From no abandoned works

Es werden, das kann jetzt schon gesagt werden, wenige daran vorbeikommen wollen, den 95. Geburtstag von Thomas Bernhard zu begehen, feierlich zu erinnern, daß Thomas Bernhard am 9. Februar 2026 seinen 95. Geburtstag … Und Thomas Bernhard verdient Elogen zu jedem Geburtstag, ob zu einem runden, ob zu einem unrunden, kein Geburtstag von Thomas Bernhard darf ohne preisende Gedenken vergehen.

Und derart ist es zu verstehen, woran auch an seinem fünfundneunzigsten Geburtstag …

Es gibt dafür keinen besseren Monat als den Monat Jänner, schon im Jänner zu feiern, denn am 15. Jänner 1791 wurde Franz Grillparzer geboren, am 21. Jänner 1872 starb Franz Grillparzer, genauer, nicht Franz Grillparzer, sondern an den einst vergebenen Franz-Grillparzer-Preis zu erinnern, von dem die österreichische Wissensbank auch vieles zu berichten weiß …

U. v. a. m. etwa das berichtet, wer mit diesem ausgezeichnet wurde, so viele, daß hier nicht alle aufgezählt werden können, beispielsweise

Max Mell,

Ina Seidel,

Erwin Guido Kolbenheyer,

Mirko Jelusich,

Gerhard Hauptmann,

Rudolf Bayr

Wie viele von diesen dienen heute noch als Vorbild zur identitären Bildung …

Nicht etwa grillparzerisch Ausgezeichnete allein stillen den identitären Bildungshunger, identitär gesinnt zu sein, kennzeichnet aus, unstillbar gierig zu sein, nach jedwedem Bildungsfutter, alles einzuverleiben, was nur einverleibt werden kann.

Eine Grillparzer-Ausgezeichnete war Gertrud Fussenegger nicht, aber eine Grillparzer-Preis-Jurorin war sie, zu deren Pflege eine Gesellschaft gegründet ward, und so soll mit dieser Preisrichterin begonnen werden,

bevor der 95. Geburtstag von Thomas Bernhard, der den Grillparzer-Preis vor 55 Jahren

18 Jahre nach Rudolf Bayr und

21 Jahre vor Hans Lebert

“ Alles was ist,“ sagt Wittgenstein,“ ist, weil es der Fall ist „. So breitet die Sprache ihr Sprungtuch auf, gegen unseren Sturz ins Bodenlose.

So kann es am 21. Jänner 2026, so hätte es auch schon am 15. Jänner 2026 auf der Website der Fussenegger-Gesellschaft gelesen werden können, es wird wohl ein Zitat der Getrud Fussenegger sein, mit ihr ist zu beginnen, wenn es um den Franz-Grillparzer-Preis und somit auch um Thomas Bernhard geht. Menschgemäß ist es ungenau oder unrein zitiert, tatsächlich beginnt Ludwig Wittgenstein seine Notation in seinem logisch-philosophischen Traktat mit diesen Sätzen:

1 Die Welt ist alles, was der Fall ist.
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
1.11 Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, dass es alle Tatsachen sind.
1.12 Denn die Gesamtheit der Tatsachen bestimmt, was der Fall ist, und auch, was alles nicht der Fall ist.
1.13 Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt.
1.2 Die Welt zerfällt in Tatsachen.
1.21 Eines kann der Fall sein oder nicht der Fall sein und alles Übrige gleich bleiben.
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.

Ungenaues, wie das von der fusseneggerischen Gesellschaft Zitierte, ist nicht zu interpretieren, was immer gedacht wurde, von Gertrud Fussenegger, darf angenommen werden, selbst, es auf diese Weise zu zitieren, ist belanglos, unergiebig. Vom Fall der Gertrud Fussenegger kann erzählt werden, von den Tatsachen aber. Das Copyright der Gertrud-Fussenegger-Gesellschaft weist, kann am 21. Jänner 2026 gelesen werden, als Jahr „2026“ aus, es wurde das Jahr also, kaum war das erste Kalenderblatt 2026 aufgeschlagen, sofort aktualisiert, während die Mitglieder des „Kuratoriums“ … Es kann eine höhere Tatsache sein, daß diesem Kuratorium zur Hege der gläubigen Gertrud Fussenegger ganz im Glaubenssinne des Vorstands Michael Ragg von der Agentur für Christliche Kultur, deren Direktor und Vorsitzender er war, vielleicht noch ist, in Opfenbach, Deutschland, beispielsweise nach wie vor Erhard Busek angehört, der am 13. März 2022 starb.

Und einen Germanisten wie Dr. Christoph Fackelmann zur Seite in der fusseneggerischen Pflege zu haben, wird Erhard Busek wohl darin bekräftigen, dieses Kuratorium nicht zu verlassen, dieser Gesellschaft auch vier Jahre nach seinem Tod rege die Treue …

Nun einmal genug von Gertrud Fussenegger. Sie wird noch einmal zu Wort kommen, in einem Interview, das ein Dramolett genannt werden könnte, in dem sie, Gertrud Fussenegger, sich selbst schrieb, was sie zu sagen hatte: „Jetzt ist er verbrannt, der Strudl.“

Wie Thomas Bernhard tapfer reden konnte, wie Thomas Bernhard seine Figuren tapfer auftreten lassen konnte, wenn er vor ihnen stand, vor den „Nazis“, wie auch er sie so einfach wie kurz nannte, durch seine Figuren nennen ließ, schwieg er, wenn er vor den „Nazis“ stand, konnte er nichts tun, bloß im Nachhinein, viel später erst konnte er geehrt berichten, in seiner „Suppe“ seien nur „Nudeln“, wenn er vor den namentlich bekannten stand, tat er nur eines, ihnen brav die Hand schütteln, artig sich vor ihnen verbeugen, ihnen den Diener machen.

Und sie kamen gerne zu ihm, etwa Professor Doktor Heinz Kindermann, etwa Professor Doktor Friedrich Schreyvogel, ergreifen freudig seine Hand, genießen seine Verbeugung, seine Huldigung ist ihnen gewiß eine Ehre, die Bestimmung ihrer Leben war, in der Zuversicht, für eine weitere Generation Verehrte zu bleiben, und für den nun vor ihnen sich verbeugend Ausgezeichneten endgültiges Zeichen seines unaufhaltsamen Aufstiegs in die ehrenreiche österreichische Gesellschaft.

