„Prüfe und behalte das Beste: Berna-Käse“

Es sind noch gar nicht so viele Kapitel her, daß in einem von einem zeitgenössischen Philosophen erzählt wird, der Martin Heidegger, auch Martin Heidegger bemüht, um seine „neue Politik der Freundschaft“ zu argumentieren.

Diesem Kapitel ist noch anzuhängen, was Karl Kraus vor dreiundneunzig Jahren schrieb:

Betrieb einer Büromantik von Befreiungskriegen zum Zweck der Sklaverei. Gewimmel von Verwendbaren: Belletristen, Gesundbeter und nun auch jene Handlanger ins Transzendente, die sich in Fakultäten und Revuen anstellig zeigen, die deutsche Philosophie als Vorschule für den Hitler-Gedanken einzurichten. Da ist etwa der Denker Heidegger, der seinen blauen Dunst dem braunen gleichgeschaltet hat und klar zu erkennen beginnt, die geistige Welt eines Volkes sei

die Macht der tiefsten Bewahrung seiner erd- und bluthaften Kräfte als Macht der innersten Erregung und weitesten Erschütterung seines Daseins.

Ich habe immer schon gewußt, daß ein böhmischer Schuster dem Sinn des Lebens näherkommt als ein neudeutscher Denker. Warum das Volk durch seine erd- und bluthaften Kräfte erregt und erschüttert sein muß und wie es dadurch auf einen grünen Zweig kommen könnte, das zu sehen ist natürlich mehr Sache des Glaubens als der Beweisführung; immerhin fühlt man sich an den Einwand bei Gogol erinnert, der gegen einen aufgeregten Schulmeister vorgebracht wird: Gewiß, Alexander der Große war ein großer Mann, aber warum gleich Sessel zertrümmern? Heidegger, der zeitgemäß »Wehrdienst des Geistes« traktiert, unterläßt ja keineswegs, zu sagen, wie man handeln soll:

Man muß handeln im Sinne des fragenden, ungedeckten Standhaltens inmitten der Ungewißheit des Seienden im Ganzen.

Zum Glück gibt die Zeitung, die es zitiert, auf der Stelle einen Anhaltspunkt:

Prüfe und behalte das Beste: Berna-Käse.

Gleichwohl tappt man. Das Bekenntnis zu Blut- und Erdverbundenheit, mit dem sich jetzt diese abgründigen Worthelfer der Gewalt beeilen, könnte vielleicht an jene Gefahr der Verbindung denken lassen, die zwar nicht in der Philosophie, aber in der Medizin als Tetanus bekannt ist, und so wäre die Psychose auf einen nationalen Starrkrampfanfall zurückzuführen, dem alles ausgesetzt ist, was exerzieren und dozieren oder beides zugleich kann. Aber was nützte solche Erkenntnis, da die Bewegung nicht geheilt, sondern geheiligt sein will?

Aus dem Buch von Karl Kraus kann auch gleich mitgenommen werden, was er von einem Musikkritiker schreibt, der ebenfalls in einem Kapitel beinahe gesagt unausweichlich …

Von da ist im Musischen nur noch ein Schritt zu der Feststellung der sogenannten »Dötz«, das Publikum habe dem Komponisten einer Goethe-Symphonie, die dem Führer gewidmet ist, zugejubelt,

denn es grüßte mit dem Meister die großen Geister, denen sein Werk dient: Goethe und Adolf Hitler.

Der Musikkritiker, der es schrieb, heißt Damisch.

So nur kann, so muß es sein

schloß treffend der völkische Kollege, als es die Künstler endlich erfahren hatten.

Karl Kraus meint mit „Dötz“ wohl nicht das, was darunter umgangssprachlich, plattdeutsch verstanden wird: Kopf, Schulanfänger, Schulanfängerin, sondern — und weil das auch lustig ist, soll „Dötz“ erklärt sein — eine Zeitung, und zwar die „Deutschösterreichische Tages-Zeitung“, kurz die von 1921 bis 1933 publizierte „Dötz“, die als Nachfolgeblatt der „Ostdeutschen Rundschau“ von Karl Hermann Wolf galt, und mit diesem Namen ist zusätzlich alles zur deren worthelferischen Gesinnung gesagt …

Soll jeder Name noch erinnert werden, zum Beispiel der vom Komponisten der tonhelferischen Musikstücke? Es genügt anzumerken: er war Österreicher, ebenfalls geboren in Braunau am Inn.

