Es wurde gedacht, nach bald vierzig vergangenen Jahren seit der Uraufführung müßte es möglich geworden sein, in einer Aufführung das homosexuelle Verhältnis zwischen Richard und Rudolph herauszuarbeiten, darzustellen, endlich auf die Bühne zu bringen, Elisabeth II. kommen zu lassen. Und weil das wieder nicht geschehen ist, jedenfalls nach der Theaterkritik von Ella Kurowski in der Tageszeitung des österreichischen Qualitätsjournalismus am 4. Juli 2026, ist ein weiteres Kapitel zum gay play von Thomas Bernhard zu schreiben.
Was muß das für eine seltsame Aufführung in Gmunden am 3. Juli 2026 gewesen sein, so seltsam jedenfalls nach der Theaterkritik von Ella Kurowski, seltsam wie die Theaterkritik selbst.
Ab 11. Oktober 2026 wird dieses Spiel in der Kammer mit Blick auf den herrschaftlichen Gürtel wohl unverändert in der gmundnerischen Fassung in Linz gegeben werden, wird in den Kammerspielen nicht zu sehen sein, was bereits in Gmunden nicht zu sehen war, soher wird Linz wie Gmunden sein, gilt auch für Linz, was für Gmunden gilt …
Vorauszuschicken ist, es geht in keiner Weise darum, gar darauf zu pochen, daß ein Theaterstück in vollkommener Werktreue auf die Bühne zu bringen ist. Aber das, was nach dieser Theaterkritik in Gmunden geboten wurde, gibt das Stück von Thomas Bernhard nicht her, und das Stück gibt auch nicht her, was zum Stück selbst in der Theaterkritik …
In Gmunden wie in Linz eine Aufführung nach dem Regiekonzept gemäß dem Titel eines Beitrags im Katalog zur Ausstellung „Friederisiko. Friedrich der Große“: „Don’t ask — don’t tell“.
Hass, Hass, Hass: „Elisabeth II.“ bei den Salzkammergut Festwochen
Sven-Eric Bechtolf zieht als Wutredner Rudolph Herrenstein in den Bann – die Koproduktion mit dem Landestheater Linz ist vorab im Stadttheater Gmunden zu sehen
Rudolph Herrenstein aus Thomas Bernhards Drama Elisabeth II. ist ein unangenehmer Zeitgenosse und klassischer Wutbürger. Zu seinem Unmut sind Persönlichkeiten des Wiener Großbürgertums in seine Ringstraßenwohnung geladen. Sie alle wollen vom dortigen Balkon die Ankunft der britische Königin bestaunen. Das gibt ihm Gelegenheit zu einer allumfassenden Abrechnung.
In Koproduktion mit dem Landestheater Linz bringen die Salzkammergut Festwochen erneut eine Premiere in dem von Karin Bergmann, fortan Intendantin der Salzburger Festspiele, verantworteten Schauspielprogramm. Regie führt David Bösch. Elisabeth II. – Keine Komödie ist das vorletzte Drama des Autors und gleichzeitig das einzige, das er nie aufgeführt sah. Es geht um Abhängigkeitsverhältnisse, Eliten und existenzielle Fragen.
Auf typisch zynische Weise zeichnet Bernhard ein Bild der österreichischen Gesellschaft. Den Spiegel vorhalten, das schafft Bernhard auch heute noch, weit über drei Jahrzehnte nach seinem Tod. Verstohlene Blicke im Zuschauerraum, wenn auf der Bühne gegen Burgtheaterdirektoren gewettert wird; brüllendes Lachen, wenn Altausseer auf die Schaufel genommen oder das gesamte Salzkammergut als Nazinest bezeichnet wird.
Herrenstein (Sven-Eric Bechtolf) interessiert weder die Queen noch die Wiener Schickeria, das weiche Ei am Morgen, der Katholizismus, der Semmering oder die Nazis. Im Allgemeinen interessiert ihn so gut wie nichts. Dennoch echauffiert er sich zum Leidwesen seiner Angestellten stundenlang über hochrangige, mit ihm bekannte Persönlichkeiten. Haushälterin Fräulein Zallinger (Gunda Schanderer) reagiert herrlich resigniert, der Diener (Christian Higer) furchtbar unterwürfig. Ein komisches, fast schon berührendes Trio ist das mit einer Hauptfigur, die man nur entsetzlich finden kann.