Der Grillparzerpreis, seine Auszeichnung, die Verleihung in der „Österreichischen Akademie der Wissenschaften“ vor über fünfzig Jahren mit seiner Verbeugung, von der er keinen „Bericht“ gibt, weder in „Meine Preise“ noch in „Wittgensteins Neffe“. Aber seine Bücher sind keine „Berichte“, auch wenn Thomas Kramar in der „Presse“ im Geburtsmonat und im Sterbemonat von Franz Grillparzer noch im Jahr 2025 schreibt, „Meine Preise“ seien ein „Bericht“.

Thomas Bernhard würde über die Verleihung des Grillparzer-Preises an ihn genau einhundert Jahre nach dem Tod von Franz Grillparzer berichten. Ein Bericht ist, so die weithin anerkannte Definition, die genaue Wiedergabe eines Geschehens, wie es sich tatsächlich zugetragen hat. Der „Bericht“ vom Geschehen auf dem Ignaz-Seipel-Platz, wie von Thomas Bernhard niedergeschrieben, ist das, was Menschen in Österreich seit jeher bemühen, wenn sie ihre Rolle in einem Geschehen, die sie im Nachhinein in einem sogenannten schlechten Licht erscheinen lassen könnte, darstellen meinen zu haben, sie schönen für sich, sie schieben ihre Verantwortung auf andere ab, sie verunglimpfen die anderen Beteiligten, für sie sind die Schuldigen immer die anderen, sie machen sich ganz klein, denen die „Knie [zittern]“, von denen „kein Mensch Notiz [nimmt]“ und so weiter und so fort.

Thomas Bernhard hat über diese Verleihung zweimal berichtet, einmal in „Wittgensteins Neffe“ und einmal in „Meine Preise“, daß fortan nur mehr seine Berichte als der wahre Bericht über die Verleihung durchgeht, denn doppelt genäht hält besser; und so ist es auch gekommen, daß alle ihm nachreden und alle ihm nachschreiben, die Verleihung des Grillparzerpreises an ihn sei „Skandal“, „Eklat“ … Menschgemäß nicht alle, jedoch in der breitesten Öffentlichkeit und in der boulevardesken Veröffentlichung ist eben die bernhard’sche Mähr der alleingültige „Bericht“.

So ist doch einmal festzuhalten, was alles an seinen „Berichten“ nicht stimmt, die Widersprüche selbst in seinen „Berichten“, in einer Liste der Falschheit zu punktieren.

1 Kein Geld soll es gegeben haben, bloß eine Urkunde. Selbstverständlich bekam Thomas Bernhard nicht nur eine Urkunde, sondern auch ein Preisgeld, in der Höhe von dreißigtausend Schilling.

2 Thomas Bernhard macht Hunger zum Präsidenten, für ihn muß es halt ein „Präsident“ sein, der ihm etwas übergeben darf. Herbert Hunger war zur Zeit der Verleihung Vizepräsident und Präsident der Akademie der Wissenschaften war Erich Schmid.

Wie recht und gut Thomas Bernhard mit seinem Diener in das Österreich paßte, dieses Österreich verkörperte, daran beteiligt war, es genauso zu belassen, wie es ist, dafür ließe sich vieles aufzählen, auch das, was etwa Heinrich von Srbik, Präsident der Akademie der Wissenschaften von 1938 bis 1945, nach 1945 in Österreich noch alles hätte werden sollen. Und seit 2022 ist

Heinz Faßmann Präsident der Akademie der Wissenschaften, der Minister für Bildung und Wissenschaft war in der österreichischen Bundesregierung mit der Beteiligung einer identitären Partei.

3 Der Diener, den Thomas Bernhard vor den „Nazis“ machte, wie es die Bilder der Fernsehaufzeichnung der Verleihung zeigen, entnommen „Das war Thomas Bernhard – Fernsehdokumente 1967-1988, ORF 1994“, gestaltet von Krista Fleischmann, bleibt die bevorzugte Haltung des österreichischen Menschen, wie eine für kurz gewesene Ministerin für das Äußere etwa

mit ihrem Knicks, dem der Diener der Frauen, Jahrzehnte nach dem bernhard’schen Knicks wieder einmal bestätigte.

Krista Fleischmann spricht in dieser Sendung aus 1994 das vom „Außenseiter“ nach, was Thomas Bernhard selbst von sich sagte, er allen vorsagte, allen vorgab, ihm nachzusprechen, im Interview in der Akademie der Wissenschaften, zweiundzwanzig Jahre zuvor, seine „Parallele“ zu Grillparzer ein „gewisses Außenseitertum“ … Ein „Außenseiter sein Leben lang“ in seinem „Außenseitertum“ nicht allein etwa durch Preise vom österreichischen Staat, von der Akademie der Wissenschaften, von der österreichischen Industriellenvereinigung, von der österreichischen Bundeswirtschaftskammer, vom PEN-Zentrum und so weiter und so fort. Nur jene, die keine Außenseiterinnnen, werden in Österreich ausschließlich in Kellertheatern aufgeführt, nur jene, die keine Außenseiter sind, kommen eventuell in Frage, mit der Direktion des Burgtheaters betraut zu werden, nur über jene, die nicht im Außenseitertum existieren, berichten Medien breitest und zuhauf, nur jene, die nicht im Außenseitervierkanthof leben, haben uneingeschränkten Zugang zur sogenannten gehobenen Schicht, und so weiter und so fort.

4 Wie zieht er doch sowohl in „Meine Preise“ als auch in „Wittgensteins Neffe“ über die Ministerin für Bildung und Wissenschaft her, und wie wichtig ist ihm zugleich doch, zu betonen, für ihn sei ein Platz in der ersten Reihe gleich neben der Ministerin … Jedoch, wie es die Bilder belegen, er sitzt nicht neben der Ministerin, aber in der ersten Reihe.

Ich möge mit meiner Tante nach vorn in die erste Reihe kommen, mein und meiner Tante Platz sei zwischen der Frau Minister und ihm.

Eine „Tante“ ist, wie es Thomas Bernhard in „Meine Preise“ schreibt, in der ersten Reihe neben ihm nicht zu sehen; er sitzt zwischen zwei Männern.

