KI-Screen in KI-Mood

Am 4. November 37, siebenundreißig Jahre ist es her, daß „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard zum ersten Mal aufgeführt wurde, oder sollte gesagt werden, daß Österreich vor 37, vor siebenundreißig Jahren Österreich sich auf dem Heldenplatz aufführte …

Aber es ist nicht die Uraufführung von „Heldenplatz“ Grund zu erinnern, sondern Rudolf Bayr, der einmal Intendant des Landesstudios Salzburg des öffentlich-rechtlichen Rundfunks von Österreich war, von dem im „KI-Modus“ absonderliche biographische Angaben zu erfahren sind, u. v. a. m. beispielsweise, daß er, Rudolf Bayr, „einer der Hauptrollen in der Uraufführung von Thomas Bernhards Drama ‚Heldenplatz‘ im Jahr 1988 am Wiener Burgtheater“ spielte, an einem anderen Tag wieder, daß er, Rudolf Bayr, „dort die Uraufführung von Bernhards Theaterstück ‚Heldenplatz‘ am 4. November 1988 inszenierte“ …

Siebzehn absonderliche und immer unterschiedliche biographische Angaben zu Rudolf Bayr an vielen Tagen im „KI-Modus“, dessen englische Übersetzung die einzig stimmige wäre: KI-Mood … Wie bei einem Menschen, für nur einen kurzen Vergleich soll herangezogen werden, wie bei einem Menschen, dessen Initialen seines Vor- und Nachnamens KI wären, bei einem Menschen, der je nach seiner Stimmung, je nach seiner Gemütslage, je nach seiner Anwandlung an jedem einzelnen Tag etwas anderes über eine bestimmte Sache erzählt, an einem Tag das und am nächsten Tag das und am nächsten das und am übernächsten Tag wieder das über eine bestimmte Person erzählt, dabei aber die Konstante, immer etwas Absonderliches erzählt in seiner nach jeweiliger Tageslaune verfaßten Erzählung über eine bestimmte Sache, über eine bestimmte Person.

Siebzehn solche Absonderlichkeiten an vielen verschiedenen Tagen vorgebracht wurden bereits im Kapitel „KI – Knock Intelligence“ festgehalten. Es gibt aber noch eine Konstante, es wird gesiebt, es wird ausgesiebt, es wird ausgebiet, was nicht gerne gehört wird, ausgesiebt, was nicht gerne gelesen wird, besonders in Österreich, das dazu verführen könnte, der Versuchung zu erliegen, zu sagen, das Produkt KI sei ein österreichisches Produkt, Knock Intelligence sei in Österreich entwickelt, in Österreich programmiert … Denn eine biographische Angabe zu Rudolf Bayr wurde in allen siebzehn Absonderlichkeiten nicht gemacht, aus der Biographie von Rudolf Bayr wurde immer ausgesiebt, daß er, Rudolf Bayr, NSDAP-Mitglied war, für den „Völkischen Beobachter“ schrieb, in leitender Funktion im „Völkischen Beobachter“ war. Das wird gerade in Österreich nicht wenigen gefallen, daß in der KI-Biographie von Rudolf Bayr das keine Erwähnung findet, das aus seiner Biographie ausgesiebt ist, KI also ein Sieb ist, in dem bleibt, was genehm ist, in dem nicht bleibt, was nicht genehm ist, aussortiert wird, was nicht mehr gewußt werden will, aussortiert wird, was nicht mehr gewußt werden soll; in englischer Übersetzung für KI-Sieb wäre wohl KI-Screen die passende …

Das Dilemma beim Verfassen einer Bayr-Rezension kann am ehesten ein Germanisten-Witz lösen. „Mitarbeiter des Völkischen Beobachters mußten nach dem Krieg im Österreichischen Rundfunk untertauchen oder sonstwo ihr Süppchen kochen. – Der ehrgeizige Rudolf Bayr tat zur Vorsicht beides und wurde Fernsehkoch.“

Helmut Schönauer. Literaturhaus Wien. 9. April 1999.

Als wäre für das Programmieren von KI-Screen das „Untertauchen“ eine Leitlinie, so jedenfalls stellt es sich dar, wenn die Antwort 18 eines weiteren Tages von KI-Screen gelesen wird, denn es gibt kein größeres Untertauchen als dieses, zu sagen, ein Mensch existierte gar nicht, in diesem Fall, Rudolf Bayr „repräsentiert nicht eine reale Person“, Rudolf Bayr „ist eine Figur in Thomas Bernhards Roman ‚Frost‘, wo er der Erzähler der Geschichte ist“.