Übrig hat Herrenstein für seine Mitmenschen wenig. Einzig sein Diener Richard ist ihm lieb. „Du bist der einzige Mensch, den ich aushalten kann“, offenbart er ihm. Aber das auch nur, weil der im Rollstuhl sitzendende Monomane ohne diesen nicht lebensfähig wäre. Mit zittrigen Händen und verräterischen Mienen dulden die beiden Angestellten sogar dessen üble Beleidigungen, grundlose Züchtigungen und sexuellen Annäherungen. Subtile Andeutungen enden in expliziten Szenen: Spätestens als die beiden beim Versuch, Herrenstein vom einen in den anderen Stuhl zu verfrachten, eng umschlungen in unmissverständlichen Positionen landen – und verharren – wird klar: Herrenstein ist nicht so lustlos, wie er vorgibt.
Trotz seiner wortkargen Rolle überzeugt Christian Riger als Richard durch nuanciertes Spiel und feinste Mimik. Erst als gegen Ende des Stückes sein Vorgesetzter scheinbar tot ist, entwischt ihm ein Grinser. Gunda Schanderer als Fräulein Zallinger besticht durch perfektionierte Teilnahmslosigkeit.
Trotz seiner wortkargen Rolle überzeugt Christian Riger als Richard durch nuanciertes Spiel und feinste Mimik. Erst als gegen Ende des Stückes sein Vorgesetzter scheinbar tot ist, entwischt ihm ein Grinser. Gunda Schanderer als Fräulein Zallinger besticht durch perfektionierte Teilnahmslosigkeit. Die versammelte Gesellschaft, „die grässlichen Leute“, bekommt man bis auf Doktor Guggenheim, solide gespielt von Lutz Zeidler, nie zu Gesicht. Die Gästeschar hat Regisseur Bösch geschickt als Schattenspiel inszeniert.
Wiener Balkonsturz
Bühne und Licht (Patrick Bannwart) sind so karg, klinisch und trist wie Herrensteins Gemüt. Als zentraler Fokuspunkt dient ein prunkvoller, übergroßer Luster. Nichts auf der Bühne erlaubt den Zusehenden auch nur für einen Augenblick aus der Misere zu entfliehen. Selbst das Kostüm ist weitgehend schwarz gehalten. Einzig den Höhepunkt des Dramas – den Wiener Balkonsturz, wenn man so will – hätte man mit mehr Wucht versehen können. Vielleicht soll das aber gerade Herrensteins Gleichgültigkeit unterstreichen.
Am Ende bleibt das Bild einer Figur, die alles hat und sich doch nur beklagt. Tosender Applaus und Standing-Ovations zur Premiere im Gmundner Stadttheater. Zurecht. Ab 11. Oktober findet die Produktion in gleicher Besetzung im Landestheater Linz dann eine neues Zuhause. (Ella Kurowski, 4.7.2026)
Rudolph Herrenstein ist ein Großindustrieller, ein reicher Mann, und als solcher lebensfähig unabhängig von seinen Angestellten, denn er kann es sich leisten, jederzeit neues Dienstpersonal einzustellen. Frau Zallinger hingegen wird darauf angewiesen sein, einen Arbeitsplatz zu haben, und Arbeitnehmerinnen nehmen viel in Kauf, sich ihren Arbeitsplatz zu erhalten. Freilich, darüber hinaus gibt es zu Frau Zallinger nichts zu sagen, als das, was Herrenstein selbst zu ihrer Bedeutung in seinem Hause sagt:
Ein Mensch
der jahrelang völlig allein lebt
nur mit Ihnen Richard
mehr oder weniger nur mit Ihnen
das Fräulein Zallinger zählt ja nicht
Was Ella Kurowski in Gmunden vorgesetzt wurde, wird ab dem 11. Oktober 2026 dem Publikum in Linz vorgesetzt werden. Dabei, sie hätte nicht auf die Bühne schauen müsssen, bloß, vorausgesetzt, der Text wurde stückgetreu vorgetragen, bloß das Gesprochene sich genau anhören müssen, einfach nur das Stück lesen …
Dennoch echauffiert er sich zum Leidwesen seiner Angestellten stundenlang über hochrangige, mit ihm bekannte Persönlichkeiten. Haushälterin Fräulein Zallinger (Gunda Schanderer) reagiert herrlich resigniert, der Diener (Christian Higer) furchtbar unterwürfig. Ein komisches, fast schon berührendes Trio ist das mit einer Hauptfigur, die man nur entsetzlich finden kann. Mit zittrigen Händen und verräterischen Mienen dulden die beiden Angestellten sogar dessen üble Beleidigungen, grundlose Züchtigungen und sexuellen Annäherungen. Subtile Andeutungen enden in expliziten Szenen: Spätestens als die beiden beim Versuch, Herrenstein vom einen in den anderen Stuhl zu verfrachten, eng umschlungen in unmissverständlichen Positionen landen – und verharren – wird klar: Herrenstein ist nicht so lustlos, wie er vorgibt.
