An diesem Sonntag, 19. Mai 2024, in der Wiener Staatsoper andächtig Beckmesser zu lauschen, was für ein Opernhochamt wird das wieder sein, von solch einer Erhabenheit wie am 8. Mai 2024 wieder, als die Wiener Staatsoper an diesem besonderen Tag das rechte Zeichen …
Wie erfüllt noch von den wagnerischen Versen des 8. Mai in diesem wunderbarsten wienerischen Staatsopernmai 2024 in hellster Vorfreude,
die „Meistersinger von Nürnberg“ nicht nur am 19., sondern auch noch am 23. und am 26. und am 30. Mai 2024 andächtig lauschen zu dürfen, in größter Dankbarkeit gegen die Staatsoper, die wagnerische Verkündigung am 8. Mai so klar und deutlich verlautbart bekommen zu haben,

die sich einbrannte unauslöschlich, zum Aufsagen
mit feststolzer Stimme zu jedweder Nachtzeit,
wenn vom Schein der Fackeln in wehenden Fahnen
aus dem Schlaf gerissen, zur Proklamation
gerufen auf den Balkon …
Zu End ist nun die Frist, der Zins versagt,
mit wildem Drohen rüstet sich der Feind.
Nun ist es Zeit, des Reiches Ehr zu wahren;
ob Ost, ob West, das gelte allen gleich!
Was deutsches Land heisst, stelle Kampfesscharen,
dann schmäht wohl niemand mehr das Deutsche Reich!
DIE SACHSEN UND THÜRINGER (an die Waffen schlagend)
Wohlauf! Mit Gott für Deutschen Reiches Ehr!
Hört auch, ihr Streiter vor Gericht! Gewahrt in Treue Kampfes Pflicht!
Du kündest nun dein wahr Gericht, mein Gott und Herr, drum zag ich nicht!
Ich geh in Treu vor dein Gericht! Herr Gott, nun verlass mein Ehre nicht!
Sieg! Sieg! Sieg! Heil! dir, Held!
O fänd ich Jubelweisen, deinem Ruhme gleich, dich würdig zu preisen, an höchstem Lobe reich! In dir muss ich vergehen, vor dir schwind ich dahin, soll ich mich selig sehen, nimm alles, was ich bin!
Ertöne, Siegesweise, dem Helden laut zum höchsten Preise!
Ruhm deiner Fahrt! Preis deinem Kommen!
Heil deiner Art, Schützer der Frommen!
Und weiter kündet euch der König an, dass er den fremden,
gottgesandten Mann, den Elsa zum Gemahle sich ersehnt,
mit Land und Krone von Brabant belehnt;
doch will der Held nicht Herzog sein genannt,
ihr sollt ihn heissen: Schützer von Brabant!
Hoch der ersehnte Mann! Heil ihm, den Gott gesandt!
Treu sind wir untertan dem Schützer von Brabant!
Nun hört, dem Lande will er uns entführen!
Gen einen Feind, der uns noch nie bedroht?
Solch kühn Beginnen solle ihm nicht gebühren!
Wer wehret ihm, wenn er die Fahrt gebot?
Ich!
Ha! Wer bist du?
Friedrich! Seh‘ ich recht? Du wagst dich her, zur Beute jedem Knecht?
Gar bald will ich wohl weiter noch mich wagen, vor euren Augen soll es leuchtend tagen! Der euch so kühn die Heerfahrt angesagt, der sei von mir des Gottestrugs beklagt! War hör‘ ich? Rasender! Was hast du vor? Verlorner du, hört dich des Volkes Ohr!
Heil König Heinrich! König Heinrich Heil!
KÖNIG (unter der Eiche stehend)
Habt Dank, ihr Lieben von Brabant! Wie fühl ich stolz mein Herz entbrannt, find ich in jedem deutschen Land so kräftig reichen Heerverband!
Nun soll des Reiches Feind sich nahn, wir wollen tapfer ihn empfahn:
aus seinem öden Ost daher soll er sich nimmer wagen mehr!
Für deutsches Land das deutsche Schwert!
So sei des Reiches Kraft bewährt!
Für deutsches Land das deutsche Schwert!
So sei des Reiches Kraft bewährt!
Wo weilt nun der, den Gott gesandt zum Ruhm, zur Grösse von Brabant?
O bleib, und zieh uns nicht von dannen! Des Führers harren deine Mannen! O König, hör! Ich darf dich nicht geleiten! Des Grales Ritter, habt ihr ihn erkannt, wollt er in Ungehorsam mit euch streiten, ihm würde alle Manneskraft entwandt! Doch, grosser König, lass mich dir weissagen: dir Reinem ist ein grosser Sieg verliehn! Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen des Ostens Horden siegreich nimmer ziehn!
