„Niemals vergessen! So nicht wieder!“

Es war echt österreichisch und christlich, als nach den Februar- und Juliereignissen des Jahres 1934, die mancher treuen Heimatssöhne Leben forderten, der Ruf nach Versöhnung laut wurde. Die Regierung meinte es ehrlich und ehrlich meinten es auch große Teile der vaterländisch gesinnten Bevölkerung. Der Oesterreicher, so tapfer und zäh er sich auch im Notfalle bewährt, liebt nicht den ewigen Krieg, den ewigen Unfrieden, das ewige Hadern und Feindseligsein. Er ist viel lieber Aufbauer, Mehrer und Förderer kulturellen und wirtschaftlichen Gedeihens. Kein Wunder, daß der ehrliche Ruf nach Versöhnung erscholl, trotz all dem Furchtbaren, das man dem österreichischen Menschen und der österreichischen Seele angetan hatte. Der Versöhnungsruf erklang und im ganzen Lande wurden mutige Versuche unternommen, vom Ruf zur Tat zu schreiten. Es sei gleich vorweggenommen: dieser gute Wille ist im großen und ganzen schwer enttäuscht worden, schwer enttäuscht worden hauptsächlich von jener Seite, die der nationalsozialistischen Partei nachging. Ueber die einfache Tatsache kommt der Oesterreicher nicht hinweg, daß nicht „Marxisten“, sondern „völkische“ Nationalsozialisten den geliebten Volkskanzler gemeuchelt haben und verbluten ließen. Uind nun? Nach Monaten Zusehens? Während sich der Großteil der einst sozialdemokratisch organisierten Arbeiterschaft teils offen am Neuaufbau der Heimat beteiligt, teils ruhig und abwartend zusieht, beginnt der im Vergleich zur Sozialdemokratie weitaus geringere braune „Volksteil“ neuerdings mit seiner unterirdischen Wühlarbeit. Da gibt es Blockwarte, die Spenden sammeln, Skiklubs, besser Klübchen, die getarnte Tätigkeit zu entfalten bemüht sind, da werden ungesetzliche Druckschriften verfertigt und verbreitet, da gibt es in Oberösterreich wieder braune Waffenfunde und getarnte Neuorganisationen, da gibt es Siegheil bei den „Wiederzugelassenen“, da gibt es „Kritikaster, die durch den Versöhnungswillen Vertrauen erfuhren, aber weiterhin, trotz auch vom Ausland anerkannter allmählicher Besserung der österreichischen Wirtschaft weiterraunzen. weiternörgeln, weiterzweifeln, da gibt es braune Blätter und Blättchen, die protzigtun, als hätten sie nie jahrelang gegen Oesterreich gehetzt. Die heimattreue Bevölkerung liest das, sieht das, hört das, fühlt das. Schon durch Wochen. Monate. Mit ihr fühlt es die Front, die mit ihren Leibern Oesterreichs Freiheit schirmte. In diese Stimmung fällt das Wort des Vizekanzlers und Führers der vaterländischen Front: „Ich werde es niemals vergessen!“ Niemals, wie und von wem Dollfuß gemeuchelt wurde, niemals, wie „deutsche“ Behörden den Märtyrerkanzler in „deutschen“ Blättern verhöhnen ließen, niemals, wie brave Vaterlandsverteidiger von nationalsozialistischen Aufwieglern hingemordet wurden. So drückte sich der Vizekanzler aus und fügte bei, man solle uns mit dem weichlichen Friedensgeschwätz in Ruhe lassen. Ists verwunderlich, daß diese Worte beim treuen Heimatvolk im ganzen Lande mächtigsten Widerhall fanden? Fürst Starhemberg hat mit seinen Ausführungen nicht irgendeine Erfindung gemacht, sondern einer immer schwerer zurückgehaltenen Volksempfindung Ausdruck verliehen. Dennoch — es soll noch einmal versucht werden mit dem Frieden, mit der Versöhnung. Wir wollen etwa annehmen, daß all das Nachwehen sind, letzte, allerletzte Versuche gescheiterter politischer Abenteurer und hartgesottener Dickköpfe. Es ist aber notwendig, daß Trennungsstriche gezogen werden. Zuerst im nationalen Lager. Daß die Ordentlichen dort die letzte Gelegenheit benützen, von den Marodeuren des braunen Terrors abzurücken. Den zweiten Trennungsstrich muß die Vaterländische Front ziehen gegen jene, die unentwegt und unverbesserlich bleiben. Man ist dem vaterländischen Volke volle Klarheit und Genugtuung schuldig. Der Oesterreicher will Versöhnung, auch weiterhin, aber nicht und niemals jene, die ihn in grober Verkennung seines höher entwickelten Kulturempfindens als guten Narren und Tolpatsch dastehen läßt, indessen aus dem Winkel sich wieder höhnisches Lachen hervorwagt.

