Im Kapitel davor war wieder einmal von Martin Luther zu erzählen, von seinen Psalmen gegen Menschen,
von denen Abraham a Sancta Clara predigte, sie seien „Judä Iscarioths nahe Brüder und Anverwandte“ …
Und in diesem Kapitel ist zu erzählen, was sich in diesem Jahr im „Bibel-Gürtel“ zugetragen hat, aber auch wieder einmal davon, wie es den Menschen, gegen die nicht nur die Augustiner-Barfüßer psalmodieren, in Europa ergeht.
Die nordirische Kleinstadt Ballymena zählt 30 000 Einwohner und über 40 Kirchen. In unmittelbarer Nähe voneinander ragen die Türme der High Kirk Presbyterian Church, der Old Parish Church und der anglikanischen Saint Patrick’s Church in den Himmel. Seit dem 17. Jahrhundert leben hier vorwiegend Protestanten schottischer Abstammung. Bis heute ist die Gegend als Bibel-Gürtel Nordirlands bekannt.
Im „Europa-Journal“ des Radiosenders „Ö1“ wird am 3. Oktober 2025 darüber berichtet:
Und auch in diesem Jahr [2025] ist es immer wieder zu Gewalt gegen Roma gekommen. So wurden zum Beispiel im Frühjahr 200 Menschen in der bulgarischen Hauptstadt Sofia obdachlos, nachdem ihre Wohnungen auf Anordnung der lokalen Behörden zerstört wurden. Und in der nordirischen Stadt Bellymena [„Bibel-Gürtel“] hat im Juni ein rassistischer Mob tage- und nächtelang randaliert, nachdem zwei Jugendlichen, laut Medienberichten Roma aus Rumänien, eines sexuellen Übergriffs beschuldigt wurden. Die Gewalt richtete sich vor allem gegen die Roma-Community, andere ethnische Minderheiten und Immigranten. Autos und Wohnhäuser und Geschäftslokale wurden in Brand gesetzt und zerstört. Um nicht selbst Opfer der Gewalt zu werden, brachten Einwohner der Stadt Bellymena Schilder mit der Aufschrift „Hier leben Einheimische“ auf ihren Türen an. Rund 60 Polizeibeamte wurden bei den Randalen verletzt und 53 Personen festgenommen. Eintausendzweihundert Roma und Romnja hatten vor den Unruhen in Bellymena gelebt, laut der BBC und anderen britischen Medien haben mittlerweile fast Zweidrittel von ihnen die Stadt verlassen.
Weiter ist zu erfahren:
In dieser Sendung werden sie öfters auch von „Travellers“ oder „Irish Travellers“ hören, diese hierzulande weniger bekannte Volksgruppe lebt vor allem in Irland, aber auch in Großbritannien und in den USA. Diese Woche hat die EU-Agentur für Grundrechte mit Sitz in Wien einen Bericht zur Lage der Roma in Europa veröffentlicht. Ergeben hat die Befragung, daß 70 % von ihnen in Armut leben. Obwohl das bereits eine Verbesserung zu früheren Erhebungen bedeutet, sie sind damit weiterhin viermal häufiger von Armut betroffen als die allgemeine Bevölkerung der EU. Der Bericht zeigt auch, daß es zwar Fortschritte in Fragen wie Zugang zu Arbeitsplätzen und Wohnraum gibt, aber Diskriminierung und Marginalisierung stellen weiterhin große Probleme dar.
Zur Lage der Roma in Europa habe ich mit dem Menschenrechtskommissar des Europarats Michael O’Flaherty gesprochen. Auch der Kommissar hat diese Woche einen Bericht zur Lage der Roma in Europa veröffentlicht. Michael O’Flaherty hat dafür acht Länder bereist, um sich selbst einen Eindruck zu machen, wie sich die Lebensbedingungen von Minderheiten wie der Roma gestalten. Das Ergebnis, das war schockierend, erzählt er im Interview für das „Europa-Journal“. Und der Menschenrechtskommissar fordert vor allem die Mehrheitsgesellschaft auf, sich des eigenen Rassismus und Antiziganismus mehr bewußt zu werden.
Interviewerin: Michael O’Flaherty, Sie sind Menschenrechtskommissar des Europarats und neben vielen anderen Themen beschäftigen Sie sich ausführlich mit der Lage der Roma und anderen Minderheiten. Sie haben Gemeinschaften in mehreren Ländern besucht, was haben Sie dort erlebt und gesehen.
Michael O’Flaherty: Wir haben zwölf Millionen Roma in den Mitgliedsländern des Europarats, in der EU sind es etwa sechs Millionen. Die Situation ist überall absolut besorgniserregend. Sowohl in bezug auf die Achtung ihrer Menschenwürde, ihres menschlichen Wohlergehens und ihrer Menschenrechte. Es gibt kein Land, in dem es keine Probleme mit Diskriminierung, Haß und Ignoranz gibt. Wenn ich anfange über die Situation der Roma zu sprechen, passiert es oft, daß meine Gesprächspartner einfach abschalten. Ich versuche seit Jahren mit den Roma-Communities in ganz Europa zusammenzuarbeiten, schon vor meiner Zeit als Menschenrechtskommissar. Als ich diesen Job angetreten habe, war ich entschlossen, mich für ihre Recht einzusetzen. Ich war seither in acht Ländern, um Roma-Gemeinschaften zu besuchen und ihre Lebensbedingungen kennenzulernen. Ich spreche übrigens nicht nur von Roma, sondern auch von anderen Minderheiten, wie den „Irish Travellers“.
