Bücher seien, so Jean Paul, „dicke Briefe an Freunde“. Auch wenn das Buch von Peter Sloterdijk, wie es auf einem Bild gesehen wurde, ein dünnes Buch ist, kann es doch auch ein Brief sein, ein dünner Brief eben. Und da es ein Brief an einen Freund ist, ein Brief von einem Mann an einen Mann — gewisse Männer schreiben nur gewissen Männern und nicht Frauen Briefe –, so ist dies ein Brief an einen Freund, und weil es ein Brief an einen Freund ist, dessen Titel „Regeln für den Menschenpark“ im Umlauf und also bekannt ist, soll über den Brief geschwiegen werden, das verlangt die Höflichkeit, die Diskretion und menschgemäß das Briefgeheimnis.
Der „Chef“, so war es vor kurzem zu erfahren, wird Götz Kubitschek in Österreich treu und ehrfürchtig genannt, habe also sein „Institut für Staatspolitik“ aufgegeben, dafür habe er ein weiteres Unternehmen gegründet, und diesem Unternehmen den Namen „Menschenpark“ gegeben,
er habe, bekennt der „Chef“, als er diese Unternehmung „Menschenpark“ gründete, so sehr an Sloterdijk denken müssen; so tief also muß ihn der vor fünfundzwanzig Jahren geschriebene Brief des Freundes gerührt, getroffen haben, daß dem „Chef“ nach einem Vierteljahrhundert der Brief des Freundes ein Erweckungserlebnis, als hätte ihm eine höhere Gewalt den Namen seines Unternehmens diktiert.

Der Brief an einen Freund muß aber, da der Inhalt bekannt zu sein scheint, wie ein Kassiber von Freundes Hand zu Freundes Hand —
Aber ich denke, die Auflösung ist eine Erweiterung des Diskursraumes. Dafür spricht die Ersetzung des Begriffs „Staatspolitik“ durch den merkwürdigen Begriff „Menschenpark“.
Kubitschek bezieht sich damit explizit auf die Elmauer Rede des Philosophen Peter Sloterdijk. Sloterdijk hatte sich in dieser Rede unter Berufung auf Platon und Nietzsche für eine bewusste Züchtung der Menschen ausgesprochen. Die Lesenden seien die Auslesenden und in „Stadtparks, Nationalparks, Kantonalparks, Ökoparks – überall müssen Menschen sich eine Meinung darüber bilden, wie ihre Selbsthaltung zu regeln sei“. Allerdings fehlt im Text von Sloterdijk das Wort „Demokratie“ im Gegensatz zum Wort „Übermensch“. Menschenpark meint nicht nur Züchtung im Sinne der Bildungsselektion oder der Genetik, sondern auch der Menschen-„haltung“ in verschiedenen Räumen. Mark Frank kommentierte 1999 in der ZEIT: „(…) ein raunendes Geschweife und Geschwefel, ein pointeloses Flirten mit verfänglichen Materien, die sich todsicher zur Publikumsprovokation eignen. Dem Vortrag eine klare These, eine Überzeugung, gar eine rationale Handlungsempfehlung abzugewinnen, ähnelte der Mühe, einen Pudding an die Wand zu nageln.“
Aber gerade dieses Geraune bietet sich nun für die Fortführung des Instituts für Staatspolitik an. Das Bild vom „Menschenpark“ bietet an, was der Untertitel zu meinem Buch „Sarrazins Correctness“ (1) ausdrückte, nämlich „Menschen- und Bevölkerungskorrekturen“. Und tatsächlich gehörte Sloterdijk zu den Unterstützern von Sarrazin. Zum „Menschenpark“ gehört die „Populationsökologie“, „Unterschicht“ ist in diesem Denken vergleichbar mit Unkraut, das Problem der Unterschicht müsse sich „auswachsen“ (Sarrazin). Sarrazin bediente sich 2010 indirekt beim rassenbiologischen Magazin „Mankind Quarterly“. Zu diesem Kreis gehörte auch J. Philippe Rushton, dessen Hauptwerk „Rasse, Biologie und Evolution – Eine Theorie der Entwicklungsgeschichte“ im Antaios-Verlag des Instituts für Staatspolitik erschienen ist. Rushton behauptete, die drei „Großrassen“ hätten unterschiedliche „Arterhaltungsstrategien“, die in der Biologie mit „r-Strategie“ (viele Nachkommen, wenig Aufzucht) und K-Strategie (wenig Nachkommen, viel Aufzucht) beschrieben werden. Afrikaner*innen seien biologisch betrachtet „Ausbreitungstypen“, denen die Familie und damit auch die Kultur artfremd sei. Björn Höcke hatte 2015 im Institut für Staatspolitik eine entsprechende Rede gehalten und darüber geklagt, dass heute der „lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp“ treffe. Dieses Problem könne nicht mit „Lavendelwasser“ behandelt werden, dozierte Höcke später, sondern mit „wohltemperierter Grausamkeit“. Auch diese Vokabel stammt von Sloterdijk.
Andreas Kemper, 7. Juni 2024, Graswurzelrevolution
Bisher wurden von Peter Sloterdijk nur seine Romane und nicht seine Briefe, vielleicht hat er schon viele und sogar dicke Briefe an viele Freunde geschrieben, gelesen,
Es müßte gar nicht so diskret mit dem Brief an einen Freund umgegangen werden, weder aus Höflichkeit noch aufgrund des Briefgeheimnisses, zieht der „Chef“ doch selbst durch die Lande, liest daraus vor, gar viel Tiefkluges muß in diesem Brief stehen, wenn er den Brief mit so vielen Spickzetteln …

