Auf einer Wiese am Teich bei Eisenstadt

Ereignisse im Hochsommer

Er sitzt auf einer Bank im Badener Kurpark bei Wien. Die Frauen tragen helle Sommerkleider, der Tag ist lind und wolkenlos und von sattem Grün. Er liest und hört, halbbewusst nur, der Kurkapelle zu. Plötzlich bricht die Musik mitten im Takt ab … 

Das erzählt Schirach, halbgenau nur, seinem hohen Publikum in Salzburg. Und setzt fort mit einem Zitat: „Es mußte sich etwas ereignet haben.“ Schirach liest nicht aus einem Buch von einer Dichterin der Gegenwart, schon gar nicht aus einem Buch des Dichters, der über hundert Jahre später nackt auf einer Teichweise weit von Baden bei Wien sitzt, ebenfalls lesend, und dabei seine Hoden baumeln läßt.

Von Stefan Zweig wird es wohl kein Bild geben, das ihn nackt in der Öffentlichkeit zeigt. So haben sich die Zeiten geändert. Der Dichter zeigt sich nackt. Und beim Anblick der Hoden des Dichters muß an diesem Nachmittag gedacht werden, so also haben sich die Zeiten geändert – statt Seelen baumeln …

Beim Anblick der Hoden des Dichters im Hochsommer

Wie vor über hundert Jahren ist der Himmel an diesem Tag ohne Wolken, die Wiese von sattem Grün. Es ist heiß. Und der Wunsch ist groß, es möge auch lind sein, also mild, freundlich, schön, endlich ein wirklicher Tag zum Glücklichsein. Und vor allem, es möge sich nichts ereignen, das die Kurkapelle dazu zwingt, ihr Spiel plötzlich abzubrechen. Aber hier, auf dieser Wiese, wo der Dichter seine Hoden baumeln läßt, spielt auch keine Kapelle. Es ist nicht das vornehme Publikum, für das eine Kurkapelle je aufspielt.

Es ist mild. Es ist schön. An diesem Tag. Die Menschen sind freundlich und friedlich. Sie liegen auf der Wiese an diesem Teich. Dösend die einen, lesend die anderen, manche in Gruppen sich ausgelassen unterhaltend, in der Sandkiste zuhauf Kinder spielend …

Es ereignet sich nichts. Das die Menschen an diesem Nachmittag veranlassen könnte, ihr Verhalten zu verändern, ihren geplanten Ablauf für diesen Nachmittag abrupt zu ändern, ihre Postkartenidylle … heutzutage wäre es wohl stimmiger zu sagen, ihre Smartphoneidylle augenblicklich zu verlassen.

Es ereignet sich zu viel. Auch an diesem Tag. Allein zu viel an einem Nachmittag. In der Welt. Einfach ein Zuviel an Ereignissen. Aber deswegen bricht die Musik nicht mehr plötzlich mitten im Takt ab, die Menschen kleiden sich nicht hurtig an, um … Was sich wohl vor über hundert Jahren noch alles ereignet haben mag, an diesem Tag, von dem Stefan Zweig nur ein einziges Ereignis in Erinnerung behielt, oder, ihm nur ein einziges Ereignis wert erschien, von ihm beschrieben zu werden?

Beim Beobachten der baumelnden Hoden – nein, der hängenden Hoden, sie baumeln nicht, die Hoden hängen still, vielleicht deswegen, weil kein Lüftchen … beim Anblick der hängenden Hoden des Dichters stellt sich die Frage ein, ob je etwas von ihm einst zitiert werden wird, über ein Ereignis dieses Tages des Jahres 2017? Und welches der Ereignisse wird es sein? Welches, wenigstens eines der Ereignisse wird der Dichter mit den hängenden Hoden wert befinden, von ihm beschrieben zu werden? Es sind zu viele Ereignisse in der Welt, die es unmöglich machen, eine Liste der dafür in Frage kommenden Geschehnisse zu erstellen, um anhand dieser zu spekulieren, welches der Dichter mit den hängenden Hoden wert befinden könnte, von ihm beschreiben zu werden, von diesem einen Tag im Hochsommer.

Keine Spekulation aber ist darüber notwendig, ob der Dichter mit den hängenden Hoden einst zitiert werden wird. Er wird es. Ganz ohne Zweifel. Er ist ein sehr bekannter und wohl auch schon berühmter Dichter. Anders berühmt als Schirach. Aber Schirach ist ja auch kein …

Wie schön wäre es gewesen, muß gedacht werden, noch lange nach dem Verlassen der Wiese, wären die Hoden des Dichters auf der Wiese am Teiche das einzig berichtenswerte Ereignis von diesem Tag, von dem ganzen Sommer gewesen.

Beim Anblick der Hoden des Dichters Gedanken über die Ereignisse des Tages im Hochsommer 2017

Haben sie wenigstens einen Schirach dabei?

Es gibt gerade in Österreich, wenn im Dialekt gesprochen wird, eine Vorliebe dafür, das „R“ zu verschlucken, es einzusparen, ungehört zu machen. Im Dialekt würde dann aus Schirach einfach und vielleicht dadurch mit einer erzwungenen winzigen Betonungsveränderung: Schiach.

Und kenntlicher könnte über die Rede von Schirach in Salzburg in diesem Sommer gar nicht geurteilt werden, ohne zu urteilen, es bräuchte bloß im Dialekt über diese gesprochen werden:

— Hast Du die Festspielrede gehört?

— Von Schiach?