Und wenn könnte es wundern, daß auch für diesen tönenden Österreicher es noch bis vor kurzem die 1938 enthüllte Gedenktafel in der Kendlerstraße zu seiner Preisung gab, irgendwann nach dem Resolutionsantrag in der Bezirksvertretung Penzing am 20. März 2024 wurde diese dann doch nach über fünfundachtzig Jahren entfernt — zurückgeblieben von dieser ist ein Fleck auf der Hauswand, wie am Foto vom 11. Juni 2026 gesehen werden kann, ein Gedenkfleck ist nun davon geblieben. Und wen könnte es wundern, daß dieser Braunauer von 1939 bis 2004 für fünfundsechzig Jahren in einem Ehrengrab der Stadt Wien …

Ob nachgesehen werden soll, ob es die Gedenktafel für diesen Österreicher in der Hetzendorfer Straße noch gibt, über die „Das kleine Volksblatt“ am 22. Mai 1938 so heimelig schreibt, ein Herr Karl Borromä. Es ist immer heiter, die automatische Texterkennung von Digitalisaten zu lesen, so auch diese von diesem Artikel, und das will nicht ungeteilt sein:

Sonntag, 22. Müi 1938
Das Klri«e Bokksblatt
Nr. 140— Seite.21
Kauüersiunde mtt tun Meister in seinem Ni euer iseim.

Von Len deutschösterretchlschen Heim­kehrern aus dem Altreich sind wohl nicht viele in Wien so herzlich begrüßt worden wie der große Tondichter Josef Reiter. Der Meister des deutschen Männerchores wurde von den Chorvereinigungen, die in der Systemzeit über „höheren“ Befehl seine echt deutschen Lieder nicht singen dursten, dafür um so in­niger willkommen geheißen.

Die Stadt Wie» verlieh ihm als ersten, unentwegten natio­-nalsozialistischen Künstler den Ehrenring, und die Worte, die aus diesem festlichen Anlaß der Wiener Vizebürgermeister Ing. Blafchke an Joses Reiter richtete, zeichneten das Bild eines wahren deutschen Mannes und Künst­lers. So liegt es eigentlich nahe, Josef Reiter zu besuche« und aus feinem Munde die Lei­de» der Vergangenheit und die Freude» der Gegenwart erzählen zu hören. Der Besucher findet den berühmten Ton­dichter nicht in einem vornehmen Großstadt-Hotel, wo sonst die Größen der Musil und Kunst abzusteigen pflegen. Auch nicht in einem luxuriös ausgestatteten Heim der lärmum-brausten Inneren Stadt. Nein, draußen, weit weg vom lauten Getriebe des Eroßstadtlebens, nahe dem Hetzendorfer Schlöffe, mitten im Grünen, ist unser Komponist bei seiner ihn gut betreuenden Tochter, Frau Oberlehrer Jngeborg Hollocher, abgestiegen «nb fühlt sich dort heimatlich wohl. In diesen Tage« war es nicht leicht, Josef Reiter .daheim“ anzutresfen. Empfänge und .Ehrungen, Besuche bei guten Freunden, die ihn jahrelang vermisse« mußten, liehen ihn vorerst nicht zur Ruhe kommen. Aber dank der fürsorglichen Einteilung feiner Frau Tochter war es schließlich doch möglich, «ine eindrucksvolle Plauderstunde mit Professor Joses Reiter zu verbringen.

