„Der Freischütz“ am Jahrestag der Befreiung Europas

Am Jahrestag wurde zur Feier der Befreiung Europas „Der Freischütz“ uraufgeführt.

Es ist also nicht gleichgültig, was an einem bestimmten Tag gegeben wird, was an einem bestimmten Tag mit einer bestimmten Aufführung vermittelt werden will; was wohl die Wiener Staatsoper am Tag der Befreiung vermitteln möchte? „Der Freischütz“ wurde von ihr am Tag der Befreiung nicht aufgeführt, sondern —

„Der Freischütz“ wurde nicht am Tag der Befreiung vom industriellen massenmörderischen Nationalsozialismus gegeben, sondern am 18. Juni 1821 in Berlin, am Jahrestag der Schlacht von Waterloo 1815, als Feier von der Befreiung von einem kriegsmassenmörderischen Diktator. Und mit welcher Oper sonst hätten sie den Jahrestag der Befreiung feiern können, als eben mit dieser Oper, die, so heißt es, die „deutsche Oper“ begründete, die als die „erste deutsche Nationaloper“ bezeichnet wird, zu der vor rund einhundertachtzig Jahren die „Allgemeine Musikalische Zeitung“ schrieb:

„Kinds und Webers Freischütz ist aber auch eine echt deutsche Oper. Ja, man kann in gewisser Hinsicht sagen, sie hat in sich selbst die erste in jeder Beziehung rein deutsche Nationaloper hingestellt. Die älteren Erscheinungen im Gebiete der deutschen Oper (natürlich ist hier nur von den bedeutenden die Rede) hatten fast alle irgendetwas Fremdartiges, Nichtdeutsches an sich, sei es in der Musik oder in den Büchern.“

Zum „Freischützen“ fällt Ludwig Börne vor rund zweihundert Jahren dies ein:

Es ist eine Deutsche volkstümliche Musik, wie wir doch eigentlich noch gar keine haben.

Wer kein Vaterland hat, erfinde sich eins! Die Deutschen haben es versucht auf allerlei Weise […] und seit dem Freischützen tun sie es auch mit der Musik. Sie wollen einen Hut haben, unter den man alle deutschen Köpfe bringe. Man mag es den Armen hingehen lassen, dass sie sich mit solchen Vaterlandssurrogaten gütlich tun.

Dieses „Vaterlandssurrogat“ wird nun, mehr als zweihundert Jahre später, in Bregenz gegeben, die Premiere war am 17. Juli 2024 — desselben Tages wird der „Welt-Emoji-Tag“ gefeiert …

Es wird vielleicht bald die Zeit kommen, wenn die Volkskanzl hinter verschlossenen Türen ungewählt ausgemacht, in der Carl Maria von Weber selbst

auf der Bühne zu erleben sein wird, wenn die Werke zu Theodor Körner Wiederauferstehung feiern werden,

die namensgleiche Oper in der Wiener Staatsoper,

die namensgleiche „biographische Handlung“ im Burgtheater, in der dann Carl Maria von Weber als eine der „stummen Personen“ —

und das namensgleiche Melodrama in der Volksoper

Carl Maria von Weber als „stumme Person“ in der „biographischen Handlung“ braucht nicht zu reden, es sprechen in dieser für ihn seine Noten, die er geschrieben zum „Schwertlied“; es waren dies nicht die einzigen Noten, die er körnerischen Gedichten beisetzte. Wie er wohl reagiert hätte, wäre er im Melodrama gesessen und hätte seine „Schwertlied“-Noten gesungen gehört, aber ungenannt, nicht einmal als „stumme Person“ angeführt, hätte er die Bühne gestürmt, unter Rufen „Das Schwertlied bin ich!“?

Vielleicht hätte er, Carl Maria von Weber, auch geklagt, seine „Lützows wilde Jagd“ fehle in diesem Melodrama der Reiter, Lützows reitenden Jägern

Zuschauerraum und Scene gleichen genau dem Burgtheater zu Wien am Abend des 31. Dezember 1812 bei der historischen ersten Vorstellung von Körner’s „ Zriny „. Man giebt, möglichst treu und Art nachahmend, gerade die letzte (siebente) Scene des letzten Aktes. Man hat sich vorzustellen, dass die Tragödie zum ersten Male aufgeführt wird. Die vorhergehenden Akte haben die volle Symphathie des erwartungsvollen Publikums gefunden, das bereits bewegt und zum Enthusiasmus angeregt ist. Unter grösster Stille hebt sich der Vorhang.

So beginnt die „biographische Handlung“. Und wenn es wieder aufgeführt wird, wird wohl bald die Forderung erhoben werden, den ganzen „Zriny“ auch zu geben, statt das Stück von einem späteren Dichter, der die

Anna und Olga gehen nach dem Begräbnis des Vaters nachhause; Professor Robert Schuster, ihr Onkel, bleibt im Hintergrund, ist noch nicht zu sehen; aber man sieht das Burgtheater im Nebel

Burg bloß von außen — Aus dem Burgtheater ist er, Körner, gekommen, oder, wie es in der „biographischen Handlung“ geschrieben, in seinen Worten:

Ich bin aus Oestreich’s Kaiserstadt gekommen, so wie ich dorten Lützows Ruf vernommen, dem Freiheitskampfe hab‘ ich mich geweiht, in ihm zu sterben seht Ihr mich bereit.

Zu was er gerufen, das verschweigt er nicht.

Und daß, wenn Deutschland einig blieb, es einer Welt Gesetze schrieb“. Doch wollen wir im Tod und Leben des eignen Muthes uns erfreu’n. „Und mögen gold’ne Schurken beben, und sich vor Kraft und Tugend scheu’n und mit der Feigheit Schwindeldreh’n vor dem erwachten Volke steh’n – es kommt die Zeit zur guten Sache, zur Freiheit, zum Tyrannnentod. Du wirst die Feinde doch erschlagen, dein deutsches Land befrei’n! Liegt auch der Tag noch Jahre weit,“ es kommt die Zeit, die rechte Zeit, „die rechte Zeit zur guten Sache“, zur Freiheit, zum Tyrannentod. Du treuer Gott, verwalt‘ es gut!“ „Und färbt die deutschen Ströme roth mit Sclavenblut und freiem Blut im Kampfe für das höchste Gut! Du treuer Gott, verwalt‘ es gut.“

Kaum daß die Rede von der bregenzerischen Bühne herab beginnt, ist es auch schon vorbei mit dem Zuhören, verleitet die Vorfreude auf den „Freischützen“ am „Welt-Emoji-Tag“dazu, mit Carl Maria von Weber und Theodor Körner in die Vergangenheit der Gegenwart … Von der Rede aber wird doch etwas im Gedächtnis bleiben: „Das mit dem Dirigenten. Das hat schon was. Wenn man da am Pult steht und alle machen genau das, was sie machen sollen.“ Und auch das, die Einführung des Redenden durch den „Teufel“: „Doch wen sehe ich denn dort? Ist das der neue Dirigent? Ach quatsch, der Bundespräsident.“