— Ja, die Schiach-Rede.

Es sind jetzt viele Touristinnen und Touristen im Land, die sehr neugierig sind, und es könnte eine vom Nebentisch, die ihr Bestellung aufgibt,

— Mozarttrüffeltorte mit Sahne –

— Mit Schlag?

— Sahne.

— Sahne ist Schlag.

— Dann mit Schlag.

fragen: Schiach?

— Häßlich.

— Häßlich heißt er?

— Nein, Schiach.

— S c h i -?

— S c h i 〈r〉 a c h !

— Ah, Schirach.

— Ja. Schi〈r〉ach.

So leicht kann es zu Mißverständnissen kommen, zu Verwechslungen. So leicht machte es sich auch Schirach. Mit seinem Beispiel aus der Türkei. Als er für seinen „Volkszorn“ als Beispiel Mitglieder der AKP-Partei mit dem „Volk“ verwechselte. Und er warnte davor, wie leicht das „Volk“ aufzusticheln sei, er sprach sich massiv dafür aus, das Recht gegen die Macht zu stellen. Nun, in Polen, gehen gerade diese Tage Zehntausende auf die Straße, für eine unabhängige Justiz, also für das Recht gegen die Macht. Wer stichelt sie auf, in Polen und in anderen Staaten? Haben sie wenigstens einen Schirach dabei?

Es muß ein Irrtum einbekannt werden, eine alte Platte

Wie verführerisch schön das Plattschäbige zu klingeln vermag

kann beim ersten Hören durchaus verführerisch schön klingen, aber dann …

PS Es wäre wohl zu einem Tumult gekommen, hätte Schirach über die Macht der Männer in Salzburg und also in Österreich gesprochen, über des Mannes Zorn gegen die Frauen, anhand des konkreten Beispiels, wie wenigen Frauen

2026 darf wieder eine Frau die Salzburger Festspielrede halten, vielleicht.

in Jahrzehnten das Recht eingeräumt wurde, die Festspielrede zu halten. Diese Frauen kann ein Mensch an einer Hand abzählen, und braucht dazu nicht einmal fünf Finger.

Und wenn es gar eine Frau gewesen wäre, die diese Rede gehalten hätte, mit Zornesröte und schwarzer Galle hätte sein, das schirachsche „Volk“, den Saal stampfend, brüllend, das Abendland dem Untergang geweiht sehend, spuckend und schreiend … nein, machtgemäß nicht, Anerkennung wäre ausgesprochen worden, die Frau ob ihres Mutes, hinzutreten vor die Macht des Landes, eine Rede, durchaus überlegenswert, wenn es die Staatsgeschäfte … die Männer der Macht sind doch ohne Zorn, und vor allem, Männer der Macht lassen sich nicht aufstacheln, sie besitzen Vernunft, sie haben Informationen, sie wägen ab, sind voller Sorge ob der Behandlung der Frau im „Volke“, besonders der Nachbeteiligung der Frau in den „Communities“ … sie, die Männer der Macht, schunkeln höchstens sanft und verständnisvoll zu Andreas Gabalier, diesem einfachen Manne aus dem „Volke“, der gelernt hat, wo der Platz der Frau ist seit Anbeginn der Festspielreden …

Schiache Rede

Wie verführerisch schön das Plattschäbige zu klingeln vermag

2014 legte die schöne Platte Christopher Clark auf; er hatte es sich verdient, Schönredner zur Feste Salzburg gewesen zu sein. Und es war auf ihn Verlaß. Er spielte die Melodei, die in diesem Land … Christopher Clark in Salzburg – Eine typische österreichische Besetzung.

2016 legte die schöne Platte Konrad Paul Liessmann auf; er hatte es sich verdient, Schönredner zur Feste Salzburg gewesen zu sein. Und es war auf ihn Verlaß. Er spielte die Melodei, die in diesem Land … Konrad Paul Liessmann gibt heute in Salzburg eine Eröffnungsarie aus seiner Philosophieoper.

2017 legt die schöne Platte Ferdinand von Schirach auf; er hat es sich verdient, Schönredner zur Feste Salzburg zu sein. Und es ist auf ihn Verlaß. Er spielt die Melodei, die in diesem Land …

Liessmann spielte seine Platte noch bis zu – zwar nur ein oder zwei Töne, aber immerhin – Adorno, während Schirach aus dem zwanzigsten Jahrhundert gerade noch Zweig anstimmt, wohl aber nur, um noch besser seine Welt von gestern zu beschwören, um ganz im achtzehnten Jahrhundert zu wandeln, und dabei Rousseau zu unterstellen, er habe sich geirrt, und Voltaire hervorzuheben. Aber wer hebt heutzutage nicht Voltaire hervor …

Es ist die alte Platte, die Platte gegen die Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen. Und es wird Schirach gefallen, vor diesem Publikum zu singen. Über den Daumen sitzt wohl die gesamte österreichische Staatsspitze im Publikum. Es sind nicht mehr Könige und Kaiser, aber, Voltaire war ja auch nicht Schirach.

Und was bringt Schirach vor? Es geht ihm dabei auch um die Äußerungen der Bürger und Bürgerinnen im Internet, in dem das „Schrille, Bösartige, Vulgäre“ noch zu überwiegen scheint; eine Zeitungsleserin, die selbst nicht im Internet unterwegs ist, wird das wie Schirach beurteilen. Denn. Das ist die vorherrschende Berichterstattung. Und es sollte gefragt werden, weshalb das „Schrille, Bösartige, Vulgäre“ in der Medienberichterstattung überwiegt. Es wird wohl auch etwas mit den Machtverhältnissen zu tun haben. Es wird nicht ungelegen kommen, den Bürgerinnen und Bürgern das „Schrille, Bösartige, Vulgäre“ zum Vorwurf machen zu können.

