Das Erinnern der Vergangenheit gebiert das Vergessen der Gegenwart

„Natürlich kehrt der Kommunismus, wie er unter Stalin war, nicht wieder. Aber es kommt der Nationalsozialismus, natürlich auch nicht in der Form von Hitler, sondern mit Putin“, sagte der damals 89-Jährige. Der russische Präsident würde eine „ganz klare Politik der Expansion nach außen und der Schaffung eines scharfen autoritären Systems nach innen“ verfolgen, analysierte Habsburg damals.

Der frühere Alterspräsident des Europäischen Parlaments hielt Russland nach eigenen Worten für „äußerst gefährlich“, wie er 2002 der FPÖ-nahen, rechts stehenden Wochenzeitschrift „Zur Zeit“ sagte.

Das ist am 16. März 2022 in der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ zu lesen.

Zwanzig Jahre ist das her. In Österreich gesagt. Von einem Mann, für den es damals schon klar war, wohin es mit Vladimir Putin geht – in den Abgrund. Er verstand und konnte damals schon die kleinen Zeichen richtig deuten. Dafür, all die kleinen Zeichen richtig einzuordnen, besonders privilegiert durch seine Herkunft aus einer Familie, die das hinterlassen hat, was nun über einhundert Jahre später Vladimir Putin und seine zwar nicht blutsverwandtschaftliche, aber Blutfamilie hinterlassen wird – einen „Dreckhaufen“

Und ein Jahr später, 2003, erzählt dieser Mann in Bregenz, und das ist nicht die einzige öffentliche Erzählung über Putin von ihm, aber es genügt als ein weiteres Beispiel, wie lange schon alles über Putin gewußt wird, besonders in Österreich.

Ich weiß, es gibt sehr viele hier im Westen, die sind über Herrn Putin sehr entzückt. Sie sagen, er spricht sehr gut deutsch. Bitte, es ist wahr, er tut nicht mehr wie sein Vorgänger mit dem Schuh auf den Tisch hauen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Er hat gewisse Manieren, zugegeben. Er hat sogar eine äußere Erscheinung, die präsentabel ist, bitte, außer, wenn man nicht in seine Augen schaut. Aber, meine Damen und Herren, er ist jemand, mit dem man einfach rechnen muß. Denn wenn man ihn wirklich kennt, und ich muß ihnen sagen, ich habe ein bißchen die Chance, ihn wohl nicht persönlich getroffen zu haben, aber mit ihm indirekt zusammengekommen zu sein zu einer Zeit, wo er noch längst nicht ein berühmter Mann war.