Rudolf Bayr ist eine Figur in Thomas Bernhards Roman „Frost“, wo er der Erzähler der Geschichte ist. Die beiden waren keine engen Freunde im wirklichen Leben, sondern eine literarische Schöpfung Bernhards. Rudolf Bayr als Erzähler: In Bernhards Roman „Frost“ übernimmt die Figur Rudolf Bayr die Rolle des Erzählers. Literatische Figur: Die Figur ist eine Erfindung von Thomas Bernhard und repräsentiert nicht eine reale Person, mit der Bernhard befreundet war. Verbindung zum Autor: Bayr ist der Hauptcharakter in „Frost“ und die Geschichte wird aus seiner Perspektive erzählt. Hinweis: Die Suche ergab keine Informationen, die darauf hindeuten, dass ein Schriftsteller namens Rudolf Bayr eng mit Thomas Bernhard befreundet war. Die einzige Verbindung, die zwischen diesen beiden Namen hergestellt wird, ist die Figur Rudolf Bayr in Thomas Bernhards Roman „Frost“.

Es will gar nicht erforscht werden, was KI-Mood nicht im KI-Screen behielte, von der ersten Ehefrau von Rudolf Bayr. Es wird nicht nur eine Liebesheirat, wie es so schön heißt, gewesen sein, sondern wohl auch eine eheliche Schicksalsgemeinschaft, nach dem Untergang des totalitären nationalsozialistischen Regimes, eine Tröstungsehegemeinschaft, ein NSDAP-Mitglied heiratet ein NSDAP-Mitglied …

Im Gegensatz zu vielen anderen Pionierinnen an der Universität Wien wurde Sylvia Klimpfingers Laufbahn durch den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 befördert. Als Mitglied der NSDAP seit 1. Januar 1941 sowie der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und des NS-Lehrerbundes proftierte sie seit Beginn des Zweiten Weltkriegs zudem von den zunehmenden Einberufungen der männlichen Kollegen zum Kriegsdienst und vertrat seit 1940 eine Assistentenstelle an der Universität Wien. 1943 wurde sie mit der Schrift „Die Testmethode im Rahmen der Persönlichkeitsbegutachtung“ habilitiert, wurde 1944 planmäßige Assistentin am Institut für Psychologie und lehrte experimentelle Psychologie, jugendpsychologische Begutachtungspraktika und Psychologie des Kindes- und Jugendalters. Sie kooperierte während der NS-Zeit auch eng mit der NSV, führte für diese psychologische Begutachtungen an schwer erziehbaren Kindern durch und beteiligte sich an der Ausbildung des Erziehungspersonals. Sylvia Bayr, die an die Wiener Schule der Kinder- und Jugendpsychologie Charlotte Bühlers anknüpfte, arbeitete für den NS auch an der Adaptierung der Kleinkinderentwicklungstests von Bühler und Hildegard Hetzer.

Entnazifizierung und Nachrkriegskarriere

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wurde Sylvia Klimpfinger zunächst als Assistentin an das Pädagogische Institut unter Richard Meister übernommen, als ehemaliges Mitglied der NSDAP wurde sie jedoch einem Entnazifizierungsverfahren unterzogen und ihre Lehrbefugnis aufgrund der NS-Belastung entzogen. Bereits wenige Jahre später, 1948 wurde ihr die venia legendi wieder zuerkannt. Sie heiratete wenig später den Schriftsteller Rudolf Bayr. 1950 erhielt Sylvia Bayr-Klimpfinger Titel eines ao. Prof., 1955 folgte die Ernennung zur ständigen Hochschulassistentin, 1956 die Ernennung zur ao. Prof. für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie und 1967 schließlich die Berufung auf die neu geschaffene ordentliche Professur  für Pädagogische Psychologie. 1977 wurde sie emeritiert, vertrat aber den Lehrstuhl noch bis zur Berufung ihrer Nachfolgerin Brigitte Rollett 1979 weiter.

Universität Wien. Katharina Kniefacz. Zuletzt aktualisiert 30. Jänner 2025.

