Aktivjahre der Toleranz statt einem Gedenkjahr

 

Jubiläum 465 Jahre Manifest der ToleranzWas kann am ersten Tag des „Gedenkjahres 2018“ geschrieben werden?

Nieder mit dem Gedenkjahr 2018!

Herbei mit dem Aktivjahr 2018!

Mit einem Aktivjahr wird es nicht getan sein. Deshalb ab dem ersten Tage des Jahres 2018 muß der Ruf erschallen:

Herbei mit Aktivjahren!

Und nichts eignet sich für das Ausrufen der Aktivjahre in Österreich, und nicht nur in Österreich, mehr als zu erinnern an 465 Jahre „Manifest der Toleranz“.

2021 werden 85 Jahre vergangen sein seit der Veröffentlichung von „Castellio gegen Calvin – Ein Gewissen gegen die Gewalt“. 1936 wurde dieses Buch veröffentlicht von Stefan Zweig, der in den Abgrund seiner Zeit schaut, in dem sich die Calvins seiner Zeit bedrohlich vermehren, mit Eiseskälte marschieren, um ihre Brandstöße anzuzünden. Abermillionen von Menschen zu morden. Dem voranging die schon von Blutgier ergriffene sprachlich vollzogene Zerstörung, die nach Millionen von Blutopfern schreiende Auslöschung jedweder Toleranz.

Vor bald 85 Jahren wußte Stefan Zweig um die lebensnotwendige Erinnerung an Sebastian Castellio, der vor 465 Jahren sein „Manifest der Toleranz“ gegen die Calvins seiner Zeit schrieb.

2018 werden 455 Jahre vergangen sein. 1563 starb Sebastian Castellio, ehe es den Calvins seiner Zeit gelang, ihn ebenfalls auf den Scheiterhaufen zu bringen, wie 1553, also vor 465 Jahren, Miguel Servet.

Es widerstrebt Stefan Zweig, ausführlich zu beschreiben, mit welcher Blutrünstigkeit die Calvins, mit welch einer ihnen von ihrem Gott eingegebenen Perversion sie Servet grausamst ermordeten, und es widerstrebt, dies zu zitieren, aber, es muß, denn nie darf vergessen werden, immer muß vor Augen geführt sein, zu was für Schandtaten, zu welchen Morden Calvins jedweder Zeit fähig sind, zu welch widerwärtigen Handlungen gegen die Menschlichkeit die Calvins zu allen Zeiten in jedweder Zeit fähig sind, ob vor 465 Jahren oder erst gestern, heute und morgen wieder und übermorgen weiter. Der Mord an Servet das ewige Logo der Calvins:

„Der Tod am Brandpfahl durch langsames Rösten bei kleinem Feuer ist die martervollste alle Hinrichtungsrichtungen; selbst das als grausam berüchtigte Mittelalter hat sie nur in den seltensten Fällen in ihrer ganzen grauenhaften Langwierigkeit angewendet; meist wurden die Verurteilten noch vorher an dem Pfahle erdrosselt oder betäubt. Gerade diese scheußlichste, diese fürchterlichste Todesart aber ist für das erste Ketzeropfer des Protestantismus vorgesehen[.]“

Es darf nicht vergessen werden. Bei diesem Mord an Servet ging es nur um eine „Meinungsverschiedenheit“. Die blutrünstigen Calvins seiner Zeit ertrugen die Meinung von Servet nicht, seine Meinung zu Teilen eines Buches. Sie konnten keine Toleranz aufbringen. Wie auch. Verblendet von ihrer eigenen Meinung über dasselbe Buch, wohl auch schon blutdurstig, kannten sie keine Toleranz, nicht einmal „Gnade“, ein Wort, das in diesem Buch, ist zu hören, oft und oft vorkommen soll, in diesem Buch, das unstillbaren Durst auf Blut macht, auf tatsächliches Blut, auf wirkliches Menschenblut.

Das alles ist im vor bald 85 Jahren geschriebenen „Castellio“ von Stefan Zweig genauestens aufgezeigt, all die Perfidie der Calvins, all die Heimtücke der Calvins, die Mordlüste, all die Lügen, all die Verleumdungen, all die Diffamierungen, all die uneingeschränkte Geilheit auf die totale Macht … und Zweig schreibt es im Angesicht der Calvins seiner Zeit in Deutschland, in Österreich …

Und er, Zweig, legt den Calvins seiner Zeit seinen „Castellio“ vor die Augen, das „Manifest der Toleranz“, das heute mehr denn je, wieder einmal, not zu lesen ist, damit es zu Aktivjahren führt, in Österreich, nicht nur in Österreich, aber vor allem in Österreich …

Wie im Kapitel

Jubiläum 465 Jahre – Erster Scheiterhaufen der Reformation

bereits eindringlich gebeten, es ist der gesamte „Castellio“ zu lesen, um zu wissen, mit wem es Menschen zu tun kriegen, wenn in ihrer Zeit Calvins auftreten, vor Wahlen besonders geschmückt mit Wörtern wie „Gerechtigkeit“, „Nächstenliebe“ und so weiter.