Das war in den sterbenden Monaten der sogenannten DDR, also des deutschen kommunistischen Systems, wo es eine Wahl gegeben hat, zur Volkskammer. Das war eine Wahl, wo also wirklich Parteien die gegen den Kommunismus waren, die Kandidatur hatten, aber die faktisch die Mittel weniger hatten. Sie konnten weder irgendeinen Saal bekommen, noch konnten diejenigen, die zu ihnen gekommen sind, irgendwo in einem Hotel oder in einem Wirtshaus eine Übernachtung haben. Ich bin damals sehr viel herumgefahren, auf diesem Gebiet, an jedem Abend mußte ich entweder nach Berlin oder nach Westdeutschland zurückkommen, weil ich einfach eben nicht übernachten konnte. Und es war damals bittere Kälte, es war wirklich eine scheußliche Kälte. Meine Damen und Herren, es hat nur eine Ausnahme hier gegeben, und das war die Stadt Dresden. Dort haben sich die Amerikaner, ich weiß nicht wie, organisiert, daß sie ein Hotel besessen haben. Dies ist dann sozusagen eine Insel der Seligen inmitten des Meeres gewesen. Und da bin ich an einem Abend ins Hotel in Dresden gekommen an einem Freitag. Dann ist sofort im Hotel gesagt worden, sie wissen, heute abend ist eine große Demonstration. Es war ja immer am Freitag, wo nach dem Gottesdienst große antikommunistische Demonstrationen aus den Kirchen herausgezogen sind und den ganzen Widerstand gegen den Kommunismus zum Ausdruck gebracht haben. Der dortige Direktor hat mir außerdem erklärt, wir wissen, es ist ein Befehl an die Polizei gegeben worden, diesmal wird geschossen. Es wird also etwas Arges geben. Ich bin natürlich hingegangen. Ich habe auch teilgenommen an dieser Demonstration. Und ich hatte das unglaubliche Glück, in einer Gruppe von vor einer Weile befreiten Gegangenen zu sein, die seinerzeit im großen Konzentrationslager und Konzentrationshaus von Bautzen gewesen sind. Das ja als Ruf wahrscheinlich das ärgste Gefängnis war, das in der DDR bestanden hat. Ich habe mit ihnen gesprochen und sie haben mir gesagt, einige Russen sind sehr nett gewesen, sie waren vielleicht sehr höflich, jedenfalls wurde also freundlich darüber gesprochen. Aber sie haben mir gesagt, ein Russe ist da, der ist furchtbar, der ist grausam, der ist unterdrückerisch, der heißt Putin.
Und ich kann ihnen nur sagen, es war das wirklich eine große Sache für mich, daß ich diesen Namen damals bekommen habe. Ich habe mich seither an Herrn Putin interessiert und habe seine Karriere verfolgt. Und es ist interessant, daß das eigentlich bei uns kaum je geschehen ist. Schauen Sie, wenn man zurückgeht auf das Leben von Herrn Putin, wird man finden, daß er schon als Schüler im Gymnasium seine Kameraden an die Polizei denunziert hat, wenn die etwas gegen das Regime gesagt haben. Er ist dann mit 23 Jahren bereits Mitglied der KGB gewesen, also zu einem Alter, das relativ früh war, wie der allgemeine Durchschnitt derer, die in den Dienst der KGB eingenommen worden sind. Er hat dort eine grandiose Karriere gemacht und hat dann jenen Fortschritt gemacht, von dem wir kennen, von dem wir gehört haben. Weil ihm erlaubt, ins Ausland zu reisen, er hat sehr viele Auslandsreisen gemacht, weil man ihm offensichtlich total vertraute. Er hat dann, wie gesagt, als Gauleiter der Russen in Sachsen und Thüringen regiert, wo er, wie gesagt, ein äußerst harter Herr war. Und ist ein Mensch gewesen, der so langsam die Treppe beim KGB hinaufgegangen, bis zu jenem Punkt, jene Nacht des beginnenden Jahrtausends, in dem es im Kreml einen wirklich unblutigen Putsch gegeben hat. Es war ja früher der Herr Jelzin der Präsident. Den habe ich persönlich bekannt. Ein sehr liebenswerter Mensch, ich meine, ein Wilder war er trotzdem, aber er war, sagen wir, relativ ziviliierter wie die anderen. Man ist ja sehr bescheiden geworden bei diesem Begriff. Und, er hat aber eines gehabt, es war nicht leicht, mit ihm zu sprechen, denn es hat wenige Momente gegeben, wo er nicht betrunken hat. Und daher war das eben eine große Schwierigkeit. Was sich da im Kreml abgespielt hat, weiß ich natürlich nicht. Aber so wie ich es von außen gesehen habe, würde ich sagen, es war ganz einfach. Warum hat es eine unblutige Revolution gegeben. Der gute Jelzin war wieder einmal sternhagelbesoffen in dieser Nacht. Da haben sie also zusammen gefeiert. Man hat ihn einfach aus dem Kreml herausgetragen und der Putin hat sich auf den Thron gesetzt. Und damit war der Staaatsstreich beendet. Aber, meine Damen und Herren, er hat gleichzeitig eine Politik angekündigt in einer Rede, die er am 19. Januar des Jahres 2000 in Minsk gehalten hat. Eine Rede übrigens, die in keiner westlichen Zeitung, soweit ich feststellen kann, überhaupt erschienen ist, wo er ein paar ganz grundsätzliche Pläne für die Zukunft erklärt hat. Er hat nämlich erklärt, er würde in fünf Jahren die militärischen Ausgaben verdoppeln. Er hat damals in der gleichen Rede gesagt, seine Ambition sei es wieder, Rußland zur ersten Großmacht in der Welt machen will, wie früher einmal, er hat es nicht direkt gesagt, in den Tagen von Stalin, aber er hat es gedacht. Mit einem Wort, er hat da einen ganz großen und ambitionierten Plan auseinandergesetzt, den, wie gesagt, der Westen nicht weiter zur Kenntnis genommen hat, weil er es einfach nicht wollte. Und dann sind diese ganzen Zeichen gekommen, kleine Zeichen, aber die ungeheuer instruktiv sind […]

