Jeannie Ebner fällt zu Hitler nichts ein

Auf Partys kommt es nicht selten dazu, daß wer einwirft, sogar Karl Kraus sei zu Hitler nichts eingefallen; tatsächlich aber ist Jeannie Ebner zu Hitler nichts eingefallen.

Zumindest in ihren veröffentlichten Tagebüchern von 1942–1980 unter dem Titel „Der Genauigkeit zuliebe“.

Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn ihre Tagebucheintragungen vom Verlag Styria nicht erst 1993 veröffentlicht worden wären, sondern bereits etliche Jahre zuvor, beispielsweise also weit vor Waldheim und Heldenplatz und Vranitzky , zwei Namen und ein Titel, die untrennbar mit dem äußerst späten Einsetzen der breiten „Aufarbeitung dieses dunkelsten Kapitels der österreichischen Geschichte“ verbunden sind. Und Jahre danach, 1993, fällt dem Verlag Styria nicht ein, Jeannie Ebner zu fragen, ob ihr nicht doch etwas zu Hitler einfalle, das in ihr „Der Genauigkeit zuliebe“ aufgenommen und also veröffentlicht werden könne.

Jeannie Ebner wird es genügt haben, auch ihrem Verlag wird es 1993 genügt haben, daß ihr doch immerhin der Name Hitler einfiel, und das nicht nur einmal, sondern sogar gleich dreimal:

Der Aufmarsch Hitlers zeigt, daß das Nichtindividuelle, das Massengefühl übermächtig durchbricht: Das ist verboten. „Vereinzelung ist das letzte Boot, das sich noch, mit Eigenverantwortung belastet“, auf den Wogen hält.

März 1965. Seite 96 und Seite 97.

Jeannie Ebner fiel zu Ernst Fischer mehr als bloß sein Name ein …

Als die kämpfenden Arbeiter sich ergeben mußten, befand sich EF bereits mit gefärbtem Schnurrbart und falschem Paß in der damals noch mit einem „S“ zu schreibenden ČSR in Sicherheit. Als Hitler dort einmarschierte, war EF bereits in Moskau, wo er die Jahre des Krieges im Hotel lebte und journalistisch tätig war, indes seine Frau mehrmals tollkühne Reisen nach Deutschland unternahm und sich jeder Gefahr aussetzte, im Kampf gegen Hitler. EF hatte das für seine Zeit und seinen Beruf geradezu sagenhafte Glück (oder die Geschicklichkeit), niemals im Gefängnis, in keinem Lager Sibiriens, in keinem KZ gewesen zu sein.

Gewiß, kein denkender und handelnder Mensch konnte die dreißiger und vierziger Jahre durchleben, ohne schuldig zu werden — so oder so. Wie ich es in dem Zeitroman „Figuren in Schwarz und Weiß“ ausgeführt habe: „Die einen durch Tun, die andern durch Nichttun, die einen durch Wissen, die anderen durch Nichtwissen – oder aber Nichtwissen-Wollen, jenem klassischen Fall von „Apperzeptionsverweigerung, der schuldhaften Form von Dummheit.“

EF’s Bekenntnisbuch ist ein aufrichtiger und ehrenwerter Versuch der Selbstdarstellung. Man kann hierzu kein Mißtrauen anmelden. Erst nach 1945 erscheint mir das Verhalten des Autors, der „kein Politiker“ ist, seiner ständigen politischen Schwenkungen wegen (krassester Stalinismus, Anti-Titoismus, dann wieder Freiheitsslogans, Tauwetter und neuerlicher Frost) fragwürdig, das heißt, einer zumindest ebenso gründlichen, aus psychologischen Gegebenheiten, milieubedingten Reaktionen, Schicksal, Feigheit, Irrtum, Schuld, echten Überzeugungen und verantwortungslosem Gehorsam gemischten Darstellung bedürftig, ich hoffe daher, daß EF diesen weitaus wichtigeren zweiten Band seiner Erinnerungen bereits in Angriff genommen hat; ich hoffe daher, daß EF darin ebenfalls um Aufrichtigkeit bemüht ist und ein „unfrisiertes“ Bekenntnisbuch vorlegen wird. [Dieser von J. Ebner angesprochene zweite Band ist nicht zustande gekommen.]