Oh, wie anders hingegen ist Schirach, der weder schrill noch bösartig noch vulgär vor der versammelten Landesmacht der gesamten Landesmacht Worte des Einspruches gegen die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger diktieren darf, die der Landesmacht gar dienlich sein werden in ihrer Bemühung gegen mehr Beteiligung, in ihren Versuchen für mehr Überwachung der Bürgerinnen und Bürger. Es ist eine sehr alte Platte, die Schirach auflegt, und in eine seine sehr alte Platte sind eben Staubwörter mit eingepresst, wie „Volk“, „Volkszorn“ …

Oh, wie anders hingegen als das gar so leicht verführbare und aufzustichelnde „Volk“ ist Schirach, vor allem ist er ganz und gar differenziert in seiner Welt der Menschbeurteilung.

So fragt Schirach besorgt, mit dem Verweis auf „unsere Geschichte“: „Was tun, wenn die Demokraten einen Tyrannen wählen?“ Aber wer hat ihn gewählt? Den „Tyrannen“, der 1932 noch kein „Tyrann“ war. Nur ein Kandidat. Und Schirach meint, wen sonst, Adolf Hitler. Aber die NSDAP verlor die Wahl 1932, die NSDAP und der von Schirach schon zum „Tyrannen“ gemachte Kandidat mußten Verluste hinnehmen, sie verloren über vier Prozent. Und wie war es in der Wahl 1933? Die NSDAP legte zu, aber immer noch weit entfernt von einer absoluten Mehrheit. Wie also wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler? Durch den Entscheid der Wähler und Wählerinnen? Oder am braunen Tisch? Wer könnte das genauer wissen als ein Schirach.

Es wird mehr und mehr verständlich, daß Schirach die Veröffentlichung seiner Festrede für die Macht untersagt. Denn. Ohne seine angenehme Stimme, ohne die weihevolle Intonierung seiner Rede, also bloß gelesen, offenbarte seine Rede nur eines: Plattheit. Und die Verwunderung, wie kann Plattes vorgetragen bloß so schön klingen. Und. Es könnte sich auf den Verkauf … Ja, wer dem „Volk“ etwas verkaufen will, und seien es Bücher, tut gut daran, dem „Volk“ zu verschweigen, was vom „Volke“ gehalten wird, wenn untereinander im Festsaale von ihm zur Macht gesprochen wird.

Und das mit der Werbung weiß Schirach ganz genau. Es wird von allen nur der eine Kaffee getrunken, den ein Schauspieler in der Werbung trinkt, und alle fahren unbequeme Autos mit offenem Dach, weil die Werbung allen nicht nur Freiheit, sondern auch das hierfür notwendige Geld durch den Bildschirm auf den geerbten und seit Jahrzehnten wackeligen Couchtisch wirft… und alle verwenden nur die eine Salbe, die eine Schauspielerin, und wenn er jetzt sagt, zu seinem Machtpublikum, es solle sich einen Mann mit Hut vorstellen, dann könne das Publikum, sagt Schirach, gar nicht anders, als seinen Mann mit Hut im Kopfe … wie schön, daß das Publikum jetzt wenigstens etwas … über den Bildschirm funktioniert es allerdings nicht, die schirasch’sche Suggestion – kein Mann mit Hut im Kopf, sondern nur die Würdigung der Rede des Mannes ohne … Eilig aber verläßt Schirach wieder die Werbung und also die Gegenwart, aus der er keinen Menschen der Philosophie zu kennen scheint zu mögen, um souverän und brillant weiter im achtzehnten Jahrhundert …

Schirach führt Rousseau an, der meinte, „der Volkswille würde stets die richtige Entscheidung treffen“. Und Schirach kommt zum polemischen und brillanten Schluß, „nach Rousseau können Trump, Putin, Erdogan oder der Brexit gar nicht falsch sein, weil sich die Menschen so entschieden haben.“ Haben sich die Menschen tatsächlich so entschieden? Etwa im Fall von Trump nicht. Nicht die Mehrheit der Menschen wählte Trump. Das Wahlsystem, das Wahlrecht machte Trump zum Präsidenten. Ist es nicht notwendiger und angebrachter, als „Volksentscheide“ zu denunzieren, über die Systeme nachzudenken, über die Gesetze? Über das, was nach den Wahlen passiert, ohne Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger? Ist nicht gerade der „Brexit“ auch ein Beleg dafür, wie notwendig es ist, die rechtlichen Bedingungen weiterzuentwickeln, darüber vor allem nachzudenken? Von Schirach ist dafür wohl nicht zu haben, seiner Herkunft verpflichtet, ist es wohl seine edelste Aufgabe, den Dünkel …

Es darf, da Schirach auch Länder als Beispiele anführt, das hier auch gemacht werden. Haben nicht die Bürger und Bürgerinnen gerade in Österreich eindrucksvoll im letzten Jahr bewiesen

Die Menschen sind klüger, als Belehrer und Belehrerinnen sie haben wollen.

und damit Schirach widerlegt, als sie nicht Norbert Hofer wählten, sondern Alexander van der Bellen zum Bundespräsidenten wählten? Alexander van der Bellen sitzt vor Ferdinand von Schirach, und was sieht Schirach? Weder Österreich noch die Schweiz, die in vielem angeführt werden könnte, um Schirach endgültig …

Oh, Schirach hingegen sieht die Türkei. Und es kommen ihm als Beispiel für den „Volkszorn“ die „zerstochenen Orangen“ als Protest gegen die Niederlande in den Sinn. War es das „türkische Volk“? Es waren Mitglieder der Jugendorganisation der AKP. Aber für Schirach ein Beleg für den „Volkszorn“.

