Hans Rott und Viktor Adler im „Roten Hahn“

„Alle Hoffnungen legte er in seine Symphonie.  Es ging um einen Preis. In der Jury saß Brahms.  Das ist die Schwachstelle im Roman, der sich sonst sogar um die Beschaffenheit des Grases unter jenem Bierfass kümmert, welches Stifter und Richard Wagner  austranken.“

Das ist nicht die einzige Schwachstelle in der Besprechung von Peter Pisa im „Kurier“ vom 23. Februar 2019. Stifter mit Richard Wagner trinken zu lassen, während tatsächlich Bruckner mit Wagner trinkt.

„Wagner schaute Bruckner an und lächelte. Er sprach von seinem eigenen Grab, seinem Grabstein. Plötzlich beugte Wagner sich hinunter und stöberte unter der Bank. Dort hatte er ein Fass Bier versteckt, das er nun hervorzog und in das Gras vor der Bank stellte. Es grub eine tiefe dunkle Spur in die abendfeuchte Grasdecke, aber die niedergezwungenen Halme richteten sich im schwachen Licht rasch wieder auf. Zwei solide Bierkrüge tauchten von irgendwoher auf. Wagner drehte am Hahn und schenkte dem erstaunten Bruckner ein.“

Peter Pisa rezensiert „Wie man ein Genie tötet“ von Ingvar Hellsing Lundqvist.

Wäre es für Peter Pisa dann keine „Schwachstelle“, wenn Lundqvist die Namen nicht genannt hätte, vor allem Brahms aus dem Spiel gelassen hätte? Diese Unklarheit, was Pisa mit „Schwachstelle“ meint, ist selbst eine Schwachstelle in seiner Buchbesprechung.

„Seine  Symphonie  Nr 1. in E-Dur, die er im Alter von 20 komponiert hatte, wurde  erst 100 Jahre später erstmals aufgeführt.“

Das ist eine weitere Schwachstelle in der Besprechung von Peter Pisa, und vielleicht gar nicht so sehr seine, sondern eine generelle österreichische Schwachstelle. Nur nicht zu genau sein, im Ungefähren bleiben, vor allem dann, wenn damit kein Ruhmesblatt beschrieben werden kann.

Wenn es österreichisch zugegangen wäre, würde die Symphonie von Hans Rott wohl bis zum diesem Jahr 2019 noch nicht aufgeführt worden sein.

Es war ein englischer und kein österreichischer Musikwissenschaftler, der vor rund vierundvierzig Jahren während seiner Studien in Wien die Partitur in der Nationalbibliothek fand. Paul Banks konnte den Dirigenten Gerhard Samuel dafür gewinnen, die Symphonie von Hans Rott erstmals zur Aufführung zu bringen. Am 4. März 1989, also vor dreißig Jahren, war es dann endlich soweit, die erste Aufführung, mit einer Verspätung von rund einhundertzehn Jahren, in Cincinnati, und das ist kein Ort in Österreich.

Hans Rott starb vor einhundertfünfunddreißig Jahren, am 25. Juni 1884 – am darauffolgenden 1. August hätte er seinen 26. Geburtstag gefeiert haben können.

„Um Brahms kümmert er sich nicht.. Brahms ist einfach nur ein A…“

Das ist wohl die Hauptschwachstelle der Buchkritik von Peter Pisa. Es ist ein Roman über Hans Rott, nicht über Brahms. Dafür kommt er, Brahms, zur Genüge vor, rollengerecht zur Genüge, und eigentlich, gemessen an seiner im Leben von Hans Rott spielenden Rolle, schon zu viel vor. Als Richter, der ein Leben zerstören kann. Wer erzählt schon vom Leben einer anonymen Richterin, die beispielsweise am Bezirksgericht einen Menschen durch ihr falsches Urteil in das Unglück stößt? Sie kommt vor in einem solchem Bericht, als Auslöserin. Mehr nicht. Genau das ist die Rolle von Brahms im Leben von Hans Rott. Mehr nicht.

Brahms, der Täter. Die Tat von Brahms wird ausführlich beschrieben. Mehr ist von Brahms nicht zu erzählen. Aber Peter Pisa schlägt sich auf diese Seite von Brahms. Pisa will wohl, daß Gutes von und um Brahms erzählt wird. Aber es gibt von Brahms nichts Gutes zu erzählen, wenn es um ihn im Leben von Hans Rott geht. Peter Pisa möchte den Vertreter des Konservativen retten, und dafür greift er auch zur Behauptung, er, Brahms, wäre in diesem Roman „einfach nur ein A…“. Tatsächlich wird Brahms in diesem Roman nicht als Arschloch vorgeführt, sondern als „rechtschaffener und gerechter Mann“. Das sagt Anton Bruckner in seiner Grabrede zu Hans Rott über Brahms.

