„Wenn alle untreu werden“

Es gibt nach Gedichten Lieder, die scheinen für allerlei Gelegenheiten geeignet, attraktiv für offenbar unterschiedliche, gar entgegengesetzte Gesinnungen zu sein, so auch

„Wenn alle untreu werden“.

Die Anfangszeilen „Wenn alle untreu werden“ sind heute wahrscheinlich bekannter als der Text des Gedichts. Zu dessen Wirkungsgeschichte, an der die Verbindung mit einer geläufigen Melodie Anteil hat, nur so viel, dass es, mit scheinbar kleinen Eingriffen in den Text – vor allem der Ersatz der 1. P. Sg. durch die 1. P. Pl., der freilich viel ändert, aus dem individuellen Bekenntnis eines Ich einen Appell an eine Gruppe macht –, gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in Österreich ein Kampflied der radikalten Deutschnationalen geworden ist, zumal im akademischen Milieu, mindestens zwei damals entstandende deutsch-völkische Studenverbindungen haben es zu ihrem ‚Bundeslied‘ gemacht.23 Das hat Theodor Herzl 1896 nicht daran gehindert, es seinen Anhängern als Lied der jüdischen Nation zu empfehlen.24 Einige Jahrzehnte später ist es dann mit einer weiteren Änderung auf welchen Wegen immer zum Lied der SS geworden.

23. Die 1892 gegründete schönerianische Burschenschaft Germania an der Universität Innsbruck und die 1906 entstandene Fachschaft Rugia an der Höheren Fachschule für Gartenbau in Eisgrub in Mähren (jetzt in Wien).

24. Jacques Kornberg, Theodor Herzl: From Assimilation to Zionism, Bloomington, Indiana University Press 1933, S. 52. (= Jewish Literature and Culture).

„Sind Könige je zusammen gekommen, So hat man immer nur Unheil vernommen“. Politische Gedichte über den Wiener Kongress. Sigurd Paul Scheichl. Universität Innsbruck. Austriaca: Cahiers universitaires d’information sur l’Autriche Année 2014 79 pp. 81-98.
Gelesen am 13. April 2026.

„Wenn alle untreu werden“ wurde dann doch nicht das „Lied der jüdischen Nation“ … Zu dem könnte hinzugefügt werden, es wäre eine gute Entscheidung gewesen, es hätte daran gut getan, der Empfehlung nicht Folge zu leisten —

Nicht allem Folge zu leisten, und mag es auch von einem leader höchstselbst kommen, das gilt in der Gegenwart weiter, und heutigentags in Anbetracht der Verwerfungen wieder vermehrt notwendig und dringlich …

Als 1933 der in Deutschland hinter verschlossenen Türen zum Reichskanzler gemachte Österreicher bereits seit einigen Monaten seine massenmörderische Totaldiktatur volkskanzlerisch besessen in Angriff nahm,

wurde in einer Nacht desselben Jahres ebenfalls „Wenn alle untreu werden“ gesungen, von Menschen, die nicht des Österreichers Vernichtungskommando …

Thomas Lackmann: Was bedeutet Treue für Sie? Sie schildern in Ihren „Erfahrungen und Erinnerungen“ eine Szene in der Berliner Hasenheide…

Arnold Paucker: Die Nacht zum 1. Mai 1933. Ich war bei den Deutsch-Republikanischen Pfadfindern. Wir verbrannten unsere Fahnen, damit sie nicht den Nazis in die Hände fallen, und sangen ein Lied aus den Befreiungskriegen: „Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu, dass immer noch auf Erden für euch ein Fähnlein sei.“

Tagespost. Kultur: Unter der Dusche? Die Internationale.
Leben im Widerstand: ein Gespräch zum 85. Geburtstag

des Historikers Arnold Paucker. Stand: 06.01.2006.
Gelesen am 13. April 2026.