5 Wie zieht er doch sowohl in „Meine Preise“ als auch in „Wittgenstein’s Nephew“ über die Ministerin für Bildung und Wissenschaft her, und wie wichtig ist ihm doch zu betonen,

Eventually the gentleman, as is were, pointed out to me that my place was not where I was sitting but next to the minister in the front row and would I be good enough to move to the front row and sit next to the minister. […] Herr Hunger himself should come, I said. I was not to be invited by just anybody but by the President of the Academy of Scines himself. […] Eventually the President of the Academy came to me and I accompanied the President of the Academy to the dais in front and sat down next to the lady minister. At the moment wenn I sat down by the lady minister my friend Paul […]

Aus dem friend Paul in „Wittgenstein’s Nephew“ wird in „Meine Preise“ die „Tante“, und die „Tante“ in „Wittgenstein’s Nephew“ ist vielleicht die „life person“. Jedenfalls hat sie keine tragende Rolle mehr wie in „Meine Preise“, die tragende Rolle in „Wittgenstein’s Nephew“ hat „Paul“, der in „Meine Preise“ vielleicht und gerade noch mitgemeint ist, wenn er von den „Freunden“ schreibt, die seine „Tante“ und er „in der Eingangshalle der Akademie“ trafen.

6 Sein „Hemd“ soll nach seiner Aussage „ganz fein, graublau gestreift“ gewesen sein. Auf den Bildern ist ein Hemd zu sehen, das vielleicht graublau, aber ungestreift; ein Hemd, wie es Firmlingen wohl nach wie vor gekauft wird. Nach seiner Aussage soll er „bis zu diesem Zeitpunkt jahrelang keinen Anzug getragen“ haben, „nur in Hose und Pullover gegangen, vornehmlich in einer grauen Wollhose und in einem knallroten derbgestrickten Schafspullover, den mir ein gut aufgelegter Amerikaner gleich nach dem Krieg geschenkt hat.“ Auf Schwarz-Weiß-Bildern ist menschgemäß nicht zu erkennen, ob er in einem „Reinwollanzug in Anthrazit“, „in that new charcoal-coloured suit“ in die Akademie der Wissenschaften ging, den er sich kurz vor der Verleihung angeschafft haben will, auch nicht zu erkennen ist, ob es vielleicht der Anzug, den er 1970 zur Verleihung des Büchnerpreises, zwei Jahre zuvor also, oder der Anzug, den er 1968 im Gespräch mit Wolfgang Kraus aus Anlaß seiner Lesung, oder der Anzug, den er 1968 in St. Veit an der Glan zur Lesung, oder der Anzug zur Zeitungslektüre im Café oder der Anzug …

7 Es ist halt ein Schimpfen gegen alle, ein Diffamieren von allen, unterschiedslos, und eine Besserwisserei, wie seit jeher, damals in den Branntweinern, heute in den digitalen Branntweinern. Und mit solch einer branntweinerischen Diffamierung und besserwisserischen Schimpferei gegen den Verkäufer beginnt sein Bericht „Meine Preise“:

Die Schwierigkeit, sich in den sogenannten feineren Geschäften gleich verständlich zu machen, ist bekannt, auch wenn der Kunde sofort und auf die präziseste Weise sagt, was er will, wird er zuerst einmal ungläubig angestarrt, bis er seinen Wunsch wiederholt hat. Aber natürlich hat der angesprochene Verkäufer auch dann noch nicht begriffen. So dauerte es auch damals im Sir Anthony länger als notwendig, zu den in Frage kommenden Regalen geführt zu werden. Tatsächlich waren mir die Umstände in diesem Geschäft von meinen Sockeneinkäufen her schon bekannt und ich selbst wußte besser als der Verkäufer, wo ich den gesuchten Anzug zu finden habe.

Wie er gegen den Verkäufer herzieht, so zieht er auch gegen die Ministerin her, von der er berichtet, sie wäre eingeschlafen, sie hätte geschnarcht, und sie hätte gesagt:

Ich stand mit meiner Tante wie vor den Kopf gestoßen und zunehmend ratlos daneben und wir hörten den immer aufgeregteren Wortschwall der an die Tausend. Nach einiger Zeit blickte die Ministerin in die Runde und fragte mit unnachahmlicher Arroganz und Dummheit in der Stimme: ja, wo ist denn der Dichterling? Ich war unmittelbar neben ihr gestanden, aber ich wagte nicht, mich zu erkennen zu geben.

Wozu hätte sie das fragen sollen? Er mußte sich nicht mehr zu erkennen geben, alle im Raum, der nicht „an die Tausend“ faßt, kannten ihn, auch die Ministerin. Spätestens jetzt durch seine Entgegennahme der Urkunde. Er mußte sich nicht mehr zu erkennen geben.

Herr Bernhard bekäme den Preis für sein Theaterstück Ein Fest für Boris, sagte Hunger (das Stück, das ein Jahr vorher vom Burgtheater im Akademietheater sehr schlecht gespielt worden war) und dann breitete er, wie wenn er mich umarmen wollte, seine Arme aus. Das Zeichen, daß ich das Podium zu betreten habe, war da. Ich stand auf und ging auf Hunger zu. Er schüttelte mir die Hand und gab mir eine sogenannte Verleihungsurkunde, deren Geschmacklosigkeit wie die aller anderen Preisurkunden, die ich jemals bekommen habe, unübertrefflich war. Ich hatte nicht die Absicht gehabt, hier auf dem Podium etwas zu sagen, es war auch gar nicht von mir gefordert worden. So sagte ich, um meine Verlegenheit abzuwürgen, nur ein ganz kurzes Danke! und ging wieder in den Saal hinunter und setzte mich. Daraufhin setzte sich auch Herr Hunger und die Philharmoniker spielten ein Stück von Beethoven. Während die Philharmoniker spielten, dachte ich über den ganzen gerade zuende gehenden Festakt nach, dessen Kuriosität und Geschmacklosigkeit und Gedankenlosigkeit mir naturgemäß noch gar nicht zu Bewußtsein kommen hatte können. Kaum hatten die Philharmoniker zu spielen aufgehört, erhob sich die Ministerin […] und sofort auch der Präsident Hunger und beide gingen auf das Podium. Jetzt waren alle im Saale aufgestanden und drängten an das Podium heran, natürlich auf die Ministerin zu und auf den Präsidenten Hunger, der mit der Ministerin redete.

