Vom grassierenden identitären Vokabular

Wann wird es in einem Land tatsächlich gefährlich? Wann wird es in einer Demokratie tatsächlich bedrohlich? Das ist ganz und gar nicht pathetisch gemeint, auch wenn so klingen mag. Aber zwischendurch kann es oder muß es auf diese Art gefragt werden, ausgelöst durch ein Wort, geschrieben auf einer Konzernplattform am 29. August 2026: „Vaterlandsverräter

Wenn identitäres Vokabular nicht nur von Identitarians verwendet wird, sondern von allen, also auch von jenen, mehr und mehr, die mit Identitarianism gesinnungsgemäß nichts gemein haben, identitäres Vokabular so selbstverständlich wie breitest verwenden, wie beispielsweise die Vokabel „Vaterlandsverräter“, eben erst geschrieben von einem, der gar so genau weiß, woher die Wörter stammen, die Identitarians verwenden, wie „Sonderbehandlung„.

Auch wenn des Österreichers „Blutrichter“ am Volksgerichtshof inbrünstig oft „Vaterlandsverräter“ schrie, so ist auch „Vaterlandsverräter“ nur eine von des Österreichers Gesinnungsgemeinschaft gestohlene Vokabel, die beispielsweise von einem Wilhelm Hohenzollern, der seinen Kuchenberuf Kaiser und König erbte und sich also nicht um diesen bewerben mußte, in der Formulierung „Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf! zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande.“ verwendet wurde, am 6. August 1914.

Nicht anders ist es um den Zwilling dieser Vokabel bestellt — „Volksverräter“, ebenfalls nur eine von des Österreichers Gesinnungskameraderie geraubte Vokabel, die bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts … „Volksverräter“, diese Vokabel wurde 2016 in Deutschland zum „Unwort des Jahres“ gewählt, und das kann sehr gut verstanden werden, wenn beispielsweise bedacht wird, was mit dem Wort gerade in Österreich verbunden wird, die Forderung nach Mörderischem.

Wie das identitäre Vokabular über die Jahrzehnte wieder einsickerte, dafür ist auch „Vaterlandsverräter“ ein Beispiel, das nun nicht mehr vereinzelt verwendet wird, etwa nur von einem wie Jörg Haider, für den es auch mit Forderungen nach Konsequenzen verbunden war, nicht nach mörderischen Konsequenzen, aber mit dem „Entziehen der Staatsbürgerschaft“,

und heutigentags ist das Entziehen der Staatsbürgeschaft im Zusammenhang mit einer weiteren Vokabel, die mehr und mehr eine breitest respektierte wird, auf der identitären Agenda.

Es ist nicht nur das mehr und mehr gesellschaftlich bestimmende und beherrschende identitäre Vokabular, sondern auch das mehr und mehr dem Identitären Zuarbeitende.

Vor über zwanzig Jahren, das fällt auch zu „Vatelandsverräter“ ein, wurde Franz Fischler von Jörg Haider als „Vaterlandsverräter“ bezeichnet, und zweiundzwanzig Jahre später schreibt Franz Fischler für ein Magazin, das …

Und Thomas Mayer selbst, er verbreitet seine Erinnerungen auf der Konzernplattform X nicht nur einmal, als er selbst als „Vaterlandsverräter beschimpft“ worden sei, als versucht worden sei, ihn „als Journalist existenziell zu vernichten“ … Was hat er aus der Geschichte, gar aus der persönlichen Geschichte gelernt? Das: nun selbst „Vaterlandsverräter“ auszukunden?

Wie leicht, allzu leicht es ihnen doch stets gemacht wird, verpuffen zu lassen, was als Kritik an Identitarians vorgebracht gemeint, das ist auch am Beispiel der Vokabel „Vaterlandsverräter“ und „Volksverräter“ abzulesen, wenn etwa Ralph Schoellhammer auf der Konzernplattform X am 30. August 2026 schreiben kann:

Wenn Kickl „Volksverräter“ sagt, ist er ein Nazi. Gleichzeitig darf der Standard Journalist aber Andersdenkende als „Vaterlandsverräter“ bezeichnen.

Sogar ein Ralph Schoellhammer ist also dazu in der Lage, auch er jede Gelegenheit zu nutzen versteht, gegenzurechnen, zuzuarbeiten, gesinnungsgemäß von Identitarians für ihre Undenke verwendetes Vokabular zu verharmlosen …

Wann wird es in einer Demokratie also tatsächlich gefährlich? Wann wird es für sehr viele Menschen in einem Land tatsächlich existenzbedrohend?

Wenn das den Identitarians Zuarbeiten mehr und mehr wird, überhandnimmt, wenn das identitäre Vokabular der Undenke in einer Gesellschaft zur allgemein breitest verwendeten Sprache der Selbstverständlichkeit wird, zur den Diskurs bestimmenden und total beherrschenden und schließlich die Undenke zur herrschenden Denke.