Gleichgültigkeit eines klassischen Wutbürgers? Der Diener furchtbar unterwürfig? Ein Trio? Mit zittrigen Händen? Dulden die beiden Angestellten üble Beleidigungen, grundlose Züchtigungen und sexuelle Annäherungen? Subtile Andeutungen enden in expliziten Szenen? Richard und Frau Zallinger beim Versuch, Herrenstein von einen in den anderen Stuhl zu verfrachten, eng umschlungen in unmissverständlichen Positionen?
Was in Gmunden wie ab 11. Oktober 2026 in Linz gespielt wurde, kann am 9. Oktober 2026 bereits gesagt werden, dem ist, einfach wie kurz gesagt, das Stück selbst gegenüberzustellen.
Fräulein Zallinger tritt ein und deckt den
Frühstückstisch für Herrenstein und Richard
Herrenstein [zu Richard]
Ich wollte einmal unabhängig sein von Ihnen
aber ich scheiterte
Richard setzt sich Herrenstein gegenüber, sie
frühstücken, Fräulein Zallinger bleibt an der Tür stehen
Herrenstein [zu Richard]
Und ich habe nicht auf Sie gehört
ich habe tatsächlich nicht auf Sie gehört
das ist ja eine Katastrophe
Ich habe nicht hingehört
Sie haben das gesagt
und ich habe nicht hingehört
Herrenstein [zu Richard]
glauben Sie nicht daß wir das zuviel ist an einem Tag
die Königin von England
und all diese Leute
und auch noch der Juwelier Heldwein
und auch noch der Direktor Holzinger
Muß ich denn überhaupt dasein
wenn die Leute kommen
ich muß doch im Grunde gar nicht dasein
ich bin doch völlig überflüssig
Finden Sie nicht auch Richard
Richard gibt Fräulein Zallinger ein Zeichen,
hinauszugehen und eine Banane zu holen, und Fräulein
Zallinger geht hinaus
Herrenstein [zu Richard]
Auf dem Semmering haben sie ja das Gasthaus Zur Tenne
da können Sie sich vergnügen
Ich brauche Sie ja nicht immer
aber natürlich muß ich wissen
daß Sie in der Nacht da sind
ich brauche Sie ja nicht aber ich muß wissen
daß Sie da sind
Haben Sie in den fünfundzwanzig Jahren
die Sie jetzt bei mir sind niemals gedacht
daß Sie mich töten wollen
erschlagen
von hinten
so
das wäre doch naheliegend
Ich habe oft gedacht
vielleicht erschlägt er mich
aber Sie haben es doch nicht getan
niemals
obwohl Sie sehr oft dazu Lust gehabt haben
nicht Lust
die Notwendigkeit haben Sie gespürt
mich zu töten
das fühlt ein Mensch wie ich genau
Ich weiß was Sie denken
wenn Sie so hinter mir stehen
die meiste Zeit schweigen
wortlos
Sie werden mich nicht umbringen
seit langer Zeit bin ich sicher in diesem Punkt
Richard schiebt Herrenstein vor die Standuhr und gibt ihm den
Uhrschlüssel
Fräulein Zallinger und die Mädchen sind stehengeblieben und
beobachten, wie Richard Herrenstein hochhebt und
wie Herrenstein die Uhr aufzieht, mühselig unter
Stöhnen und Husten
Richard hilft Herrenstein in den Rollstuhl zurück und schiebt
ihn in die Salonmitte
Herrenstein [zu Richard]
Daß Sie mich immer noch ertragen
wundert mich
Herrenstein [zu Richard]
Ist es möglich
daß Sie mich in den Ohrensessel setzen
streckt die Arme und Beine aus und läßt sich in den
Ohrensessel setzen und zurückfallen
Herrenstein
will, daß ihn Richard wieder aus dem Ohrensessel
heraushebt und in seinen Rollenstuhl setzt
[zu Richard]
So helfen Sie mir doch heraus aus dem Ohrensessel
aus diesem entsetzlichen Ohrensessel
aus meinem Sterbesessel