Letztes Jahr war ich in der Slowakei, im Osten des Landes. Ich war sehr schockiert von dem, was ich gesehen habe. Ich habe früher für die UNO gearbeitet, u. a. in den ärmsten Ländern der Welt, aber ich habe noch nie Slums gesehen, die denen im Osten der Slowakei glichen. Das ist absolut schrecklich. Gleichzeitig habe ich in der Slowakei auch gesehen, daß beispielsweise das Gesundheitsministerium wirklich gute Arbeit leistet, wenn es darum geht, die Roma-Gemeinschaft zu erreichen und Beziehungen aufzubauen, damit sie, insbesondere auch Frauen, eine angemessene Gesundheitsversorgung erhalten können. Es ist also nicht alles Schwarz-Weiß. Aber gerade wenn es um Wohnraum geht, muß noch vieles verbessert werden. Und das liegt auch bei den lokalen Behörden. Ich glaube auch, daß der Schlüssel die Frauen in den Roma-Communities sind. Bei meinen Reisen habe ich gesehen, daß sie es sind, die zu entscheidenden Veränderungen beitragen. Wenn wir also mit den Frauen zusammenarbeiten und sie darin bestärken, Veränderungen voranzubringen, bin ich überzeugt, daß sich vieles zum Besseren wenden wird.
Interviewerin: Die Probleme, mit denen Roma und andere Minderheiten im Alltag konfrontiert sind und ihre Menschenrechtsssituation allgemein haben sich in den verschiedenen Bereichen durchaus verbessert, aber insgesamt scheinen die grundlegenden Probleme doch geblieben zu sein. Wenn Sie mit den Menschen sprechen, haben Sie dann den Eindruck, daß sie Hoffnung haben und daß sich die Situation tatsächlich noch ändern kann?
Michael O’Flaherty: Ja, ich spüre viel Hoffnung, vor allem bei jungen Menschen. Ich erinnere mich an Gespräche mit jungen Menschen, in Irland und anderswo, da habe ich gesehen, daß sie Visionen für eine bessere Zukunft haben und auch die Selbstsicherheit, diesen Weg zu gehen. Das ist sehr ermutigend. Das hängt viel mit einem besseren Zugang zur Bildung zusammen, denn damit werden Möglichkeiten eröffnet, die es zuvor vielleicht nicht gab. Grund zur Hoffnung sehe ich auch darin, daß innerhalb der Roma- und Traveller-Gemeinschaften die Erkenntnis wächst, daß das Problem auch bei der Mehrheitsgesellschaft liegt, also bei Menschen wie mir. Es ist der Rassismus in unserer Gesellschaft, der bekämpft werden muß. Es geht nicht darum, die Roma- und Traveller-Gemeinschaften zu verändern, sondern darum, den Rassismus, den wir offenbar in ganz Europa haben, zu benennen und zu bekämpfen.
Es gehe nicht darum, sagt Michael O’Flaherty, „die Roma- und Traveller-Gemeinschaften zu verändern“, dazu fällt unweigerlich das „Mahnmal“ in Lackenbach ein, das heute noch mit der antiziganistischen Inschrift glänzt: „Sie mussten leiden und sterben nur weil sie anders waren“ …
Interviewerin: Sie haben den Rassismus erwähnt. Wenn wir beispielsweise nach Südosteuropa schauen, dann gibt es hier eine sehr große Roma-Community gemessen an der Gesamtbevölkerung und gleichzeitig scheint die Klugt zwischen der marginalisierten Gruppe und der Gesamtbevölkerung sehr groß zu sein. Wie kann man hier nachhaltig Veränderungen bewirken?
Michael O’Flaherty: Ich würde mich nicht nur auf Südosteuropa beschränken. Diese Probleme gibt es in ganz Europa, sie sind in meiner Heimat Irland genauso verbreitet wie in jedem anderen Land. Wir sollten nicht den Fehler machen, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Denn das Problem betrifft ganz Europa. Und in ganz Europa gilt es anzuerkennen, daß wir rassistisch sind. Aus irgendeinem Grund, sind die Leute schockiert, wenn ich das sage. Ich weiß nicht warum, denn nach all den Jahren, mit denen ich mit Roma, Traveller und anderen Gemeinschaften gearbeitet habe, erscheint mir das so offensichtlich. Wie gehen wir also mit diesem Rassismus um? Wir müssen weiterhin darauf hinweisen, aber ich würde mir wünschen, daß die politischen Entscheidungsträger, die Staats- und Regierungschefs Verantwortung übernehmen, und zum Beispiel die Lage dieser Minderheiten zu ihren größten Prioritäten erklären.
