Unterwerfung von Michel Houellebecq – Ein europäischer Universitätsroman

Es gibt in diesem Roman Sätze, die werden noch handschriftlich in ein Notizheft zu übertragen sein. Welche Sätze das sind, das wird nicht verraten, nur so viel, es sind, wie sie mit Bestimmtheit genannt werden, nicht die pornographischen Stellen …

Eine Passage aber muß hier notiert werden, eine, die nicht in das Notizheft kommt, denn sie würde die anderen entwerten, durch ihre Schilderung der gegenwärtigen Situation, in der hyperventiliert wird …

Das sei ein Roman über eine islamistische Machtübernahme, aber durch demokratische Wahlen. Das kann menschgemäß, gerade in Europa, mit seiner Geschichte, nicht beruhigen. Das muß gerade gegenwärtig zur höchsten Aufmerksamkeit, Wachsamkeit, Widerrede führen. Es wird auf die Passagen gestarrt, die vom Islam handeln. Nun, beim ersten Lesen der Unterwerfung drängt sich ein anderes Bild auf. Es ist ein Universitätsroman, der von Schwächen erzählt, von Rückgratlosigkeit, von Verlockungen, von der Hiflosigkeit des Mannes mit seinem Starren auf sein Gehänge, von der generellen Anfälligkeit für das Autoritäre, gerade unter den Gebildeten. Es ist die Vorführung des Menschen, besonders des Mannes, und darauf kann der Mensch, besonders der Mann, nicht stolz sein. Nichts mehr, das er sich hoch anrechnen kann. Erbärmlich, klein und bereit, sich allem zu unterwerfen, was seiner Karriere förderlich erscheint, allen sich anzudienen, die für seine Karriere dienlich sein könnten …

Es ist ein Universitätsroman, der in Frankreich angesiedelt ist, aber ebenso könnte dieser auch – ja – in Österreich spielen. Erst vor ein paar Tagen mußte in einer Veranstaltung in einer österreichischen Kleinstadt das Gejammer angehört werden, es würde für ihre Forschungsarbeiten zu wenig Geld fließen, dabei sei doch gerade ihre Forschungsarbeit zum Thema Rechtsextremismus … die Aussichten auf Karrieren sehr gering …

Unterwerfung - Mischung aus beidemUnd eben erst der Beitrag im österreichischen fernsehen über diesen Roman – Kulturmontag, Martin Traxl: lange schon eine Wegschaltgarantie –, doch heute, wollte doch gesehen werden, wie darüber berichtet wird. Selbstverständlich so vorhersehbar wie nichtssagend. Wenn dieser Roman vor Fertigung dieses Berichts überhaupt gelesen wurde, wurde dieser so gelesen, wie er zu lesen vorgegeben ist … mit dem Starren auf die islamistische Machtübernahme … Das Wort „Identitäre“ kommt in diesem Bericht nicht einmal vor, dabei spielen sie in diesem Roman eine äußerst wichtige Rolle. Von Beginn an. Es dauert sehr, sehr lange bis im Roman das angesprochen wird, was so viele hyperventilieren läßt.

Aber in Österreich über Identitäre zu sprechen, heißt, über die FPÖ sprechen zu müssen, auch in Österreich über Identitäre zu sprechen, heißt, über Organisierte Glauben anders sprechen zu müssen, als gesprochen wird, in Österreich über Identitäre zu sprechen, heißt auch, über Pegida anders sprechen zu müssen, eigentlich über alles, das heißt, politisch vor allem über Sozio-Ökonomie zu reden … mehr als nur zu reden, endlich anders zu wählen, anders zu handeln …

Damit scheinen viele, zu viele zu sehr gefordert zu sein. Vielleicht mischt sich auch schon die Sorge um den Erhalt des erworbenen kleinen eigenen Glücks darin, vielleicht auch schon eine Vorleistung und dadurch Hoffnung auf die doch noch ganz große Karriere … wer kann schließlich heute schon wissen, wer morgen in Österreich regiert … Es ist ja nie ganz verkehrt, beispielsweise bei der Gestaltung von Berichten Meinungsumfragen nicht ganz unberücksichtigt zu lassen. Und es kann auch verstanden werden, was wäre das noch für ein Leben, sich plötzlich das Grillen nicht mehr leisten zu können, oder, zu einer Grillparty in die Hinterhofgartenvilla des Herrn – falls dann nicht auf eine ältere Amtsbezeichnung zurückgegriffen wird – Informationsministers nicht eingeladen zu werden …

Wie leicht mit diesem einen Zitat es schon nachvollziehbar wird:

„[A]ber der ganze Artikel war ein einziger Aufruf an seine früheren traditionalistischen und identitären Freunde. Es sei tragisch, bekundete er leidenschaftlich, dass eine irrationale Feindseligkeit gegenüber dem Islam sie daran hindere, die folgende Gewissheit nicht zu erkennen: Sie seien in den wesentlichen Punkten im völligen Einklang mit den Moslems. Was die Ablehnung von Atheismus und Humanismus angehe, die notwendige Unterwerfung der Frau und die Rückkehr des Patriachats: Ihr Kampf sei in jeder Hinsicht derselbe. Und dieser Kampf, der für den Beginn der neuen Etappe einer organischen Kultur notwendig sei, sei heute nicht mehr im Namen des Christentums zu führen; es sei der Islam, die jüngere, einfachere und wahrhaftigere Schwesternreligion (weshalb sei denn beispielsweise Guénon sonst zum Islam konvertiert […]. Die Homo-Ehe, der Schwangerschaftsabbruch oder die Frauenarbeit seien unmissverständlich und entschieden abzulehnen.

Abgesehen davon waren wir weder Rassisten noch Faschisten – nun ja, im Grunde schon, um ganz ehrlich zu sein, einige Identitäre waren zumindest nicht weit davon entfernt, aber ich auf keinen Fall, niemals. Die Faschismen erschienen mir schon immer als ein gespenstischer, albtraumartiger und falscher Versuch, toten Nationen wieder Leben einzuhauchen[.]“

Das steht in einem Roman, der in Frankreich spielt, und ein Jugendlicher aus Österreich, der statt bei der FPÖ sich zu engagieren, eine weite Reise ohne Aussicht auf Karriere sich antut, sagt, denkt und schreibt über sich sein Portrait als ein identitärer Moslem … Wie hier gelesen werden kann, ist aber Firas Houidi keine Romanfigur, und auch Andreas Laun ist keine Romanfigur, weiter auch die Zur Zeit ist kein erfundenes Magazin von Michel Houellebecq, sondern eines von einem Abgeordneten des österreichischen Parlaments geführtes …

Es bleibt nur zu hoffen, dieser Roman bringt Identitäre nicht dazu, den Moslem in sich zu entdecken, und Moslems nicht dazu, den partei-organisierten Identitären in sich … und beide zusammen nicht dazu, ein Wahlbündnis … Denn dann, dann würde es tatsächlich ganz gefährlich eng in Europa werden, für jene, die weder islamische Identitäre noch identitäre Moslems sind, würde das Europa, wie es noch gekannt wird, nicht mehr erkennen zu sein. Aber noch gibt es Möglichkeiten, diese so viele zum Hyperventilierenden bringende Fiktion nicht Wirklichkeit werden lassen, so wirklich werden zu lassen, wie beispielsweise den Opportunismus der Identitären, die so leicht zwischen Parteien zu wechseln bereit sind, Parteien zu gründen imstande sind, aus persönlicher Gier nach …

PS Die Danksagung am Ende des Buches weist im Grunde schon darauf hin, daß es ein Universitätsroman ist:

„Ich habe an keiner Universität studiert, und alle Informationen über diese Institutionen stammen von […]. Sollten meine Beschreibungen einigermaßen glaubwürdig erscheinen, so habe ich das ausschließlich ihr zu verdanken.“

Es wird also nicht gedankt für Informationen über den Islam, sondern …

PPS Ein Zitat, fällt jetzt gerade noch ein,  aus diesem Roman wurde bereits vor einigen Tagen gebracht, eines über einen im Buch öfters angesprochenen Schriftsteller, der von dem derzeitigen Papst, der auch keine Romanfigur ist, zitiert wird – herzwärmend

Wenn ein Zentrum, dann dringend eines für einen weltumfassenden sozio-politischen Dialog

Es wird gar nicht mehr gewußt, wie oft hier bereits darüber geschrieben wurde, wie prächtig Organisierte Glauben einander verstehen, wie geschmiert der Dialog zwischen den Religionen abläuft, wenn es gilt, gemeinsam gegen Menschen vorzugehen, dazu angetrieben von unmenschlichen Motiven, deren unhaltbare Rechtfertigungen die Organisierten Glauben aus ihren Schriften ziehen. Diesen Schriften kann wenigstens mildernd nachgesagt werden, bei Berücksichtigung der damaligen Gegebenheiten und Zustände, sie seien Jahrhunderte und beinahe zweitausend Jahre alt. Aber für Menschen der Organisierten Glauben des Jahres 2015, die aus diesen Schriften heute noch ihren Wahn, ihren Aberwitz und ihre Blutrünstigkeit ziehen, kann kein Wort der Nachsicht und des Verstehens gefunden werden.