Aeberrascht ist man zunächst, daß man statt eines ermüdeten, älteren, nervöse» Herrn sich einem überaus bewegliche«, mun­teren, weißhaarigen Künstlerkopf gegenüber­sieht, der trotz feiner 76 Lebensjahre michts greisenhaft Müdes, sondern beinahe jugend­liche Frische zeigt. Herzlich erfreut nimmt er den Glückwunsch des Besuchers entgegen, und bei der Plauderstunde im trauten Salon er­zählt der Meister von feinem dornenvollen Lebensweg… daheim in Araunau. Es ist sonderbar, aber wahr: Josef Reiters Geburtshaus steht nahe dem Haus im Braunau, wo der Führer «nd Reichskanzler das Licht der Welt erblickte. Ganz stolz ist Josef Reiter darüber und seine Heimatstadt ist «s auch: eine Gedenktafel bezeichnet heute das Haus. Die Musikalität verdankt er feinem Vater, der als Lehrer und Stadtorganist die holde Kunst liebevoll pflegte. Elf Kinder be­völkerten die Lehrerwohnung und das Sin­gen nahm dort lei« Ende. Mit sechs Jahren singt der kleine Josef am Brauauer Kirchen­chor und er« paar Jahre später fitzt er schon auf der Orgelbank und vertritt seinen Water bei den Segenmessen. Die Eltern hatten- oft viele Sorgen, am den Lebens­unterhalt für die große Familie herbei-zuschaffen. Bester wurde es, als der Vater die Oberlehrerstelle in Linz-Urfahr be­kam. Dort besuchte Josef Reiter das Eym-nastum. Nicht wett davon stand die Realschule, in die einige Jahrzehnte später Adolf Hitler ging. Wieder ein seltsames Zusammentreffen der zwei Lebenswege … Aeh er t en Lehrerberuf Zur Musik. Nach der Matura wird er über Drängen eines geistlichen Onkels nach Kremsmünfter geschickt; aber den jungen Novizen lockt die weltliche Musik. Er entschließt sich, den Lehrer­beruf zu ergreifen. In Ober- und Nieder-Lsterreich, und endlich in Wien, pl,.gt er sich als Lehrer. Die Musik ist ihm aber die ganzen Jahre hindurch ob er st er Beruf geblieben und immer wieder klingt und singt seine schaffende Seele über dem Alltag. In Wien vollendet er seine Musikstudien und hier ist er in musikalischen Kreisen bald be­heimatet. Dem glühenden Wagnerianer ist sein Kunstweg vorgezeichnet. Ueberaus vielseitig ist Reiters künstlerisches Schaffen die ganze« Jahre hindurch. Eine Menge Lieder, Chöre und Balladen, Kirchen­musik in Mosten und Kantaten, Kammermusik und Opern geben davon Zeugnis. Dian ist überrascht, denn bekannt geworden ist Reiter eigentlich nur als Männerchorkomponist, der über den Liedertafelstil hinausging und hoch­wertig Neues schuf. „Ja,“ meint der Meister lächelnd, als er über diesen Amstand befragt wird, „das war lange Jahre mein einziges Podium: die Ge­sangvereine! Wühl hatte ich auch auf der Bühne und im Opernhaus Eingang gefunden. Jch erinnere da nur an meinen ersten musik-dramatischen Erfolg im Linzer Stadttheater, wo das lyrische Spiel ,Klopstock in Zürich‘ von mir aufgeführt wurde. Groß war der künstlerische Erfolg, aber fragen Sie nicht nach dem materiellen! Viele Jahre mußte ich ein Defizit von 1060 Gulden als monat­lichen Abzug meiner Pension tragen. Aber trotzdem war ich mit Leib und Seele dem dramatischen Fach verschrieben und t« der Folge schuf ich die Opern ,Tell‘, .Der Toten­tanz‘ und ,Der Bundschuh‘. Die beiden letzteren erlebten einige Tage vor dem errlichen Um­bruch (5. März 1938) in Berlin glänzende Aufführungen. Rn» hat stch auch die Wiener Oper dafür interessiert“ Die Leone teo -Schaffens. „Und was schaffen Sie jetzt, verehrter Meistert“‚ erlaubt sich der Besucher schüchtern zu fragen. „Mit der großen Ev e th e- Sym­phonie, die ich im Beethoven-Eedächnisjahr 1927 als mein Bekenntnis zu Beethoven be-.