Franz Antel ohne Stolz: „Wir sind eben schon wieder einmal befreit worden“

Es gibt den Antel-Bockerer und es gibt den Kehlmann-Bockerer.

Wenn aber heute vom „Bockerer“ gesprochen, geschrieben wird, wird heute nur noch vom Antel-Bockerer geredet, geschrieben, und gezeigt wird heute, im Fernsehen, bloß noch der Antel-Bockerer, der 1981 in die Kinos kam,

„Der Bockerer“ von Franz Antel, dessen Reaktion darauf, er sei ein „Nazi“, als er in den fünfziger Jahren Hans Weigel vorwarf, ein „mieser Jude“ zu sein, sei gewesen, „stolz“ sei er darauf …

Und Friedrich Torberg habe Franz Antel in den fünfziger Jahren Antisemitismus vorgeworfen.

Mit Friedrich Torberg beginnt die Geschichte vom „Bockerer“, der bei Torberg „Neidinger“ heißt, über den Friedrich Torberg einige Szenen schrieb, und sich durch Becher und Preses bestohlen fühlte, weshalb er wegen Verletzung seiner Urheberschaft klagte; den Prozeß verlor Friedrich Torberg.

Im Oktober 1948 wird „Der Bockerer“ von Ulrich Becher und Peter Preses im „Neuen Theater an der Scala“ in Wien, auf der Wieden, im vierten Bezirk, uraufgeführt. Friedrich Torberg, und mit ihm Hans Weigel, bekämpft nicht nur Bertolt Brecht, sondern auch die „Scala“. Weil es in deren Augen, einfach wie kurz gesagt, ein „kommunistisches Theater“ ist. Mit ihrer Hetze sind sie dabei äußerst erfolgreich. Sie, die „CIA-Agenten“ vom „Forvm“, werfen u. a. den Schauspielerinnen und Schauspielern der „Scala“ vor, „kommunistische Agenten“ zu seien. Um es kurz zu machen. Bereits 1956, ein Jahr nach dem sowjetischen Abzug aus Österreich, wird der Theaterbetrieb eingestellt, Förderungen gibt es für die „Scala“ keine, auch nicht mehr von der kommunistischen Partei. Engagements gibt es für Mitglieder des Ensembles in Österreich keine mehr, einige von ihnen kommen im „Berliner Ensemble“ unter, etwa Karl Paryla, gegen den Torberg und Weigel ein „Auftrittsverbot bei den Salzburger Festspielen“ durchsetzen.

Nur nebenbei, was wieder alles sofort möglich war, als die Österreichischen wieder ganz unter sich waren, etwa einen Massenmordgehilfen des Österreichers mit einem höchsten Staatsehrenzeichen zu würdigen,

einer Bildhauerin Skulptur ganz im Familiensinne des Österreichers öffentlichen Raum zu geben …

Und ebenfalls nur nebenbei, in Deutschland wird, etwa auch zur Zeit des Errichtung der Berliner Mauer“ allenthalben ein „Brecht-Boykott“ propagandiert – ohne Erfolg aber; in Deutschland hätten Torberg und Weigel mit ihrer Hetze keinen Erfolg für sich buchen können. Nur in Österreich sind sie erfolgreich; was für weitere Karrieren hätten sie — wären sie ohne ihre Gnade der richtigen Geburt gewesen — sonst wohl noch gemacht haben können?

Sollte auch darüber nachgedacht werden, weshalb der Antel-Bockerer sein Geschäft in der Garbergasse hat und nicht wie der Kehlmann-Bockerer in der Paniglgasse auf der Wieden? Die Wieden zu bürgerlich, zu adelig für einen Karl Bockerer? Die Mariahilf hingegen?