„What’s happened to that would-be poet?“ Ist in „Wittgenstein’s Nephew“ über die Szene mit der Ministerin zu lesen.

When the ceremony was over as many people as possible crowded round the minister and President Hunger on the dais. No one took any more notice of me. As I and my friends had not immediately left the ceremonial hall I was just about in time to hear the lady minister suddenly exclaim: What’s happened to that would-be poet? That was definitely enough for me and I left the Academy of Sciences as quickly as I could. No money and having one’s head pissed on, that surely was intolerable at the moment. I ran out into the street, more or less sweeping my friends along, and at the same time heard Paul saying to me: You let yourself be used! They just pissed on your head! Quite so, I thought, they pissed on your head. They pissed on your head again as they had always pissed on your head.

„What’s happened to that would-be poet? Was für eine zutreffende Frage Thomas Bernhard doch schreibt.

Das ist endgültig genug. Genug von dieser Branntweinergeschichte in doppelter Ausführung, die sogar noch im Jahr 2025, wie oben geschrieben, manchen Menschen ein „Bericht“ sein will. Eines noch, zum Schimpfen, zum Diffamieren, zum Besserwisserischen gehört unweigerlich auch stets das Weinerliche dazu.

So schnell als er nur konnte, berichtet Thomas Bernhard, habe er die Akademie verlassen, sei er aus der Akademie der Wissenschaften gerannt. Schneller nur noch konnte er davor im Festraum, Heinz Kindermann, Friedrich Schreyvogel seinen Diener machen, ein Interview geben, die Mähr von seinem „Außenseitertum“ verbreiten.

Es wäre wohl nicht gänzlich uninteressant, noch herauszufinden, wer damals in der Jury für die Vergabe des Grillparzerpreises saß, wer die Personen waren, die sich für Thomas Bernhard als Grillparzer-Preisträger entschieden.

Und was er, der Landwirt aus dem Oberösterreichischen, säte, trägt Früchte, auch heute noch.

Wenn beispielsweise das, was er die Ministerin sagen läßt, im Eintrag zu ihr auf „Wikipedia“ als Wissen verbreitet wird. Wenn einer Wochenzeitung das, was er die Ministerin sagen läßt, zu einer Schlagzeile wird, und diese

Wochenzeitung wissensreich dabei auch noch den Namen der Ministerin verbreitet, sie die branntweinerische Schimpfe über die Ministerin zitiert: „mit unnachahmlicher Arroganz und Dummheit in der Stimme […]“

Zehn Jahre nach seiner Verbeugung vor Heinz Kindermann, Friedrich Schreyvogel ist in „Wittgensteins Neffe“ von seinem Diener vor Paula Wessely zu lesen.

During that drive I was reminded of his behavoir on the so-called first night of my Hunting Party. The play, because the Burg had created all the prerequisites, had been a total flop without parallel because the absolutely third-rate actors acting in it had not for one moment supported my play, as I was later to discover, because for one thing they did not understand it and for another thought very little of it and because in any case they were acting in it only as a stand-in cast, which, as I know was not even their own fault, after the plan of staging the piece with Paula Wessely and Bruno Ganz, for whom, after all, I had written it, had failed. Those two did not in the end act in my Hunting Party because the company of the Burg, as the institution is lovingly and perversely called, had more or less closed ranks to oppose Bruno Ganz’s appearance on the Burgtheater stage, not only, as it were, out of fear for their livelihood but equally out of envy of their livelihood because Bruno Ganz, the greatest actor every produced by Switzerland, had sent the entire Burgtheater company into what I might call deadly artistic panic, that enormous theatrical genius from Switzerland; and what has really become fixed in my mind, to this day, as a deplorable and simultaneously disgusting perversity of Viennese theatrical history and as an ineradicable disgrace for the entire German theatre is the fact that the Burgtheater actors actually strove to prevent an appearance of Bruno Ganz by drafting a written resolution and threatening the management that they would […] At the moment that Bruno Ganz’s appearance had been impossible by the baseness of his Viennese colleagues Paula Wessely, my first and only Madame General, also withdrew from the project […]

Für Rudolf Carl hat Thomas Bernhard, soweit bekannt ist, kein Stück geschrieben, so wie für seine erste und einzige Generalin Paula Wessely, so wie für Bernhard Minetti, dem er u. a. ein Stück mit dem einfallsreichen Titel Minetti schrieb. Dabei hätte sich Rudolf Carl für ein bernhardeskes Stück angeboten, empfohlen, spielten doch Rudolf Carl und Bernhard Minetti gemeinsam in einem Film, vor über fünfundachtzig Jahren.

Auch nicht bekannt ist, ob Thomas Bernhard ein Stück über Jochen Rindt je schreiben wollte, bekannt hingegen ist, daß er ein Stück über Niki Lauda schreiben wollte,

und das ist nachvollziehbar, scheint es doch zwischen ihnen eine gewisse Sprechverwandschaft gegeben zu haben.

Several times in the summer the Wittgensteins who were all motorracing fans, and are to this day, had invited the best racing drivers to their properties by the Traunsee and I myself remember having, at Paul’s invitation, spent some evenings and late into the night at his house on the Traunsee hill with, for instance, Jackie Stewart and Graham Hill, those amusing fellows, and also with Jochen Rindt who shortly afterwards met with a fatal accident at Monza.

Zwischen Jochen Rindt und Wolfgang Bauer Rudolf Carl auf dem Zentralfriedhof Graz, auf dem Grabstein von Jochen Rindt ist zu lesen: „Weltmeister“, „Dichter“ auf dem Grabstein von Wolfgang Bauer, und „Volksschauspieler“ auf dem Grabstein von Rudolf Carl.

Der Titel des gemeinsamen Films von Rudolf Carl und Bernhard Minetti: „Die Rothschilds – Aktien auf Waterloo“. Was für eine Art von Film das ist, darüber gibt die Murnau-Stiftung genügend Auskunft.