Und es gibt eine Stelle in diesem Roman, die dieser Behauptung von Pisa, Brahms sei einfach nur ein Arschloch in diesem Roman, entschieden widerspricht. Im Kapitel über das Begräbnis von Hans Rott:

„Bruckner senkte die Stimme. Erst jetzt, als plötzlich Stille eingetreten war, hörte man schwach knirschende Schritte, die sich langsam entfernten. Aber niemand drehte sich um, um den Schatten der Figur zu sehen, die unmerklich hinter einigen Grabsteinen verschwand. Johannes Brahms wurde bald verschluckt von dem Dunst, der sich aufdrängte und ihm schwer über seine Schultern fiel und seine Gestalt auflöste.“

„Einfach nur ein A…“ geht also zum Begräbnis von dem Menschen, dessen Leben er durch sein Urteil zerstörte. Das kann als Zweifel, als Reue an seinem Urteil gewertet werden. Das einem „Arschloch“ zuzugestehen, zeigt, wie sehr es bloße Behauptung ist, daß Brahms in diesem Roman „einfach nur ein A…“ sei, wie Peter Pisa in seiner Buchkritik diese aufstellt.

Brahms beging die Tat nicht allein, sondern gemeinsam mit Hanslick, dem zweiten Schicksalsrichter von Hans Rott. Hanslick sah aber sich nicht verlasst, jedenfalls erzählt der Roman davon nichts, aus welchen Gründen auch immer, wenigstens verstohlen dem Begräbnis von Hans Rott beizuwohnen.

Und es gibt weitere Schwachstellen, in der Besprechung von Peter Pisa, die eigentlich Leerstellen sind. Denn.

Peter Pisa erwähnt nichts davon, was in diesem Roman alles von diesem Österreich vor 135 und mehr Jahren erzählt wird, wie es in diesem Österreich zugegangen ist. Vielleicht, um zu vermeiden, daß es mit der Gegenwart verglichen wird. Und ein solcher Vergleich fällt nicht vorteilhaft für das gegenwärtige Österreich aus.

Dabei geht es um den „neuen Menschen“. Im „Roten Hahn“ geht es hoch her. Auch Viktor Adler ist mit dabei. Es werden Reden gehalten. Auch Viktor Adler spricht, auch er vom „neuen Menschen“.

„Nun erhob sich Hans Rott und ging mit einigen unsicheren Schritten auf Viktor Adler zu. Der laute Klang der Bierkrüge, mit denen sie anstießen, hatte die lähmende Wirkung eines Blitzeinschlages. Er wankte, aber nun war er dran. Das war die Stunde seines Auftritts. Es war Zeit für seine Proklamation. „Es lebe die neue Symphonie! Sie wird die Herzen der Menschen vereinen. Es lebe der neue Mensch!“ […] Ich werde diese Symphonie schreiben. Ich werde die neue Symphonie schreiben. Sie wird die Menschen vereinen. Es lebe der neue Mensch!“ Hans Rott hörte seine Worte laut und durchdringend über die ganze Halle, und er wollte noch viel mehr hinausschleudern, aber es trug nicht mehr. Es zerschmolz und musste reichen. Wieder stieß er mit Adler an. Alle erhobenen Bierkrüge blieben in der Luft hängen. Stimmengewirr brauch aus. Einige schüttelten den Kopf. Andere erhoben erneut ihre Gläser. Jemand wiederholte: „Die neue Symphonie.“ Andere ergänzten: „Der neue Mensch“. Der Chor steigerte sich mit jedem geschwungenen Bierkrug: „Die neue Symphonie“ – „der neue Mensch“!

„Nicht jeder war in der neuen Welt willkommen, das sah man deutlich. Hatte sein eigener Vater nicht seinen Namen von Roth zu Rott geändert? Warum? War Roth ein jüdischer Name! Gab es Juden unter den Vorfahren, solche, die im Reich des neuen Menschen unwillkommen waren?“

Vor rund einhundertvierzig Jahren. Im „Roten Hahn“. Und was ist geworden aus dem „neuen Menschen“. Was ist geblieben? Die Hallen. Die Biere. Und die Störenfriede.

„Wahret den arischen Gedanken und schmeißt die Juden raus!“ Das war einer der Störenfriede.“

Aber nicht nur das Politische in diesem Österreich kommt vor, auch die gesellschaftlichen Verhältnisse.