Und gehören all die Menschen, die weltweit sich dafür einsetzen, die auf die Straße gehen, für Demokratie, für all die von Schirach beschworenen Rechte nicht zum „Volk“, woher kommen diese? Sind es Außerirdische, die in der Türkei, in Polen, in den Vereinigten Staaten, in Frankreich, in Deutschland, in Ägypten, in Tunesien, in Venezuela und in so vielen weiteren Ländern … und schlußendlich Schirach selbst, wohin gehört er selbst und woher kommt er selbst? Ist er keiner aus dem „Volk“, gegen deren Beteiligung er anredet? Er ist im Grunde einer von den Schäbigen aus dem „Volk“, die der Macht stets gefallen und der Macht nach dem Munde reden, die der Macht zuarbeiten, nicht uneigennützig freilich, das kleine Quotenlebensglück mit Fernsehen und Wochenende und Bücherregal …

Oh, Schirach verdiente es, mit Königen und Kaisern zu verkehren. Wie schade für ihn, daß es weder in Deutschland noch in Österreich noch Kaiser und Könige gibt. Denn. Schirach hat das höchste des höchsten Publikums verdient.

Allein schon für seine brillante Ausführung über die „Regeln der Natur“, nach denen der „Schwächere“ getötet wird. Und er, Schirach, feiert den Fortschritt des Menschen, der nicht nach den „Regeln der Natur“ den „Schwächeren“ tötet.

Was für ein brillanter Naturbeobachter Schirach doch ist. Jeden Tag kann, wer in der Natur unterwegs, beobachten, wie beispielsweise das Eichhörnchen die schwächere Nuß tötet, um sie für den Winter als Vorrat … oder wie die Löwin aus lauter Ärger darüber, daß der Herd immer noch nicht geliefert wurde, um Essen zubereiten zu können, die schwächere Antilope tötet und diese ungefressen einfach liegenläßt, der Haifisch kleine und also schwächere Fische tötet, und das nur, weil der Supermarkt schon geschlossen, der Hai nichts mehr für das Abendessen einkaufen kann, der Vogel tötet den schwächeren Wurm nur, um die Wartezeit schneller vorübergehen zu lassen, bis endlich das Korn auf seinem Feld reif ist, er es einbringen kann, um das für ihn so nahrhafte und vor allem lebensnotwendige Brot …

Und was für eine Erkenntnis – aufgespart von Schirach für das letzte Rededrittel –, daß es stimme, „wir werden nicht immer von Weisen regiert“. Nicht immer, das heißt, aber doch die meiste Zeit. Wie beruhigend. Zu seinen „Weisen“ fällt die von Schirach angesprochene „Schwarmintelligenz“ ein; er zählt auf, welche es noch gibt, die „Schwarmdummheit“, die … von einem Phänomen im Zusammenhang mit dem Schwarm erzählt er nicht, von dem Phänomen, das Vorgänge, Abläufe verstehen lassen kann:

Blobs Erdoğan, Trump and all the others. Secret cripples and amputated fishes. From populism and the SM-Swarm.

Oh, ohne ein Wort zum eigenen Werk, das geht nicht. Und so erzählt Schirach zum Schluß noch etwas über sein Stück „Terror“, weshalb er das doch, obwohl er gegen „Volksentscheide“ … Er brachte damit Quote, Fernsehquote, mit seinem „Terror“.

Trump, Erdoğan, Putin, Schirach, Assad May

Und was für ein Stück. Es läßt auf das Abendmahl verzichten. Es ist das Abendmahl. Schirach erzählt, er habe erlebt, wie Menschen nicht zum Essen gingen, sondern nach seinem „Terror“ blieben. Und siehe, wo ich, Schirach, bin, da wird Verfassung lebendig. Und die Menschen, erzählt Schirach seine frohe Botschaft weiter, sprachen über ihren Staat und und … zu Beginn seiner Rede sprach er noch von den Menschen, die, so er, sagen, daß sei ihr Staat, sie wüßten es besser, was für sie richtig und gut wäre; den Menschen im Anfang seines Wörterei rechnete er dies nicht hoch an, ganz im Gegenteil, ja, das werden wohl sture Menschen sein, denen die seine Terrorspeise nicht und nicht schmecken will. Nur wer das schirasch’sche Wort hört, wird in der Verfassung lebendig, auf eine gesunde Art.