7. Jänner 1970. Seite 236 und Seite 237.

Als ich zu Anfang des Jahres 1940 aus der Provinz nach Wien kam, um mein Studium an der Bildhauerschule der Akademie zu beginnen, lernte ich den Bildhauer Heinz Leinfellner kennen, der mich in sein Arbeitsatelier in der Böcklinstraße einlud. Dort hatte sich inmitten des öden, konformistischen geistigen Klimas, wie es in jeder Diktatur entsteht, eine Enklave jenes verborgenen intensiven Widerstandes gegen die von den Machthabern anbefohlenen Kunst- und Denkrichtungen gebildet. Werte, die aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit verdrängt worden sind, wurden von den Älteren an die Jüngeren weitergegeben, was gewaltsam aus dem öffentlichen Bewußtsein entfernt worden ist. konnte dort seine kontinuierliche Wirkung ausüben; zwar nur auf einzelne, trotzdem ist das Weiterbestehen solcher geistiger Zentren innerhalb einer ungeistigen Atmosphäre von größter Bedeutung und nicht abschätzbarer Wirkung. Im Zentrum dieses Menschenkreises standen Maria Bilger und Heinz Leinfellner, der zu allen Zeiten seines Lebens bereit war, den jüngeren Kollegen mit seinen Kenntnissen, seinem Rat und nebenbei mit einer den Zeitläufen entsprechend einfachen Mahlzeit — gute Künstler sind meist gute Köche — zu helfen. Prof. Herbert Boeckl kam häufig in dieses Atelier — er durfte damals nicht ausstellen, und es war wohl ein Akt des spontanen Vertrauens, daß er mich als eine aus dem Leinfellnerischen Kollegenkries einmal mitnahm und seine Bilder ansehen ließ.

20. Jänner 1969. Seite 226 und Seite 227.

Jeannie Ebner fiel zu Heinz Leinfellner und Herbert Boeckl mehr als nur ihre Namen ein …

Zum Jahr 1942 mehr als das zu veröffentlichen, genügt dem Verlag, vielleicht fiel Jeannie Ebner zu 1942 und 1943 und 1944 und 1945 nicht mehr ein,

vielleicht für sie nur das notierenswert, nur das für ihr Tagebuch würdig, und ihrem Verlag würdig, es 1993 zu veröffentlichen:

Seit ich in der Zeitung gelesen habe, daß du gefallen bist, steht dein Bild wieder deutlich in meinem Herzen, es sieht mich vorwurfsvoll an und lebt seit Tagen wie ein Schatten neben mir her. Es ist ein erschreckend kalter Gedanke in mir aufgetaucht: Wenn ich gewußt hätte, daß ich so früh wieder frei werden würde, hätte ich dir den Gefallen tun können, dich zu heiraten.

1942. Seite 5.

Betrachtungen zu Blumen.

Das blühende Feld, das sich im Winde wiegt und wandelt wie das Meer, befreit und erweitert den Geist […] Der Blumenstrauß verleitet zur Idylle. […] Der Blumenstrauß kennzeichnet die familiären Feste, Geburtstag und Namenstag. Die einzelne Blume, sorgfältig gewählt, eher die vornehme Intimität einer geistigen Freundschaft.

1943. Seite 7 und Seite 8.

Gedanken zur Kunstbetrachtung.

[…]

Hiezu die in einem Wiener Kaffeehaus flüchtig lautgewordene Vorstellung: „… und dann die alten, russischen Ikonen auf Zigarettenschachteln als Reklame …“ [Das sagte Professor Herbert Boeckl.]

[…]

Wie immer wir uns auch bemühen, mit unserer besonderen Sorte von Intelligenz, die den übrigen Geschöpfen versagt ist, die Ordnung und Regelung dieser Welt selbst in die Hand zu bekommen, es entstehen nur Katastrophen. Alle unsere Versuche zur Verbesserung der Welt sind zum Scheitern verurteilt, alles Positive, das wir schaffen, wird sofort durch etwas Negatives aufgehoben. Am deutlichsten wird mir das, wenn ein Zufall die traurige Lächerlichkeit unserer Bemühungen so recht ins Licht rückt. Ein paar Zeitungsnotizen bringen mich soeben auf diese Überlegungen, sie sind von ungewollter Ironie:
Seite 1: „… Bei dem Fliegerangriff kamen nach vorläufigen Feststellungen 300 Menschen ums Leben …“
Seite 3: „… ist es der medizinischen Wissenschaft gelungen, die Kindersterblichkeit um 0,1 Prozent herabzumindern …“
Seite 1: „… es entstanden erhebliche Schäden an Wohngebäuden und Kulturbauten Wiens. Das Belvedere wurde getroffen …“
Seite 3: „… wurde dem Professor XY verliehen, dem es in jahrelanger, mühevoller Arbeit gelungen war, eine Burgenkarte von Niederösterreich zu schaffen, auf der außer den derzeit noch bestehenden Ruinen auch alle jene Orte eingezeichnet sind, an denen sich früher Burgen befanden haben …“
Hoffen wir, daß derlei bittere Späße auf dem Gesicht Gottes, der aus gehörigem Abstand auf alles blickt, ein Lächeln hervorrufen; ein Lächeln, das ihn unsere katastrophale Dummheit vielleicht verzeihen läßt.