„Der Bockerer“ mit seinen vier Teilen von Franz Antel ist, könnte einfach wie kurz gesagt werden, ganz im Sinne und ganz im Geiste Torbergs und Weigels, die Fortführung ihres Kampfes gegen den Kommunismus Die Teile II bis IV von Franz Antel sind dermaßen unerheblich, bedeutungslos, was aber kein Wunder ist, fehlt ihnen doch jedwede Unterlage eines Ulrich Becher und eines Peter Preses, deren Vorlage bereits für den „Bockerer I“ von Franz Antel zu einer süßlichen Liebesgeschichte und zu einer mehr als fragwürdigen Aufklärung über die madigen sieben Jahre der massenmörderischen und massenverbrecherischen Diktatur des Österreichers in Österreich mißbraucht wird, daß von diesen drei Teilen es gar nicht je zu sprechen lohnt.

An dem Drehbuch des „Bockerer I“ — nur von diesem wird von jetzt an noch gesprochen werden — soll, auch wenn er im Vorspann nicht angeführt ist, H. C. Artmann ebenfalls mitgeschrieben haben. Ob es H. C. Artmann selbst verhinderte, genannt zu werden, als ihm vielleicht einleuchtete, klar wurde, woran er da mitarbeitete?

Es ist bald wieder der 9. November, und deshalb ist es die richtige Zeit, in der Vornacht vom Bockerer zu reden, der in der Nacht lebte, sein Sohn mit Pflastersteinen in den Straßen selbst in dieser Nacht des 9. Novembers —

In diesem November, sechsundachtzig Jahre später, drängt es wieder Menschen auf die Straße —

Natürlich kommt Franz Antel nicht umhin, die Bösartigkeit des österreichischen Menschen zu zeigen, es sind auch zum Straßenwaschen gezwungene jüdische Menschen zu sehen, auch beispielhaft eine Arisierung, aber die Massenmorde an jüdischen Menschen werden ausgeklammert, im Fokus ist der Krieg, ein Schwelgen in Original-Aufnahmen, das aus dieser Zeit nur nationalsozialistisches Material sein kann —

Es wird in diesem Film kein jüdischer Mensch erschossen. Dafür, und diese Szene mutet sonderlich an, schießt der SS-Mann Gstettner auf aufgehängte tote Schweine, in einer Halle, in der neben ihm jüdische Menschen das Blut von Schweinen auflecken müssen. Soll diese Szene gar stellvertretend für den Holocaust stehen, oder soll — das will nicht einmal gedacht werden, wenngleich es nicht ausgeschlossen werden kann, daß gerade das manche oder gar viele beim Sehen dieser Szene sich denken werden …

Im Fokus der Krieg, im Fokus die rührselige Liebesgeschichte, und im Fokus der Widerstand des Eisenbahners Hermann, der — ja, „Konzentrationslager“ wird gesagt — im Konzentrationslager Dachau getötet wird, nicht in einem „Vernichtungslager“, sondern im „Konzentrationslager Dachau für politisch Verfolgte“; er wird also nicht ohne Grund verfolgt und getötet, und nicht einfach nur deshalb ermordet, weil er ist

Und im Fokus auch die Homosexualität des SS-Mannes Gstettner, gespielt von Michael Schottenberg, und des Gestapo-Mannes Lamm, gespielt von Klaus-Jürgen Wussow, und auch darüber will gar nicht nachgedacht werden, was Franz Antel damit —

Je mehr über den Antel-Bockerer nachgedacht werden könnte, desto abgründiger würde dieser erscheinen. Das Harmlose an dem Antel-Bockerer ist noch, daß Karl Bockerer, gepielt von Karl Merkatz, mundelt, zumindet zweimal sogar mehr oder weniger wörtlich … Wie wenig aufklärend oder sogar anti-aufklärerisch dieser Film ist, soll zum Schluß exemplarisch die Rede vom SS-Mann Gstettner in der Gegenüberstellung vorführen.