Das also erzählt der Mann vor 19 Jahren in Bregenz, Österreich, über Vladimir Putin und zugleich sehr viel über sich selbst. Worauf es einem Mann mit diesem Familienhintergrund also ankommt, beim Hinterlassen eines Dreckhaufens, daß es manierlich, zivilisiert, repräsentabel zugeht, keine Wilden dabei zu sein …

Zu behalten daraus aber ist:

„Aber sie haben mir gesagt, ein Russe ist da, der ist furchtbar, der ist grausam, der ist unterdrückerisch, der heißt Putin. Er hat dann, wie gesagt, als Gauleiter der Russen in Sachsen und Thüringen regiert, wo er, wie gesagt, ein äußerst harter Herr war.“

Zu behalten daraus aber ist:

Dieser Mann hat in den Augen Putins wohl nicht das gesehen, was 19 Jahre später der österreichische Bundeskanzler in den Augen Putins sieht – Nachdenklichkeit …

Zu behalten daraus aber sind all die „kleinen Zeichen“, auf die dieser Mann vor zwei Jahrzehnten bereits hinweis, die „kleinen Zeichen“, die sich durch all die Jahre mehrten und mehrten, und je mehr sich die „kleinen Zeichen“ mehrten, desto mehr wurden diese ignoriert, und je mehr diese ignoriert wurden, desto mehr wurde der Erinnerungskultur gehuldigt, auch und recht in Österreich.

Genaugenommen, so klein waren die Zeichen in den letzten mehr als zwei Jahrzehnten nicht, also von Anfang an, von Grosny über Aleppo bis …

Vladimir Putin, Denunziant von Kindesbeinen an, straft die Brauchbarkeit der Erinnerungskultur Lügen, besonders in Österreich.

Erinnerungskultur ist in Wirklichkeit der Name einer österreichischen Bettwäschefabrik, die mit „Erinnern“ schön bestickte Spannleintücher, Kopfpolsterbezüge, Deckenbezüge herstellt.

Ihr Verkaufsschlager ist die Tuchent „We remember“, in die sich alle in diesem Land am liebsten einmümmeln.

Das Erinnern der Vergangenheit gebiert den das Vergessen der Gegenwart.

NS Für die oben zitierte Tageszeitung österreichischer Qualität ist das Magazin „Zur Zeit“ bloß eine „FPÖ-nahe“ „rechts stehende Wochenzeitschrift“ … Die Tuchent „We remember“ dürfte ihr Personal Jahr für Jahr als Weihnachtsgeschenk

Am 27. Jänner 2022 lügt das Magazin die Unbrauchbarkeit der Gedenkveranstaltungen Strafen; es weiß, wofür diese brauchbar sind, nämlich dafür, jene zu interviewen, denen die dutinische Gesinnung Ehre und Stolz …

Die Tuchent „We remember“ dürfte überhaupt das beliebteste Geschenk der Medien an ihr Personal sein, wenn etwa bedacht wird, wo überall die Gesinnungsmacher dieses Magazins willkommene Gäste sind, nun in diesen Wochen des Krieges, um Putin zu erklären …

Nicht nur das Redaktionspersonal dürfte sich recht über das Tuchentgeschenk freuen, auch das Personal der für Inserate zuständigen Abteilungen …