Die Roma-Gemeinschaft übernimmt zunehmend Selbstverantwortung. Jetzt müssen auch die Mehrheitsgesellschaft und die Politik dasselbe tun.
Interviewerin: Natürlich haben Sie recht, wenn Sie sagen, daß es nicht nur um Südosteuropa geht. Trotzdem haben wir beispielsweise in Bulgarien die Situation, daß in diesem Jahr in Sofia eine Roma-Siedlung mit Bulldozern vollständig zerstört wurde. Wie kann so etwas in einem EU-Land passieren?
Michael O’Flaherty: Das darf nicht passieren und ich habe das angeprangert. Ich habe mit der bulgarischen Regierung über dieses Thema gesprochen. Und wenn es sich hier um eine Straftat handelt, dann muß es eine Rechenschaftspflicht geben. Ich möchte jetzt keiner bestimmten Person eine Verantwortung zuschreiben. Dazu bin ich nicht befugt. Aber wir müssen Verantwortung einfordern. Wenn Gesetze gebrochen und Haß-Verbrechen begangen werden, müssen die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Ich war früher auch Direktor der EU-Agentur für Grundrechte und ich bin seit vielen Jahren schockiert darüber, wie Menschen in bedeutenden Situationen mit Hetze und Haß davonkommen. Da werden Dinge gesagt, die die Grenze zum Strafrecht überschreiten. Trotzdem kommen diese Leute zu oft, wie ich finde, straffrei davon. Das ist inakzeptabel. Wir haben Gesetze, die EU hat Gesetze, es gibt Standards, es gibt Instrumente zur Rechenschaftspflicht, aber sie werden nicht ausreichend genutzt.
Interviewerin: Ein Gespräch mit dem Menschenrechtskommissar des Europarats Michael O’Flaherty. Der Kommissar hat in dieser Woche auf Grundlage seiner Reisen durch Europa einen umfassenden Bericht zur Lage der Roma veröffentlicht.
Und wir bleiben beim Thema, gehen aber nach Spanien. Schätzungen zufolge leben fast 800.000 „Gitanos“, wie die Roma in Spanien genannt werden, auf der iberischen Halbinsel. Und auch hier hat die Minderheit mit Vorurteilen zu kämpfen. Ihre Geschichte ist wie jene der Roma in anderen Ländern von Verfolgung und Diskriminierung geprägt. Über die Jahrhunderte hinweg waren sie immer wieder Opfer von Vertreibungen, wurden mit Berufsverboten belegt oder zur Assimilation gezwungen. Trauriger Höhepunkt war das Jahr 1749. Die spanische Krone verfolgte damals das Ziel, die gesamte Roma-Bevölkerung des Landes auf einmal festzunehmen und einer Zwangsassimilation zu unterziehen. Tausende Gitanos wurden verhaften, in Gefägnisse, Arbeitslager oder spezielle Umsiedlungsorte gebracht. Männer, Frauen und Kinder wurden getrennt, Familien zerstört und viele litten unter Hunger, Krankheit und Gewalt.
Moderatorin: In der Gegenwart sind die Gitanos allerdings besser in die Gesellschaft eingebunden als in so manch anderem europäischen Staat. Die spanische Regierung hat sich jahrelang aktiv um die Integration gekümmert. Die Gitanos prägen außerdem die spanische Kultur bis heute maßgeblich. Frauen, die Gitanas, waren innerhalb der Volksgruppe bisher jedoch weiterhin besonders benachteiligt, doch auch das ändert sich langsam, vor allem durch das Engagement von Aktivistinnen, wie Josef Manola in seiner Reportage aus Madrid berichtet.
Im April 2025 wurde berichtet:
Grabstätten der Sinti- und Roma-Gemeinschaft auf Wiener Friedhöfen geschändet
In mindestens 60 Fällen wird wegen des Verdachts der schweren Sachbeschädigung, der Störung der Totenruhe und des Einbruchsdiebstahls ermittelt
Auf acht Friedhöfen in Simmering, Floridsdorf und in der Donaustadt wurden Grabstätten von Angehörigen der Volksgruppe der Sinti und Roma geschändet. Am internationalen Tag der Roma, dem 8. April, berichtete der ORF von einer Serie von Schändungen von Grabstätten der Volksgruppenangehörigen der Roma und Sinti auf mehreren Wiener Friedhöfen.
Und das und wie auch anders im Portschyland …
Was bleibt, sind Fragen, wohl auch von der Art. Ob sich beispielsweise der Verein mit vielen „Prominenten“ auch schon diesen Gräbern angenommen hat, dem beispielsweise ein Bundeskanzler von ’18 sofort, also vor sieben Jahren, seine Hilfe, seine Unterstützung zusagte, um seine, da es „höchste Zeit“ sei, „Verantwortung“ nicht zu übernehmen, aber zu zeigen?

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