Im Angesicht der gesamten Landesmacht, zu der Schirach gefällig spricht, wird Verfassung oft und oft lebendig. Denn sie muß zu oft verteidigt werden, gegen das Publikum der Schönredner zur Feste Salzburg, wie aktuell etwa gegen, kurz und brandstetterisch gesagt, die geplanten massiven Überwachungs- und Bespitzelungsgesetze. Was wird Schirach nach seiner Rede in Salzburg erleben. Das Publikum wird nicht bleiben, sondern mit ihm zum Essen eilen und schmatzend Zustimmung zu seiner …

Damit also hat er sich tatsächlich eine Einladung in die Feste Salzburg verdient; nicht nur einen Schönredner, sondern auch einen Quotenredner in diesem Jahr zu haben, darauf können die Salzburger Festspiele wahrlich stolz, fast so stolz wie auf den Jedermann, der Karl Kraus aus der Kirche vertrieb …

Und was für ein hellsichtiger Blick auf Literatur und Kunst. „Noch nie konnte Literatur, Musik oder Kunst den Volkswillen aufhalten.“ Literatur, Musik oder Kunst war wohl zu sehr damit beschäftigt, den „Volkswillen“ zu befeuern. Nein, den „Volkswillen“ erst zu erschaffen, der für Schirach der dunkle, abscheuliche … gerade mit Österreich hätte Schirach das anschaulichste Beispiel dafür abliefern können, wie auch heute noch mit ebendieser Literatur, Musik vor allem die identitäre Parlamentspartei diesen „Volkswillen“ wieder … Davon erzählt Schirach nicht. Dafür. Voltaire habe eine Geschichte geschrieben, und das sei es, was „Schriftsteller immer tun sollten“, eine Geschichte erzählen. Geschichten würden „uns anrühren“. Nicht die Philosophie. Und sie erzählen wie er Geschichten, die anrühren, den „Volkswillen schaffen; von rekonstruieren will gar nicht erst gesprochen werden, ist es doch ein Begriff, der im achtzehnten Jahrhundert, kurz und schlicht gesagt, es soll niemand überfordert werden …

Empfand sich das „Volk“ stets schon grimmig „ohne Raum“

Der freiheitlichen ZZ ist eine Wiederlesung von Hans Grimm, einem der Lieblinge Adolf Hitlers, schon eine recht werte Empfehlung

oder brachte nicht erst Grimm den Gram darüber, vor lauter Raum ohne Raum zu sein, diese Idee in das „Volk“? Lud nicht erst er, also Grimm zum Beispiel, das „Volk“ dazu ein, ohne Amputation an Phantomschmerzen zu leiden?

2015 legte die schöne Platte Rüdiger Safranski auf. Er trug Verse aus dem Rosenkavalier von Richard Strauss vor, unterbrochen durch irgendwelche Ausführungen über die Zeit. Die Marschallin hat es ihm wohl angetan. Vielleicht war Strauss eine Verlegenheitslösung, weil „Das Migrationsproblem“ noch nicht erschienen war. Ein Buch, das Safranski verschenkte, weil es ein „sehr sehr gutes Buch“ ist. Oder er hätte aus „Finis Germania“ vorgelesen, das er zwar kritisch sieht, aber doch in der Tradition der „Nachtgedanken“ von Heine bis … und brillanten Stellen. 2015 aber auch noch nicht auf dem Markt. Erschienen in Verlagen … Aber das kann ja noch nachgeholt werden; vielleicht schon im nächsten Jahr — —

2018 wird wer die schöne Altplatte auflegen? Vielleicht Götz Kubitschek? Im letzten Jahr hat er es bereits bis in den Vorort von Braunau geschafft. Weshalb nicht schon 2018 in die Feste Salzburg? 2018 wird es in Österreich eine neue Regierung geben, nicht legitimiert durch eine absolute Mehrheit in der Nationalratswahl am 15. Oktober 2017, also eine Koalition, aber am Tisch, von dem nicht gewußt wird, welche Farbe er hat, ohne grünen Bezug.

Salzburger Festreden - Clark - Liessmann - Safranski - Schirach

 

Vom Parlament, vom Rathaus nur eine Armlänge zur Stöhr

Vom Parlamnt vom Rathaus nur eine Armlänge zur Stöhr.png

Was würde eine Buchhandlung über die Menschen, die sie aufsuchen, erzählen können? Was erzählte Stöhr über ihre Käufer und Käuferinnen?

Es wird gewußt, was die Unzensuriert über Stöhr schreibt: Lob und Empfehlung. Und vor allem, bei ihr die Bücher zu kaufen, die Unzensuriert ans Herz legt, zum Beispiel: Alain de Benoist, „Kulturrevolution von Rechts“. Ein Buch als Mittel, also als Medikament gegen die Krankheit, unter der gerade Leserinnen und Leser der Unzensuriert bevorzugt zu leiden scheinen, Österreich, gerade Österreich sei schwer, unheilbar erkrankt am linken Hegemonialsyndrom.

Vielleicht erzählte Stöhr von einem solchen Tag, an dem vorwiegend Männer auf ihrem abendlichen Nachhauseweg vom Rathaus und vom Parlament bei ihr noch hineinschauen, um die Bücher zu erwerben, von denen sie tagsüber im Parlamentsbüro oder während einer Gemeinderatssitzung in der Unzensuriert gelesen hätten, um sich gegen das linke Hegemonialsyndrom zu immunisieren, aber auch, wenn sie noch Fakten und Daten benötigen könnten etwa für eine bevorstehende Reise zu einem Kongreß, zu dem sie als Referenten, seltener als Referentinnen eingeladen …

Manch ein Mann braucht vielleicht nur neuen Stoff für die lange Bahnfahrt nach Hause, ins Oberösterreichische

Manch ein alter Mann kommt vielleicht nur vorbei, um beim Anblick der Waffen in den Büchern und Magazinen zu träumen, wie aus seiner Wohnung eine Kaserne wird, um alle Waffen unterzubringen, die er in der Wirklichkeit nicht haben darf, und davon, wie er das Gesetz verhaftet, weil es ihm Böses antut.

