ Zustimmung massiv einforderte zu seinen Meinungen, hoch angekränkelt von seinem I-bin-I

Das Leben eines ichs  geht seinem Ende zu, in Dankbarkeit, denn die Vorstellung, noch Jahrzehnte erleben zu müssen, in der es, um einen Namen dafür exemplarisch zu nennen, nur noch solche Buchhersteller und Interviewte wie Th. G. gibt, ist eine grauenhafte. Es reicht jetzt schon, von Dritten erzählt zu bekommen, daß die zwei Herren von „Willkommen Österreich“ sich über Peter Handke auslassen, weil sie einen seinen Witz nicht verstanden haben. Es ist bezeichnend, daß diesen beiden Herren zu diesem Peter-Handke-Interview nichts anderes einfällt, hoch angekränkelt von „Mir san Mir“, wie sie sind. Es hieße, ihnen Bedeutung geben, würde gesagt werden, sie seien Totengräber des Niveaus – sie sind bloße Mitläufer, bloß Teil der großen Masse, die am Niedergang des Niveaus … Wie wird gerade in diesen Tagen vor dem Untergang der europäischen Kultur hysterisch gewarnt, vor der Gefahr des Untergangs der europäischen Kultur, die von den Menschen ausgehen soll, die flüchten müssen, auch nach Europa, auch nach Österreich. Aber was können diese Menschen zum Niedergang des Niveaus noch beitragen, was nicht schon jene leisten, die hierzulande Einheimische genannt werden? Wie beispielsweise die zwei Herren vom Fernsehberg? Hätten sie nur für einen Moment innegehalten, wäre ihnen möglicherweise der Gedanke gekommen, daß es sich bei „Mutter, wann geht dein lieber Zug“ um eine ganz alte Redewendung handelt, über die beispielsweise Lise Gast in ihrem Roman „Hundsvieh, geliebtes“ schreibt:

»›Wann machste denn wieder fort?‹ fragten wir früher immer, wenn Besuch kam, oder ›Wann geht denn dein lieber Zug?‹«

Vielleicht dachte Peter Handke an diese alte Redewendung, vielleicht sogar an Lise Gast. Auch das ein Anlaß zur Rührung, zu erleben, wie ein Dichter versucht, einen Witz zu entwickeln, einen Witz im Augenblick zu erschaffen. Rührend untalentiert dafür, vor allem für Polterwitze, die etwa die zwei Herren vom Berg auf Anhieb verstehen könnten. Es darf vermutet werden, wie die gesamte Interviewpassage nahelegt, Peter Handke versuchte nicht, einen Witz nachzuerzählen, sondern einen Witz zu erfinden, um seine Interviewerin – nichts Kritisches soll hier zu ihr gesagt werden …

Mit Gewißheit kann nur eines gesagt werden, die beiden Herren dachten an nichts, als sie ihren Polterwitzeteig auf Kosten von Peter Handke ausrollten und ausrollten und roll… lebten bloß stumpf trollig ihr „Mir san Mir“ aus. Diesen beiden Herren eine solche Frage zu stellen, wann denn ihr …., hieße bloß, ihnen …

Es kann soher nur eine Frage geben.

Wann, lieber Peter Handke, kommt Ihr nächstes liebes Interview?