- i.%i „- ■ E i.WiW.Sffi.1»-*-.^-.-.- -.I.M. gctttn und zum 100. Todestage Schuberts im Jahre 1828 vollendete. betrachte ich mein Schaffen beendet. Ich war so mit Leib und Seele bei dieser Komposition, daß mein ganzer Organismus nach der Vollendung zusammen-brach und ich von den Merzten bereits auf-gegeben wurde. Aber Gott fei Dank konnte ich wieder gesunde« und den großen Erfolg dieses dem Führer gewidmeten Werkes, das über zweieinhalb Stunden zur Aufführung be­nötigt, noch erleben.“ Josef Äel ers politischer Meg. Der Meister, dem man die Lebensfreude geradezu ansieht, erzählt nun von feinem politischen Weg und seiner Verbannung: „Ich war schon im Jahre 1929 Wahlkandidat der NSDAP, und machte aus meinem deutscher? Herzen keine Mördergrube. In meinem stän­digen Wohnsitz in Eroß-Gmain war ich als Freund der.Illegale«‘ bekannt, und man sagte mir sogar nach, daß in meinem Hause die Flüchtlinge, bevor sie nach Bayrisch-Gmain Über die Grenze flohen, von mir .ausgerüstet‘ worden feien. Zu Ostern 1933 erlebte ich das Glück, bei unserem Führer in Berchtesgaden eingeladen zu werden. So ganz ohne Stolz sprach der Reichskanzler mit mir und war recht herzlich, als ich ihm sagte, daß ich sein -engerer Landsmann sei. Wissen Sie, sagte ich, in Braunau wurde ich wohl geboren, ge­impft aber haben sie mich in Simbach. Da muß schon meine Liebe zum großen Deutschen Reich mitgeimpft worden sein!— Wenige Monate später übersiedelte ich nach meinem jetzigen Wohnort Bayrisch-Emain und war wieder ganz in der Nähe von Berchtesgaden bei meinem Führer. Lustig war es, als ich hörte, daß auf der Groß-Emainer und Salzburger Gemeindetasel meine Ausbürgerung stand. Unter­schrieben war diese Kundmachung ausgerechnet von einem Bezirkshauptmann Reiter! Weniger lustig war es aller­ dings, daß ich seit diesem Zeitpunkt keinen Groschen meiner Pensionen erhielt. Obwohl ich Ehrenbürger von Braunau und sogar von Wien war, bürgerte man mich als lästige» Deutschen aus! Mit inniger An­teilnahme verfolgte ich die Entwicklung in Deutschösterreich und vft und oft blickte ich in die Berge meiner Heimat. Ich wußte, der Tag wirb kommen und er kam!“ Es ist inzwischen spät geworden und mit heißem Dank scheidet der Besucher von dem liebenswürdigen Tondichter. Vor dem Wohn­haus« hält er noch einmal inne und fein Blick schweift über die Hügelketten des Wiener Waldes, der sich hier frei bietet. Und dann schreitet er die Hetzendorferstraße entlang zur Stadt. Da fällt ihm vor dem Hause Nr. 89 dieser Straße eine Gedenktafel auf, fie be­kundet: „In diesem Hanse schuf der Tonkünstler Josef Reiter tm Jahre 1883 fein« Oper .Klopftock in Zürich‘.“ In einige« Monaten wird dieses Werk in der Wiener Oper zu hören fein und dann wer­den vielleicht die Wiener zu diesem Hause pilgern und sich wundern, daß fie es nicht schon längst dankbar gefunden haben! Karl Vorromä.

Es will nicht nachgesehen werden, ob es die Gedenktafel in der Hetzendorfer Straße noch gibt oder seit wann nicht mehr, das ist einerlei. Vielleicht ist von dieser inzwischen auch nur ein Fleck zurückgeblieben, wie in der Kendlerstraße. Und sollte es diese noch geben, dann ist es ebenfalls bloß ein Fleck.

Von diesem Buch des Karl Kraus wird sehr vielleicht noch in einem weiteren Kapitel erzählt, dann aber auch unter Bekanntgabe des Buchtitels.