Es ist Zeit, Peter Sloterdijk zu verlassen, um sich einem weiteren Philosophen zuzuwenden, einem aus Österreich, der beim Lesen von „Honduras“ im Artikel von Andreas Kemper sofort einfiel,
Wie wir uns die „Remigration“, die Deportationen vorzustellen haben, darüber klärte Martin Sellner auf: Es brauche eine „Musterstadt“ in Nordafrika. In dieses deutsche Territorium könnten dann auch Deutsche mit Migrationsmerkmalen untergebracht werden. In dieser Musterstadt könnten sich Migrantinnen bewähren, sogar Startups gründen, bei Nichtbewährung gäbe es noch die Ankerzentren und da wäre es dann ungemütlicher. Ich nehme an, dass Kubitschek die Strukturen dieses Menschenparks der wohltemperierten Grausamkeiten in Zukunft gerne mit Verbündeten außerhalb seiner völkischen Blase diskutieren möchte. Mit Titus Gebel hätte er einen interessanten Gesprächspartner, denn dieser will mit einem Passhandel-Konzern (Henley & Partners) im Rücken gerne börsennotierte Privatstädte für Klimaflüchtlinge errichten. So fern ist das nicht, zumal auch Gebel in seinem Privatstadt-Buch unter Bezug auf Rassisten wie Tatu Vanhanen afrikanischen Staaten einen geringen Intelligenzquotienten bescheinigt. Wird die Staatsfrage ausgeklammert, wird man sich schnell einig. Zumal auch die „Übermenschen-Zucht“ in den Privatstädten voranschreitet Ein Milliardär, der unsterblich werden möchte, ließ sich vor wenigen Monaten noch von einem Bio-Hacking-Unternehmen im Privatstadtprojekt Próspera in Honduras behandeln. Allerdings müsste sich die Privatstadt-Szene fragen, ob sie wirklich an den Sommer- und Winterakademien der „Menschenpark Veranstaltungsgesellschaft“ von Kubitschek teilnehmen will. Beim Prozess der AfD gegen das Bundesamt für Verfassungsschutz in Münster spielte der Volksbegriff eine wichtige Rolle. Der Verfassungsschutz vertrat den Standpunkt, dass die Verfassung nur ein Volk kenne: das Staatsvolk. Dieser Volksbegriff verträgt sich nicht mit einem „ethnisch-kulturellen“ Volksbegriff der Rassenbiologie und des Ethnopluralismus. Und auch nicht mit dem völkischen „Alles für Deutschland“ von der SA bzw. Björn Höcke. Wir werden sehen, wie es weitergeht. Die Menschenpark-Phantasie lässt auch Aristokrat-innen-Herzen höher schlagen.
— Sie meinen doch nicht Martin Sellner mit dem Philosophen?
— Nein. die Strippe des „Chefs“ ist nicht gemeint, ist diese doch bloße Strippe.
— Zu „Honduras“ fällt Ihnen etwas ein, und zur „Musterstadt“ nichts?
— Was soll zur „Musterstadt“ noch einfallen können? Ist es doch weithin bekannt, daß vor allem Männer aus Österreich immer irgendwem eine „Musterstadt“ schenken wollen.
Aber der Philosoph fällt sofort ein, wenn „Honduras“ gelesen wird, der Philosoph, der jetzt in einem kleinen Ort in den Bergen Intendant ist, und wie lieblich dort das von einer Frau erträumte Paradies präsentiert wird, das ihr „Honduras“ hätte werden sollen —
Sie erhofft sich nun, ein anderes Land dafür gefunden zu haben, ihr heimatliches Bergland …

Und noch ein Philosoph kommt in den Sinn, einer aus Österreich, der, bald sind es fünfundzwanzig Jahre her, sich ebenfalls tiefdenkend ruhmreich einbrachte,
als damals die Partei des „kleinen Mannes“ schon einmal Regierungspartei für kurz … Vergessen ist er nun, wozu noch seinen Namen nennen, von diesem Philosophen, der für einen kurzen Moment das philosophische Kerzenlicht der Regierung …
— Und was ist mit den Philosophinnen? Von den Philosophinnen kein Wort von Ihnen?
— Es kann von Philosophinnen nicht gesprochen werden, wenn es um drei Männer geht, die als Philosophen derart sich hervorgetan haben und sich derart hervortun.

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