Denn, sagte die Stöhr. Es ist nicht weit vom Rathaus, vom Parlament zur ihr

Vielleicht erzählte Stöhr auch von ihrem Traum, der sich eines baldigen Tages ihr erfüllen möge, darum bete sie ihre Rosenkränze fünf- bis achtmal am Tage, wenn nicht nur vom Rathaus, nicht nur vom Parlament, sondern auch vom Bundeskanzleramt vorwiegend Männer auf ihrem abendlichen Nachhauseweg bei ihr noch hereinschneien …

Denn, sagte die Stöhr. Auch vom Bundeskanzleramt ist es gar nicht weit zu ihr. Eine durchgestreckte Armlänge, mehr nicht, wie Stöhr kurze Distanzen dabei recht anschaulich beschriebe.

Habe Sie noch weitere Träume, für die sie bete, könnte die Stöhr gefragt werden. Und sie erzählte dann vielleicht von ihrem Traum, eines baldigen Tages zu einer Lesung zu ihr einladen zu können, von einer jetzt schon hochgestellten Person, die dann noch höhergestellt …

Was könnte die Stöhr noch gefragt werden? Vielleicht. Ob sie nicht Befürchtungen habe, eines Tages könnten andere Herren bei ihr vorbeischauen und ihre Bücher und Magazine genauer unter die Lupe … Nein, das müßte die Stöhr nicht gefragt werden. Die Bücher und die Magazine der Stöhr sind ja schon die Antwort darauf, und vielleicht finge dann ein Roman über die Stöhr so an, der im von der Unzensuriert recht empfohlenen Jungbrunnenverlag erscheinen könnte, geschrieben von einem Manne mit einem recht ausgewählten Pseudonym, zum Beispiel kurz, aber doch prägnant: Dietrich …

Und ein Dietrich entlehnte oder – wie es der Lieblingsbeschäftigung in diesen Kreisen angemessen wäre – kopierte einen Anfangssatz von einem Roman, dessen Titel er aber gesinnungsgemäß nicht kopieren könnte, sondern umzuschreiben hätte auf Das Tribunal:

Jemand musste S. verleumdet haben, denn ohne dass sie etwas Böses getan hätte, wurde sie eines Morgens verhaftet.

Zur Stöhr ists nicht weit für recht belesene Herren

 

Wie Jedermann es schafft, das dem Magistrat lange nicht gelingt, Karl Kraus endlich aus der Kirche zu vertreiben.

Es muß doch einmal, weil es gar zu köstlich ist, erzählt werden, wie es dazu kam, daß Karl Kraus wieder aus der römisch-katholischen Kirche austrat. Der gefundene Anlaß dafür ist weniger köstlich. Aber, wie es so schön heißt, der eine ist so gut wie der andere schlecht. Die Copysite der identitären Parlamentspartei lobt an diesem Sonntag im Juli 2017 die Salzburger Sommerfestspiele. Und wenn an so einiges gedacht wird, darf vermutet werden, um vor allem wieder und ein weiteres Mal ihren Dichter mit dem „ausgeprägten Patriotismus“ unterzubringen.

An diesen „ausgeprägten Patriotismus“ sollen die Wählerinnen und Wähler vor allem am 15. Oktober 2017 denken, wenn sie zur Wahl gehen. Das hier aber nur nebenher. Denn es geht ja um das Köstliche von Karl Kraus. Wie der Magistrat es schafft, ihn länger in der Kirche zu halten, als er, Kraus in diesem Organisierten Glauben eigentlich bleiben wollte.

Wie dem immer sei, ich wurde Katholik und ich blieb es wunderbarer Weise noch während des Weltkriegs, was sich aber der erklärenden Vernunft aus der einfachen Tatsache erschließt, daß man hierzulande, um eine Angelegenheit der Weltanschauung in Ordnung zu bringen, zum Magistrat gehen muß und ich, der bis in den Morgen zu arbeiten pflegt, die Amtsstunden verschlafe. Nun aber habe ich nicht nur erfahren, daß die Menschheit durch die von der katholischen Kirche gesegneten Waffen zugrundegegangen ist und dieser nichts übrig blieb, als für das Ergebnis die Muttergottes mit der Tapferkeitsmedaille auszuzeichnen, sondern ich weiß auch, daß der überlebende Teil der Menschheit vor dem Verrecken bewahrt werden könnte, wenn die Muttergottes sich entschließen wollte, ihre Schmeichler zur Auslieferung der Gold- und Silbervorräte, zu nichts nütze als gehabt und vor den Augen des Hungers ausgestellt zu werden, zu überreden. Aber nicht genug an dem: die katholische Kirche, die nicht einmal zu einem kostenlosen Bannstrahl gegen die Dynasten zu haben war, welche den Völkern das Ultimatum der Pest und der Syphilis überbracht haben, die größte Hiobspost seit Erschaffung der Welt, doch die einzige, die zugleich die Entschädigung bot, ein Uriasbrief ihrer Verfasser zu sein — die katholische Kirche, die nicht fluchen, nur segnen konnte, hat zum Schaden den Spott gefügt, indem sie sich herbeiließ, das große Welttheater der zum Himmel stinkenden Kontraste, wo die Komödianten nicht spielen können und von den Pfarrern gelehrt werden müssen, in eigene Regie zu übernehmen und jenen Hofmannsthal aufs Repertoire zu setzen, der sich auf das Leid der Kreatur einen gottgefälligen Vers machen kann und dessen Schwager, ein Pater namens Benvenuto Schlesinger, im Vatikan ein- und ausgeht. Angesichts aller dieser Umstände und weil ein Salzburger Hotelgeschäft wie der Wiener Literatur zugutekommt und weil es der Fürsterzbischof gewollt hat, daß Ehre sei Gott in der Höhe der Preise, sehe ich mich genötigt, aus der katholischen Kirche auszutreten, nicht nur aus Gründen einer Menschlichkeit, die bei den Hirten in so schlechter Obhut ist …

So also hielt der Magistrat Karl Kraus länger in der Kirche, als er in der Kirche sein wollte. Aber Jedermann vor der Pforte schaffte es schließlich, Kraus aus dem Bett und aus der Kirche zu vertreiben.