Neben JUD SÜß (1940, R: Veit Harlan) und DER EWIGE JUDE (1940, R: Fritz Hippler) ist DIE ROTSCHILDS eines der wichtigsten historischen Dokumente zur Rechtfertigung und Erklärung der Deportation durch die Nazis. Die drei Filme propagieren am explizitesten Hass und Feindseligkeit gegen Juden und wurden gezielt zur Massenbeeinflussung verwandt. Von den Alliierten wurde der Film 1945 als Verbotsfilm klassifiziert. Seit 1966 befinden sich die ehemaligen Verbotsfilme im Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung und werden unter Vorbehalt in öffentlichen Aufführungen zugänglich gemacht. Darunter fallen die Propagandafilme aus der Zeit des Nationalsozialismus, deren Inhalt kriegsverherrlichend, rassistisch, antisemitisch und/oder volksverhetzend ist und deshalb auf Beschluss des Stiftungs-Kuratoriums nicht für den allgemeinen Vertrieb freigegeben werden. Diese Vorbehaltsfilme stehen jederzeit in den Räumen der Stiftung selbst für schulische, wissenschaftliche und dokumentarische Zwecke zur Sichtung zur Verfügung. Die vielfältigen und jederzeit möglichen bundesweiten öffentlichen Aufführungen in Kinos, Universitäten, Schulen etc. sind eingebunden in einen einführenden Vortrag und eine anschließende Diskussion.

In den digitalen Branntweinern wird dieser Film dennoch in seiner Gesamtlänge eingeschenkt, zum Beispiel auf der russischen Plattform „Odnoklassniki“ (Одноклассники), die zugehörig zu „VK“. Es überrascht nicht, zu erfahren:

Die Regierung der Russischen Föderation hat Odnoklassniki und Vkontakte als soziale Netzwerke ausgewählt, in denen Regierungsstellen ab dem 1. Dezember 2022 offizielle Konten unterhalten müssen.

Es überrascht auch nicht der Eintrag zu diesen Film auf „Metapedia“, auf dieser Plattform kann der Film zwar nicht gleich in seiner Gesamtlänge direkt angesehen werden, aber doch die ersten fünfzig Minuten, dieser mehr als die Hälfte des Films ausmachende und direkt in den Eintrag eingebundene Ausschnitt endet mit dem Auftritt von

Bernhard Minetti als Polizeiminister, der zu sagen hat:

Monsieur Rothschild, mit dieser Behauptung haben Leute Ihres Schlages seit Tausenden von Jahren die besten Geschäfte gemacht.

Bernhard Minetti hatte viele Auftritte, etwa in einem Palast, in dem er vor zweiundachtzig Jahren total nichts zu sagen hatte, bloß zu dem zu applaudieren, was ein anderer sagte, der sich selber seine Drehbücher schrieb, nach denen auch ein Bernhard Minetti zu spielen hatte.

Es überrascht ebenfalls nicht, daß auch dieser Österreicher maßgeblich involviert war, prominent im Vorspann genannt: „Nach einer Idee von Mirko Jelusich“.

Heutzutage gibt es nicht mehr solche Schauspieler, in der Gegenwart fehlen die Schauspielerinnen, um solche Filme wie diesen nach einer Idee eines Österreichers drehen zu können, vor allem aber fehlt dafür ein österreichischer Totalregisseur, obgleich, läßt Thomas Bernhard seinen Professor Schuster sagen, Sechseinhalbmillionen ständig nach einem Regisseur rufen,

heutzutage wollen alle ihre eigenen Regie führenden Darstellenden sein, die ununterbrochen Filme drehen, die alle den Titel „Rothschild“ oder —

für sie Beleg ihrer Entwicklung und ihres Fortschritts in der Gegenwart — die alle, so abwechslungsreich oder divers sehen sie sich, den Titel „Soros“ …

Und sie alle wollen Ihres auf einem einzigen von der Vorsehung dafür erwählten von Massen gefüllten Platz applaudiert, bejubelt haben, der von einem Hősök tere bis zum nächsten Hősök tere — Was wäre das ihnen für eine Erfüllung, gäbe es dazu auch wieder einen Dirigenten wie jenen, der für Thomas Bernhard als Ich-Erzähler der bedeutendste Dirigent des Jahrhunderts

I have watched and studied Karajan for decades and to me he is the most important conductor of the century […] Karajan I have admired […] The first concerts I heard in my life were conducted by Karajan. Thus, I am bound to say, I had a good basis from the beginning for my musical progress.

In Hösok tere war Wolfgang Gasser der Schauspieler, der in der Premiere von 1988 das zu sprechen hatte, was Thomas Bernhard reimte und ihm, Thomas Bernhard, garantierte, wieder in aller Munde — 1992 verlas Wolfgang Gasser für Hans Lebert die Rede zur Verleihung des Grillparzer-Preises, da Hans Lebert selbst nicht teilnehmen konnte. Hans Lebert blieb nicht im Allgemeinen, in seiner von Wolfgang Gasser verlesenen Rede wurde er konkret, was eine Dichterin betraf, was die Alfred-Toepfer-Stiftung betraf …

Von 1991 bis 1993 wurde ein von der Hamburger Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. zur Verfügung gestellter Kultur- und Literaturpreis für herausragende Leistungen, vornehmlich auf dem Gebiet des österreichischen Geisteslebens, durch die Universität Wien verliehen.[3] Dieser Preis war sowohl aufgrund der großdeutschen Vergangenheit des Stifters als auch wegen der den Nationalsozialismus verherrlichenden Gedichte der Jurorin Gertrud Fussenegger im Jahr 1991 Anlass für heftige Kritik in Österreich. 1992 konnte der Preisträger Hans Lebert gesundheitsbedingt nicht an der Verleihung teilnehmen, er ließ jedoch den Burgschauspieler Wolfgang Gasser seine Rede verlesen, eine geharnischte Abrechnung mit der großdeutschen Ideologie des Stifters.[4] Der deutsche Botschafter Philipp Jenninger verließ empört den Saal.

Gertrud Fussenegger war auch einige Male Jurorin in Klagenfurt,

sie war Mitglied der Jury des Bachmannpreises in den Jahren 1977, 1978, 1979, 1984 und 1985 …

Hans Weigel war einst ebenfalls ein Mitglied der Jury des Bachmannpreises, wie lange Fussenegger und Weigel einander wohl schon kannten, miteinander bekannt waren, vielleicht gar freundschaftlich tiefgeistig verbunden waren, erst seit den Dichterwochen in Pürgg oder noch länger?

