Es gab in Österreich einen Bundespräsidenten, der, so verriet er es einmal,
alle seine Reden selbst schrieb.
Nun, am 1. Jänner 2026, hält einer eine Rede, die er vielleicht sich selber schrieb, vielleicht aber wurde diese, auch diese Rede ihm geschrieben, wobei, wenn diese ihm geschrieben wurde, nicht uninteressant wäre zu erfahren, wer seine Schreiberin …
So gesehen können die Staaten Europas ein Vorbild für alle Staaten der Erde sein. Ein Beispiel, dass man es schaffen kann, friedlich miteinander auszukommen.
Was schrieb er sich? Oder, vielleicht: Was ließ er sich schreiben? Selbstverständlich bleibt in dieser Rede nicht unerwähnt, daß im „Osten Europas Krieg herrscht“. Es ist Krieg zwischen zwei Staaten Europas. Was schrieb er sich also? Oder vielleicht: Was ließ er sich also schreiben? Wenn es in dieser Rede heißt, die Staaten Europas würden ein Vorbild für alle Staaten der Erde sein, ein Beispiel, daß es geschafft werden könne, friedlich miteinander auszukommen. Und die Kriege auf dem Gebiet des nicht mehr existierenden Staates Jugoslawien, auch mit Massenmord — Waren die daran beteiligten Staaten keine Staaten Europas?
Drohnen unbestimmter Herkunft werden immer wieder über europäischen Großstädten gesichtet. Wir sind gesteuerter Desinformation ausgesetzt, digitalen Sabotageakten und dem permanenten Versuch, Europa zu spalten. Und wir hören Aussagen, die als Drohung verstanden werden können: Wenn Europa Krieg möchte, könne Europa Krieg haben.
Es ist eine Rede der Ungenauigkeit, eine Rede, die auf Ungenauigkeit mit Ungenauigkeit antwortet. Von einem Kriegsverbrecher in der im europäischen Teil seines von ihm autoritär beherrschten Staates liegenden Hauptstadt ist nichts anderes zu erwarten, als Ungenauigkeit, wenn er droht, sollte „Europa“ einen Krieg wollen, dann sei er für einen Krieg bereit, er sagt „Europa“ und meint die „Europäische Union“, und in dieser Neujahrsansprache wird von „Europa“ gesprochen, ebenso ungenau,
dabei hätte in dieser Rede, um durchgängig und tatsächlich genau zu sein, ausschließlich von der Europäischen Union, von den Staaten der Europäischen Union gesprochen werden müssen.
Es ist wichtig, dass wir weiter an die europäische Idee glauben. Es ist wichtig, dass wir zusammenhalten und für unser Europa einstehen.
Ja, es ist wichtig, dass wir einen Europa-Patriotismus entwickeln.
Man will uns von außen teilen, um wirtschaftlich und politisch über uns zu herrschen. Ganz nach imperialer Manier.
Es ist nun einmal einfacher, einzelne kleine Staaten zu dominieren als einen Staatenbund wie die EU mit über 450 Millionen Menschen.
Aber wir Europäer wollen selber bestimmen, wohin wir gehen.
Wir können vorangehen und der Welt zeigen, dass es zwischen dem Recht des Stärkeren und rein kapitalistischen Interessen einen anderen Weg gibt.
Einen Weg, der den Rechtsstaat, die Freiheit des Menschen zur Selbstentfaltung und die Gleichberechtigung von Mann und Frau ernst nimmt.
Der zwischen Interessen ausgleicht, und niemand dem Hunger oder der Obdachlosigkeit preisgibt. Einen Weg, der Heimat für viele ermöglicht, nicht nur für einige willkürlich Auserwählte.
Einen europäischen Weg. Unseren europäischen Weg.
Lassen Sie uns stolz sein auf unser Europa und seine Menschen.