Und in Gmunden so auch in Linz wieder gegen die Regieanweisungen, schreibt Ella Kurowski: „Spätestens als die beiden [Richard und Frau Zallinger] beim Versuch, Herrenstein vom einen in den anderen Stuhl zu verfrachten, eng umschlungen in unmissverständlichen Positionen landen“ —
Herrenstein [zu Guggenheim]
Sie wissen es noch nicht
aber Richard hat mir gedroht
mich zu verlassen
ein Erpessungsversuch möglicherweise
wahrscheinlich ein Erpressungsversuch
faselt etwas von Amerika Kalifornien
seit Wochen lebe ich unter dieser Bedrohung
das war vorauszusehen
daß dieses Verhältnis einmal in Brüche gehen wird
Ich bot ihm eine enorme Gehaltserhöhung
das beeindruckte ihn nicht sonderlich
Aber ohne Richard bin ich erledigt
Ich glaube er hat auch
ein neues Verhältnis
ich bin mir ganz sicher
ich weiß auch wer das ist
Sie kennen doch diesen Doktor Schuppich
Guggenheim
Schuppich
Herrenstein
Genau dieser Doktor Schuppich
Ich hatte ihn einmal unter Vertrag
nicht unsympathisch aber gefährlich
Jede Möglichkeit nützt Richard aus
um mit Schuppich zusammen zu sein
Stellen Sie sich vor Richard geht mir weg
und läßt mich sitzen
Mehr oder weniger habe ich ihm
mein halbes Vermögen versprochen
darauf war er gar nicht eingegangen
als überhörte er alles was ich diesbezüglich sagte
Nichts als Schläue durchtrieben Guggenheim
Guggenheim
Ich kann mir nicht vorstellen
daß Richard Sie verläßt
Herrenstein
Das sagt gar nichts
Wenn wir einen Menschen am notwendigsten brauchen
verläßt er uns
Ein fremder Mensch an meiner Seite
ist mir unerträglich
Die Verläßlichkeit von Richard
läßt zu wünschen übrig
alle Augenblicke ertappe ich ihn
bei einer Ungenauigkeit
aber ich sagte nichts
ich sage absolut nichts
er darf nicht glauben ich weiß von dieser Sache
Gugenheim
Schuppich hat doch dieses Buch geschrieben
Herrenstein
Ja
in dem ich auf gemeine Weise vorkomme
verschlüsselt
aber ich komme vor
lauter Details
die ihm nur Richard zur Kenntnis gebracht haben kann
Zuerst hatte ich große Lust
den Mann zu verklagen
dann sah ich die Lächerlichkeit eines solchen Vorgangs
Totschweigen ist die einzige Methode
Ich hätte mir nur geschadet
mehr dadurch geschadet
als durch das was in Schuppichs Buch steht
Herrenstein
Guggenheim ins Ohr
Richard will nach Altaussee
weil Schuppich dort ein Haus hat
Diese Schuppich sind eine alte Nazifamilie
der Vater war SS-Obersturnbannführer
Ich gehe aber auf den Semmering
ich hasse den Semmering und gehe doch hin
Schon als Kind habe ich den Semmering gehaßt
Natürlich ist Altaussee ein schöner Ort
aber ich gehe nicht nach Altaussee
aus allen diesen Gründen Guggenheim
ich gehe auf den Semmering
obwohl mir davor graut
Heute laufen auf dem Semmering
die wil gewordenen Proleten mit Hosenträgern und
Pumphose herum
jedes Hotel ist heute ein Gewerkschaftsheim
Das könnte Richard so passen
mich in Altaussee auf der Terrasse sitzenzulassen
und sich mit Schuppich herumzutreiben
Was wenn mich Richard wirklich verläßt
ich glaube es ist nur eine Drohung eine Erpressung
Die Amerikageschichte von der er faselt
ist eine völlig frei erdundene Guggenheim
Herrenstein [zum Neffen]
Wenn mich Richard verläßt habe ich gedacht
habe ich wenigstens dich
aber dieser Gedanke ist doch ein absurder
Du hast richtig gehört
sehr leise aber deutlich
Richard hat vor
nach Amerika zu gehen
mit diesem Doktor Schuppich
mit dem er ein Verhältnis hat
dann stehe ich da
Richard trifft sich an den Wochenenden