So nicht wieder! — Oesterreich!

Unschwer Gegenwart in der Vergangenheit zu erkennen, in dem Geschriebenen, veröffentlicht von der „Wiener Neustädter Zeitung“ am 2. Februar 1935.

Sie werden beim Lesen von „So nicht wieder“ selbst automatisch Namen von Organisationen, Gesinnungen gegen heute gängige Namen automatisch getauscht haben, an Vorfälle, Gegebenheiten in der Gegenwart sich erinnert haben, darauf vertrauend konnte auf Namensaustausche und Aktualisierungen verzichtet werden. Im Kern der Vergangenheitsgeist im Gegenwärtigen, die Aufforderung, die Notwendigkeit der Trennungsstriche unverändert und unabdingbar.

Damals schon die Aufforderung „Niemals vergessen!“ Was für eine unbrauchbare Forderung schon in der Vergangenheit, die immer noch die Gegenwart dominiert, eine Forderung, die damals in der Zeit der vielen Volkskanzler bereits auf das Schlimmste widerlegt wurde,

daß „Niemals vergessen!“ je brauchbar und je nützlich, und dennoch seit 1945 bis heute herauf unverändert gebraucht, unverändert daran geglaubt.

Einzig das „So nicht wieder“ erfuhr eine winzige aber ebenso unbrauchbare und unnütze Änderung, aus dem „So nicht wieder!“ wurde ein „Nie wieder!“

Hinzu kam bloß die Mode, zusätzlich, als wäre damit irgend etwas bestärkt, ein englisches Wort zu verwenden, als wäre mit dem der Weltoffenheit, als wäre mit diesem der Konsequenz Genüge …

Auf derselben Seite endet der Bericht „Aufklärungssturm unserer Führer“ mit:

Auch Fürst Starhemberg wendete sich an die Arbeiterschaft, betonte die vollste Einigkeit mit Kanzler Dr. Schuschnigg und fand eindrucksvolle Worte für österreichische Geschichte und für die Ehre des Hauses Habsburg.

Niemals vergessen!

Mit diesen Worten hat der Führer der VF. Hunderttausenden aus der Seele gesprochen, weshalb sie allerdings auch nicht verstehen können, wieso manches „wieder zugelassen“ wurde. Das österreichische Volk kann eben nicht vergessen — — –!

Oh, es „kann eben nicht vergessen“, aber, was machte es mit und aus dem Nicht-Vergessen?

Und unmittelbar darunter die Nachricht der „Wiener Neustädter Zeitung“:

Otto von Habsburg Ehrenbürger von Wiener Neustadt
Der Gemeindetag von Wiener Neustadt hat in seiner Sitzung vom 29. Jänner unter dem Vorsitze des Bgm. Pros. Zach einstimmig beschlossen, Otto von Habsburg zum Ehrenbürger der Stadtgemeinde Wiener Neustadt zu ernennen.

„So nicht wieder!“ Einmal erfüllte sich das „So nicht wieder!“ doch. Die Monarchie wurde nicht mehr eingeführt. Auch wenn es für einen ein „So wieder!“, dem es „Religion“ war, die Habsburgergesetze aufzuheben, für die Wiedererrichtung einer habsburgischen Monarchie zu kämpfen, und das mehr oder weniger seit ihrem Untergang, von dem gewußt wird, daß er diktatorischer Kanzler war, aber nicht, ob auch er als Volkskanzler

Otto Habsburg wurde nicht nur in Wiener Neustadt zum Ehrenbürger ernannt, sondern zwischen 1931 und 1938 in eintausendsechshundertundrei Gemeinden — in wie vielen davon er nach wie vor Ehrenbürger ist, wird nicht gewußt, eines aber doch, in Wiener Neustadt können Beinchen oder ein Beinchen seines Vater angebetet werden, nicht seit Jahrzehnten, sondern erst seit zwölf Jahren …

Das ist der „Neustädter Geist“, mit noch ein Grund, diesen Artikel „So nicht wieder!“ genauso zu zitieren, wie dies im Winter 1935 geschrieben ward.