Listen

Wer in den Berichten der Vergangenheit über die österreichischen Volkskanzler stöbert, stößt unwillkürlich dabei auch auf Begriffe, ohne die Gegenwart mit der Vergangenheit zu verrechnen, die in der Gegenwart weiter attraktiv erscheinen wollen, nicht allen, aber Frauen und Mannen mit einer aus Tiefen heraufkriechenden Gesinnung.

Zum Beispiel der Begriff „Verrat“, den in der Gegenwart ein Nacktbrustreiter mit einem kleinen Gebirgsjäger sich teilt, der, um wenigstens so groß wie der Gebirgsjäger zu erscheinen, sich mit nacktem Oberkörper auf ein Pferd setzen muß,

aber der kleine Gebirgsjäger läßt sich seine ihn überragende Größe nicht nehmen und flugs auf ein Pferd gesetzt in einem Reitstall herumführen, die ihm Manege,

in der kurz zurückliegenden Gegenwart so manche mit auftraten, die darauf heute wohl nicht angesprochen werden wollen.

Zum Beispiel die „Liste“, eine solche habe der Auf-dem-Pferd-Herumgeführte sich auch schon angelegt, wie er als Pferdlosgewordener in Premstätten verlautbarte mit stolzer Brust, an die er sich einen Orden der rechten Auszeichnung

Eine „Liste“ hat schon viel früher, wenngleich nicht eine derart lange wie die von dem Auf-dem-Pferd-herumgeführten-Gebirgsjäger, das „freundliche Gesicht“ seiner Parlamentspartei angelegt,

noch mit nur einem Namen,

dafür aber als Programm der gesamten Parteischaft, das auch dem kleinen Gebirgsjäger Pflicht …

Zuarbeitende zur Listenerstellung gab es in den letzten Jahren schon reichlich;

es wird in dieser Gesinnungsschaft recht auf Arbeitsteilung gesetzt, so kümmert sich Der-von-den-Bergen um, so könnte diese genannt werden, die „Pandemieliste“, vielleicht auch deshalb, weil damit ein sein Traum verbunden ist, seine Partei möge eine „Bewegung“ und als „Bewegung“ eine pandemische …

Und alle diese Listen zusammen vielleicht ordentlich abgelegt und aufbewahrt in einem Ordner, der beschriftet sein könnte mit „Visierlisten“

Und diese österreichische Parlamentspartei, die allenthalben wenn auch stets für kurz nur österreichische Regierungspartei, hält gesinnungsgemäß recht viel von Lyrik, es würde nicht überraschen, offen wie sie ist, daß sie ein Gedicht, das nicht für sie geschrieben, dennoch zu ihren Leitstrophen erwählt, wenn es ihr möglich, ihre Listen pflichterfüllt — „Die Fuchsien blühn so nah“ …

NS Am 6. März 1934 ist „An die vaterländische Bevölkerung von Wels“ in der „Welser Zeitung“ von einer „Liste“ zu lesen, und es wundert gar nicht, daß solch ein Aufruf gerade in Wels zu veröffentlichen war, in diesem in der Gegenwart so recht bekannten Städtchen im Alpenvorland, das eine schwache halbe Stunde von Linz entfernt und Linz eine noch schwächere halbe Stunde entfernt von …

An die vaterländische Bevölkerung von Wels. Nach einer kurzen Zeit scheinbarer Ruhe beginnen die Nationalsozialisten in Wels wieder mit ihren sattsam bekannten Einschüchterungsversuchen. Diesmal haben sie es besonsders auf die vaterländischen, darunter zum Großteil arischen Geschäftsleute abgesehen und fordern ihrer Parteianhänger durch Flugzettel zum offenen Boykott auf. Der Inhalt der Flugzettel ist folgender: „Nationalsozialisten – Kampfgenossen! Auf Anordnung der Gauleitung wird mit sofortiger Wirksamkeit jedem Pg. der E i n k a u f in nachstehenden Geschäften auf das s t r e n g s t e  v e r b o t e n. Nichtbeachtung dieser Verfügung wird mit dem sofortigen Ausschluß als Schädling der Bewegung bestraft. Es liegt daher im Interesse jedes einzelnen Pg. Für weiteste Verbreitung Sorge zu tragen. Das Einkaufsverbot erstreckt sich vorläufig auf: (es folgen die Namen, von deren Veröffentlichung aus begreiflichen Gründen Abstand genommen werden muß). Der Boykott wird in der nächsten Zeit eine weitere Verschärfung erfahren und es wird jedes Mitglied gut tun, sich die Liste aufzubewahren. Volksgenossen! Tragen jeder bei, daß diese Aktion ein durchgreifender Erfolg für die mit uns im Kampfe stehenden arischen Geschäftsleute wird.“

Vaterlandstreue! Die Zerstörung der wirtschaftlichen Existenz ist das gemeinste und schäbigste Mittel im politischen Kampfe und zeigt von einer niederträchtigen Gesinnung. Wenn über den Charakter dieser Leute noch Zweifel bestehen sollten, dann gibt dieses Vorgehen der Wirtschaftsschädlinge des Dritten Reiches hinreichend Aufschluß. Dagegen muß sofort die schärfste Abwehr einsetzen. Haltet zusammen, kauft in erster Linie bei vaterländischen Geschäftsleuten und besucht vaterländische Lokale. Aus dem Inhalt des Flugzettels verdient besonders der letzte Satz Beachtung. Diesen Geschäftsleuten, die ohnehin stadtbekannt sind, sei diese einzige, erste und letzte Warnung gegeben. Wenn sie nicht sofort diesen undeutschen Kampf aufgeben, wird sich die vaterlandstreue Bevölkerung, wenn auch mit Widerwillen gegen dieses aufgezwungene Mittel, zu denselben Maßnahmen veranlaßt sehen. Es zeigt von besonders deutscher Art und Gesinnung, gegen denselben Staat dauernd zu hetzen, von dem man auf der anderen Seite die wirtschaftliche Förderung verlangt.