mit diesem Schuppich in Altaussee
dafür habe ich Beweise
und zwar in meinem Haus
Herrenstein
Die ganze Zeit habe ich
hier
zeigt es
diesen Brustschmerz
sehen Sie Richard hier
Richard tritt vor
Herrenstein
Hier Richard hier
genau da
da genau
genau da
Richard muß die Stelle berühren
Herrenstein [zu Richard]
Haben Sie wieder amerikanische Nachrichten
Richard
Keine neuen
Herrenstein
Das wäre für mich furchtbar
wenn Sie mich im Stich ließen
schließlich dauert es mit mir ja nicht mehr lange
haben Sie doch noch diese kurze Zeit durch
Was bietet Ihnen Amerika überlegen Sie
In Ihrem Alter Mitte fünfzig
da kann man doch nicht nach Amerika gehen
um ein neues Leben anzufangen
das ist ja alles schon von vornherein zum Scheitern verurteilt
Herrenstein
zieht an Richards Rock
Ich zahle Ihnen doch mehr
als alle anderen Ihnen je Richard
Wenn ich gesund wäre
ich würde glatt mit Ihnen nach Amerika gehen
Aber wahrscheinlich ist Amerika nur eine Finte
die Sie mir vormachen
eine raffiniert vorgemachte Finte
Sie haben mich immer getäuscht Richard
Schließlich sind Sie in meine Schule gegangen
Herrenstein
winkt Richard ganz an sich heran
Glauben Sie daß ich auf den Zahnarzt verzichten kann
mein Gebiß ist locker
auf dem Semmering brauche ich keine Zähne
mein Neffe fährt uns hinauf
und holt uns wieder ab
Aus Altaussee wird nichts Richard
das schlagen Sie sich aus dem Kopf
Der Doktor Schuppich ist doch der Mann
der dieses widerliche Buch veröffentlicht hat
in dem ich vorkomme
Was der Doktor Schuppich in seinem Buch
über mich geschrieben hat inst alles nicht wahr
und doch
Wielange kennen Sie denn den Doktor Schuppich schon
Sie kennen ihn doch schon eine ganze Zeit
Hat Sie Doktor Schuppich zu Amerika überredet
Ich will nicht in Sie eindringen
aber schließlich interessiere ich mich für das
was den Menschen betrifft
der mir der Nächste ist
das sind ausschließlich Sie Richard ausschießlich
zieht an Richards Rock
Das wissen Sie doch Richard
Sie wissen ganz genau
wie ich zu Ihnen stehe
Ich brauhe Ihnen ja nicht zu sagen
wie groß meine Sympathie für Sie ist
das ist ja keine Neuigkeit
aber vielleicht ist es notwendig das
einmal auszusprechen
Wenn Sie mich verlassen töten Sie mich
ich bin ohne Sie nichts wert das wissen Sie
dann bin ich nicht nur ein Krüppel
sondern ein toter Krüppel
Was ist wenn ich Ihnen das Haus in Altaussee vermache
das ist doch ein Beweis
Aber Sie sind doch kein schlechter Mensch
Auf dem Semmering werde ich mein Testament abändern
in Ihrem Sinn Richard in Ihrem Sinn
Herrenstein im Flüsterton
Sie können alles von mir haben
wenn Sie bleiben alles
wirklich alles
Herrenstein
Ein abstoßendes Schauspiel
Ein plötzlicher Krach und Aufschrei aller auf dem Balkon Stehenden; der Balkon reißt ab und stürzt in
die Tiefe
Herrenstein klammert sich an Richards Rock
Richard schiebt Herrenstein langsam bis vor die
Balkontür
Herrenstein versucht, in die Tiefe zu schauen
Der Staub hat sich verzogen
Richard schiebt Herrenstein noch ein Stück
Herrenstein nach einer Pause
Wahrscheinlich sind sie alle tot
In Gmunden wie in Linz auch wieder, wie es Ella Kurowski sah: „Erst als gegen Ende des Stückes sein Vorgesetzter scheinbar tot ist, entwischt ihm ein Grinser.“
Scheinbar tot klammert sich Herrenstein an Richards Rock, versucht in die Tiefe zu schauen?