Das Urteil von sogenannten zeitgenössischen Menschen ist nicht selten falsch, nicht selten ungerecht, nicht selten erkennen sie den Wert eines Werkes nicht und erst spätere Generationen … im Falle von dem Jedermann hat sich Karl Kraus in keiner Weise geirrt. Jedermann wird immer noch gespielt, er ist aufgestiegen zum österreichischen Heiligen, und wer ihn spielen darf, ist nicht nur mit höchster österreichischer Ehre geweiht, er darf sich fortan als auserwählt fühlen, der alles spielen kann, selbst Gott, freilich seine österreichische Ausgabe, aber Österreich ist Österreich die Welt …

Und soher kann generell gesagt werden: Was aber gestiftet, in Österreich bleibet davon stets das Schlechteste.

Übrigens, den recht geliebten Dichter mit dem „ausgeprägten Patriotismus“ der identitären Parlamentspartei erwähnt Karl Kraus in „Vom großen Welttheaterschwindel“ nicht. Weshalb sollte auch ein Karl Kraus sich mit einem abgeben, der damals und vor allem heute ohne jedwedes Bleibendes ist, außer gesinnungsgemäß für die identitäre Parlamentspartei mit ihrem rechten Hang zum Wiederbeleben eines „ausgeprägten Patriotismus“.

Als Jedermann Karl Kraus aus der Kirche vertrieb - Salzburger Festspiele.jpg

 

documenta neunzehnfünf

Nach einem im Keller verbrachten unruhigen Tag eingeschlafen. Sogleich stellt sich ein Traum ein, aber ein mit Bildern geizender Traum. Nur ein einziges unbewegtes Bild

Documenta - Kasseltraum

zu Johann Messe, der aus seinem Kasselroman liest, aber nur eine einzige Stelle, immerzu nur diese eine einzige Stelle, als wäre diese eine einzige Stelle der gesamte Roman, und da der Traum nur dieses eine einzige Bild bereit ist herzugeben, erstaunt es nicht, beunruhigt es nicht, es muß damit abgefunden werden, daß auch der Roman nur diese eine einzige Stelle schon der gesamte Roman ist, und der Traum muß es sich gefallen lassen, Geizhals gescholten zu werden.

am ende ist das alles was bleibt dachte ich der blick zurück auf nichts vielleicht wollte ich deshalb plötzlich verzweifelt nach vorne schauen doch was ich dort sah war genau das wovor ich floh die bedrückende wirkung die eva brauns parfümflakon auf mich hatte und natürlich die unwiederbringliche vergangenheit die ich glaubte überwunden zu haben einschließlich meines rundgangs durch das im fridericianum ausgestellte gehirn ich befand mich in deutschland und fragte mich andauernd ob ich wirklich dort war auf der königsstraße dem hessenland zu und andauernd welche verbindung es wohl zwischen avantgardekunst und dem handtuch geben mochte das Adolf hitler gehört hatte kurz gesagt es tat mir in der seele weh zu sehen dass kriegsverbrecher und gegenwartskunst sich verbanden und sei es nur in der kunst

Und dazu ständig noch, aber nur der Refrain

ich möchte lieber nicht

ist zu hören, geträllert von Johann Messe, der, wird ebenfalls zugleich oder zeitgleich von einer dritten Johann-Messe-Stimme nerventötend gewispert, zu dem der Traum, wie ihm zum Beweis, gieriger und geiziger als Grandet, mehr noch, gar der Vater des Geizes zu sein, kein einziges weiteres Bild herzeigen will, nur dieses eine einzige Bild mit dem ordentlich gefalteten oder hingelegten Handtuch … Johann Messe sitzt dabei stramm in einer Badewanne in der Küche einer Villa und ihm trägt Johann Messe, der Johann Messe immerzu bloß mit diesen vier Wörtern mehr sprechend als singend dazu die Begleitmusik macht, immerzu diese eine einzige Passage …

ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich ich möchte lieber nicht ich möchte lieber nicht ich

Die Einordnung von Jonathan Meese in die Alltagskunstgeschichte

Einordnung von Jonathan Meese in die Alltagskunstgeschichte

Im Keller sitzend, zwischen den Bananenschachteln, in denen die aussortierten Bücher ordentlich verstaut sind, will doch nicht gleich die Suche nach einer Erklärung abgebrochen werden, weshalb zur eigenen Überraschung die Schriften zur Diktatur der Kunst bereits aus der Bibliothek in der hellen Wohnung auf der einundzwanzigsten Etage genommen und hinunter in den Keller zu den aussortierten und in Bananenschachteln ordentlich verstauten Büchern gefahren wurden, wird nicht weiter in den Schriften zur Diktatur der Kunst, in denen ein Artikel überraschend gefunden wurde, wie im vorherigen Kapitel

