Roman en carte postale

Es werden lange, sehr lange Romane geschrieben. Romane, mit Hunderten von Seiten. Der Umfang, Gradmesser der Qualität. Die Schriftsteller, Seitenrenner. Jene mit den meisten Seiten im Ziel ist die Siegerin. Die Weltmeisterin aber jene, der mit seinem Roman die Hürde Tausend weit überschreibt. Einmütig wird die Respektkrone dem gereicht, die so viele Seiten, so viele Seiten schafft zu schreiben. Eine Romanautorin mit einer gestern rekordapplaudierten Seitenanzahl, die heute von einem Romanautor mit noch mehr Seiten überrundet wird, bekommt morgen keine Chance auf ein zweites Rennen.

Roman en carte postale - BKEs werden lange, sehr lange Romane geschrieben, als ob es noch die Zeit gäbe, lange, sehr lange Romane zu schreiben, als ob die Welt noch ewig stünde, lange, sehr lange Romane zu lesen.

Es ist nicht die Welt, der vertraut werden kann, die Zeit zu haben, lange, sehr lange Romane zu schreiben. Es ist nicht das Leben, von dem, wenn es endet, gesagt werden kann, alles getan zu haben, wenn die Welt eines Tages, der heute sein kann, endet, so vorstellbar ist das Enden geworden, und so bitter die Erinnerung an Verse der Einladung, sich vorzustellen, wenn dies alles eines Tages endet, in dieser Zeit nun, in der es keine andere Vorstellung mehr gibt, als jene, die Welt endet eines Tages, der heute sein kann, an dem nicht zu sagen sein wird können, alles getan zu haben, was getan hätte werden müssen. Um diese Bitternis, die ohnehin nicht geschmälert werden kann, nicht noch bitterer zu machen, noch bitterer dadurch, daß ein nicht abgeschlossener Roman neben dem toten Körper liegt, wenn die Welt eines Tages, der heute sein kann, endet, sind die Romane, die noch geschrieben werden können, bloß noch jene, die mit dem Platz auf einer Postkarte ihr Auslangen finden.

Wenn eines Tages, der heute sein kann, die Welt endet, kann gesagt werden, wenn die Sekunde dafür noch gegeben ist, der Roman ist zu Ende gebracht, wenigstens, der Roman ist abgeschlossen. Und “Ein mondialisierter Mann richtet sein Lebensglück” wird, soweit will gehofft werden können, gar noch verschickt werden können, in der ersten Stunde, die nicht mehr zum heutigen Tag gehört. Ob dieser dann noch empfangen, gar noch gelesen werden wird können, wer will darauf noch wetten.

Das Werk ist abgeschlossen, wenigstens dieser Anspruch an das Leben, der Schreibenden lebensausladend ist, ist erfüllt.

Morgen? Wird es das Morgen noch geben, um einen weiteren roman en carte postale zu schreiben, gar abschließen zu können? Wird es ein weiteres Mal in Kauf genommen werden können, der Bitternis die Bitternis hinzuzufügen, wenn die Welt, die eines Tages, der heute sein kann, endet, wenn die Erde, wie der Mensch sie kennt und bewohnt, endet, neben einem unfertigen roman en carte postale nicht leicht zu liegen und, wenn die Sekunde noch gegeben ist, denken zu müssen, nicht einmal für einen roman en carte postale hat es gereicht, das Leben.

2 Gedanken zu „Roman en carte postale

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