Und Zweig schreibt in seinem „Castllio“ oft, und das sehr bewußt, von „Parteimenschen“, wie auch anders gar nicht möglich, mit seiner Gegenwart vor Augen, mit den Einheitsparteien in Deutschland, in Österreich … er führt deutlich aus, in welchen Abgrund, immer wieder in Untergänge geführt wird, wenn solche Parteien mit Hinterlist und Heimtücke, mit verborgenen und zugleich doch immer offensichtlichen „Kriegsplänen“ es schaffen, in politische Gremien gewählt zu werden, um schließlich zur Elendsvermehrung von allen politische Gremium mit ihrer Machtkälte zu dominieren, die politischen Gremien zu mißbrauchen, zu stillen ihren nie zu stillenden Blutdurst, ihren nie zu sättigenden Machthunger.

All das Widerwärtige, all das Grausame durch die Jahrhunderte bis zum heutigen Tage darf nicht vergessen werden. Um dagegen sich zu immunisieren, die falschen Parteientöne zu hören, aufzeigen zu können, daß es zwar Töne sind, aber absolut falsche Töne, und es nur falsche Töne sein können, weil diesen Parteimenschen ihre Falschheit ihre Kompositionshand führt, und diese ihre Kompositionshände sind keine Kompositionshände, sondern Fäuste, und mit Fäusten kann kein Menschenwerk geschaffen, sondern nur zerstört, immer wieder nur das vernichtet werden, was dem Menschen an Gutem bereits gelang.

Wie schöpferisch hingegen, wie zur Preisung des Menschen hingegen die offene Hand der Toleranz, wie beweglich hingegen die offene Hand der Toleranz.

Deshalb noch einmal:

Nieder mit dem Gedenkjahr 2018!

Nieder mit Gedenkjahren!

Dafür aber ab dem ersten Tage des Jahres 2018:

Herbei mit den Aktivjahren der Toleranz!

Und das Schönste aus dem „Castellio“ muß zitiert werden. Denn es ist Hoffnung dabei, es ist Zuversicht dabei, und es geschichtliche Bestätigung dabei, daß die Calvins welcher Zeit auch immer niemals lange ihr blutdurstiges Unwesen treiben können.

Der Kampf scheint zu Ende. Mit Castellio hat Calvin den einzigen geistigen Gegner von Rang beseitigt, und da er gleichzeitig in Genf die politischen Widersacher zum Schweigen gebracht hat, kann er nun unbehindert sein Werk in immer größeren Ausmaßen fortgestalten. Haben Diktaturen die unausbleiblichen Krisen ihres Anbeginnes einmal überwunden, so dürfen sie im allgemeinen für einige Zeit als gefestigt gelten; wie der Organismus des Menschen sich klimatischen Umstellungen und veränderten Lebensumständen nach anfänglichem Unbehagen schließlich angepaßt, so gewöhnen sich auch die Völker erstaunlich bald an neue Formen der Herrschaft.

Das ist wesentlich, das muß für Aktivjahre Leitsatz sein: Keine Gewöhnung an neue Formen der Herrschaft.

Nach einiger Frist beginnt die alte Generation, die verbittert eine gewalttätige Gegenwart mit der geliebteren Vergangenheit vergleicht, wegzusterben, und hinter ihr ist indes schon in der neuen Tradition eine Jugend herangewachsen, welche diese neuen Ideale mit ahnungsloser Selbstverständlichkeit als die einzig möglichen hinnimmt. Immer kann im Laufe einer Generation ein Volk durch eine Idee entscheidend verwandelt werden, und so hat sich auch Calvins Gottesgebot nach zwei Jahrzehnten aus theologischer Denksubstanz zu einer sinnlich sichtbaren Daseinsform verdichtet. 

Das ist wesentlich, das muß für Aktivjahre Leitsatz sein: Verpflichtung der Jugend, nicht ahnungslos zu sein, nicht unhinterfragt eine Tradition hinzunehmen, die nicht einmal so alt ist, wie sie selber. Nicht ungeprüft Ideale anzunehmen, aus deren Falten – bei genauem Hinsehen – unentwegt Opferblut tröpfelt.

