Euer Wille geschehe! Seid nicht mehr dabei!
Wenn ihr nur wollt, bei euch steht der Sieg!
Keine Reserveoffiziere!
Ihr seid die Zukunft!
Wenn ihr nur wollt, seid ihr alle frei!
Euer Wille geschehe! Seid nicht mehr dabei!
Wenn ihr nur wollt: bei euch steht der Sieg!
Wie nur einer, der es erlebte und entschied, nicht mehr dabei zu sein, so trug Oskar Werner das Gedicht vor.
Oskar Werner, ein „Lieblingsschauspieler“ vom „Lautsprecher“.

„Drei Minuten Gehör“ von Kurt Tucholsky, geschrieben vor einhundertundzwei Jahren, im Jahr des Herrn ’22, ein Aufruf von Oskar Werner, ja, von einem der „Lieblingsschauspieler“ von einem der „Lautsprecher“, dessen Name M. S.
Von euch, die ihr den Hammer schwingt,
von euch, die ihr auf Krücken hinkt,
von euch, die ihr die Feder führt,
von euch, die ihr die Kessel schürt,
von euch, den Jungen und den Alten –:
Ihr sollt drei Minuten inne halten.
Wir sind ja nicht unter Kriegsgewinnern.
Wir wollen uns einmal erinnern.
Euer Wille geschehe! Seid nicht mehr dabei!
Wenn ihr nur wollt: bei euch steht der Sieg!

1965 verbrannten Gläubige nicht die Bücher von Kurt Tucholsky; vielleicht, weil er nicht mehr lebte, zu dieser Verbrennungszeit bereits dreißig Jahre tot war, aber Erich Kästner, der noch lebte, Erich Kästner verbrannten sie, wie nur drei Jahrzehnte zuvor die Bücher von Kurt Tucholsky und Erich Kästner gemeinsam schon einmal verbrannt wurden, im Jahr des Herrn ’33 —
Die Nationalsozialisten verbieten 1933 Die Weltbühne und der nationalsozialistische Bibliothekar Wolfgang Herrmann setzt Kurt Tucholsky auf die „Schwarze Liste“. Seine Bücher gehen 1933 auf den Scheiterhaufen der Bücherverbrennungen in Flammen auf. Gleichzeitig wird ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.

