Ingeborg-Bachmann-Preis: Auf das Facebook gekommen.

Auf den Hund gekommen, hieß es bisher so schön.

Vielleicht wird in Zukunft gesagt werden: Auf das Facebook gekommen. Die Langversion: Der Ingeborg-Bachmann-Preis ist auf das Facebook gekommen, weil die Jury des Ingeborg-Bachmannes-Preises der Sargnagel des Ingeborg-Bachmann-Preises …

Jury, zu großes Wort. Vielleicht: Die Klums und die Bohlens des Ingeborg-Bachmann-Preises. Es ist ungerecht gegen Frau Klum und Herrn Bohlen. Denn diese beherrschen wohl ihr Metier und kennen auch ihr Milieu. Damit bereits mitten in der Diskussion nach der Lesung von Stefanie Sargnagel. Von „Milieuschilderung“ ist anerkennend die Rede. Nun, wer etwa die Sendungen von Frau Spira kennt, muß wohl glauben, Milieuschilderungen gehört zu haben. In einem Milieu ab und an als Touristin vorbeizukommen, macht noch keine Milieuschilderung …

Damit es richtig verstanden wird. Es geht hier in keiner Weise um den Text von Frau Sargnagel. Ihr Text wird ganz und gar ernstgenommen. Sie sagt in ihrem Text von ihrem Text ihrer Nacherzählung ihrer erlebten Tage, so in etwa: den Dreck nicht mehr lesen müssen. Das ist eine Anweisung, die eingehalten werden kann.

Die Klums und Bohlens aber hätten diese Anweisung für sich, wenn sie schon beim Vorgeben des Interpretierens sind, auslegen können: es ist nicht zu besprechen.

Eine Jury hätte gesagt, vielen Dank. Und hätte ohne Diskussion ersucht, der nächste Autor oder die nächste Schriftstellerin möge mit dem Lesen beginnen. Für sich aber hätte die Jury gedacht, es gibt doch schon recht viele kompetente Lebensberater, Supervisorinnen mit einem großen Herzen und äußerst günstigen Stundensätzen. Und eine Jury hätte an die vielen Milieuschilderungen gedacht, die es in der Literatur gibt, sie hätten vielleicht an die Gasteiner gedacht aus „Später Ruhm“, wie eine solche Figur beschrieben werden kann. Eine Jury wäre nicht auf die Idee gekommen, anhand dieses Textes Hochkultur versus … Eine Jury hätte es nicht erfrischend gefunden, anhand dieses Textes die Frage nach der Literatur zu stellen, es erfrischend zu finden, daß dieser Text nicht Literatur sein will. Aber für die Klums und Bohlens muß auch dieser Text Literatur sein, weil sie in einer, wie es so schön heißt, Literatursendung sitzen. Lohnarbeit ist entlarvend.

Eine Jury hätte für sich vielleicht an Joseph Roth gedacht, der auch Milieus beschrieb, aber nicht als Literatur, so unglaublich das klingen mag in der jetzigen Zeit, die auf das Facebook gekommen ist, sondern als Artikel, als Artikel für eine Tageszeitung. Es gibt bereits Artikel in Tageszeitungen über die Lesung von Stefanie Sargnagel. Irgendwer schreibt, ihr Text erzähle von „Ausgestoßenen“. Wie Joseph Roth über „Ausgestoßene“ schrieb, ohne dabei an Literatur zu denken, in einer Auftragsarbeit für eine Tageszeitung soll ein Beispiel dienen:

„Sie hatten alles, Augen, Nase und Ohren, Beine und Arme, und nur der Verstand war ihnen ausgeronnen, und sie wußten nicht, wohin und wozu sie hier geführt wurden, sie sahen aus, wie Brüder, sie erlebten alle dasselbe große vernichtende Nichts, wie gelbe Nullen waren ihre Gesichter, und alle Münder standen halbgeöffnet in reglosem Lächeln. So belächelten sie blöde den Toten und die Welt, die Straße, die Häuser, die zusehenden Menschen.“

Joseph Roth lebte nicht in diesem Milieu, er war auf Reisen, sozusagen als Tourist in der Ukraine unterwegs, um für eine Tageszeitung Artikel … Auf das Facebook gekommen.

Die Klums und Bohlens kamen auch auf „Widerstand“ zu sprechen, dieser Text hätte „Widerstandspotentiale“ … Eine Jury hätte für sich gedacht, bei elf Seiten Autobiographie muß die Eigenlebensschreiberin in ihrer Gesamtheit gesehen werden. Und widerspricht nicht bereits ihr Pseudonym vollständig dem lobenden Wort vom „Widerstand“? Einen nach Widerstand schreienden Namen zu tauschen, also statt beim Namen Sprengnagel zu bleiben, Sargnagel als Pseudonym zu wählen.

Sprengnagel: ein Pseudonym. Sprengnagel: ein Widerstandsprogramm.

Die Entscheidung für Sargnagel als Namen macht alles kenntlich: Pseudo.

Wie aus neoliberalen Kaugummiautomaten Sticker „Atomkraftwerke, nein danke!“ gezogen werden können, sind wahrscheinlich auch Sargnägel als schniekes Beiwerk zum Dekorieren der Wohnung zu erwerben, um zu demonstrieren, seht, wie anders, aber keine Furcht, ein Sargnagel sprengt die Gesellschaft nicht, er läßt sie rasten, er kann als Anstecknadel getragen werden, als Zeichen des Willens, in der Ruhe der Normalität der Gesellschaft zum bequemen Liegen zu kommen, aber mit einer Attitüde, ohne die geht es nicht, jetzt, im einundzwanzigsten Jahrhundert …

Es ist menschgemäß rührend, wenn Klums und Bohlens Widerstand einfordern, während sie brav ihre Lohnarbeit verrichten. Eine aus diesem Kreis allerdings saß hart zu Gericht über diesen Text. Sie meinte, dieser hielte ein zweites Lesen nicht aus. Aber sie hätte nur sagen müssen, dieser gäbe für eine Besprechung nichts her. Nur diesen einen Satz und dann ostentatives Schweigen. Dann hätte geschrieben werden können, die Klums und die Bohlens und eine Jurorin …

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