Friedhöfe werden von nicht wenigen Menschen besucht, nicht wegen der Toten, sondern weil sie eine Vorliebe für Grabinschriften haben; sie schlendern durch die Reihen, stets auf der Suche nach originellen, nach lustigen, nach makaberen Sprüchen, verweilen ab und an bei so mancher Inschrift lange, die ihnen besonders erscheint. Auf die Namen auf den Grabsteinen achten sie dabei wenig, vielleicht noch auf das Geburts- und Sterbedatum, um auszurechnen, wie alt so ein Mensch geworden ist, dem seine sogenannten Hinterbliebenen einen gar seltenen Spruch auf den Grabstein schreiben ließen …
Dabei sind auch die Namen der Toten es wert, beachtet zu werden, weil sie mehr erzählen, als nur, daß ein Mensch mit diesem Namen hier begraben liegt, es sind allenthalben Namen, die unabhängig von den Begrabenen und über die Begrabenen hinaus auf die Geschichte verweisen, Namen die an Geschichte eines Landes erinnern, mit der die Begrabenen gleichen Namens nichts …
Auf dem Friedhof Annabichl in Klagenfurt gibt es ein Grab, das in diesem Sinn ein besonderes Grab ist. Denn. Es lädt nicht nur mit seiner Inschrift
Nur aus Vergangenem und Gegenwärtigem zugleich baut sich die Zukunft auf.
zum Anhalten ein, sondern auch mit seinen Namen, die gänzlich unabhängig von den in diesem Grab Bestatteten Anlaß geben, Geschichte zu erinnern.
Natürlich würde, wer vor diesem Grab steht, sofort meinen, es sei der Name „Friedrich Rainer“, der erinnert, ja, der auch, aber „Rainer“ erinnert mehr als nur an diese Familie, er sondern an die Geschichte dieses Landes, die in ihrer Kenntlichkeit mehr von Interesse ist, als die in diesem Familiengrab …

„Zlupetzky“ ist auch so ein Name auf diesem Grabstein —
Zlupetzky, zu diesem Namen fällt sofort ein:
Anton Zlupetzky (* 19. Jänner 1899 in Wien; † 2. September 1987 in Linz)[1][2] war ein österreichischer Unternehmer und Nationalsozialist, dessen Firma im nationalsozialistischen Deutschen Reich ab 1942 das Gas Zyklon B in das KZ Gusen, das Zwillingslager des KZ Mauthausen, lieferte. Für die Beteiligung am Mord von mehr als 150 Menschen im KZ Gusen wurde er 1947 während der Dachauer Prozesse zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Am 21. Dezember 1949, sieben Monate vor Ablauf der angesetzten Strafe, wurde Slupetzky aus der Haft entlassen.[3] Nach seiner Entlassung wurden gegen Slupetzky weitere Strafverfahren geführt. Das Volksgericht Linz und später das Landesgericht Linz beantragten 1950 die Fortsetzung der Erhebungen bezüglich der schon in Dachau verfolgten Tatbestände, da die genauen Umstände seiner Beteiligung (u. a. Vorsatz) beim Prozess in Dachau ungeklärt blieben. Weiters umfassten die gerichtlichen Untersuchungen die Misshandlung von Zwangsarbeitern in der Entlausungsanlage Linz. Beide Verfahren wurden jedoch eingestellt. Der älteste Sohn von Anton Slupetzky, der ehemalige Linzer HJ-Führer Komm.-Rat Erich Slupetzky war von 1978 bis 1983 Bundesobmann des ÖTB und FPÖ-Politiker.