An diesem 1. September ’24 muß ihm der Tag mit Wahlen in Deutschland als ein solcher Tag wohl vorgekommen sein, an dem Deutschland für ihn „etwas deutscher“ geworden sei, wie ein 1. September nicht wenigen, die ihm wohl so recht Deutsche waren, schon einmal als ein solcher Tag vorgekommen sein mußte,
in einer Zeit, als seiner Familienfirma auch mit Postkarten recht viel Geld machten …
Wie viele wohl werden nach diesem 1. September ’24 den einen Mann in Deutschland, einen Deutschlands Meister nennen,
mit dem Wahlstimmenanteil von knapp 33 %, womit er auf den ersten Platz kam, wie einst der Meister aus Österreich, der, einfach wie kurz gesagt, ganz knapp über 33 % kam, damit auch auf den ersten Platz kam, ihm 33 % genügten, um zum Regierenden gemacht, nicht gewählt zu werden, hingegen Jahrzehnte später die 33 % in Deutschland nicht zum Regieren reichen werden.
Hingegen in Österreich, in Österreich hingegen werden am Ende des Septembers ’24 weit weniger als 33 % genügen, in einem dem Schicksal, der Vorsehung so recht ergebenen Land, um zum Regierenden gemacht, nicht gewählt zu werden.
„Euer Wille geschehe!“ Ein Vers von Erich Kästner, im Titel seines Gedichts „Die Maulwürfe oder Euer Wille geschehe“ … Was für eine Aufregung nun in Österreich, im Jahr des Herrn ’24, als „Euer Wille geschehe“ auf einem Plakat einer wahlwerbenden Parlamentspartei, die wieder davon träumt, Regierungspartei zu werden, für die Nationalratswahl am 29. September — Maurer vom Stifte in seiner Erregung dazu, seine Religion sei „grundsätzlich friedlich“ …
„grundsätzlich friedlich“ also seien Organisierte Glauben, mit ihren Waffenweihen in der Vergangenheit, mit ihren Waffensegnungen bis zum Heute herauf …
Grundsätzlich friedlich geweiht, gesegnet, der Mord, mit 18 Buchstaben hat Kurt Tucholsky vor neun Jahrzehnten in der „Weltbühne“ dies zusammengefaßt: „Soldaten sind Mörder.“
Carl von Ossietzky als verantwortlicher Redakteur, angeklagt wegen Beleidigung der Reichswehr, wurde freigesprochen, vor neun Jahrzehnten,
und wenige Jahre später auch er ein Opfer des Soldaten 18.
„Euer Wille geschehe“, ein Vers von Kurt Tucholsky, in seinem Gedicht „Drei Minuten Gehör“. Kurt Tucholsky geht in seinem Gedicht weiter, er schreibt nicht nur „Euer Wille geschehe“, er schreibt auch: „Seid nicht mehr dabei!“
„Seid nicht mehr dabei!“ und „Gehn wir weiter.“ „Gehn wir weiter“, beginnt Kurt Tucholsky seine Rezension vor 95 Jahren der „„Auslese neuer afro-amerikanischer Lyrik“, die damals, so weit ist vor bald 100 Jahren schon gegangen worden, in Wien erschienen ist.
Und hier stehe das Bekenntnis, in das dieses Buch münden soll: Ja, wir lieben dieses Land. Und nun will ich euch mal etwas sagen: Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ›national‹ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da. Sie reißen den Mund auf und rufen: ‚Im Namen Deutschlands …!‘ Sie rufen: ‚Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.‘ Es ist nicht wahr.
Vorangestellt ist diesem Buch der Vers „So kam ich unter die Deutschen“ von Friedrich Hölderlin, der,
ginge er im Jahr des Herrn ’24 durch Wien, auf die Mölker Bastei, ausrief:
und sich von der Badenden abwendete … Ein Gedicht aus vor bald über einhundert Jahren aus „Deutschland, Deutschland über alles“ ist und nicht nur das zum Vortragen:
Deutsche Richter von 1940
Wir stehen hier im Vereine
in diesem Lederflaus;
wie die abgestochenen Schweine
sehn wir aus.
Wir fechten die Kreuz und die Quere
mit Schlag und Hieb und Stoß;
wir schlachten uns um die Ehre –!
Auf die Mensur!
Los!
Der deutsche Geist? Hier steht er.
Wie unsere Tiefquart sitzt!
Wir machen Hackepeter,
daß die rote Suppe spritzt.
Wir sind die Blüte der Arier
und verachten kühl und grandios
die verrohten Proletarier –
Auf die Mensur!
Gebunden!
Los!
Wir sitzen in zwanzig Jahren
mit zerhacktem Angesicht
in Würde und Talaren
über euch zu Gericht.
Dann werden wirs euch zeigen
in Sprechstunden und Büros . . .
ihr habt euch zu ducken, zu schweigen
Auf die Mensur!
Gebunden!
Fertig!
Los!
Wie lange, Männer und Frauen,
seht ihr euch das mit an –?
Wenn sie sich heut selber verhauen:
Euch fallen sie morgen an!
Ihr seid das Volk und die Masse
von der Etsch bis an den Rhein:
soll das die herrschende Klasse,
sollen das unsere Führer sein –?
Fertig!

In Anlehnung an Kurt Tucholsky für das bald einhundert Jahre spätere Heute:
Seid dabei beim:
Seid nicht mehr dabei!
Da seid dabei! Beim
Seid nicht mehr dabei!
Seid dabei! Geht
Weiter! Laßt hinter euch
Die Vergangenheitsbadenden.
Geht weiter! Seid dabei!
Laßt sie, die mit Vergangen-
heitssteinen im Sack Jagenden,
Dort, geht weiter, laßt sie dort
Allein, wo sie wollen geblieben,
Im Gebirg‘ in ihrem Festungszelt.



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