Die größten und wichtigsten Erfindungen haben hier ihren Ursprung:
Die liberale Demokratie. Der Buchdruck, die Dampfmaschine, Penicillin, das Internet und und und. Sogar Fußball ist eine europäische Erfindung!
Wunderbare, große Leistungen in Gesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Kultur.
Es sei wichtig, heißt es in dieser Rede, einen „Europa-Patriotismus zu entwickeln“. Ungenauigkeit, aber auch Gedankenlosigkeit zeichnet diese Rede aus. Es muß nicht auf die Vergangenheit verwiesen werden, was „Patriotismus“ bedeutet, wohin „Patriotismus“ führt, vor 112 Jahren etwa in den Weltkrieg von 1914 bis 1918, etwa nur zwei Jahrzehnte später gleich wieder in den nächsten Weltkrieg, mit Holocaust, es ist mehr als ausreichend der Blick in die Gegenwart, in der Patriotinnen auf europäischen Boden einen Krieg führen, es reicht der Magapatriot mit seinen libertär kriegerischen Begierden, es reichen die patriotischen Parteien etwa in Österreich, in Deutschland, und in anderen — der Gegenwart, in dieser Gegenwart einem Patriotismus das Wort zu reden, ist eine Verharmlosung des Patriotismus, mag dieser auch in einer kontinentalen oder übernationalen Spielart … Und wohin werden die Menschen sich wenden, wenn sie Patriotismus hören, die dem ständigen patriotischen Gerede ausgesetzt sind und sich aussetzen? An die, die so lange schon Patriotismus trommeln, und wer trommelt, hat nichts Heilvolles im Sinn, denn es widerspricht der Gesinnung zum eigenen Heil … Und sie wenden sich bereits dieser Patriotismusgesinnung zu,
wenn etwa allein an die Umfragen in Österreich, in Deutschland …
Wie schön in dieser Ansprache von hehren Werten geredet wird, aber wie viele Staaten der Europäischen Union selbst halten noch sehr viel von diesem „europäischen Weg“? Es müssen diese Staaten nicht namentlich erwähnt werden, diese sind bekannt, und ein jeder Mensch kann diese, ohne nachzudenken, augenblicklich aufzählen. Und schimmert nicht in dieser Beschwörung eines Patriotismus bereits durch, was sonst als Nationalismus, Chauvenismus beschrieben ist, wenn in dieser Ansprache patriotisch davon geredet wird, „die größten und wichtigsten Erfindungen haben hier ihren Ursprung [Europa]“? „Fußball“ gab es schon lange davor, außerhalb von Europa, der „europäische“ Anteil am Fußball ein erstes Regelwerk, erstellt in einem europäischen Staat, der heute nicht mehr zur Europäischen Union gehört; „Buchdruck“: diesen gab es auch schon lange davor, außerhalb von Europa; der Ursprung des „Internets“ war nicht Europa, freilich gab es beim Internet eine bedeutende Weiterentwicklung in einem Forschungszentrum in Europa, dessen Mitglieder aber nicht nur Staaten der Europäischen Union sind; zum World-Wide-Web. Die entscheidenden Entwicklungen und Verbesserungen der „Dampfmaschine“ wurden durch Erfinder in einem europäischen Staat geleistet, der mittlerweile nicht mehr zur Europäischen Union gehört …
Es gibt nicht nur diese Rede, zu der die Frage angebracht ist, ob die Reden selbst geschrieben oder geschrieben werden, es gibt auch eine einzelne Formulierung, bei der es interessant wäre zu erfahren, ob diese selbst oder ihm geschrieben wurde. Eine Formulierung, die oft verwendet, ist die von der eleganten Verfassung …
Eine Person, die auszuschließen ist, daß sie Dritten Reden schreibt, wird es wohl dauern, nicht selbst auf die Formulierung von der schönen, von der eleganten Verfassung gekommen zu sein, müßte dieser doch
gesinnungsgemäß die elegante Verfassung gefallen wie keiner zweiten parteianführenden in Österreich …

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