Vor 100 Jahren erschoß ein Tiger einen Procházka in Sarajevo

Dieser 28. Juni 1914 läßt bereits heute an den 28. Juni 2014 denken, also an die Gegenwart, weil gerade drei Tage nach und vor allem wegen einer EU-Wahl, in der in nicht wenigen Staaten der Europäischen Union Menschen nicht davon lassen konnten, Kandidaten und Kandidatinnen mit nationalistischen Parolen zu wählen, und das in einem nicht geringen Ausmaß. Sie wollen sich nicht mehr erinnern, wohin der Nationalismus stets führt, auch nach Theresienstadt. Nicht daran erinnern, wo der Nationalismus stets endet, auch in Theresienstadt. Nicht in der Morgenröte einer besseren Welt, sondern im Rot des Blutes, und das Rot wird wie ehedem gewonnen werden aus dem Blut der Menschen, die nun Re-Nationalismus wählen.

Es war ein bekennender Nationalist, der am 28. Juni 1914 in Sarajevo einen Procházka erschoß. Das darf nicht vergessen werden, auch nicht beim Lesen der Beschreibung von Gavrilo Princip als weltgeschichtliche Betrachtung, wie jener von Johannes Urzidil, der den Todkranken in Theresienstadt sah, und es ihm vorkam, als hätte ihn Rilkes Tiger im Jardin des Plantes gestreift:

„Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.“

Ob es Johannes Urzidil es als Adelung des rilkeschen Panthers ansah, diesen Tiger zu nennen, bleibt sein Geheimnis, aber es ist dennoch hilfreich für den Übergang zu den gestrigen und heutigen Procházkas . Der sarajevanische Tiger starb am 28. April 1918 in Thersienstadt. Er war zu 20 Jahren Kerkerhaft verurteilt worden. Eine Todesstrafe durfte nach geltendem Gesetz nicht verhängt werden, weil er zum Zeitpunkt der Tat noch nicht zwanzig Jahre alt war. Was für eine fortschrittliche Gesetzgebung es damals schon gab im Reich dieses Procházkas. Aber dann der Befehl zum Krieg gegen Serbien. Und dem Procházka war es vollkommen einerlei, wie alt die im Krieg Ermordeten sind, vollkommen gleichgültig war es dem Procházka, wie alt die Mörder im Krieg sind. Procházkas Sohn ward ermordet, und wenn sein Mörder aufgrund seines Alters bloß zu Kerkerhaft verurteilt werden konnte, so mußte eben das Blut anderer junger Menschen fließen, mußten junge Menschen für Procházkas Neffen morden, mußten junge Menschen für Procházkas Neffen mit ihrem Leben büßen, Menschen in Österreich, Menschen in Serbien. Aber es blieb nicht dabei. Die Procházkas der anderen Staaten taten es ihm rasch nach, befahlen gleich dem wienerischen Procházka …

Und wird an die Geschichte vor 100 Jahren gedacht, ersteht augenblicklich die Welt von heute. Wie fortschrittlich und gut ist die Welt, oh, in vielen Staaten gibt es nicht einmal mehr die Todesstrafe. Nur. Wenn es Krieg gibt, wenn es Krieg geben soll, wenn Krieg gewollt wird, dort, wo Krieg ist, ist es weiter wie ehedem, auf dieser Welt, Kinder und Jugendliche, auch Kinder und Jugendliche müssen raus, um zu morden und ermordet zu werden …

hole na procházkuGavrilo Princip starb in Theresienstadt. Zu Sarajevo 28. Juni 1914 fällt am 28. Mai 2014 unweigerlich Theresienstadt ein, nicht das Theresienstadt 1918 mit dem inhaftierten sarajevanischen Tiger, sondern das Theresienstadt der nationalistischen Massenmorddiktatur des deutschen reiches, und an diesem 28. Mai 2014 ganz besonders, so knapp nach dieser EU-Wahl, in der das Nationalistische für so viele in der Europäischen Union ein attraktives und also wählbares Angebot geworden ist. Und es kann nur eines gedacht werden. Keine Stimme für den Nationalismus. Und für die Procházkas von heute: Hole na procházku.

Procházka war, berichtet Johannes Urdizil in einer weiteren Erzählung, der Spitzname für den österreichischen Kaiser. „Während des Kaiserbesuches bot ein fliegender Händler an einer der Prager Hauptstraßenecken Spazierstöcke mit dem Rufe aus „Hole na procházu“, und [in Prag machte sogleich Schule der hämische Doppelsinn von] „Stöcke für Procházka“.