Und wird nicht gerade im Angesicht der Morde von Paris einmal mehr bewiesen, wie prächtig Organisierte Glauben einander verstehen, wie der eine Organisierte Glaube dem anderen Organisierten Glauben zur Hilfe eilt? Papst Franziskus etwa macht den Mördern von Paris die Mörderleiter, wenn er davon spricht, die Meinungsfreiheit habe ihre Grenzen, wenn religiöse Gefühle … So schwammig sind sonst nur noch die gemeingefährlichsten Gesetze formuliert, mit denen Staaten gegen ihre Bürger und Bürgerinnen vorgehen wollen. So schwammig kann auch nur einer reden, dessen Berufsbücher zweitausend Jahre alt und derart schwammig sind, daß sie für alles verwendbar sind, vor allem für den Einsatz gegen die Menschen. Und zu dieser gemeingefährlichen Schwammigkeit gesellt sich das Dummdreiste eines Machogossenjungen, der an frühzeitigen Samenergüssen leidet. Aber wer durch solche Bücher sozialisiert wurde, kann sich nicht entwickeln und bleibt ein Machogossenjunge, der sich nur mit Gewalt zu wehren weiß.

Um sich die geistige Welt von Papst Franziskus besser vorstellen zu können, dafür kann eine Szene hilfreich sein, die in der Sauluskirche spielt, vor einem Bild der fremdgegangenen Frau mit ihrem unehelichen Sohn:

Machogossenjunge 1: Fickda dei Hurmudda.

Machogossenjunge 2: Wos sogst du? Du sogda, mei Mamma is a Hur‘? Sogst du dos nochamol, kriegsda so a –

Machogossenjunge 1: Dei Mudda is so a Hur‘, de fickda olles.

Machogossenjunge 2: Du ficksda nit mei Mamma! Du nit. Kriegsda so ane von mir –

Und Machogossenjunge 2 schlägt zu, auch wenn er weiß, daß Machogossenjunge 1 seine Mutter gar nicht kennt, streckt Papst Franziskus den Machogossenjungen 1 mit einem Faustschlag nieder.

Und wenn der Machogossenjunge nicht gerade seine Mutter mit Faustschlägen zu verteidigen hat, wie er glaubt, rezitiert Papst Franziskus Léon Bloy, über den in „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq gelesen werden kann:

„Er war, schrieb Huysmans, ‚ein Unglücklicher, dessen Hochmut teuflisch und dessen Hass maßlos ist.‘ Tatsächlich war Bloy mir von Beginn an wie der Prototyp des schlechten Katholiken vorgekommen, dessen Glaube und Begeisterung erst in Wallung geraten, wenn seine Gesprächspartner Verdammte sind.“

Und es ist auch bezeichnend, daß mit dem Bloy-Spezialisten in diesem Roman die Identitären ins Spiel kommen. Die Frage gedacht wird: „Sind Sie eher Katholik, eher Faschist oder eine Mischung aus beidem?“

Also auch Papst Franziskus beweist in diesen Tagen, wie einwandfrei die Religionen untereinander sich verstehen, kommunizieren können, wenn es gegen Menschen geht …

Ein Zentrum für einen weltumspannenden sozio-politischen Dialog, das ist es, was dringend gebraucht wird. Aber nicht nur zum Reden, sondern vor allem noch mehr zum Handeln. Denn die Ursachen, die zu Gewalt und Terror führen, sind bekannt, die Konzepte dagegen gibt es. Was aber fehlt, dringend fehlt, ist die weltweite Umsetzung, das weltweite Handeln, die breiteste Bewußtmachung der tatsächlichen Ursachen von Gewalt und Terror, und wie dem tatsächlich mit Erfolg begegnet werden kann. Das Geschrei nach Sicherheit in diesen Tagen als Antwort auf Terror und Gewalt, ist nur populistisches Geschrei.

PS Ein Sprecher des Abdullah-Zentrums hat nun etwas von Ablehnung jedweder Gewalt gesprochen. Ja, mei. Wer spricht sich schon für Gewalt aus? Niemand. Zumindest offen. Die Gewalt ist auch nicht der eigentliche Kern der Problematik in Saudi-Arabien. Das Ungeheuerliche in Saudi-Arabien sind die Gesetze, die nichts anderes als gewalttätige und verbrecherische Gesetze gegen die Menschlichkeit sind. Und gegen diese Terror-Gesetze hat sich der Sprecher des Abdullah-Zentrums nicht ausgesprochen. In diesem Zentrum kann je kein Dialog geführt werden, wenn Beteiligte aus Saud-Arabien die Gesetze ihres Staates fürchten müssen, selbst Opfer dieser Gesetze zu werden, wenn sie es wagen, einen Dialog frei zu führen, und ein tatsächlicher Dialog kann nur geführt werden, ohne Angst vor gesetzlichen Repressalien.

Links, ein paar wenige, dazu: