Kärnten, Land der Lyrik

Ein Denkmal in Unterburg am Klopeiner See der Ortsgruppe St. Kanzian des Kärntner Abwehrkämpferbundes hat den Ärger durch einen erzwungenen Halt wegen einer Radpanne direkt vor dem Mal sofort verscheucht, da die Gedenktafel von solch erlesener Raffinesse ist, daß an diesem Gründonnerstag im April ’26 sofort gedacht werden mußte, wie bildungsreich der Abwehrkämpferbund doch ist.

Mag der Abwehrkämpferbund in seiner Bescheidenheit nicht selbst davon sprechen wollen, mit welch erlesener Raffinesse, mit welch hohem literarischen Anspruch die Tafeln beschrieben wurden, vor nun fünfzig Jahren, so soll es für ihn getan werden, als Zeugnis dafür, wie bildungsreich er es versteht, ein Mal zu errichten, auf dem geschrieben steht:

Achte jedes Menschen Vaterland,
aber das deine liebe.
Kärnten soll leben,
auch wenn wir sterben mussten.

„Achte jedes Menschen Vaterland, aber das deine liebe.“ Das ist nicht einfach abgeschrieben, es ist modernisiert, gegendert. Denn in „Das Fähnlein der sieben Aufrechten“ schreibt Gottfried Keller:

So werden sie nun zu Philosophen, den Wert der irdischen Dinge betrachtend und erwägend; aber sie können über die wunderbare Tatsache des Vaterlandes nicht hinauskommen. Zwar sind sie in ihrer Jugend auch gereist und haben vieler Herren Länder gesehen, nicht voll Hochmut, sondern jedes Land ehrend, in dem sie rechte Leute fanden; doch ihr Wahlspruch blieb immer Achte jedes Mannes Vaterland, aber das deinige liebe!

„Kärnten soll leben, auch wenn wir sterben mussten.“ Kärnten soll, kein muß, nur ein Wunsch, eine Zukunftssehnsucht, kein Befehl, Kärnten soll, aber muß nicht. „Auch wenn wir sterben mussten.“ Verstorbene können menschgemäß keine Wünsche mehr äußern, aber es ist gut vorstellbar, daß Sterbende mit schwacher und schon versagender Stimme kaum hörbar noch ihren letzten Wunsch: „Kärnten soll leben“ —

Wie anders hingegen würde in Deutschland etwa eine solche Tafel beschrieben sein, mit einem Vers von Heinrich Lersch:

Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen!

Kärnten, Land des Gesangs, wie es heißt, aber Kärnten ist ebenso ein Land der Lyrik, auch das Unterburger Mal legt Zeugnis dafür, wie seit langem, langem schon die Tafeln etwa

im Landhaus zu Klagenfurt,

auf der Kirche zu Villach

Und bei all seiner Konzentration auf das Formulieren des Inhalts der Tafeln hat der Abwehrkämpferbund, wofür ihm recht hoch zu danken ist, nicht darauf vergessen, ein „Gegen das Vergessen“ zu setzen.