Erich Slupetzky, der Sohn, Friedrich Rainer, der Sohn, die Tochter – österreichische Familientradition, nicht nur in Kärnten, nicht nur in Oberösterreich, auch in der Steiermark …
Der älteste Sohn von Anton Slupetzky war während des Deutschen Reiches Führer der Linzer Hitlerjugend. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurde er im Rahmen der Soucek-Rössner-Verschwörung, dem ersten prominenten Fall nationalsozialistischer Wiederbetätigung in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg mit 80 weiteren Personen verhaftet und ins Gefangenenhaus Graz eingeliefert.[2] 1952 gründete Slupetzky ein Großhandelsunternehmen zum Handel und Vertrieb von chemischen Rohstoffen. Für seine berufliche Tätigkeit wurde ihm der Titel Komm.-Rat verliehen.[3] Von 1960 bis 1973 war er Obmann des Turnvereines Linz 1862, von 1962 bis 1973 Obmann-Stellvertreter des Allgemeinen Turnvereines Linz und von 1973 bis 1977 Erster Bundesobmann-Stellvertreter des ÖTB. Schließlich wurde Slupetzky 1978 zum Bundesobmann des ÖTB bestellt. In seiner bis 1983 dauernden Obmannschaft wurde die Schreibweise der Bundesturnzeitung vom Wiener Landesgericht als neofaschistisch rechtskräftig festgestellt.[4] Weiters war Slupetzky Inserent in den Mitteilungen der Wohlfahrtsvereinigung der Glasenbacher.[4] 1986 unterstützte er die Kandidatur von Otto Scrinzi bei der Bundespräsidenten-Wahl.[4] Im Oktober 1991 kandidierte er für die FPÖ bei der Linzer Gemeinderatswahl.[2][4][5]
Und dann gibt es auf diesem Grabstein noch einen Namen, einen Namen von solch einer Seltenheit, Besonderheit — „Marbod“, der dazu verleitet, herausfinden zu wollen, was und wer war der Begrabene mit dem Namen „Marbod Bayer“. Kein Hinweis, und das steigert das Interesse noch, auch auf eine verwandschaftliche Zugehörigkeit zu Rainer, zu Zlupetzky … Ein Name, der die Grenzen des Internets aufzeigt. Denn. Zu diesem Namen sind nur fünf Einträge zu finden, und die verweisen alle fünf auf die Website „Ancestry“, und auf dieser ist nur zu lesen:
Marbod Bayer – Sterbedatum 1994 – Friedhof Annabichl Zentralfriedhof – Ort der Bestattung oder Kremation Annabichl, Klagenfurt am Wörthersee Stadt (Klagenfurt), Carinthia (Kärnten) (Kärnten), Austria (Österreich) Hat Biografie? N
„Hat Biografie? N“ … Das „N“ für „No“, für „Nein“? Was muß das für ein Leben gewesen sein, so ganz ohne Biographie? Ein Wünschenswertes, gestorben zu sein, ohne geboren worden zu sein; jedenfalls hat das Internet über dieses Leben nichts zu berichten, außer Sterbedatum und Bestattungsort … Und wer nur nach dem Namen „Marbod“ allein sucht, landet beim „König der Markomannen in Böhmen, gelangte zur Herrschaft um 10 vor Chr., wurde gestürzt 19 nach Chr., starb in Ravenna 41 nach Chr. Neben Armin ist M. die hervorragendste Gestalt unter den Germanen jener entscheidenden Tage“ … und landet bei der Gedenkstätte „Walhalla“ in Regensburg, in der auch Marbod mit einer Gedenktafel geehrt …
Die Walhalla ist Eigentum des Freistaats Bayern. Jeder Deutsche und jede deutsche Interessengruppe kann eine zu ehrende Persönlichkeit aus der germanischen Sprachfamilie frühestens 20 Jahre nach deren Tod vorschlagen und trägt dann gegebenenfalls die Kosten für die Anfertigung und Aufstellung der Büste. Über die Neuaufnahmen entscheidet der Bayerische Ministerrat.
Beim Lesen der Namen der Wallhalla-Geehrten der Gedanke, ob die alle, würden sie noch leben, damit einverstanden wären, an einen Platz vereint gestellt zu sein, ob sie zugestimmt hätten, etwa ein Richard Strauss neben einer Sophie Scholl …
Was der biographielose Marbod Bayer sprach, wenn er sprechen konnte? Was Heinrich von Kleist Marbod sprechen ließ, in der „Hermannsschlacht“, nun, das ruft Marbod auch in Erinnerung:
Heil, ruf ich, Hermann, dir, dem Retter von Germanien!
Und wenn es meine Stimme hört:
Heil seinem würdgen Oberherrn und König!
Das Vaterland muß einen Herrscher haben,
Und weil die Krone sonst, zur Zeit der grauen Väter,
Bei deinem Stamme rühmlich war:
Auf deine Scheitel falle sie zurück!

So viele Erinnerungen können Namen auf Grabsteinen hervorrufen, und solch kryptische Sprüche auf Tote können aber auch außerhalb von Friedhöfen gelesen werden, etwa auf der Mölkerbastei —
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