„Entdeutschen“

Was für ein Witz!

Was für ein Witz auch dieser Ein-Satz-Witz doch ist. Der unbedingt zu erzählen ist:

Harald Vilimsky liest Gerald Grosz, um „seinen Horizont doch deutlich zu erweitern“.

Die Pointe in diesem einsätzigen Witz

„seinen Horizont doch deutlich zu erweitern.“

ist von Hararld Vilimsky selbst, so viel Ehre, ihn als Urheber zu nennen, darf ihm unumwunden zugestanden werden.

Ein Meister des Witzes ist gesinnungsgemäß Gerald Grosz,

der Brunnen des Witzes, aus dem ganze Bücher des Witzes, dessen Pointen er mit seinem Knicker zuspitzt, heraussprudeln, hochgepumpt vom Wolfgang Dvorak-Stocker, der die hochgepumpten Witze eimerweise in Bücher gießt, und wenn

Wolfgang Dvorak-Stocker mal keine Eimer voll Bücherwitze aus dem Brunnen zieht, versucht er sich selbst als Witzeschreiber

daß Deutschland jeden Tag wieder etwas deutscher wird – und Österreich genauso.

mit einem Horizont, der an den von Harald Vilimsky nicht heranreicht, obgleich sie beide, Vilimsky wie Dvorak-Stocker aus demselben Brunnen der Horizonterweiterung schöpfen, aber Dvorak-Stocker dürfte im Gegensatz von Vilimsky Nietzsche gar nicht kennen, gar nie gelesen haben, der schreibt:

Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen. —

Das, worin man die nationalen Unterschiede findet, ist viel mehr, als man bis jetzt eingesehen hat, nur der Unterschied verschiedener Culturstufen und zum geringsten Theile etwas Bleibendes (und auch dies nicht in einem strengen Sinne). Deshalb ist alles Argumentiren aus dem National-Charakter so wenig verpflichtend für Den, welcher an der Umschaffung der Überzeugungen, das heißt an der Cultur arbeitet. Erwägt man zum Beispiel was Alles schon deutsch gewesen ist, so wird man die theoretische Frage: was ist deutsch? sofort durch die Gegenfrage verbessern: „was ist jetzt deutsch?“ — und jeder gute Deutsche wird sie practisch, gerade durch Überwindung seiner deutschen Eigenschaften, lösen.

Wenn nämlich ein Volk vorwärts geht und wächst, so sprengt es jedesmal den Gürtel, der ihm bis dahin sein nationales Ansehen gab: bleibt es bestehen, verkümmert es, so schliesst sich ein neuer Gürtel um seine Seele; die immer härter werdende Kruste baut gleichsam ein Gefängnis herum, dessen Mauern immer wachsen. Hat ein Volk also sehr viel Festes, so ist dies ein Beweis, daß es versteinern will, und ganz und gar Monument werden möchte: wie es von einem bestimmten Zeitpuncte an das Ägypterthum war. Der also, welcher den Deutschen wohl will, mag für seinen Theil zusehen, wie er immer mehr aus dem, was deutsch ist, hinauswachse. Die Wendung zum Undeutschen ist deshalb immer das Kennzeichen der Tüchtigen unseres Volkes gewesen.

1879, vor einhundertundvierundfünfzig Jahren schrieb dies Friedrich Nietzsche in seinem Buch, das von ihm bestimmt „für freie Geister“ … Es ist menschlich, allzumenschlich, als Freier von Geist kein Buch, das für freie Geister ist, je in die Hand nehmen zu wollen und noch weniger, es zu lesen.

Harald Vilimsky hingegen hat einen Merchandisingartikel erworben: die Nietzsche-Peitsche, die er als seine Zunge sich hat einsetzen lassen, und ganz in Bewunderung dieser von ihm selbst vorgenommenen Transplantation kann Petra Steger ihn dafür nur mit einem „Danke, lieber Harald!“ grüßen, und die der Zungenpeitscherei beiwohnenden Journalisten darüber ganz und gar in Wunderung erstarrend verbleibt den Journalistinnen nur eines, ergriffen dazu zu schweigen, der Peitschennummer angemessen dem Zungenpeitschenakrobaten und seiner ihn dabei assistierenden Truppe ernsthafte Fragen zu stellen.

Hans Rauscher hätte das als Rezension der Zungenpeitschennummer gar nicht mehr fragen müssen: „Was tun mit Vilimsky?“ Und auch seine Antwort hätte er nicht mehr schreiben müssen: „Frauenhasser mit Kalkül gehören konsequent bekämpft – nicht nur von den Frauensprecherinnen anderer Parteien.“ Am 19. Juli 2024. Denn. Auf die Frage wurde ja im Angesicht der Zungenpeitsche von den Journalistinnen unmißverständlich reagiert. Die Antwort gaben ja im Angesicht der Zungenpeitsche eindrucksvoll die Journalisten.

Es ist, und auch das ist Harald Vilimsky zuzugestehen, eine wahre Horizonterweiterung, den Untertanen zu lesen, eine wahre Quelle der Erkenntnis, Absatz für Absatz, Kapitel für Kapitel … Petra Steger würde wohl Gerald Grosz nach seiner Lesung einer Passage aus dem Untertanen mit seiner Hauptfigur als Vorgestalt und Nachgestalt mit Danke, lieber Gerald! zuwinken …

Allein schon der Beginn, nicht nur erkenntnisreich, nicht nur horizonterweiternd, sondern auch eine Freude des Lesens:

Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ er im Winter die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und Fliederbäumen das hölzerne Fachwerk der alten Häuser stand. Wenn Diederich vom Märchenbuch, dem geliebten Märchenbuch aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen, halb so groß wie er selbst! Oder an der Mauer dort drüben stak bis zum Bauch in der Erde ein Gnom und schielte her!