Ingeborg-Bachmann-Preis – Geriatrie des Erzählens

Die diesjährige Veranstaltung in Klagenfurt regt auf, nicht aber ausgelöst durch die Texte, die in Klagenfurt gelesen werden, auch nicht durch einen literaturtheoretischen Jury-Diskurs, sondern verursacht durch wirtschaftliche Überlegungen eines Generalintendanten, der verantwortlich ist für die Verflachung und die fortschreitende Beliebigkeit des Programms der österreichischen Fernsehanstalt, wodurch es zur paradoxen Situation kommt, daß alle auf der gleichen Seite stehen, die in der aktuellen Aufregung gegeneinander antreten, um je ihre Interessen zu verteidigen …

Auf der gleichen Seite vom Generalintendanten stehen die Jury und die Autoren und Autorinnen, die verantwortlich sind für die Verflachung und Beliebigkeit der – Literatur kann nicht geschrieben werden, denn die Literatur hält das aus, die Literatur ist unsterblich, auch wenn einmal im Jahr in Klagenfurt das Gegenteil erzählt wird, so daß, richtig gesagt, geschrieben werden muß, auf der gleichen Seite stehen Autoren und Autorinnen, Jury und Generalintendant, die ein Auftrag eint, die Verdummung flächendeckend durchzusetzen, wenn auch aus entgegengesetzten Motiven und entgegengesetzten Interessenslagen, wobei angezweifelt werden darf, ob es überhaupt entgegengesetzte Motive und entgegengesetzte Interessenslagen sind, sie also auch in dieser Hinsicht auf der gleichen Seite stehen, von der aus sie für das Wirtschaftliche rennen …

Bachmann-Preis und ORF - Bündnis der VerdummungVerdummung … Groß ist die Aufregung, es könnte der Ingeborg-Bachmann-Preis abgesetzt werden, und diese Einstellung ist vielen ein Beweis dafür, daß der ORF die Verdummung seiner Kundschaft noch weiter vorantreiben will, sie zu ihrer Vollendung jagen … Das ist wahr und dem kann noch will widersprochen werden, bloß der Ingeborg-Bachmann-Preis ist dafür kein Beleg, denn dieser Wettbewerb versucht ebenfalls die Verdummung voranzutreiben, sie zu ihrer Vollendung zu jagen, und ist darin durchaus erfolgreich – nach wie vor wird breitest die Meinung vertreten, der Gegenstand dieses Bewerbes sei die Literatur, während in Wahrheit der Literatur keine Fahrkarte gekauft wird, um nach Klagenfurt … je den Ingeborg-Bachmann-Preis erreichen zu können, die Literatur ist die Nicht-Eingeladene, mehr noch, die Literatur ist die Ausgeladene …

Die Literatur ist die Ausgeladene, schlimmer noch, die Verladene … es sind die Autoren, die Autorinnen und die Jury zu verhören, wohin sie die Literatur verschickt haben, schlimmer noch, deportiert haben, in welchem Lager die Literatur vegetieren muß, während Jury, Autoren und Autorinnen behaupten, die Literatur säße als Ehrengast nicht nur mitten unter ihnen, frecher noch, sie säßen ehrfürchtig und demütig vor der Literatur, die in Klagenfurt erhöht auf einem Thron …

Von Jahr zu Jahr denken sich Autoren, Autorinnen und Jury für die Literatur schlimmere Qualen aus … es ist zu befürchten, daß in diesem Jahr – 2013 – die Literatur nicht in ein Lager verschleppt wurde, sondern in ein finst’res und nasses Kellerloch geworfen wurde … die Aufzeichnungen der Literatur, wenn sie je aus diesem Kerker befreit werden sollte, werden erschüttern … Aber wer wird die Literatur befreien? Wer wird die Klagenfurteingeladenen stoppen, ihnen Einhalt gebieten? Der Generalintendant? Nein. Das ist ihr Verbündeter. Außer der Absetzung dieses Wettbewerbes hat Alexander Wrabetz nichts anzubieten, mit der Absetzung würde der Generalintendant die Literatur nicht nur im Loch lassen, sondern sie umbringen, die Verdummung damit vollendet haben. So wie er in sich selbst bereits die Ideenfähigkeit total ausgelöscht hat, die Fähigkeit vernichtet hat, neue Formate zu entwickeln, auch für die Literatur … Der Generalintendant, nein, er ist ihr Verbündeter, und er wird diesem Bündnis, wie bereits gemunkelt wird, nicht untreu werden und also diesen Wettbewerb nicht absetzen und es weitergehen lassen wie bisher. Für die Literatur heißt das, sie bleibt im Loch, und es wird zu überlegen sein, wie kann der Literatur in das Loch Papier geschmuggelt werden, daß sie ihre Aufzeichnungen … und vor allem, wie ihr Kassiber dann herausgeschmuggelt …