Der aus einer Beamtenfamilie stammende B. [Rudolf Bayr] absolvierte das Staatsgymnasium in Linz/OÖ und studierte von 1937 bis Sommer 1940 Philosophie, Psychologie, Germanistik und Musikwissenschaft an der Universität Wien. Neben dem Studium arbeitete er von Mai 1938 bis Mai 1941 als Bibliothekar am Psychologischen Institut. Vermutlich ab 1939 schrieb er als freier Mitarbeiter für die Wiener Ausgabe des Völkischen Beobachters, avancierte im Sommer 1940 zum Schriftleiter in Ausbildung und war dort von 1942 bis „zumindest 1944“ als Schriftleiter für Kulturpolitik tätig (Hausjell85). Im September 1942 schloss er die Dissertation Zur Problematik des künstlerischen Übersetzens ab und wurde 1943 zum Dr. phil. promoviert. Obwohl eher nationalsozialistisch eingestellt (siehe NSDAP-Mitgliedsnummer), trat B. mit Beginn des Studiums der Vaterländischen Front, Einheitspartei der Ständestaatdiktatur, bei und blieb,
laut eigener Angabe, Mg. „bis [zum] Umbruch“ (BAB/BDC RKK/RSK RSK-AA 19.7.1939). Als
sich der Wind im Februar 1938 zu drehen begann, trat er drei Wochen vor dem „Anschluss“ dem (illegalen) NSDStB und vier Monate später, im Juni 1938, der NSDAP bei.
Die Parteimitgliedschaft wurde rückwirkend mit dem Sammeldatum 1. Mai 1938 festgelegt, die Mitgliedsnummer (6.264.532) stammte aus dem Kontingent für „verdiente“ – d. h. vor 1938 aktive – Parteigänger. Zur RSK meldete sich B. ebenfalls, aufgrund seiner Jugend musste B.s Vater eine Einverständniserklärung abgeben. Max →Stebich (W), Geschäftsführer der RSK Landesleitung Österreich, schlug vor, dem jugendlichen Autor einen „Befreiungsschein nach Punkt 3“ auszustellen (BAB/BDC RKK/RSK 11.9.1939).
Ab 1939 veröffentlichte B. Beiträge u. a. in Die Pause und Der getreue Eckart sowie im Jahrbuch der Stadt Linz Stillere Heimat. Im Berliner Verlag Kampmann sollten ca. 1943/44 „Übertragungen Sophokleischer Chöre“ sowie der Lyrikband Kelter und Krug von B. erscheinen; beide Werke sind bibliografisch nicht nachweisbar (Hausjell85). Ein eventueller Kriegseinsatz des Autors, der 1944 erst 25 Jahre alt war, wäre naheliegend, ist aber in den Unterlagen nicht dokumentiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegte B. seine Wirkungsstätte nach Salzburg, galten doch die Salzburger Printmedien, u. a. die Salzburger Nachrichten, als Auffangbecken für ehemalige NS Journalisten. Ob er aufgrund seiner NSDAP-Mitgliedschaft Probleme hatte und einem Entnazifizierungsverfahren unterworfen war, geht aus den Archivalien nicht hervor. Da B. jedoch bis 1945 kein einziges Buch veröffentlicht hatte, stand er weder in Deutschland noch in Österreich auf dem Index. Auch die einstige journalistische Tätigkeit beim Völkischen Beobachter dürfte keinerlei Einschränkungen nach sich gezogen haben, denn bereits im Jahr 1945 nahm B. die Publikationstätigkeit auf: Zunächst erschienen Zur Psychologie des dichterischen Schaffens und die Übersetzung Oidipus auf Kolonos (beide 1945), dem der Erzählband Das Ungewisse Haus (1946) sowie Essays über Dichtung und die Monographie Karl Heinrich Waggerl. Der Dichter und sein Werk (beide 1947) über den im Dritten Reich außerordentlich populären Salzburger Schriftsteller Karl Heinrich → Waggerl folgten. Als nach dem Inkrafttreten der Minderbelastetenamnestie im Jahr 1948 auch jene AutorInnen auf den Buchmarkt drängten, über die 1945 ein Publikationsverbot verhängt worden war, hatte sich B. bereits etabliert; so fungierte er 1948 bis 1951 als Herausgeber der Literaturzeitschrift Wiener literarisches Echo. Hauptberuflich betätigte er sich im ORF Landesstudio Salzburg, wo er 1956 zum Leiter der Literaturabteilung, 1971 zum Leiter der Hauptabteilung Kultur und schließlich 1975 (bis 1984) zum Intendanten avancierte. Daneben publizierte er zahlreiche Dramen (u. a. Menschenliebe 1969), Erzählungen (u. a. Die Schattenuhr 1976), Lyrikbände (u. a. Der Wolkenfisch 1965), Hörspiele (Agamemnon muss sterben 1955) und Theaterbücher (u. a. Delphischer Apollon 1966, mit einem Vorwort von Alexander →Lernet-Holenia/W). Er war Mitarbeiter einiger Literaturzeitschriften, fungierte als Berater der Rauriser Literaturtage und als Lektor des Residenz-Verlags, in welchem etliche seiner Bücher erschienen (u. a. Brevier für Müßiggänger 1968, Die Eiben von Sammezzano 1984). Darüber hinaus machte sich B., der u. a. die TV-Sendung Häferlgucker gestaltete, einen Namen als Gourmet und Gastrokritiker (u. a. Man liebt nicht auf nüchternen Magen 1989). Der Autor erhielt etliche Literaturpreise, u. a. den Förderungspreis im Rahmen des Österreichischen Staatspreises für Literatur und den Österreichischen Staatspreis für Hörspiel (beide 1959), aber auch Ehrungen wie u. a. Feinschmecker des Jahres (Gault Millau 1984). Obwohl seine tiefe NS-Verstrickung in der unmittelbaren Nachkriegszeit thematisiert wurde und man ihm riet, „so lange [zu] schweige[n], bis wir seine ‚VB‘ Artikel vergessen haben“ (Österreichisches Tagebuch 1/1946, Nr. 30), bildete diese kein Hindernis für seinen Aufstieg an die Spitze eines ORF-Landesstudios.

Karin Gradwohl-Schlacher. Literatur in Österreich 1938–1945. Handbuch eines literarischen Systems. Band 6. Salzburg. Böhlau. Wien, 2021.