„Das Goldene Kreuz des Kaisers! Eine der höchsten Auszeichnungen, die man erhalten konnte glänzte ihn in leuchtendem Gold an. Kaiser Franz Joseph selbst hatte seinen Vater ausgezeichnet. Warum hatte Vater nie etwas davon erzählt?“

Hans Rott wird von seinem Bruder Karl darüber aufgeklärt.

„Vater hat sie mir gezeigt. Vor etlichen Jahren. Er sagte, dass er sich schämt …“ „Wir haben nicht denselben Vater. Mein Vater … ja, den habe ich nur auf Bildern gesehen. Und Mutter sprach auch nicht viel über ihn.“ „Ich weiß, dass wir nicht denselben Vater haben.“ Karl zögerte. „Ich meine, mein Vater war der Bruder des Kaisers … vielleicht nicht gerade Bruder, aber jedenfalls ein nahe Verwandter. Er meinte, dass er als Schauspieler wohl nicht gut genug war. Dass alle, die das Theater besuchten, ihn nicht genügend schätzten. Und war die Zeitungen über seine Auftritte schreiben, war nicht gut genug. Das einzig Gute an ihm und der Medaille war, dass er sich um den Sohn des Erzherzogs gekümmert hatte.“

Der Erzherzog aus der Familie engverkreuzten Familie Habsburg kommt in einem weiteren Kapitel vor. Es löst sich auf, was mit der Medaille es auf sich hat. Positiv das Verhalten zu nennen, wäre dennoch unangemessen.

Peter Pisa scheint es wichtig zu sein, denn das erwähnt er, Hans Rott sei des Diebstahls verdächtigt worden, na, so einer muß doch irgendwie … auch wenn es sich herausstellt, daß er den Diebstahl nicht begangen hat. Mahler hingegen kommt bei Pisa gut weg, er spielt doch „Freunden“ Rott vor. Aber die Symphonie von Rott führt er öffentlich nicht auf, niemals. Er hat sie wohl gebraucht, zum Komponieren seiner eigenen Symphonien. Das wäre wohl auch kein Vergleich zum Vorteile von Mahler gewesen.

Was von Peter Pisa auch nicht zu erfahren ist, das im Roman beschriebene Sittenbild von Wien. Auch das im Krankenhaus.

„Zuweilen geschah es auch, dass er nachts an Hans‘ Bett kam und sich auf abscheulichste Weise an ihm rieb. Hans konnte nicht verstehen, dass dieser Mensch einst einer der hervorragendsten Schauspielere Wiens war.“

„Einer meinte, von seiner Frau betrogen worden zu sein. Man habe ihn hergeschickt, weil er sie in ein dunkles Kellerloch gesperrt hatte.“

„Einer hatte sich in seiner Wohnung verbarrikadiert. Vom obersten Stockwerk aus hatte er gedroht, alle zu erschießen, die sich näherten. Er wollte schießen, weil die Welt voller Narren war. Alle waren gegen ihn.“

„Ein anderer hatte seine Frau gewürgt. Weil sie ihn verhext hatte.“

„Walter Baumgarten, Streckenwärter, Eisenbahnarbeiter (Leobersdorfer Bahn, Berndorf)
Nach Tod der Gattin immer häufiger unwohl … Droht, die Schienen aufzubrechen, damit der Zug entgleist, um sich an Gott zu rächen … Nachbarn alarmierten Polizei, da er gesehen wurde, als er die Gleise mit Spitzhacke bearbeitete …“

Das Klügste in der Buchkritik von Peter Pisa ist wohl, daß er bloß den Namen eines Kritikers erwähnt, nämlich Eduard Hanslick. Und sonst nichts. Die Gegenwart verlöre gegen die Vergangenheit.

„Hans Rott hörte Goldmarks immer lauteres Tromeln auf dem Tisch nicht. Er sah auch nicht, wie Hanslick sich mit seinem Blatt in der Hand zurücklehnte, während sein wohlgestutzter Schnurrbart zuckte, da er etwas zu entdecken schien. Tatsächlich! Er hatte einen fürchterlichen Fehler begangen. Er hatte Konzert in D-Dur geschrieben. Dabei war es F-Dur. F-Dur, zum Kuckuck! Wenn das in die Zeitung gekommen wäre! Hanslick spürte den kalten Schweiß auf der Stirn ausbrechen. Wenn das gedruckt worden wäre! Das hätte Gelächter hervorgerufen. Er hätte sich dem Gespött der Leute preisgegeben!“

PS Wie nicht zum ersten Mal festgestellt, statt der Buchkritiken, statt der Rezensionen, statt der Besprechungen einfach nur die Bücher zu lesen. Und danach erst die Buchkritiken. Dafür eine eigene Gattung zu etablieren? Rezension der Buchkritiken. Ihr den Begriff Buchkritikrezension zu geben.



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