Gerechtigkeit muß nun diesem genialen Organisator zuerkennen, daß er nach dem Siege mit großartiger Planhaftigkeit sein System aus der Enge ins Weite geführt und allmählich ins Welthafte ausgebaut hat. Eiserne Ordnung macht Genf im Sinne der äußeren Lebenshaltung zu einer Musterstadt; aus allen Ländern pilgern die Reformierten nach dem „protestantischem Rom“, um hier die vorbildliche Durchführung des theokratischen Regimes zu bewundern. Was straffe Zucht und spartanische Ertüchtigung zu vollbringen vermögen, ist restlos erreicht; zwar ist die schöpferische Vielfalt zugunsten nüchternster Monotonie hingeopfert und die Freude einer mathematisch kalten Korrektheit, aber dafür ist die Erziehung selbst zu einer Art Kunst gesteigert. Tadellos sind alle Lehrinstitute, alle Wohlfahrtsanstalten geführt, der Wissenschaft wird weitester Raum gewährt, und mit der Gründung der „Akademie“ schafft Calvin nicht nur die erste geistige Zentrale des Protestantismus, sondern zugleich auch den Gegenpol wider den Jesuitenorden seines einstigen Kameraden Loyola: logische Disziplin gegen Disziplin, gehärteter Wille gegen Willen.

Ausgerüstet mit vortrefflichem theologischen Rüstzeug, werden von hier die Prädikanten und Agitatoren der calvinischen Lehre nach genau errechnetem Kriegsplan in die Welt entsandt. Denn längst denkt Calvin nicht mehr daran, seine Macht und Idee auf diese eine kleine Schweizer Stadt zu beschränken, über Länder und Meere greift sein unbezähmbarer Herrschwille, um allmählich ganz Europa, die ganze Welt seinem totalitärem System zu gewinnen. Schon ist Schottland durch seinen Legaten John Knox ihm untertan, schon sind Holland und teilweise die nordischen Reiche von puritanischem Geiste durchdrungen, schon rüsten die Hugenotten in Frankreich zu entscheidendem Schlag: ein einziger glückhafter Schritt noch, und die „Institutio“ wäre zur Weltinstitution geworden, der Calvinismus die einheitliche Denk- und Lebensform der abendländischen Welt.

Wie entscheidend eine solche siegreiche Durchsetzung der calvinistischen Lehre die Kulturform Europas verändert hätte, vermag man zu ermessen an der besonderen Struktur, die der Calvinismus den ihm ergebenen Ländern schon in kürzerster Zeit aufgeprägt hat. Überall, wo die Genfer Kirche ihr sittlich-religiöses Diktat – und wenn auch für eine Spanne Zeit – verwirklichen konnte, ist innerhalb der allgemein nationalen Färbung noch ein besonderer Typus entstanden: der des unauffällig lebenden, des „makellos“, des „spotless“ seine sittliche und religiöse Pflicht erfüllenden Bürgers, überall hat sich sichtlich das Sinnlich-Freie zum Methodisch-Gebändigten gedämpft und das Leben zu kälterem Gebaren vernüchtert. Schon von der Straße her – so stark vermag eine starke Persönlichkeit sich bis ins Sachliche zu verewigen – erkannt man heute noch in jedem Lande auf den ersten Blick die Gegenwart oder einstige Gegenwart calvinistischer Zucht an einer gewissen Gemessenheit des Gehabens, eine Unbetontheit in Kleidung und Haltung und sogar an der Prunklosigkeit und Unfestlichkeit der steinernen Gebäude. In jeder Beziehung den Individualismus und den ungestümen Lebensanspruch des einzelnen brechned, überall die Autorität der Obrigkeiten stärkend, hat der Calvinismus in den von ihm beherrschten Nationen den Typus des korrekt Dienenden, des bescheiden und beharrlich der Gesamtheit sich Einordnenden, also des vortrefflichen Beamten und idealen Mittelstandsmenschen plastisch herausgearbeitet, und mit Recht hat Weber in seiner berühmten Studie über den Kapitalismus nachgewiesen, daß kein Element so sehr wie die calvinistische Lehre des absoluten Gehorsams den Industrialismus vorbereiten half, weil in der Schule schon auf religiöse Art die Massen zur Gleichschichtung und Mechanisierung erziehend.

Immer aber erhöht eine entschlossene Durchorganisierung seiner Untertanen die äußere, die militärische Stoßkraft eines Staates; jenes großartige, harte, zähe und entbehrungsreiche Seefahrer- und Kolonistengeschlecht, das erst Holland und dann England neue Kontinente eroberte und besiedelte, ist im hauptsächlichen puritanischer Herkunft gewesen, und dieser geistige Ursprung hat wiederum schöpferisch den amerikanischen Charakter bestimmt; unendlich viel ihrer weltpolitischen Erfolge danken alle diese Nationen dem streng erziehlichem Einfluß des picardischen Predigers von Saint Pierre.