1944. Seite 9, Seite 11 und Seite 12.

Februar.

Seit Jahren kam der Vorfrühling nicht mehr so früh und prächtig. Schon jetzt, Mitte Februar, kann man auf dem trockenen Waldboden in der Sonne liegen. Die Haut wird braun und das Herz ruhig. Man saugt mit allen Poren Sonne ein, läßt sich von der Wärme durchdringen. Da lösen sich die Erstarrungen und Reste des bösen Winters, und man fühlt: Trotz allem – es kann uns nichts geschehen.

In den ersten Tagen war das Grün auf den Hügelkuppen und Waldwiesen noch kaum zu ahnen, jetzt ist es schon wirklich da, saftig und hoffnungsvoll. Plötzlich aber liegt etwas in der Luft wie eine Bedrohung, anfangs kaum zu beeisen, dann wird es stärker, und endlich ist die ganze Luft von einem lauten, bösartigen Summen erfüllt, das bis zur Unerträglichkeit an den Nerven zerrt. Scharen blitzender Stahlvögel fliegen ohne Flügelschlag in großer Höhe. Über der Ebene senken sie sich ein wenig, das Summen gerät einen Augenblick lang in Unordnung, und ein paar Sekunden später zittert die Erde vom Aufschlag der Bomben.

Über Wiener Neustadt, das weit in der strahlenden Ebene eingebettet liegt, wachsen rötliche und graugelbe Pilze, schwarze Wolken ballen sich, wachsen, steigen, Stichflammen schießen auf. Aus der Höhe fiel giftiger Fruchtstaub der Vernichtung und bringt diese unheimliche Vegetation hervor, meistens dort, wo Fabrikschornsteine sich gegen den Himmel richten, um den tödlichen Samen zu empfangen.

Tausend Tote hat die Stadtgemeinde gestern eingestanden, wahrscheinlich werden es zweitausend sein. Wir sind daran gewöhnt, daß man uns, wie Kindern, die gaanze schreckliche Wahrheit nicht sagt.

Am Waldrand fand ich heute die ersten Kuhschellen, sanfte Blumenbabys mit weißlichem Flaum.

[…]

Februar.

Elastisch sein, überall mitkommen, nirgends stehenbleiben, sich nicht besinnen, sich anpassen, sich immerfort ändern – ist das charakterlos? […] Ich liebe das Leben. Nicht nur diese oder jene Form, die einer ethischen oder ästhetischen Vorstellung Genüge tut, sondern jede Form, die nicht erstarrt ist. […] Ich möchte diese Unzeit, in der ich lebe, so gern überleben, darum wandle ich mich, passe mich an, fließe, habe keine bestimmte Form mehr.

Juni, St. Johann in Tirol. Steine.

Heute ging ich anden Ufern der Ache spazieren und sammelte auf einer steinigen Sandbank eine Handvoll Kiesel, denen, der Glätte ihrer Oberfläche, der Form und Abgeschliffenheit alle Kanten nach zu schließen, die jahrelange Arbeit des Wassers ihren Stempel aufgedrückt hatte.

1945. Februar. Juni. Seite 13, Seite 14, Seite 15.

Juni.

Der Springbrunnenteich im Volksgarten sieht ganz verändert aus, seit man den dichten Kranz von Buschrosen rundherum gepflanzt hat.

1946. Seite 17.

Über den Machtrieb. Der Kompromiß, der unvermeidlich wird, sobald einer an die Macht kommt; und in dessen Verstrickungen er allezeit hängenbleibt. (Luegers Appell an die antisemitischen Instinkte, wie bei J. G. Pulzers „Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867-1914“.)

1968. 2. Februar. Seite 172.

Humbert Finks neue Gedichte. Ich hab sie noch nicht gelesen, mein Blick fiel gleich auf ein Wort: Vietnam. Heute ein Manuskript eines jungen Wiener Autors erhalten. Titel des ersten Gedichts: Vietnam.

Was für eine billige und konformistische Weise, sich als edel und politisch informiert auszugeben, hier oder in Berlin, jedenfalls sid die Schreiber weit vom Schuß.

Übrigens gab es meines Wissens nicht ein Gedicht über Tibet, seinerzeit, 1956. Sind das keine Menschen, die Tibetaner?

1968. 1. Februar. Seite 171.