Die für Eva Menasse zu spät gehaltene Poetikvorlesung des Norbert Gstrein

Der Donnerstag vor einer Woche war ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch, zwanzig oder gar fünfundzwanzig Grad in der Nacht, Norbert Gstrein auf der Lesebühne, Moderatorengestottere, und da wurde noch nicht gewußt, daß Eva Menasse, die mit ihren Quasikristallen am nächsten Donnerstag  den Abend im Museumsquartier zubringen wird, als Heidi Klum zur Wiener Zeitung

Bilderbuchsommertag August 2013Die Ahnung will nicht weichen, daß mit Damals im Sommer in Jahrzehnten zu erzählen begonnen werden wird, wenn im 2013 datierten Bilderbuch geblättert werden und sich dabei alles vermischen – Wirklichkeit mit Phantasie, Ausgedachtes mit Passiertem – aber auch alles verwechselt werden wird, bis nicht mehr gesagt werden wird können, ob etwa ein gstreinsches Kapitel Ein Sommer wie damals oder die Spezi-Reklame Damals im Sommer … Es sollte jetzt schon notiert werden, um zu vermeiden, daß in Jahrzehnten die Zuhörerinnen und Zuhörer Falsches weitererzählen, und zwar deshalb, weil ihnen unzuverlässig über den einen Donnerstag im August 2013 …

Die Sorge allerdings gilt hier nicht der richtigen Kapitelüberschrift … viel mehr, es will vermieden werden, daß in Jahrzehnten verbreitet wird, Eva Menasse wäre tatsächlich in der Lesung von Norbert Gstrein im Museumsquartier gewesen – das kann nicht ausgeschlossen aber auch nicht bestätigt werden, weil es schlicht nicht gewußt wird, genauer, nicht nach ihr Ausschau gehalten wurde, sie möglicherweise auch gar nicht erkannt … Eines aber wird sicher gewußt, als Heidi Klum wurde sie nicht gesichtet, Heidi Klum wäre mit Bestimmtheit nicht zu …

Aber das Ausmalen, wie es Eva Menasse hätte ergehen können, wäre sie in der Poetikvorlesung von Norbert Gstrein gesessen, könnte die Zuhörer und Zuhö – es muß nicht gegendert werden, zu optimistisch auch, die Mehrzahl zu verwenden … Es wird eine Zuhörerin sein, eine Altenpflegerin, oder ein Zivildiener … Der Zivildiener könnte diese Phantasie als wahre Begebenheit auffassen, verursacht durch mißverständliches und umständliches und abschweifendes Erzählen, das die Altenpflegerin versucht, gedrängt auch von dem nahenden Dienstschluß – denn pünktlich um fünf Uhr verläßt sie seit Jahrzehnten die Station, worüber es schon lange nichts mehr zu diskutieren gibt, sie geht um fünf Uhr … Basta! -, dem Zivildiener in einen knappen und verständlichen Bericht zu bringen, den der Zivildiener seiner Germanistikprofessorin theatralisch zum Besten …

Norbert Gstrein würde, spielt der Zivildiener seiner Professorin vor, über einen einzigen Satz eine Poetikvorlesung halten wollen, über einen Satz von einem Autor, den er sonst schätze, aber dieser habe geschrieben, nicht einfach nur in einem Absatz Alfons stöhnte, er habe

Alfons stöhnte

als …  er habe Alfons stöhnte herausgestellt, derart unüberlesbar und dadurch sein Buch zu einem unkaufbaren … Ob so ein Satz heute noch geschrieben werden könne, darüber würde er eine ganze Poetikvorlesung … Wie unmöglich dieser Satz sei, schon eine kleine Probe beweise das: Alfons stöhnte Alfons Gruber stöhnte Dr. Alfons Gruber stöhnte

Nach der Lesung sei Norbert Gstrein auf Eva Menasse zugegangen, die als einzige sitzengeblieben, unbewegt, steinstarr, vollkommen blaß, und habe zu ihr, als hätte er ganz genau um den Grund gewußt, weshalb Eva Menasse nicht mehr aus ihrem Stuhl … Ah, nicht so schlimm, hätte Norbert Gstrein zu Eva Menasse gesprochen, Dein

Xane stöhnte

ist ja kein eigener Absatz, steht ohnehin gut verborgen unter anderen … schätze … Und im nächsten Augenblick mitten im Satz steht ein Mann vor Norbert Gstrein und fordert ihn in der Sekunde – das Buch dabei ihm direkt unter die Nase haltend und fuchtelnd, nicht ohne ihn vorher mit der Buchoberkante einen Nasenstüber … – hastig auf, ihm eine Widmung in die soeben von ihm teuer erworbene Ahnung zu schreiben: „Es war, stöhnte Alfons, ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch. Gstr…“ Und ohne die Höflichkeit aufzubringen, den Verehrer auch aussprechen zu lassen, ohne seinen ganzen Namen noch hören zu wollen, aus solch einem Mund, schlug Norbert Gstrein ihm das Buch schreiend aus der Hand, ob er denn wieder nicht nüchtern sei, er könne den Preis sich …

Von einem Donnerstag zum nächsten hat es abgekühlt, im Bilderbuch kann zu keinem Sommertag mehr umgeschlagen werden, Eva Menasse auf der Lesebühne, und da wird noch nicht gewußt, daß der Zivildiener ein paar Tage darauf, um neun Uhr, in der Kaffeepause der Altenpflegerin erzählen wird, wie seine Germanistikprofessorin diese Geschichte aus einer wiedergefundenen Zeit … Sie habe wohl gar nicht zugehört, denn sie antwortete auf eine Frage, die er, der Zivildiener, ihr gar nicht … In ihrer Kindheit, erzählt die Altenpflegerin am gleichen Abend im Beisein der Tochter ihrem Mann, der auf dem Dachboden das Tagebuch seines Vaters aus dessen stalinistischer Zeit versteckt hält – unauffindbar, wie er überzeugt ist -, habe sie, die Germanistikprofessorin, an nichts mehr als daran geglaubt, eine Große der Literatur, eine Unsterbliche … sie werde es vermissen, keine Tote zu sein, die sie einmal war …

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