„Ausreisezentrum: ‚Persönlicher Feiertag'“

Es träumte einem Menschen, erzählt dieser, in der gestrigen Nacht, daß Heine zu ihm sagt, denke er an Österreich am Tag, ist er um sein Wachsein gebracht, aber die Landschaft, in der er mit Heine zusammensteht, ist nicht die von Österreich, sondern sie stehen zusammen, irgendwo in Nordkorea, ausgehungerte Menschen in zerrissenen, in geflickten Trachten ziehen in endlosen Kolonnen an ihnen vorüber, als würden sie sich auf einem nicht freiwilligen Marsch …

Allenthalben geben die ausgemergelten Körper der Menschen Sicht auf einen abgewirtschafteten Acker, auf dem ein eingeschalteter Fernsehapparat steht. In einer Endlosschleife wird ein Bericht gesendet. Ein Jubelbericht über den eben geschaffenen „persönlichen Feiertag“. Es ist aber keine Nachrichtensprecherin, wie sie aus Berichten aus dem wirklichen Nordkorea bekannt ist, die mit sich überschlagender Stimme die Staatsspitze preist, als wäre auf sie ein Maschinengewehr gerichtet, es ist die Staatsspitze selbst, die Jubelnachrichten über sich selbst vorträgt, und sie ist in keinem Studio, sie steht vor einem Eingangstor zu einem Gebäudekomplex weit ab von allem, als wäre um den Erdenfleck Wasser, Wasser, nur Wasser … sie steht vor einem Eingangstor, über dem in Neonlichtbuchstaben „Ausreisezentrum“ … es ist Nacht, wie Suchscheinwerfer scannen die fünfzehn Neonlichtbuchstaben den Himmel, der dadurch aus der ringsum herrschenden Finsternis … auch am Himmel ist trotz der Scheinwerfer nichts zu erkennen, sind keine Sterne zu sehen, kein Mond, so gewitterwolkenschwer ist der Himmel verdunkelt.

Die Erklärung des Traumes, zu der schon angesetzt werden will, will nicht gehört werden. Sie wird durch das Erzählen eines eigenen Traumes sofort verhindert. In diesem Traum geht es um eine Anweisung, die Männer erhalten, kurz bevor sie auf den Präsidenten treffen. Es wird ihnen erklärt, wie der Präsident sitzen wird, und sie werden unterwiesen, in welcher Körperhaltung sie neben dem Präsidenten … die Beine auseinander, die Hände auf ihren Knien … damit sie auch tatsächlich begreifen, was ihnen gesagt wird, werden sie vor ein Bild geführt, auf dem die Körperhaltungsunterweisung zum leichten Begreifen dargestellt ist: links ist der Präsident und rechts außen ist der Präsident in seiner ihm allein vorbehaltenen Körperhaltung, mit seinen Händen zwischen seinen Oberschenkeln … seine Hände derart gefaltet, daß sie ein Loch … und rechts vom Präsidenten ein die Unterweisung vorbildlich befolgender Mann und rechts von diesem im schwarzen Rock ein ebenfalls mit vorbildlich gespreizten Beinen im blauen Rock …

Es will eben mit der Erklärung des Unterweisungstraumes begonnen werden, da läutet der Wecker. Die Träume haben sich zu lange Zeit gelassen, um sich auch noch selber zu erklären. An der Haltestelle Froschberg sagt die Kollegin, mit der gemeinsam auf die Straßenbahn 18 gewartet wird, zum Erzählten, beide darüber erleichtert, mit den gestrigen Träumen etwas für die Konversation gefunden zu haben: Es bedarf keiner Erklärungen mehr, werden sich die Träume wohl gedacht haben, bei solchen Nachrichtensendungen vor solchen Eingangstoren.

Ein Gedanke zu „„Ausreisezentrum: ‚Persönlicher Feiertag'“

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