Ursula Stenzel – Ohne Worte

Stenzel - As be - Strache

Lebte Karl Kraus noch, zu Ursula Stenzel fiele ihm wohl nicht einmal der Satz ein, ihm falle zu Ursula Stenzel nichts ein. Das unter der Annahme, er würde, lebte er noch, das gegenwärtige Geschehen und die parteipolitischen Figuren ebenso und weiter besprechen, wie er es zu seiner Zeit tat. Übrigens, zu dem anständigen Herrn, über den er seinerzeit sagte, es falle ihm zu ihm nichts ein, ist ihm dann doch sehr viel zu ihm, nämlich zu Adolf Hitler, eingefallen.

Jetzt also ist Ursula Stenzel heute, am 1. September 2015, eine Kandidatin der FPÖ erst geworden, also das, was sie insgeheim spätestens seit Jänner 2015 so gut als wie bereits war:

eine Bezirksvorsteherin mit freiheitlicher Diktion

Ein Wechsel also, der nicht überrascht, der nicht zu kommentieren ist. Der ohne Worte bleiben kann. Und der vor allem ohne Belohnung durch Wählerinnen und Wähler zu bleiben hat: sowohl für Ursula Stenzel als auch für die FPÖ. Und auch für die ÖVP.

Aber dieser Wechsel kann als Anlaß genommen werden, nicht um über Ursula Stenzel zu reden, sondern um einmal auch über Charakter zu reden.

Es wird Byung-Chul Han, wird gehofft, Verständnis dafür haben,  daß ein paar Sätze aus seiner „Errettung des Schönen“ passend auf ÖVP und FPÖ umgeschrieben werden, aber besser, weil treffender kann es nicht geschrieben werden:

Charakter und FPÖ-ÖVP sind Gegensätze. Der ideale Kandidat und die ideale Kandidatin sind Menschen ohne Charakter. Diese Charakterlosigkeit macht einen wahllosen Wechsel möglich. Schmitt würde sagen: Je charakter- und gestaltloser, je aalglatter … desto mehr Wechsel … FPÖ und ÖVP sind die Märkte der Charakterlosigkeit. Feste Charaktere lassen sich schlecht zum Wechsel verleiten. Die freiheitliche und christschwarze Ordnung zelebriert ein neues Ideal. Es heißt der Freiheitliche, die Christschwarze ohne Charakter, der charakterlose Wechsel.

Soweit die abgeänderten Sätze, die Han zum Menschen an sich schrieb. Aber die abgeänderten Sätze treffen nicht nur auf Menschen in politischen Funktionen in Österreich zu, wenn Sie an alle die Mandatarinnen und Mandatare denken, die von FPÖ zu BZÖ zu FPK und zurück und zu Team Stronach und auch zur ÖVP und von der ÖVP zur FPÖ wechselten, und das nicht nur einmal und nicht nur von einer Partei zu einer weiteren … Es trifft auch auf vor allem eine Partei in Österreich zu, nämlich auf die ÖVP, die Charakterlosigkeit zeigt, wenn sie jede und jeden in ihre Partei nimmt und schlimmer noch, jeder Wechselwilligen und jedem Wechselwilligen mit politischen Ämtern versorgt, deren Befähigung für die Ausübung eines politischen Amtes nur eine ist, nämlich es zu verstehen, sich wieder versorgen zu lassen.

Das aber war jetzt, werden Sie vielleicht denken, sehr allgemein. An das Konkrete sollten Sie vor der Wahlurne denken, wie das werden könnte, wenn mit Ihrer Stimme beispielsweise die FPÖ mit Ursula Stenzel die Innenstadt regiert … Schon im nächsten Jänner beispielsweise der gesamte erste Bezirk zum Ballraum für die Waffenröcke werden könnte, zu deren Schutz  – das muß nicht weiter ausgeführt werden, weil es ohnehin in Bezirksvorsteherin mit freiheitlicher Diktion nachgelesen werden kann.

PS Es wurde nicht nur wegen der Charaktersätze das Buch von Han herangezogen, sondern auch, weil er darin, vor allem im Kapitel über die „Politik des Schönen“ ein paar Sätze formuliert, die generell zur Politik von heute gesagt werden können:

„Das Handeln macht das Leben des Politikers (bios politikos) aus. Es ist nicht dem Verdikt der Notwendigkeit und Nützlichkeit unterworfen. Weder Arbeiten noch Herstellen ist ein bios politikos. Sie gehören nicht zu Lebensformen, die eines freien Mannes würdig sind und in denen sich die Freiheit manifestiert, denn sie produzieren nur das Lebensnotwendige und Nützliche. Sie finden nicht um ihrer selbst willen statt. Aufgrund ihrer Unfreiheit und Fremdbestimmung sind sie nicht schön. Da für das menschliche Zusammenleben gesellschaftliche Organisationen notwendig sind, stellen sie keine genuin politische Handlung dar. Weder Notwendigkeit noch Nützlichkeit sind Kategorien des Schönen. Die Politiker als freie Menschen müssen schöne Taten hervorbringen jenseits des Lebensnotwendigen und Nützlichen.

Politisches Handeln heißt etwas ganz Neues beginnen zu lassen.

Der Haushalt oder die Verwaltung, die notwendig für den Erhalt einer Gemeinschaft sind, sind keine genuin politischen Handlungen.

Die ideale Politik ist die Politik des Schönen.

Gegenwärtig ist keine Politik des Schönen möglich, denn die heutige Politik ist ganz den systemischen Zwängen unterworfen. Sie verfügt kaum über Freiräume. Die Politik des Schönen ist eine Politik der Freiheit. Die Alternativlosigkeit, unter deren Joch die heutige Politik arbeitet, macht die genuin politische Handlung unmöglich. Sie handelt nicht, sie arbeitet. Die Politik muss eine Alternative, eine wirkliche Wahl anbieten.

Eine Mehrdimensionalität zeichnet das englische Wort fair aus. Es bedeutet sowohl gerecht als auch schön. Der Doppelsinn von fair ist ein eindrücklicher Hinweis darauf, dass Schönheit und Gerechtigkeit ursprünglich auf derselben Vorstellung angesiedelt waren. Schön ist die Symmetrie, die auch der Idee der Gerechtigkeit zugrunde liegt.

Die Rücknahme des Selbst ist wesentlich für die Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit ist also ein schöner Zustand des Miteinander. Die ästhetische Freude lässt sich ins Ethische übersetzen.“

Das sind Sätze, um abschließend doch zu ÖVP und FPÖ einmal noch zurückzukehren, die beide Parteien in keiner Weise erfüllen, wenn Sie darüber nachdenken und vor allem vor jedweder Wahl, ehe Sie in der Wahlkabine …