Im „Klostergarten in Tachau Jesus, arischer Jüngling“

Betrachte unsere verhüllten Kirchenfenster einmal genauer! Sie sind Fenster mit Geschichte(n). Vordergründig erzählen die Fenster unserer Kirche neutestamentliche Episoden. Erst am zweiten Blick wird die Geschichte hinter dem Bildprogramm erkennbar. So wie in vielen Leitungsgremien österreichischer Vereine, Institutionen und Organisationen in den Nachkriegsjahrzehnten waren ehemalige Anhänger*innen des Nationalsozialismus auch in den Leitungsgremien der Pauluskirche tätig. So kam es, dass noch Ende der 1960er Jahre Kirchenfenster beim Künstler Rudolf Böttger in Auftrag gegeben wurden, der sich auch nach 1945 nicht von seinen Aktivitäten während der NS-Zeit und seiner NSDAP-Mitgliedschaft distanzierte. Das Aussparen alttestamentlicher Motive, die diffamierende Darstellung der Juden in den Kirchenfenstern und die Abbildung Jesu als arischer Jüngling wurden in Kauf genommen.

Ist auf der Website der Pauluskirche im dritten Bezirk von Wien am 5. Juli 2024 zu lesen, und weiter:

In der Öffentlichkeit wird intensiv über problematische Denkmäler und Bildwerke diskutiert. Ein prominentes Beispiel ist das Lueger-Denkmal am Wiener Stuben-Ring, das in den dritten Wiener Gemeindebezirk blickt, wo auch die Evangelische Pauluskirche steht. Anders als das Lueger-Denkmal, das „nur“ einen antisemitischen Bürgermeister Wiens zeigt, der die Bevölkerung aufwiegelte, zeigen die Fenster der Pauluskirche selbst ein antisemitisches Bildprogramm. Die Pauluskirche mit ihrer antisemitischen Ikonografie ist somit ein evangelisches Beispiel für problematische Denkmäler im öffentlichen Raum, das bereits seit Anfang der 2000er Jahre immer wieder diskutiert wird. Der vorliegende Beitrag ist im Rahmen der Tagung „Evangelisches Erinnern. Evangelische Erinnerungskulturen im Österreich des 20. und 21. Jahrhunderts“ im April 2023 entstanden und versteht sich als Werkstattbericht einer Kirchengemeinde.

Etwa ein Vierteljahrhundert Beschäftigung mit diesen Kirchenfenstern, vor einundzwanzig Jahren sich dazu durchgerungen, eine Tafel anzubringen:

Mit Scham stellen wir fest, dass sich unsere Kirchen für das Schicksal der Juden [..] Darum distanzieren wir uns von der Darstellung der Juden in diesem Bild und von dem Geist aus dem diese Darstellung kommt. […] Das Presbyterium der Evangelischen Pfarrgemeinde Wien – Landstraße im Jahre 2003

Dann aber ist alles sehr schnell gegangen, im März 2023, der Beschluss, in der nächsten „Legislaturperiode“ die Kirchenfenster zu tauschen, davor die Kirchenfenster zu verhüllen, und das wurde rasch umgesetzt, am 8. Oktober 2023 wurde feierlich verhüllt, einen Tag nach —

Es wird nicht gewagt, zu recherchieren, ob die evangelische Kirche sich inzwischen auch dazu durchgerungen hat, daß Martin Luther nicht nur ein Antisemit war, das sie nach langem Zögen nun doch offen einbekennt, sondern auch einbekennt, daß Martin Luther dazu ein Antiziganist war …

Der Sebastianplatz mit der Pauluskirche grenzt an die Neulinggasse, einen rechteren Ort für seine Kirchenfenster hätte Rudolf Böttger nicht finden können,

in Gehnähe der Skulputuren seiner Gesinnungskameraderie, auf einer Linie

mit Margarete Hanusch, Wilhelm Fraß, Josef Müllner —

Die österreichische Galerie Belvedere zeigt in ihrer Online-Sammlung, gesehen am 5. Juli 2024, ein gar schönes Bild von Rudolf Böttger: „Klostergarten in Tachau“, und selbstverständlich verschweigt „Das Belvedere – ein Museum von Weltrang, Vermittler von Geschichte und Schauplatz zeitgenössischer Kunst, Barockjuwel, digitaler Player und ökologisch bewusst: a museum that matters. Erfahren Sie hier, wofür das Museum steht.“ nicht die Biographie des Rudolf Böttger:

1887 Tachau/ Tachov – 1973 Regensburg
„Ab 1899 in Wien. Studierte an der Wiener Akademie der bildenden Künste bei F. Rumpler, dann an der Münchner Akademie bei C. v. Marr; 1911 wieder in Wien. Ab 1914 als Kriegsfreiwilliger an der russischen Front, im März 1918 im Kriegspressequartier. Reisen mit O. Laske in die Ukraine und auf die Krim. 1919 Mitglied des Wiener Künstlerhauses. Studienreisen nach Italien, Holland, Schweden. Ansässig in Wien, ab 1945 in Deggendorf, Niederbayern. Böttger widmete sich vor allem der Portrait- und Landschaftsmalerei und arbeitete auch in den Techniken des Freskos, Sgraffitos und Gobelins.“

Wie schon bei Franz Köck, dem antisemitischen Postkartenpropagandameister, verschweigt das „Museum von Weltrang“ nichts, wie zum Beispiel in Niederbayern es kein Verschweigen gibt, wenn es um die Biographie von Rudolf Böttger …

Der Maler Rudolf Böttger (1887–1973) stammte aus dem Egerland und studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, wo er den Großteil seines Lebens verbrachte und unter anderem nach 1938 im „Gaukulturrat“ für Malerei zuständig war. 1945 verschlug es Böttger nach Metten bei Deggendorf. Nach 1952 wohnte er in Regensburg-Prüfening.

Ein Verschweigen gibt es für das Aktionshaus im Kinsky ebenfalls nicht, die Bilder von Rudolf Böttger versteigert. Viel bringen seine Bilder nicht ein, ein billiger Maler, leistbar auch für jene, die gesinnungsgemäß ihr Heim, das ihnen ihre Festung ist, mit einem böttgerischen Original heimelig … Das Aktionshaus im Kinsky verschweigt nichts, ist am 5. Juli 2024 zu lesen: „(Tachau 1887 – 1973 Regensburg) » Zur Biografie“ — So offen weist das Aktionshaus im Kinsky auf die Biographie von Rudolf Böttger hin, und wer „Zur Biographie“ anklickt, bekommt die ganze böttgerischen Biographie unverschwiegen: „Rudolf Böttger Tachau 1887 – 1973 Regensburg“ …