In den 90er Jahren wurde also der Grillparzerpreis wieder vergeben, einmal, 1991, auch an Peter Handke, dreimal insgesamt noch. Aus einem langen Interview, das Christian Michelides mit Gertrud Fussenegger führte, veröffentlicht am 23. Oktober 1993, soll das die Rede von Hans Lebert Betreffende hier nur zitiert werden, weil, als ob sie in bezug auf Beschimpfen Hans Lebert mit Thomas Bernhard verwechselte, und auch, weil der Name Kindermann fällt.

Nein, ein Ausschnitt aus diesem Interview ist zu wenig. Denn, das gesamte Interview zum heiteren Genuß muss es sein, als wäre es ein nicht geschriebenes Dramolett von Antonio Fian, sein Aufwand dafür wäre klein, ist doch der Part von Gertrud Fussenegger bereits von ihr selbst eingesprochen …

vielleicht schreibt es Antonio Fian doch noch, und das könnte ein heiteres werden, das mit Freuden gelesen werden würde, vor allem auch deshalb, weil Antonio Fian wieder dazu eine Bühne erfinden würde, auf die er Gertrud Fussenegger stellte, vielleicht in eine nachgebaute Kulisse des Schloßhofes Trautenfels, Pürgg …

Es kann wohl keinen schöneren Schluß geben, als mit dem Material für ein Dramolett zu enden, das die Hauptfigur selbst lieferte …

Am 26.Oktober soll die 81jährige österreichische Schriftstellerin Gertrud Fussenegger mit dem Jean-Paul-Preis 1993 des Freistaates Bayern für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet werden. Diese Entscheidung wird von verschiedenen Seiten heftig kritisiert. Der Zentralrat der Juden in Deutschland protestierte beim bayrischen Kultusministerium gegen die Ehrung einer Autorin, die antisemitische Texte und schwärmerische Gedichte im „Völkischen Beobachter“ und anderen NS-Publikationen veröffentlicht hatte. Gertrud Fussenegger, so die Antwort aus München, habe ihre damalige „Verblendung heftig beklagt“. Im folgenden gibt Frau Fussenegger Auskunft über das Maß ihrer Verblendung und die Heftigkeit ihres Beklagens.

Gertrud Fussenegger: Ich weiß ja gar nicht, ob ich überhaupt noch interessant bin – für Sie. Ich bin ja aus der Grillparzer-Preis-Jury zurückgetreten – erstens weil der Rücktritt von Senator Toepfer angekündigt war und zweitens weil ich ziemlich schlecht höre, wissen Sie?

Christian Michelides: Das war aber nach der Entscheidung für Hans Lebert?

Ja. Am Schluß der Sitzung hab ich das bekanntgegeben.

Was war denn Ihr Vorschlag für den Grillparzer-Preis 1992?

Ich hab gesagt: Es hat sich in der Szene der österreichischen Literatur nicht so viel geändert, daß ich einen anderen Vorschlag machen würde als 1991. Ich schlage wieder Franz Rieger vor, mit „Schattenschweigen“. Und Alois Brandstetter. Aber da hab ich schon gewußt: Die anderen sind gegen Brandstetter auf jeden Fall.

Der Vorschlag für Lebert kam von…

…Frau Löffler.1

Das war dann eine einstimmige Entscheidung?

Naja, zuerst waren wir ganz erstaunt. Was? Lebert! Aha! Naja. Ich hab mich dann erinnert, daß ich „Die Wolfshaut“ gelesen hab. Ist ja schon ewiglang her. Daß ich schon sehr beeindruckt war. „Der Feuerkreis“ hat mir dann weniger gefallen.

Ich habe Ihnen die Lebert-Rede mitgebracht.

Ja, da habe ich auch wieder nur die Hälfte verstanden… Lassen Sie mich nicht vergessen: Ich hab noch was im Rohr. Da muß ich später hingehen, sonst ist er verbrannt, der Strudl. Ich hab ja heute noch so viele Gäste.

Was haben Sie empfunden, als Wolfgang Gasser die Lebert-Rede gelesen hat und Sie plötzlich zitiert wurden? Es heißt da: „Ich habe viele bittere Tage erlebt, jedoch der bitterste war derjenige im März 1938, als es hieß, Österreich habe aufgehört zu existieren. Und damals habe ich mir versprochen, nichts – auch nicht das Geringste – für das sogenannte Dritte Reich und dessen gewalttätiges Regime zu tun. Andere österreichische Autoren (und ich zitiere jetzt nur solche, die von der Stiftung ebenfalls ausgezeichnet wurden) haben dieses haarsträubende Ereignis völlig anders empfunden, zum Beispiel so: ,Gewaltiger Mann, / wie können wir Dir danken! / Wenn wir von nun an eins sind, / ohne Wanken.‘ Oder so: ,Betend wallt ihm entgegen / freudeweinendes Volk, / sich selbst als Gabe zu bringen, / gewillt zu größtem Bekenntnis.‘“2

Ja, ja. Das habe ich gehört. Zuerst hatte ich irgendwie den Impuls, hinaufzugehen [auf die Kanzel, d. Red.] und zu sagen: Ja, ich bin da zitiert worden. Aber eigentlich ist dieser Text – so hab ich ihn damals geschrieben, so hab ich ihn empfunden – ein Liebesgedicht an Österreich.

Das würde ich eher nicht sagen.

Das würde ich aber schon sagen.

Das ist ziemlich starker Tobak.

Natürlich ist das heute alles lächerliche Sprache. Aber glauben Sie mir’s: Wir wollten ja lieben, dieses Österreich, dieses Heimatland! Leider war das ja so: „freudeweinendes Volk“. Ich hab da nichts hinzuzufügen, außer das ich’s nicht schlecht gemeint hab. Ich hab mir nie vorgestellt, daß das Glück des eigenen Volkes im Unglück anderer Völker besteht, oder gar in der Ausrottung anderer Völker.

„Gewillt zu größtem Bekenntnis“ ist aber in meinen Augen eine Aufforderung zum Krieg.