Im Antel-Bockerer Michael Schottenberg:

Gstettner, SS: Wirst a Hetz hobn in Rußland.
Sein nächster Liebhaberkamerad: Auf diese Partisanen bin i goar nit schoarf.
Gstettner: Aber Blödsinn, die gibts in Woarheit über kurz oder long gor nimma mehr. Liquidation. Vastehst. Alle verdächtigen Elemente im besetzten Gebiet zack weg.
Liebhaberkamerad: Ja, aber wie?
Gstettner: Zammfangn, in einen Heereslaster, je mehr, desto besser, Türe zu, Motor anlassn. Sobald der Motor lauft, blast Gast in das hermetisch Abgeschlossene in das Innere des Wagens. Nach zwanzig Minuten sind alle erledigt, bis höchstens a poar Weiba, die Ludern sind zach.
Liebhaberkamerad: Des is a deutsche Technik.
Gstettner: Umsiedlung heißt die Aktion. Die Trotteln glauben, sie werden per Heereslaster woanders hinbracht. Kleider, Wertgegenstände abliefern, sicherstellen, Ringe, Goldzähne etc. an das Finanzministerium. Das is halt das Fade an der ganzen Geschichte. Aber sonst wirst a Riesenhetz hobn in Rußland.

Im Kehlmann-Bockerer erzählt Gstettner, gespielt von Walter Kohut, dasselbe, aber nicht auf dem Bahnhof, sondern im Café Tosca, kurz bevor Karl Bockerer sich mit seinem Sohn Hansi auf Vermittlung von Hatzinger im Café Tosca zum Abschied treffen. Gstettner und Hansi spielen eine Partie Billard, und bei dieser berichtet Gstettner:

Hansi: Heil Hitler, Ferdinand.
Gstettner: Heil Bockerer Hans. Wann fährst denn?
Hansi: Heute nacht, 2 Uhr zehn, das Gepäck ist schon auf der Ostbahn. Der Mutter hab ich schon Adieu gsagt, und wie ich mit meinem Alten steh‘, das weißt ja. Ist über Nacht gekommen, die Gschicht bei mir. Komm, jetzt setzen wir uns. Erzähl mir was von den Russen. Gib mir ein paar Tipps.
Gstettner: Du weißt ja noch gar nicht, wohin du kummst.
Hansi: Gar nix weiß i. Aber ich habe nie damit gerechnet, daß ich eingezogen werd.
Gstettner: Fährst vielleicht nicht gern?
Hansi: Aber selbstverständlich, ich bin doch begeistert. Also wos geht vor an der Ostfront, erzähl.
Gstettner: Es gibt nicht viel zu dazöhln. Wirst schon selber draufkommen. Kumm, mochma a Billardpartie.

Hansi: Schau, Ferdl, da sind so viele Gerüchte im Umlauf über diese Partisanen oder wie die heißen. Du weißt eh, die russische Zivilbevölkerung. Sag einmal, wie hobts ihr eigentlich als SS das Problem gelöst?
Gstettner: Partisanen? Damit hob i eigentlich nicht viel zu tun gehobt. Mehr Infanterieangelegenheit. Du wirst damit warscheinlich zu tuan hobn. Dei Stoß.
Hansi: Eigentlich merkwürdig, daß diese Bolschewisten, diese Untermenschen die Courage habn, so an hirnrissigen Widerstond zu leisten.
Gstettner: Brauchst ka Ongst hobn, wir ramen schon auf, wir Einsatztruppen unterm Kaltenbrunner, auf den können wir stolz sein, auf den Kaltenbrunner, wir in der Ostmark.
Hansi: Sag mal, was habt ihr Einsatztruppen eigentlich für a Funktion?
Gstettner: Liquidation der verdächtigen Elemente im besetzten Gebiet. Verdächtig sind alle, vastehst, Russen, Polen, Juden, die gonzen Viecher mit an Wort. Es gibt natürlich verschiedene Möglichkeiten. Zum Beispiel a Lostwogen. A gonz gewöhnlicher Heereslostwogen, äußerlich gar nichts dron zu bemerken. Und wast wos in Wirklichkeit is?
Hansi: Na, wos denn?
Gstettner: A ambulante Gaskammer.
Hansi: In an Lastwogen?
Gstettner: Ja, die Untermenschen werden einmal einepfercht in den Wogn, je mehr, desto besser, wonn die Tür zu is, der Motor rennt, dann strömt automatisch Gas in das hermetisch abgeschlossene Innere des Wogens. Automatisch. Dulli. Wos? Sobald ma donn beim Massengrob anglongt san, Viertelstund, zwanzig Minuten, je nachdem, Löschkolk usw. vurbereitet, san die meisten eh schon hin, bis auf a poar Weiba holt. Des is dei Stoß.
Hansi: Frauen sind da auch dabei?
Gstettner: Frauen, Kinder. Spül, spül, spül.

