„Vater“ der österreichischen Verfassung

Mit der Anrede „Bundeskanzler, Volkskanzler, Vater des Vaterlandes“ konnte Karl Kraus 1927, vor siebenundneunzig Jahren, also vor bald einhundert Jahren, sein Plakat „Ich fordere Sie auf, abzutreten“ noch nicht adressieren.

Johannes Schober war zu diesem Zeitpunkt nur ein Polizeipräsident der Pflicht

Problematisch war seine Rolle bei den Ereignissen des 15. Juli 1927, dem Justizpalastbrand. Mit Seipels Bevollmächtigung und nachdem es berittenen Einheiten nicht gelungen war, die Menge der Demonstrantinnen und Demonstranten vor dem Justizpalast aufzulösen, traf Schober die Entscheidung, das Feuer zu eröffnen. 89 Menschen wurden von den Polizeikommandos getötet, darunter Kinder und unbeteiligte Zuschauer. Zudem wurden Hunderte durch Gewehrkugeln, Schlagstöcke und Säbel verletzt.

Karl Kraus […] sprach vom „größten Verbrechen aller zivilisierten Zeiten“ und zählte 90 Tote. Da die Rücktrittsforderungen der Sozialdemokratie […] schnell verstummten und die bürgerlichen Parteien ohnehin hinter Schober standen, der medial und politisch gefeiert wurde und selbst von „erfüllten Pflichten“ sprach, reagierte Kraus mit einer Kampagne gegen Schober. Zentral waren dabei neben den Texten in der „Fackel“ seine Plakataktion im Herbst 1927 wie auch das „Schoberlied„.

… der aber nicht zurücktrat, und damit erzählt diese bald einhundert Jahre alte Geschichte anschaulich von der traditionsreichen Rücktrittsleitkultur in Österreich, die besagt, nicht zurückzutreten ist mit weiterem Aufstieg zu belohnen, so wurde er, Schober, wieder Bundeskanzler, der allenthalben auch mit der Führung des Bundesministeriums für Inneres

Er aber stieg nicht nur zum einfachen Bundeskanzler auf, sondern zum dritten „Volkskanzler“ im Bunde der österreichischen „Volkskanzler, dem vor einhundertfünfzig Jahren geborenen es vergönnt war, eines sogenannten natürlichen Todes in Baden bei Wien …

und der nächste Bruder „Volkskanzler“ wurde von der Gesinnungsbruderschaft des letzten österreichischen „Volkskanzlers“ ermordet,

und der letzte österreichische „Volkskanzler“ ermordete sich selbst, womit dieser letzte österreichische „Volkskanzler“ die einzige gute Tat seines ganzen Lebens …

Das „Schoberlied“ zu lesen, ist schon ein Genuß, aber es von Karl Kraus gesungen zu hören, ein tausendfacher

Das bei den österreichischen Arbeitern so bekannte Schoberlied, das der Verfasser Karl Kraus Ihnen vorträgt. Das Lied entstand nach dem 15. Juli 1927 mit seinen neunzig toten Proletariern und im Kontrast hierzu der moralischen Niederlage des Polizeipräsidenten vor einem Wiener Zeitungserpresser. Das Lied ist nach den Motiven „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“ und Radetzkymarsch komponiert. Der Autor läßt Schober selbst singen und sein Leitmotiv von der Pflichterfüllung variieren. „Ich kann wahrlich von mir sagen, daß ich mein ganzes Leben lang nichts als meine Pflicht getan habe, weil ich und nichts anderes meine Pflicht ist.

Johannes Schober war mehr noch, nicht nur „Volkskanzler“, sondern war „Vater des Vaterlandes“, so steht es geschrieben, in der „Villacher Zeitung“ im Wonnemond 1930, gezeugt von „Kurie“ und „Volk“ …

und einer im Geiste der „Vaterländer“ ein Sohn, der nicht mehr „Vaterländer“ sagen kann, sondern nach dem Nationenstrohhalm greifen muß, weil dieses Wort schon gestohlen von der Gesinnungsbruderschaft auch eines Sohnes, von dem nicht wenige meinen und bedürftig herbeischreiben wollen, dieser solle Volkskanzl

Nicht nur „Volkskanzler“, nicht nur „Führer“, nicht nur „Vater des Vaterlandes“, sondern auch, und so verwegen war im Mai 1930 die „Villacher Zeitung“ nicht, zu schreiben, auch „Vater der Verfassung“