Nein, nein. Da ist der Krieg noch nicht – bitte – eingeschlossen. Wirklich. Also gut, wir waren einerseits national erzogen, andererseits hatten wir das Bürgerliche auch schon satt. Mein Vater hat immer wieder darauf hingewiesen, wie miserabel das arme Volk behandelt wird und wurde. Kurz und gut: Wir waren national und sozial gesinnt. Nun kam also das Dollfuß- Regime und hat außenpolitisch mit allen anderen zusammengespielt, nur nicht mit Deutschland. Und man hat ja damals den Charakter von Hitler noch nicht durchschauen können. Freilich kann man sagen: Hitlers „Mein Kampf“ lag vor. Ich habe dieses Buch leider nie ganz gelesen, immer nur Ausschnitte. Es hat mich irgendwo nicht so interessiert. Und außerdem war man der Meinung: Naja, das hat er damals geschrieben – in der Haft. Sie wissen ja, in der Jugend… Naja, so jung war er ja auch nicht mehr. Aber man kann ja auch in zehn Jahren etwas zulernen…

Faktum ist, daß schon 1933 wesentliche Teile der Intelligenz in die Emigration oder in den Selbstmord getrieben wurden. Faktum ist, daß fast alle Juden durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums – schon im April 1933 – entlassen wurden. Faktum ist, daß schon im Mai 1933 Bücher brannten. Daß dieses Regime nicht von Pappe ist, hätte man spätestens nach dem sogenannten SA-Putsch sehen müssen, als Röhm und Genossen erschossen wurden…

Das war schändlich, das muß ich sagen. Und das hat uns auch sehr, sehr abgestoßen – auf der einen Seite. Auf der anderen Seite hat man sich wieder damit getröstet, daß es geheißen hat, das waren so extreme Leute, und von denen wollte Hitler loskommen. Gut, wenn ich mit dem Nationalsozialismus auch sympathisiert habe, die Aggressivität werden Sie in allen diesen Texten vermissen… Nicht?

„Böhmische Verzauberungen“?

Ja, ja, gut, gut. Darüber werden wir noch sprechen. Aber in diesen Gedichttexten…

In Ihrer Autobiographie „Spiegelbild mit Feuersäule“, erschienen 1979, kommt die „Stimme der Ostmark“ kein einziges Mal vor.

Da hab ich über vieles nicht geschrieben. Sonst wäre ja das Buch 1.500 Seiten dick geworden.

Heinz Kindermann hat das Gedicht für alle Lehrbücher des deutschen Volkes empfohlen.

Naja, das ist des Kindermanns Sache.

Dieses Gedicht ist auch im „Völkischen Beobachter“ erschienen.

Jaja, das ist schon möglich.

Sie haben oft für die Kulturseite des „Völkischen Beobachters“ geschrieben.

Ja, ich hab dann und wann was geschrieben. Zum Beispiel meine erste Buchbesprechung überhaupt. Es mag schon sein, daß das Gedicht im Völkischen war. Das hab ich gar nicht mehr gewußt. Es war im Völkischen Beobachter noch ein anderes Gedicht, das sich auch bezogen hat auf den Anschluß. Von dem wissen Sie vielleicht gar nichts.

Tut es Ihnen heute leid, daß Sie die „Stimme der Ostmark“ geschrieben haben?

Es tut mir leid, daß ich mich an der Nase herumführen lassen und viele gute Gedanken verschwendet hab auf eine Sache, die dann ein Greuel war, sich dann als Greuel entpuppt hat. Das wissen wir heute, das haben wir 1945 erfahren, erschüttert erfahren, wie wir die Bilder aus den KZs gesehen haben. Das war ein furchtbarer Lernprozeß für uns, denn da erst haben wir richtig begriffen. Es waren vorher so Gerüchte, aber denen mußte man ja nicht glauben.

Und das soll wirklich nicht erkennbar gewesen sein?

Es war so ambivalent. Ich sag Ihnen ehrlich: Ich war eine junge Frau, die heiraten wollte, Kinder haben wollte. Und da hat man eben gehofft, daß die Sache gut geht, daß wieder Hoffnung ist, auf, ja, auch aufs Leben…

Auf Kosten von anderen?

Auf Kosten von anderen hat man damals noch nicht gedacht.

Aber das war doch erkennbar?

Ja, das sagen Sie… so schlau… nachher.

Nein, wenn ich mir die Slogans ansehe, vom Wiener Gemeinderatswahlkampf 1932: „500.000 Arbeitslose, 400.000 Juden. Ausweg sehr einfach! Wählt Nationalsozialisten.“ Kennen Sie den?

Nein nein, den hab ich nicht gekannt. Erstens war ich in Tirol damals. Und dann hab ich den Antisemitismus für so etwas gehalten, wie man heute hinnimmt, daß im Raum der Freiheit halt eben auch die Pornographie einen Platz hat. Etwas, was ich nicht bejahe und was mir grundzuwider ist.

Ich nehme Ihnen die Distanz zum Antisemitismus nicht ab. Wir haben hier die „Böhmischen Verzauberungen“, Erstdruck im „Inneren Reich“.

Naja, man hat gedacht, das ist halt der Streicher, der Streicher.3 Und eine gewisse Kritik hatte man natürlich auch an …an Juden – oder sagen wir… an dem großen Einfluß…

„Derlei Unfug ist… längst verschwunden.“

Jajajaja.

Das sind die Juden? Das sind die Juden!

Nein, das war das Kind, das war das Kind im Arm der Mutter – bei fegendem Märzwind…

Der Unfug war nicht …war nicht das ganze Ghetto?

Das war in der „Corona“, ein Büffet. Da gab es sehr gutes Essen. Und draußen sind die Leute gestanden, haben sich wirklich die Nasen plattgedrückt. Die Leute haben gelauert darauf, hineinzustürzen und sich an den Resten derer zu ergötzen. Also das war mir schon zuwider. Aber ganz zuwider war mir die Bettelei auf der Straße. Das hat mir ins Herz geschnitten. Die Bettler und diese… diese… also diese bettelnden Frauen mit den Kindern im Arm waren verschwunden.

Wo waren sie hin… waren sie im KZ?

Das… das…

Oder waren sie in Sozialwohnungen?

Das weiß ich nicht! Das weiß ich nicht! Die Leute hatten Arbeit. Arbeit haben sie bekommen.

Manche auch Zwangsarbeit.

Ja, auch Zwangsarbeit. Es waren auch viele dienstverpflichtet.

Arbeitsdienst, BDM, Hitler-Jugend usw.