Richard
nach einer ebenso langen Pause schon im
Aufheulen der Sanitätswagen und der Feuerwehr
Sicher
Vorhang
Es fällt, wenn über Elisabeth II. geschrieben wird, nicht selten das Wort „Misanthrop“, um Herrenstein zu charakterisieren. Das führt zu einem, der ebenfalls nicht selten als „Misanthrop“ beschrieben wird, zu Friedrich II. von Preußen. „Der alte Fritz“ soll auch homosexuell gewesen, und das bis heute, von nicht so wenigen, nach wie vor nicht wahrgehabt, kleingeredet, verschwiegen werden will.
Rund zweihundert Jahre nach dem Tod von Friedrich II. schreibt Thomas Bernhard seine Elisabeth II., setzt seinen Herrenstein in einen Rollstuhl in einer herrschaftlichen Kammer mit einer Standuhr, läßt ihn sagen, sein Ohrensessel sei sein Sterbesessel; Friedrich II. starb in seinem Ohrensessel, und hinter seinem Ohrensterbesessel steht heute noch, wie zu sehen ist, wenn sein Schloß in Potsdam, zu dem Frauen keinen Zutritt hatten, besucht wird, eine Standuhr.
Vor zweihundertvierzig Jahren starb Friedrich II., der ebenfalls wie Herrenstein einen langjährigen Diener hatte, der von ihm reichlich belohnt, beschenkt, der viel zu sagen, zu bestimmen hatte, Friedrich II. beriet sich in öffentlichen und privaten Angelegenheiten mit Michael Gabriel Fredersdorff … Und wie Herrenstein verhielt sich Friedrich II., als beispielsweise in England über ihn, wie er es selbst nennt, ein „verleumderisches kleines Buch“ erschien: „im tiefsten Vergessen zu begraben“ …
Zum Glück, lieber Mylord, bin ich sehr gleichgültig gegen alles, was in Wort und Schrift auf meine Kosten zu Markt gebracht wird; ja, ich bin sogar ganz stolz darauf, wenn ich einem armen Schriftsteller Honorar eintrage, der sonst vielleicht Hungers sterben müßte. Jederzeit habe ich das Urteil der Welt verachtet und bei all meinem Tun und Lassen allein auf das Zeugnis meines Gewissens Wert gelegt. Ich diene dem Staate mit all den Fähigkeiten und mit all der Redlichkeit, die die Natur mir zuerteilt hat. So gering meine Gaben sein mögen, schuldig bleibe ich dem Staate nichts; man kann eben nicht mehr geben, als man selber hat. Im übrigen gehört das nun einmal zum Wesen eines Mannes in öffentlicher Stellung, daß Kritik und Satire und oft sogar Verleumdung ihn aufs Korn nehmen. Wer nur je einen Staat geleitet hat, sei er Minister, General oder König, ohne Stiche ist er nicht davongekommen; es sollte mir leid tun, wenn es mir allein anders beschieden wäre. Und so verlange ich keine Widerlegung des Buches noch eine Bestrafung des Verfassers. Ich habe das Pamphlet mit sehr kühlem Kopfe gelesen und es sogar einigen Freunden mitgeteilt. Es gehört eine größere Eitelkeit, als ich sie besitze, dazu, um sich über derartige Anwürfe zu ärgern, wie sie jeden auf seinem Wege treffen können; ich müßte auch weniger Philosoph sein, als ich es bin, wollte ich mich vollkommen und über jede Kritik erhaben dünken. Ich gebe Ihnen die Versicherung, lieber Mylord, die Schmähungen des anonymen Verfassers haben nicht den mindesten Wolkenschatten über die Heiterkeit meines Daseins gebreitet; meinetwegen können sie noch zehn Pasquille dieser Art zusammenschreiben, mich soll es in meinem Handeln und Denken nicht im geringsten stören.
