Elisabeth II.

Dr. Schuppich macht sich an Richard oder Richard macht sich an Dr. Schuppich heran, und Richard, der Diener von Herrenstein, ist einem Verhältnis mit Dr. Schuppich nicht abgeneigt, oder Dr. Schuppich ist einem Verhältnis mit Richard nicht abgeneigt. Herrenstein kann nur hilflos schimpfend zusehen, wie Richard und Dr. Schuppich einander mehr und mehr näherkommen, Herrenstein findet getrieben von seiner Eifersucht Beweise hierfür, daß Richard ihn verlassen will, er Richard als Diener und Liebhaber unweigerlich an Dr. Schuppich, so seine Angst, verlieren wird.

„Elisabeth II.“ hat heute am 3. Juli 2026 im Stadttheater Gmunden Premiere. Und es darf angenommen werden, daß in dieser Inszenierung von David Bösch nicht herausgearbeitet werden wird, daß es, einfach wie kurz gesagt, the gay play of Thomas Bernhard ist, so wie heute, am 3. Juli 2026, Sven Eric Bechtolf auf Ö1 um 17.19 Uhr in einem von Günter Kaindlstorfer gestalteten Beitrag darüber spricht:

Da gibt es naürlich auf der einen Seite das typische Thomas-Bernhardsche, die Suada, den Exzentriker usw. Aber für mich war das gar nicht das Reizvollste, das Beziehungsgeflecht dieser Hausbewohner, nämlich von Herrenstein zu Richard, seinem Diener, zu Fräulein Zallinger, das ist doch eine ganz merkwürdige symbiotische, voneinander abhängige Gemeinschaft.

Wie das wohl in Gmunden gespielt werden wird?

Herrenstein: Guggenheim, sie wissen es noch nicht, aber Richard hat mir gedroht, mich zu verlassen. Ein Erpressungsversuch, möglicherweise, wahrscheinlich ein Erpressungsversuch. Faselt etwas von Amerika, Kalifornien. Seit Wochen lebe ich unter dieser Bedrohung. War vorauszusehen, daß dieses Verhältnis einmal in Brüche gehen wird. Ich bot ihm eine enorme Gehaltserhöhung, beeindruckt ihn nicht sonderlich. Aber ohne Richard bin ich erledigt. Ich glaube, er hat auch ein neues Verhältnis. Ich bin mir ganz sicher. Weiß auch, wer das ist. Sie kennen doch diesen Dr. Schuppich?

Guggenheim: Schuppich!?

Herrenstein:
Genau. Dieser Dr. Schuppich. […] Ich hatte ihn einmal unter Vertrag, nicht unsymphatisch, aber gefährlich. Jede Möglichkeit nutzt Richard aus, um mit Schuppich allein zu sein. Stellen Sie sich vor, Richard geht hier weg und läßt mich sitzen. Mehr oder weniger habe ich ihm mein halbes Vermögen versprochen. Darauf war er gar nicht eingegangen. Als überhörte er alles, was ich diesbezüglich sagte. Nicht als Schläue, durchtrieben, Guggenheim.

Guggenheim: Ich kann mir nicht vorstellen, daß Richard Sie verläßt. Er ist doch über 25 Jahre bei Ihnen.

Herrenstein: Das sagt gar nichts. Wenn wir einen Menschen am notwendigsten haben, verläßt er uns. […] Die Verläßlichkeit von Richard läßt zu wünschen übrig, alle Augenblicke ertappe ich ihn bei einer Ungenauigkeit. Aber ich sagte nichts, ich sage absolut nichts. Er darf nicht glauben, ich weiß von der Sache.

Guggenheim: Schuppich hat doch dieses Buch geschrieben.

Herrenstein: Ja, in dem ich auf gemeine Weise vorkomme, verschlüsselt, aber ich komme vor. Lauter Details, die nur Richard ihm zur Kenntnis gebracht haben konnte. Erst hatte ich große Lust, den Mann zu klagen, dann sah ich die Lächerlichkeit eines solchen Vorgangs. Totschweigen. Das ist die einzige Methode.

Herrenstein flüsternd:
Richard, Richard will nach Altaussee, weil Schuppich dort ein Haus hat. Diese Schuppich sind eine alte Nazi-Familie. Der Vater war SS-Obersturmbannführer. Das könnte Richard so passen, mich in Altaussee auf der Veranda sitzen zu lassen, und sich mit Schuppich herumzutreiben. Wenn mich Richard wirklich verläßt, ich glaube, es ist eine Drohung, eine Erpessung, die Amerika-Reise, von der faselt, ist eine völlig Freierfundene, Guggenheim.