Die Vertreibung von Bazon Brock ins Paradies

… geblättert, die, eine plötzliche Eingebung, zur Klärung nichts beitragen werden können, sondern das Smartphone aus der Tasche gezogen, um fünf Filmchen anzusehen, mit Jonathan Meese:

Intervention, Kunsthistorisches Museum Wien, 12. Mai 2017

Jonathan Meese über Luther und die Avantgarde

Jonathan Meese in Wittenberg in der Zelle der Diktatur der Kunst

Jonathan Meese, Propagandarede, Akademie der Bildenden Künste, Wien

Jonathan Meese, Bundesverfassungsgericht, Karlsruhe, 2.12.2015

Alltagsgeschichte - In der Akademie mit Jonathan Meese und HitlergrußWährend des Abspielens der Filmchen kommt die Idee, sich Notizen zu machen, um etwas darüber zu schreiben, darauf einzugehen, was Johann Messe … in Wien wird es geliebt, von sogenannten freudschen Versprechern zu reden, muß gedacht werden, als zur eigenen Überraschung gelesen werden muß, Johann Messe statt Jonathan Meese …aber das ist kein freudscher Verschreiber, sondern der Name, den Jonathan Meese selbst hervorruft, wenn ihm zugehört wird – Johann Messe, das Hänschen, das mit seiner Mami zur Messe geht, obgleich es keine Religionen mag, alle Religionen abschaffen möchte, zu seinem Heile der Diktatur der Kunst, das Hänschen, das mit seiner Mutti zur Messe geht, und weil es zu seinem Heile in Deutschland und in Österreich so demokratisch zugeht, darf das Hänschen in der Messe selbst predigen, die Diktatur der Kunst herbeireden, anrufen, beschwören, ausrufen, die Weltdiktatur der Demokratie anklagen, und was aus seinem Munde rinnt, ist der Bierhansl, und das Abgestandene schäumt vor seinem Munde, als wäre Hänschen selbst ein frisch angezapftes Bierfäßchen, und das Hänschen freut sich, daß es so schön schäumen kann, auch das Muttchen freut sich mächtig stolz, daß ihr Hänschen so weiß schäumt …

Ja, da kann Mutti tatsächlich mächtig stolz auf ihr Hänschen blicken … Ach, was Hänschen doch von der Zukunft und gegen die Vergangenheit schäumen kann, und ist selbst bloße Nostalgie

Es werden keine Notizen gebraucht. Denn. Welche Notizen sollen allein zu diesen fünf Filmchen gemacht werden. Notizen werden gemacht, um auf etwas eingehen zu können. Aber auf Inhaltslosigkeit kann nicht eingegangen werden. Und eine plötzliche Eingebung ist die Rettung, mit der der Keller und das Hänschen mit seinem Spuckeschaum nun doch rasch wieder verlassen werden kann, ohne je wieder darüber nachdenken zu müssen, ohne je wieder sich daran erinnern zu müssen, genauso wie es immer gemacht wurde, wenn eine Folge von „Alltagsgeschichte“ angesehen wurde … Alltagsgeschichten, in denen zuhauf diese armen Gemeindebauseelen in ihren Jogginganzügen an ihren Bierhanslgläsern zuzelnd … Nur auf Festen, wenn es droht, daß der Gesprächsstoff ausgeht, erinnern sich Menschen stets dankbar an die Alltagsgeschichten von Elisabeth T. Spira, die immer garantieren, daß Gespräche wieder in Gang kommen, es lustig wird, es etwas zum Lachen gibt, und es ist stets auch wohliger Schauer dabei, und Verwunderung, auch Hochachtung für Elisabeth T. Spira, wie sie es immer wieder schaffte, in welche Souterrainbeisln sie immer wieder steigen mußte, um solche Typen vor die Kamera zu kriegen, die sich vor sich und vor keinem Menschen je genieren, das Abwegigste zum Gaudium …

Alltagsgeschichte ohne Spira - Jonathan Meese

Wie gut, wird beim Verlassen des Lifts auf der einundzwanzigsten Etage plötzlich gedacht, daß Hitler heutzutage Künstler sein kann, aber auch, wie gut, daß Mao heutzutage Lyriker sein kann. Das mag jetzt hoffnungsvoll und zuversichtlich klingen, als hätte es in der Welt seit damals tatsächlich eine positive Entwicklung gegeben, aber ist bloße Beruhigung, ein paar weniger, die sich ein anderes Betätigungsfeld suchen müßten, ein Feld, auf dem sie tatsächlich Schreckliches anrichten könnten, ein Schlachtfeld hinterlassen könnten.

Wieder in der hellen Wohnung auf der einundzwanzigsten Etage, zwar ohne Notizen, kann ein Gedanke dennoch nicht unausgesprochen bleiben, muß doch – wer ohne Inkonsequenz ist, werfe den ersten Stein – auf eines eingegangen werden. In der Wittenbergzelle fordert Johann Messe auf, „kein Mitläufer“ zu sein. Wie seltsam, diese Aufforderung, diese Forderung, „kein Mitläufer“ zu sein. Irgendwer ruft dazu auf – das hat mit Jonathan Meese schon fast nichts mehr zu tun, denn gegen das Mitläufertum sind heutzutage viele, ganz besonders jene aus dem sogenanten Kunstmilieu -, bei einer Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ mitzumachen, und schon laufen viele hin, um mitzumachen, Luther ihre Referenz zu erweisen, mitzulaufen für Luther, gerade für Luther …

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