Es war wohl noch zu früh, da das Bundesgesetzblatt mit der Verlautbarung des schoberischen Bundesverfassungsgesetzes erst am 2. Jänner 1930 veröffentlicht, wer hätte damals auch zu prophezeien gewagt, daß diese schoberische Verfassung auch noch vierundneunzig Jahre und also bald einhundert Jahre später Österreichs „schöne und elegante“, weil so diskret tickende Verfassungsuhr …

Gar nicht diskret hingegen wird bald einhundert Jahre später darüber geschrieben, davon gesprochen, worüber schon damals, vor bald einhundert Jahren, gesprochen, geschrieben wurde, beispielsweise vom verlorengegangenen Vertrauen und so weiter und so fort …

Vater des Vaterlandes. Ovid nannte Romulus Gründer des Reiches, Vater des Vaterlandes. Diese Bezeichnung auch für unserem Volkskanzler Dr. Hans Schober zu gebrauchen, drängt sich jedem Ehrlichen in Österreich unwillkürlich auf, denn das, was er in den letzten Monaten für uns ohne Ausnahme des Standes aus seiner nie versiegenden Liebe zu Volk und Heimat getan hat, hätte, ohne mit seiner Person dadurch Kult zu betreiben, kein anderer in Österreich geleistet. Die Orte: Haag, Rom, Berlin, Paris und London sind durch ihn zu Marksteinen in unserer Geschichte geworden und ihnen reihen sich würdig die Gesetze an, welche einzig die Gesundung unseres inneren Staatslebens sichern. Schober ist jene Führernatur, die die Allmacht dem deutschem Volke stets in der Notzeit schenkte, um Volk und Heimat vor dem Niedergange zu retten. Dieses Können erringt der Mann auch nicht durch die Kenntnis sämtlicher Fachwissenschaften, sondern ist nur als Erbgut in die Natur des Führers von Urbeginn verankert. Die Entfaltung dieses Erbgutes und dessen Nutzanwendung dagegen ist nur durch die selbstlose Liebe zu Volk und Heimat möglich. Und diese Eigenschaften vereinigt unser Schober in einer derartig hervorragenden Art und Weise, daß er für uns Ostmärker zum Vater des Vaterlandes wurde. Wenn wir auch das Bismarckwerk stets bewundern werden und diesen Titanen seiner Zeit nur Ehrfurcht entgegen bringen, so hat unser Volkskanzler, dem nicht die geordneten inneren Verhältnisse, welche Bismarck unterstützend für sein Lebenswerk bereits vorfand, zur Verfügung standen, diese sich er selbst schaffen müssen und daß ist es, was ihm kein Zeitgenosse auch nur annähernd gleich vollbringen könnte und für Schober das Denkmal des Dankes der Lebenden und unserer Nachkommen für ewig in der Geschichte Deutschösterreichs errichtete. Ihm allein verdanken wir, daß unser Volk und Staatswesen wieder von den anderen Völkern geachtet wird. Über den Parteien stehend, was es für jeden unvorher eingenommenen Manne von Haus aus klar erkennbar, daß Dr. Hans Schober mit seinem Erbgute des Führertums die Arbeit leisten wird, die nie ein Politiker vollbracht hätte, da dieser durch die Fessel der Partei beschwert, Volks- und Staatswohl erst nach dem Parteiwohl zu setzen hat. Möge die Tat unseres Volkskanzlers allen Politikern und Volksvertretern in Hinkunft für ihre Handlungen stets als Richtschnur dienen, dann, aber auch nur dann wird vielleicht das dem Volke und jedem ordnungsliebenden Manne verloren gegangene Vertrauen zu unseren Volksvertretern wieder rückgewonnen werden können. Der Parteihaß hat bei der Arbeit im Parlamente vollkommen zu verschwinden, Weltanschauungen ausgeschaltet zu werden und nur wirklich arbeitsfreudige, selbstlose, nicht nach sorgenlosem Leben Strebende haben in unserem Volksvertretungshause die Belange der Volksheit zu vertreten. Den Grundstein zum Wiederaufbaue unseres Staatswesens legte der Vater des Vaterlandes, Volkskanzler Dr. Hans Schober. Die Volksvertreter müssen dem Volke nun durch gedeihliche Arbeit beweisen, daß sie nicht allein eines solchen Führers würdig sind, sondern auch unter seiner Führung nur stets das Beste für Volk und Heimat zeitigen wollen, damit auch Ovids Werte an Romulus im österreichen Sinne zur Wahrheit werden: „Vater des Vaterlandes, diesen Namen gibt Dir die Kurie, gibt Dir das Volk.“