Die weisse Grals-Taube schwebt über dem Nachen herab.
Lohengrin erblickt sie; mit einem dankbaren Blicke springt er auf und löst dem Schwan die Kette,
worauf dieser sogleich untertaucht. An seiner Stelle hebt Lohengrin einen schönen Knaben in glänzendem Silbergewande Gottfried aus dem Flusse an das Ufer.
Seht da den Herzog von Brabant!
Zum Führer sei er euch ernannt!

Als vom „Zeichen des bösen Willens“ auf dem Judenplatz erzählt wurde, fand „Der Antisemitismus – Ein internationales Interview“, vor einhundertdreißig Jahren veröffentlicht, Erwähnung. Und darin schreibt Hermann Bahr, es wird auch „Lohengrin“ angesprochen, deshalb ist es passend mit dem Befund von Hermann Bahr, geschrieben vor einhundertundeinunddreißig Jahren, dieses Kapitel zu beenden.
Wer gehaßt wird, thut im Grunde dabei nichts. Der Jude ist ihnen nur eben bequem. Die Franzosen haben dafür der Reihe nach zuerst den Preußen und dann den Juden und neuestens den Bankier gebraucht und
es hat sich ihnen nicht um den Preußen und nicht um den Juden und nicht um den Bankier gehandelt: es handelt sich immer nur um den Haß, um die starken Aufregungen, die er gewährt. Wenn es keine Juden gäbe, müßten die Antisemiten sie erfinden. Sie wären sonst um allen Genuß der kräftigen Erregungen gebracht. Das scheint mir die Psychologie des Antisemitismus bei der Masse. Bei den „Führern“ kommt wohl noch etwas dazu. Es giebt kein handlicheres Instrument des Demagogen. Ich plauderte einmal mit Maurice Barrès und er begeisterte sich für Rochefort. Ich mußte über den seltsamen Bund des Schwärmers für Wagner mit dem Hetzer gegen Lohengrin lachen. Aber er verteidigte den Freund: „Glauben Sie mir, er schätzt die Würde und den Wert von Wagner so gut wie Sie oder ich; aber er findet nicht leicht etwas, das ihm besser die Massen in die Hand geben würde – wer die Massen meistern will, darf keine Gelegenheit der Leidenschaft versäumen.“
Einzufügen an dieser Stelle ist doch auch, daß Maurice Barrès nationalistisch und antisemitisch, daß Henri Rochefort mit antisemitischen Unterstellungen in der Verleumdung von Alfred Dreyfus … Zu der Zeit gab es auch andere Schreibende in Frankreich, zum Beispiel jenen, der für Émile Zola die Geldstrafe zahlte, als dieser für „J’accuse…!„ verurteilt wurde, und der mit seinem Automobil auch durch Österreich kommt und zu erzählen weiß:
An dem Tag, als ich endlich über die triste Sankt Pöltner Landstraße und die trübseligen Öden des kreuzbuckeligen Waldviertels von meiner Reise zurückkehrte, da sah ich zwischen Stiftmelken, Heiligenkreuzerhof
Es mag Ihnen wie eine Abschweifung erscheinen, von des Schreibenden Reise auch durch Österreich etwas einzufügen, aber in diesem „Autoland“ begegnet Ihnen auf den tristen Landstraßen so manches, das bei genauer Betrachtung sich nicht als Abschweifung herausstellt, sondern als zugehörig —
Hermann Bahr schreibt weiter:
Die antisemitischen Führer, denen es nicht bloß um das Geschäft zu thun ist, sind Prätendenten um die Gunst des Pöbels, die herrschen wollen. Sie möchten in ihrem kleinen Kreise so eine Art von Nietzsche’schen Übermenschen werden, die durch alle Mittel den Genuß der Macht erwerben. Es kitzelt sie, auf den Instinkten und Begierden der Massen wie auf beweglichen Tasten zu spielen, die ihrem leisesten Drucke gehorchen. Das meine ich über den Antisemitismus und meine deswegen, daß man mit Gründen gegen ihn nichts richten kann. Wer Antisemit ist, ist es aus der Begierde nach dem Taumel und dem Rausche einer Leidenschaft. Er nimmt die Argumente, die ihm gerade die nächsten sind. Wenn man sie ihm widerlegt, wird er sich andere suchen. Wenn er keine findet, wird es ihn auch nicht bekehren. Er mag den Rausch nicht entbehren. Heilen könnte ihn nur ein edlerer Taumel, wenn den Massen wieder ein Ideal, ein sittliches Pathos gegeben würde. Vielleicht ist so der Sozialismus der einzige Arzt des Antisemitismus. Ich will also keineswegs den Antisemitismus „widerlegen“, was tausendmal geschehen und immer vergeblich ist.
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