Aber die Literatur selbst muß etwas zu ihrer Befreiung beitragen, mutiger sein, schneller reagieren … sie hat die Chance verabsäumt, sich aus den Fängen zu befreien, zu lange gewartet, ihr klagenfurterischer Oberwärter schlief, das wäre die Chance gewesen, aber der Sprecher der Jury schreckte auf und schleuderte ihr entgegen: „Jetzt bin ich wieder wach!“ … Und Katja Petrowskaja lachte dabei die ganze Zeit stolz die Jury an, sich darüber freuend, daß ihre bedruckten Seiten von der Jury so gut besprochen werden … Gerade ihre Seiten zeigen exemplarisch das Elend dieses Wettbewerbes, stellvertretend für alle 2013 in Klagenfurt vorgelegten Seiten … denn diese ihre bedruckten Seiten waren für die Jury Anlaß über die „Genealogie des Erzählens“ zu reden, hervorzuheben, sie habe auf ihren bedruckten Seiten auch über Poetologie reflektiert … Unheimlich mutet es an, im 21. Jahrhundert zu leben und dennoch Menschen hören und sehen zu können, die im 19. Jahrhundert leben, wie sie über Genealogie des Erzählens und über Poetologie … Aber auch Zeitungen im 19. Jahrhundert lesen zu können, die davon berichten, daß Katja Petrowskaja mit diesen ihren bedruckten Seiten Favoritin für den … Und womit? Ein Paradoxon. Es reicht aus, mit einer im 19. Jahrhundert schon verdächtigen und angezweifelten Erzähltechnik über ein Grauen im 20. Jahrhundert zu berichten, um Favoritin für den Ingeborg-Bachmann-Preis im 21. Jahrhundert …

Noch ein Paradoxon und zugleich kein Paradoxon, Sichselbstverdummende wollen die verdummen, die sich ebenfalls selbst verdummen und weiter noch verdummen lassen wollen … ohne tatkräftige Unterstützung kann das hohe Ziel der größtmöglichen Verdummung eben nicht erreicht werden …

Was für ein Elend, wenn diese Seiten mit dem sogenannten Hauptpreis, mit irgend einem Preis ausgezeichnet werden sollten: Ein bißchen Nazi-Grauen, ein bißchen Antike, ein liebes Großmütterchen mit ihrem lieben Hergottchen, ein bißchen bildungsbürgerliches Zitieren und Hinweisen und sehr viel Geschichtsunkenntnis, die den Historikern angelastet wird: „die wissen es nicht so genau“ und „schweigen“ … die Historikerinnen müssen ohnehin nicht reden, ist doch „meine Familiengeschichte“, „ja, wenn nicht Weltgeschichte“ und hat eine „Hauptfigur“ … aber was für eine – „Ficus“, der seine „Blätter 1941 im Takt der Weltereignisse nicken“ läßt, wie nun, im Jahre 2013, Burkhard Spinnen oder vielleicht nur seine Ohren …

2013 kann nur einer mit allen Preisen ausgezeichnet werden, der Schauspieler mit seinen bedruckten Seiten über den Diebstahl eines Fotobandes. Selbstverständlich sind nicht die bedruckten Seiten selbst allpreiswürdig, sondern der Umstand, daß ein Seitenbedrucker kein anderes Buch unbedingt stehlen will, als ein Buch mit Fotos, selbstverständlich mit Fotos von Berühmtheiten, ein Buch also stiehlt, aus dem das Wort verbannt ist, das Lesen nicht mehr notwendig ist, es ausreicht, schauen zu können, die Apologie der Illiteratur … die bedruckten Seiten des Schauspielers sind das Logo und die Fahne dieser Veranstaltung …

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