Alpenweltstammtischklassiker

Vor fünfzig Jahren, im Juli 1972, bringt „Der Spiegel“ einen Artikel über Thomas Bernhard mit „Alpenbeckett“ in der Schlagzeile. Siebzehn Jahre danach, am 12. Februar, der ein Sonntag war, stirbt Thomas Bernhard. Dreiunddreißig Jahre nach seinem Tod wird gemeint, gemeinhin in Österreich, Thomas Bernhard: „Weltautor“ …

Weltautor, das ist keine falsche Beurteilung. Denn. Wer wie Thomas Bernhard die Gegend von Nathal bis Hausruck beschreibt, beschreibt Welt.

Genau gesagt, ist Thomas Bernhard also ein Alpenweltautor – auf den ersten zwei Silben zu betonen.

Die fünfzig Jahre alte Beurteilung von Thomas Bernhard ist eine zur Hälfte richtige:

Thomas Bernhard ist alles, was die Alpen sind, er ist nichts, was Beckett ist.

Seit seinem Tod wird in Österreich die Meinung vertreten, wohl deshalb, weil im selbstverschuldeten geographisch geschrumpften, aber im Geistigen je kleinen Österreich die Sehnsucht nach Großem herrscht, Thomas Bernhard sei ein „Klassiker“.

Warum ihm dies nicht zugestehen, ein Klassiker zu sein.

Bloß, es muß dies genau gesagt sein. Thomas Bernhard ist ein Alpenweltstammtischklassiker – auf der vierten und fünften Silbe zu betonen.

Als Weltautor […] Oberösterreich zu Hause […] Kurz vor seinem 91. Geburtstag erscheint ein neues Buch des deutschen Entertainers Harald Schmidt, das sich auf kulinarische Spurensuche in Leben und Werk des 1989 verstorbenen Schriftstellers begibt. „In Bücher gehen wir hinein, wie in Gasthäuser – hungrig und durstig.“ Ein Satz, mit dem Thomas Bernhard sein kulinarisches Verständnis gekonnt zusammenfasst.

Wie aus Büchern und Gasthäusern in Österreich herausgekommen wird, hat Thomas Bernhard allerdings nicht preisgegeben. Dabei ist dies so einfach wie kurz sagbar:

Aus Büchern und Gasthäusern gehen wir heraus, und ebenso aus der Social Media: abgefüllt und gemästet mit Ressentiments.

Sie, die Thomasse, beieinander an ihren Stammtischen, tränken einander, füttern sich gegenseitig an, gehen auseinander, zufrieden mit den Ergebnissen in ihren Büchern