In Budweis wohnt noch eine Frau Mlasow, Wlasta Mlasow. Die war bei uns im Haushalt, eine Tschechin, die schreibt mir heute noch und hat mir gesagt: Das waren die schönsten Jahre ihres Lebens – die scheensten –, wie sie bei uns war, beim Herrn Oberst und bei Fräulein Irmi und mir auch. Heuer hat sie mir wieder zu Weihnachten eine Karte geschrieben.

Keine Verachtung der Tschechen?

Doch, doch, doch. Die war altösterreichisch, die Verachtung der Tschechen.

Ich habe eine recht große Toleranzspanne. Aber dieser Text, diese Beschreibung des jüdischen Friedhofs…

Aber das ist ja auch wirklich ein schrecklicher Platz. Wir hatten damals Angst, meine Freundin und ich. Und die Juden hatten vor uns Angst, und wir hatten vor ihnen Angst.

Aber der Unterschied ist, daß Sie überlebt haben…

Tut mir leid.

Das mach ich Ihnen nicht zum Vorwurf. Aber sehr viele Juden haben nicht…

Der Friedhofsbesuch war 1941, die Wannsee-Konferenz war 1942.

Der Text ist erschienen 1943.

Der war fertig 1942, ist aber verbrannt in Leipzig.

Wurde dann aber noch 1944 gedruckt – als Buch.

Nein, 1943 ist er verbrannt.

Dieser Text ist 1943 im „Inneren Reich“ erschienen4 und 1944 als Buch, als „Böhmische Verzauberungen“. Wo haben Sie denn so spät noch Papier bekommen?

Das weiß ich nicht. Das war der Diederichs-Verlag. Vielleicht…

1979 wurde Ihnen der Mozart- Preis zugesprochen, für Ihr Gesamtwerk. Hat Sie das nicht irritiert?

Das ist wohl im allgemeinen für das Gesamtwerk…

Daß eine deutsche Stiftung die „Stimme der Ostmark“ auszeichnet, noch im Jahr 1979…

Horchen Sie mal: Ich hab doch mehr geschrieben als diese paar Texte… Ich hab mich ja für keine Lyrikerin gehalten. Das ist so ein Nebenstrang.

Man hat es nicht einmal der Mühe wert gefunden, irgendeine diplomatische Formulierung zu finden: Für Ihr reiches Schaffen nach 1945 zum Beispiel.

Ja, das hätte ja können den Laudatoren einfallen, aber doch nicht mir!

Ihnen ist das nicht aufgefallen?

Nein, nein.

Das stört Sie auch nicht?

Nein, weil mein Gesamtwerk…

Da denk ich doch an meine Bücher. Nicht?

Aber immerhin sind auch die „Böhmischen Verzauberungen“ ein Buch… Was war der eigentliche Grund, daß Sie 1983 den Adenauer-Preis der Deutschland-Stiftung abgelehnt haben?

Weil der Herr Ziesel5 mir unsympathisch ist. Nicht wegen dem Adenauer vielleicht oder wegen der Stiftung.

Ich habe mir gedacht, daß auch ein bißchen Angst vor erneuter Kritik wegen der Vergangenheit da mit im Spiel war, weil der Mozart-Preis ja doch…

Naja, das hat vielleicht auch eine Rolle gespielt. Aber der Ziesel hat mich nicht gefreut, nein. Schauen Sie: Das Bundesverdienstkreuz hab ich gerne genommen – von der Bundesrepublik.

Den Johann-Peter-Hebbel- Preis des Landes Baden-Württemberg haben Sie auch genommen, 1969.

Ich weiß nicht, ob Sie bekannt sind mit den Vorbedingungen für den Hebbel-Preis. Es muß ein Autor sein, der rund um den Bodensee entweder geboren ist oder familiäre Beziehungen hin hat…

…und es ist eine faschistische Gründung!

Nein, das weiß ich überhaupt nicht.

Ist unter den Nazis gegründet worden.

Von wem?

Von irgendeinem Gauleiter…

Tut mir leid. Die Autobahn wurde auch von Hitler gebaut…

Alfred Toepfer hat gemeinsam mit Goebbels‘ Reichsschrifttumskammer zehn Kulturpreise gegründet. Nach 1945 hat er fünf dieser zehn Preise einfach weitergeführt, als wäre nichts geschehen – darunter auch den Mozart- und den Herder-Preis.

Er hat’s gebüßt.

…und 46 Jahre lang hat sich niemand darüber aufgeregt.

Lieber Herr Michelides, es ist so traurig gewesen, so zum Weinen, wie dieser alte Mann da aufsteht… nachdem er vom Preisträger beschimpft worden ist. Ich würde einen Preis nicht annehmen, wenn ich den Preisstifter dann in meiner Rede beschimpfen will…

Hans Lebert hat ihn nicht beschimpft!

Naja.

Es war keine Beschimpfung. Er hat ihm die Meinung gesagt…

Also gut. Ich muß eben diese Rede lesen, die ich nicht ganz verstanden habe – aber so viel hab ich von ihr verstanden, daß sie nicht gerade übermäßig freundlich in diese Richtung gesprochen war.

Ich will Ihnen doch die Sitzordnung bei der Lebert-Verleihung in Erinnerung rufen: In der ersten, Reihe ganz in der Mitte, auf der rechten Seite naturgemäß, sitzt der deutsche Botschafter, Philipp Jenninger, der vor wenigen Jahren als deutscher Bundestagspräsident zurücktreten mußte, wegen einer Rede, die als antisemitisch eingestuft wurde. In der zweiten Reihe, direkt hinter dem Botschafter Deutschlands, sitzen Sie, die „Stimme der Ostmark“. In der dritten Reihe, direkt hinter Ihnen, sitzt Sepp Domandl…

Jössasna. Jetzt hab ich ganz darauf vergessen…

…der Gauschulwart von Niederdonau…

Mein Strudl! (eilt in die Küche)

…und der ganze Saal ist gespickt mit lauter alten Nazis, und der Rektor tut so, als wüßte er von nichts.

Jetzt ist er verbrannt, der Strudl. (aus der Küche:) Sie müssen wissen, Herr Michelides: Also ich bin…

Nachher waren sie alle…

…und ich war immer schlecht informiert!

…waren sie alle immer die Unschuld.

Naja. (Es läutet.) Das werden sicher meine Weilheimer Freunde sein.