Goethesche Horst-Wessel-Gedichte der Kinder von Wien

Über alle Wipfeln ist Ruh,
in allen Gipfeln spürest du
die Reihen fest geschlossen
SA marschiert die toten
Brüder die Rotfront und
Reaktion in unsern Reihen mit.

Das ist das Horstwesselgedicht. Sagt Ate.

Über allen Gipfeln ist Ruh.
In allen Wipfeln spürest du
kaum einen Hauch.
Die Vögel schweigen im Walde.
Warte nur, bald ruhest du auch.

So geht für Curls das Horstwesselgedicht.

Das sind Kinder aus einer Wiener Kellerruine, die goethesche Horst-Wessel-Gedichte aufsagen …

„Die Kinder von Wien“ nennt Robert Neumann seinen Roman, den er selbst Jahrzehnte nach seiner Niederschrift ins Deutsche übersetzt. Der im deutschsprachigen Wien geborene und für Jahrzehnte im deutschsprachigen Wien lebende Neumann schreibt diesen Roman nicht in der deutschen, sondern in der englischen Sprache. Die Originalfassung eines Romans über Kinder in Wien ist also in englischer Sprache.

Was für ein Sprachengemisch! Und auch die Kinder in diesem Roman sprechen nicht ein sogenanntes reines Deutsch, der gesamte Roman ist in keinem sogenannten reinen Deutsch geschrieben. Wie selbstverständlich die vielen Sprachen. Damals. Wie seltsam und unbehaglich heute das Geplärre nach Deutsch! Deutsch! Deutsch! Aus allen Mündern schreit es: Deutsch! Deutsch! Deutsch! Nicht nur aus wienerischen Mündern, aus allen österreichischen Mündern schreit es: Deutsch! Und wer nicht Deutsch! schreit, denkt für sich zustimmend: Deutsch! Und keiner dieser Münder kann mehr einer bestimmten Weltanschauung mit Gewißheit … bevor der Keller zur Ruine wurde, war es leicht die Weltanschauungszugehörigkeit zu erkennen, es mußte nur in die aufgerissenen Münder geschaut werden, um zu sehen, ob auf der Zunge ein Abdruck einer frisch befeuchteten Parteibuchmitgliedsmarke …

Es gibt Menschen, die sehen in diesem Roman die Gegenwart in vielen, viel zu vielen Ländern beschrieben. Besonders von Kindern. Aber Neumann beschreibt bloß die Gegenwart seiner Zeit, und seine Zeit ist die Allgegenwart der Menschen, besonders von Kindern. Es ist wieder ein Buch, das zu lesen ist, und nicht zu …

Wider die Überfülle von Widerwärtigem.
Es geht nicht an, daß Österreich
widerspruchslos ein Buch akzeptiert, das
für das Land, für die Stadt, ihr
millionenfaches Blutopfer und die
jahrelange Bitterkeit gequälter Menschen
nichts anderes übrig hat als
ein zynisches Kaleidoskop.

Das ist kein Gedicht. So schreibt das Organ der demokratischen Einigkeit Neues Österreich über diesen Roman. Neues Österreich herausgegeben von: Christdemokraten (ÖVP〉, Sozialisten und Kommunisten.

Auch das ist kein Gedicht.

Das ist die ganze Geschichte – zugleich eine krude, verzweifelt radikale, eine beklemmende Parabel über die Zerstörung des Menschen durch Krieg. Alles ist danach kaputt und verdorben – auch die Sprache. Und ebendas wurde einst als unerträgliche Provokation empfunden. Goethes Deutsch wenigstens, so die Lehrmeinung, habe Niedertracht und Grausamkeit unbeschadet überstanden. In Neumanns „Die Kinder von Wien“ ist hingegen die moralische Katastrophe einer Epoche Sprache geworden. Der Pädagoge Hartmut von Hentig hat dieses Buch als „Gedankenexperiment“ gepriesen, „über Fragen wie: Was ist Schuld? Wie kommt sie in die Kinder? Ist ihre Lebenskraft nicht die Amoral? Und wenn das so ist, was ist zu tun?“

Was wird getan? Nach Deutsch! Deutsch! Deutsch! wird geschrien.

Was das für Kinder sind, in der Kellerruine. Sie können Gedichte aufsagen. Auch Jid weiß sofort eines auf die goetheschen Horst-Wessel-Gedichte folgen zu lassen.

Ich weiß ein Gedicht.
Aber es reimt sich nicht.
Wir der President von die United States
und der Erste Minister von was man nennt
the United Kingdom betrachten wir es
als richtig zum Verkünden
gewisse Grundsätze -.

Ewa hat es genommen für den Abort,
aber ich weiß es auswendig.
Erster Paragraf!
Unsere Länder streben nicht
nach neuen Eroberungen –
nein, das laß ich aus, ich fang später an
in dem Gedicht, hör mich aus.
Paragraf sechs.
Nach der Zerstörung von der Tyrannei
hoffen wir, wir machen einen Frieden
was er für alle Nationen die Möglichkeit
geben wird daß sie in Sicherheit leben
in ihren Grenzen und es wird dazu sein
eine fixe Garantie, daß alle Menschen
leben können ihr Leben in alle Länder
frei von Not und Angst.

Das ist kein Gedicht. Sagt Ewa. Damals ist es ein Gedicht. Für Ewa in der Kellerruine freilich nicht. Aber es ist ein Versprechen, für die Menschheit, und als solches schön und also ein Gedicht.

Dhorst-wessel-and-the-children-of-viennaas ist kein Gedicht. Sagt Ewa. Als lebte sie in der Gegenwart, die Robert Neumann vor Jahrzehnten verläßt. Das ist kein Gedicht. Sagt Ewa. Als würde sie die kennen, die es in den Abort – der jetzt President … und nicht nur ihn, nicht nur die United States but Austria and so on.

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