Rückkehr nach Wels

Das ist ein weiteres Buch,  das nicht zu besprechen ist, aus dem nicht zu zitieren ist, außer es wird das gesamte Buch zitiert, es ist ein weiteres Buch, zu dem nur eines geschrieben werden kann: es ist zu lesen.

Gäbe es in Österreich andere Soziologen, andere Autoren, mit einem Namen: gäbe es in Österreich einen Didier Eribon, dann hieße sein Buch wohl Rückkehr nach Wels. Und es wäre aus diesem alles autosoziologisch zu erfahren, seit den früheren fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis heute, wie es so weit gekommen ist und kommen konnte, wie es kam. Im Grunde könnte Didier Eribon seine Rückkehr nach Reims in einer österreichischen Fassung herausbringen, er bräuchte bloß ein paar Namen auszutauschen, wie: FPÖ statt Front National, Sozialistische Partei statt Kommunistische Partei. Alles also, was Didier Eribon über Frankreich erzählt, erzählt alles über Österreich, und mit Blick auf weitere Länder in Europa, nicht nur über Frankreich und Österreich.

Aber es gibt diesen Autor in Österreich nicht, es gibt bloß diese, die sich am Tresen von irgend einem Menschen etwas von einem psychologischen Begriff erzählen lassen, und daraus gleich einen titelgebenden Roman … Es ist auch nicht zu erwarten, daß ein Soziologe und Autor von diesem Format je auf die abstruse Idee verfallen könnte, eine österreichische Fassung herzustellen. Deshalb kann allen nur empfohlen werden, die Rückkehr nach Reims zu lesen und selbst die französischen gegen österreichische Namen zu tauschen; aber Sie werden es gar nicht aktiv tun müssen. Denn. Unweigerlich werden Sie nicht nur beispielsweise FPÖ statt Front National lesen, sondern Sie werden sogar nach ein paar Seiten der Überzeugung sein, hier beschreibt ein Mensch tatsächlich seine Rückkehr nach Wels.

Wenn die Namen FPÖ und Front National genannt werden, dann ist das sehr plakativ, das muß zugegeben werden, aber es soll Sie zu diesem Buch locken. Das Buch ist eine genaue Beschreibung der Entwicklungen über Jahrzehnte, die in der breiten Diskussion nicht vorkommt, weil am Ende dieser Entwicklung nun nur noch das Plakative steht, das Geschrei, in das alle einstimmen, ob sie für oder gegen die FPÖ sind. Auf den heutigen Fahnen steht nur noch geschrieben: Schreit die Ursachen nieder!

Rückkehr nach Wels - E GVielleicht aber gibt es in Österreich eine Soziologin, eine Autorin, die die Rückkehr nach Wels noch schreiben könnte, ein weibliches autosoziologisches Buch, das Buch einer Frau also, die in den frühen fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren wurde, die aus einer sogenannten Arbeiterfamilie stammt, die erste war, die ein Gymnasium besuchen konnte, die Wels wegen ihrer Homosexualität verließ, die der Selbstexklusion entging, die ihre soziologisch reflektierte Geschichte in der Geschichte einer schwarzen Frau ebenfalls gespiegelt sieht, wie eben Didier Eribon in der Geschichte eines schwarzen Mannes in den Vereinigten Staaten … womit geendet werden kann, mit dem Hinweis auf die ebenfalls nicht zu zitierenden und nicht zu besprechenden, sondern zu lesenden zwei Bücher, von denen in Der Neger ist das weiße Glied geblieben gesprochen wird – zu diesen gehört weiter auch „Schwarze Haut, weiße Masken“ von Frantz Fanon …

Sollte es nicht deutlich herausgekommen sein, so soll doch das Tüpfchen auf das i gesetzt werden, um es deutlich zu sagen: die Verweigerung von Rezensionen, die Verweigerung des Zitierens ist ein Plädoyer zur Rückkehr zu den Quellen, zur Abkehr von Informationen aus dritten und fünften Händen, die taugen bloß noch zum Schlagen der Trommel als Begleitlärm zum Geschrei.

2 Gedanken zu „Rückkehr nach Wels

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