Herrenstein öffnet sein Hemd, ergreift von Richard die Hand, führt die Hand von Richard an seine nackte Brust:
Die ganze Zeit habe ich hier diesen Brustschmerz. Sehen Sie, Richard, hier. Hier, Richard, hier, genau da. Ja, genau. Genau da. Verdächtige Stille. […] Haben Sie wieder amerikanische Nachrichten?

Richard: Keine neuen.

Herrenstein: Es wäre für mich furchtbar, wenn Sie mich in Stich ließen. Schließlich dauert es mit mir ja nicht mehr lange. Halten Sie doch diese kurze Zeit noch durch. Was bietet Ihnen Amerika? Überlegen Sie, in Ihrem Alter, Mitte 50, da kann man doch nicht nach Amerika gehen, um ein neues Leben anzufangen. Das ist ja alles schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. […] Richard, auf dem Semmering können Sie machen was Sie wollen. Nur alleinlassen dürfen Sie mich nicht. Ich bin auf Sie angewiesen. Es ist nicht nur jahrzehntelange Gewohnheit. […] Wenn ich gesund wäre, würde ich glatt mit Ihnen nach Amerika gehen. Aber wahrscheinlich ist Amerika nur eine Finte. Eine Finte, die sie mir vormachen. Eine raffiniert vorgemachte Finte. Sie haben mich immer getäuscht, Richard, schließlich sind Sie in meine Schule gegangen.

Herrenstein zu seinem Neffen Viktor:
Du hast richtig gehört, Richard hat vor, nach Amerika zu gehen, mit diesem Dr. Schuppich, mit dem er ein Verhältnis hat. Da stehe ich da. Richard trifft sich an Wochenenden mit diesem Dr. Schuppich in Altaussee, dafür habe ich einen Beweis, und zwar in meinem Haus.

Gelacht kann bereits ab dem 2. Juli 2026 werden, ausgelöst durch das oberösterreichische Landestudio des öffentlich-rechtlichen Rundfunks von Östereich, namentlich verantwortlich für das Lachgeschenk: Maurer.

Auf die Frage, was er [Sven Erich Bechtolf] sich als Reaktion von Thomas Bernhard wünsche, der die Uraufführung des Stück 1987 nicht mehr erlebt hat meint er mit einem Augenzwinkern: „Gelächter wäre toll. – Und vielleicht hätte er mir nach der Vorstellung in der Garderobe heimlich zugeflüstert, dass doch ein bisschen etwas erwischt worden ist, was er mit dem Stück aussagen wollte.“

zum einen starb Thomas Bernhard erst am 12. Februar 1989 (und nicht bereits 1987), zum anderen fand die Uraufführung von „Elisabeth II.“ erst am 5. November 1989 (und nicht schon 1987) in Berlin am Schillertheater statt … Ja, das unterbricht das Lachen, Thomas Bernhard erlebte die Uraufführung nicht mehr.

Aber es gibt zu viel zu lachen, ausgelöst durch den Landesstudiobeitrag von Katharina Maurer, es ist zu wünschen, daß das Lachen bis zum Stückende am 3. Juli 2026 im Stadttheater Gmunden anhält und in „Gelächter“ übergeht …

Fast vier Jahrzehnte nach seiner Entstehung wirkt das Stück überraschend aktuell. Themen wie Selbstdarstellung, gesellschaftliches Prestige und die Faszination für Macht und Prominenz haben nichts an Brisanz verloren. Karin Bergmann – für Theater und Literatur bei den Salzkammergut Festwochen Gmunden verantwortlich – hat sich bewusst für das Stück entschieden. „Thomas Bernhard ist für uns kein Autor der Vergangenheit, sondern ein Seismograf unserer Gegenwart“, so Bergmann. „Elisabeth II. zeigt mit erschreckender Klarheit, wie sehr sich Gesellschaft über Repräsentation und Inszenierung definiert – und wie brüchig diese Konstruktionen sind.“

Oh, „überraschend aktuell“. Thomas Bernhard, sagt ihr Karin Bergmann, sei „für uns kein Autor der Vergangenheit, sondern ein Seismograf unserer Gegenwart“ —

Menschgemäß ist er ein „Seismograf unserer Gegenwart“, aber um die Voraussetzung eines lebenden Seismographen zu erfüllen, war bloß eine Namensänderung vonnöten, so heißt er nun in „unserer Gegenwart“ Donald Trump, der jedoch, die entscheidende Änderung, seine Beschimpfungen nicht mehr in Bücher ergießen muß, sondern von seinem Oval Office aus sich täglich erleichtern kann, als weithin Bekanntester in bezug auf Beschimpfungen. Das muß nicht mehr weiter ausgeführt werden, es wurde bereits im Kapitel „Abuses of Countries“ erzählt, wie es gespielt werden könnte, das Dokumentardramolett Trump, mit dem Untertitel: Ist es ein Trump? Ist es ein Bernhard?