Gstettner: Daß ma wieder mol a offenes Bier kriagt. So a Urlaub is a Freud.
Hansi: Sag einmal, sind das alles Spione, die ihr da vergasts?
Gstettner: Jeder einzelne. Wie spülst denn, wos host denn, du woarst doch früha a Koryphäe beim Billard.

Hansi: I hab geglaubt, eure Spione, die werden erschossen.
Gstettner: Ja, was auch viel mehr nach meinem Gusto is. I hob dir ja gsogt, wir haben verschiedene Möglichkeiten.

Gstettner: Die Vertülgung als solche is gonz anfoch. Normalerweise hot man sie […] gführt, ausziehn lossn, gleih Wertgegenstände abliefern und donn habn wirs einepfeffert, wonn ana nit glei hin woar, donn hat er an Gnodenschuss krieagt. Kompliziert is es erst nochher wordn. Die gonze Kleidung, Wertgegenstände ordnen und plangemäß abliefern, waggonweis habn wir es verfrachtet, die Wertgegenstände wie Goldzähne usw. ans Finanzministerium, alles plangemäß, fost nie, daß in meiner Abteilung amoil a Unterschlagung vorkommen war, alles hoch anständige Burschen.

Gstettner: Ah, schwoche Nerven? Reisefieber?
Hansi: Nein, nein, schlecht is mir von dem Zeug, dem Süßen.
Gstettner: I muaß gehn, i hob noch a Rendezveus, mit ana Jüdin. Also, reiß di zsamm, vielleicht sehn wir sich in Stalingrad. Heil Hitler.
Hansi: Heil Hitler.


Der Antel-SS-Gstettner erzählt von „Partisanen“, von Frauen zwar auch, aber nicht von „Juden …“ Es werden halt, werden wohl Zusehende denken können, „Partisaninnen“ sein, die zu … so sei es halt in einem Krieg …“

Der Kehlmann-SS-Gstettner ist konkret, er zählt auf: „Juden, Polen, Russen, oder mit einem Wort, wie er sie nennt: „die ganzen Viecher“. Der Kehlmann-SS-Gstettner zählt auf: „Frauen, Kinder“ —

Am Ende des Antel-Bockerers wieder Original-Aufnahmen, diesmal des zerstörten Wiens, Frau und Kind sind u. v. a. m. zu sehen, wie sie Aufräumarbeiten —

und dazu erzählt eine Stimme aus dem Off von dem Ersparen des Weges nach Stalingrad und wieder zurück, vom Kampf des Österreichers, „aber hinhalten haben wir unseren Schädel müssen“ —

Off-Stimme: Kommen sie jetzt zu uns, die Russen, überall kann man sie sehen, überall in Wien, überall. Wir sind eben schon wieder einmal befreit worden.

Wie anders hingegen das Ende des Kehlmann-Bockerers, in dem Karl Bockerer einem aus der psychiatrischen Anstalt Steinhof entsprungenen Österreicher, der, Alois Selchgruber, von sich meint der Überösterreicher zu sein, ihm alles vorhält, was ihm vorzuhalten ist, seine Verbrechen, ihn einen „Massenmordfabriksdirektor“ … Der Kehlmann-Bockerer endet nicht mit

„Wir sind eben schon wieder einmal befreit worden.“