Friedrich II. An den Lord Marschall von Schottland. Berlin, 23. Oktober 1753.
Im Vergessen begraben, totgeschwiegen selbst ist Friedrich II. nicht, das ist lediglich nebenher zu erwähnen, daß ein zurzeitiger Nationalratspräsident in Österreich Friedrich II. preist, am 20. Juni 2026 in der Wiener Hofburg, als den „Philosophen auf dem Thron“ …
Es stellt sich nun jedoch heraus, daß das Nebenher-Erwähnte das Wesentliche ist. Denn. Es ist belanglos, wie ein konservatives Stück gespielt wird, in Wien wie Gmunden wie Linz, ein Stück von einem, der bloß fähig zum schimpferischen Geschwefel, von einem pre-trumpic playwright, ein Stück wie die davor und wie das danach. Es ist unerheblich, wie konservativ ein durch und durch konservatives Stück aufgeführt wird, wie verschämt das Offensichtliche dieses Verhältnisses zwischen zwei Männern versteckt wird, heutigentags, in einer Zeit also, in der sogar in der Politik die Homosexualität nicht mehr schamreich versteckt, totgeschwiegen, im Vergessen begraben, unter der Tuchent ausgelebt wird, schildmaiden of the far rights, beispielsweise jene in Deutschland, sich offen dazu bekennen.
Für den zurzeitigen Nationalratspräsidenten ist also Friedrich II. ein Philosoph auf dem Thron, und er würde, darf angenommen werden, sich wieder einen Philosophen auf dem Thron wünschen, von denen es in seiner Gesinnungsgemeinschaft doch recht viele gibt, etwa den, der von einem „modernen Idealismus“ philosophiert — Wolfgang Caspart …
Unweigerlich fallen zu Friedrich II. die Habsburgischen ein, etwa Franz-Ferdinand Habsburg mit seiner krankhaften Leidenschaft der Massentiertötung und dazu das, was Friedrich II. über Menschen mit einer derartigen Besessenheit, zu morden, massenweise zu morden, schrieb:
Die Jagd ist nicht die eines denkenden Wesens würdige Beschäftigung. Es steht zu befürchten, dass die Menschen, die sie ausüben, ebenso unmenschlich gegen Menschen werden, wie sie es gegen Tiere sind, oder dass die grausame Sitte, mit Gleichgültigkeit Schmerzen zu verursachen, ihr Mitgefühl für das Unglück ihrer Nebenmenschen abstumpft.
Gedacht wird freilich nicht der von Franz-Ferdinand Habsburg ermordeten Tiere, und das waren Hunderttausende von ermordeten Lebewesen, am „zentralen Gedächtnisort der Republik Österreich“, gedacht wird an diesem zentralen Ort des Gedenkens Franz-Ferdinand Habsburg,
Franz-Ferdinand Habsburg also wird u. a. m. am zentralen Gedächtnisort der Republik Österreich gedacht …
An Friedrich II. wird auch erinnert, um sich einer Habsburgischen anzudienen, für die Lobhudelei auf eine Habsburgische, und das noch dreihundert Jahre nach ihrer Geburt …
Es fällt zu Friedrich II. in Österreich noch einer ein, der vor zweihundertneunzig Jahren starb, heutigentags weiter als Held gefeiert, aber wie es um seine Sexualität bestellt war, das soll nicht gefragt und nicht erzählt werden.
Unweigerlich fällt zu den Habsburgischen die ordensreiche Partei des zurzeitigen Nationalratspräsidenten ein weiteres Mal ein; das ist das Umfeld, in dem ein Habsburg sich in rechtbester Gesellschaft wohlfühlend seine Geschichte zum besten geben kann, etwa die, als sein Vater Friedrich von Hayek …


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