Aber doch, welcher Angsttraum, Calvin und de Beze und John Knox, diese „kill joy“ hätten in  der krudesten Form ihrer ersten Forderungen die ganze Welt erobert! Welche Nüchternheit, welche Eintönigkeit, welche Farblosigkeit wäre über Europa gefallen! Wie hätten diese kunstfeindlichen, freudefeindlichen, lebensfeindlichen Zeloten gewütet gegen den herrlichen Überschwang und all jene holden Überflüssigkeiten des Daseins, in den sich der bildnerische Spieltrieb in göttlicher Mannigfaltkeit kundtut! Wie hätten sie alle die sozialen und nationalen Kontraste, die eben in ihrer sinnlichen Buntheit dem Abendland das Imperium in der Kulturgeschichte verliehen, ausgerodet zugunsten einer trockenen Monotie, wie den großen Rausch der Gestaltung verhindert mit ihrer fürchterlich exakten Ordnung! So wie sie in Genf den Kunstbetrieb für Jahrhunderte entmannten, so wie sie beim ersten Schritt zur englischen Herrschaft eine der herrlichsten Blüten des Weltgeistes, das shakespearische Theater, mit mitleidloser Ferse für immer zertraten, wie sie die Tafeln der alten Meister zerschlugen in den Kirchen und die Furcht Gottes einsetzten statt der menschlichen Freude, so wäre in ganz Europa jede inbrünstige Bemühung, auch anders als bloß mittels einer kanonisierten Frömmigkeit sich dem Göttlichen anzunähern, ihrem mosaisch-biblischen Anathema zum Opfer gefallen.

Stefan Zweig schreibt weiter, was alles nicht geschehen wäre, wenn die Calvins weltumspannend die Jahrhunderte mit ihrer mitleidlosen Ferse in die schwarzen Kammern ihrer Frömmigkeit getreten hätten. Aber. Das soll nicht in einem Kapitel gemeinsam stehen, in dem der barbarische Mord an Servet noch einmal im Zitat beschrieben ist.

Nieder mit den Gedenkjahren!

Herbei mit Aktivjahren!

Ist dieser Ruf nicht gerade in Österreich not, wo eben erlebt wird, wie alle beflissen Gedenktage begehen, um dann …

Auch mit Blick darauf, was in diesem Gedenkjahr 2018 in Österreich Parteienmenschen recht begehen wollen …

Mit einem Aktivjahr ist es gewiß nicht getan, es müssen, kurz gesagt Aktivjahre werden. Beginnend mit dem ersten Jänner 2018.

Aktivjahre aber, die nicht, in Österreich etwa, mit dem Ende der montagsgemachten Regierung aufhören dürfen Jahre der aktiven Toleranz zu sein. Zu viel liegt in diesem Land im argen, als daß es in fünf Jahren …

Diesen Parteimenschen in der zurzeitigen Regierung zuzurufen, sie wären Calvins ihrer Zeit, wäre der Anerkennung zu viel — sie sind bloß squirts of her time.

Gerade mit Blick auf die Kunst offenbaren sie ihre Farblosigkeit, nach Buntheit klingt bloß ein Name eines solchen Parteimenschen

2019 wird es 465 Jahre her sein, daß Sebastian Castillio diesen Satz schrieb:

„Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten.“

Die Aktivjahre der Toleranz hätten aber schon 2015 ausgerufen werden müssen, zum Anlaß der fünfhundertesten Wiederkehr des Geburtstages von Sebastian Castellio, des Menschen also, der vor 465 Jahren das „Manifest der Toleranz“ schrieb … Das wäre, nein das ist ein Jubiläum, würdig zu begehen:

500 Jahre Sebastian Castellio
„Manifest der Toleranz“

Und nicht unentwegt die Jubiläen für Männer und Frauen des Mordens, für Männer und Frauen abartigster Sichtweisen der Welt, also beispielsweise für den Luder, für die Habsburgerin in Dauerschwangerschaft als Verhütungsmittel und für weitere …

Jubiläum 465 Jahre – Erster Scheiterhaufen der Reformation

465 Jahre Erster Scheiterhaufen der Reformation

2017 wurden 500 Jahre Martin Luther, 300 Jahre Maria Theresia gefeiert. Auch 2018 stehen Jubiläen an.

Ein Gedenken, das es 2018 mit Bestimmtheit nicht breit und groß geben wird, ist das Gedenken an den ersten Scheiterhaufen, an den ersten Gesinnungsterrormord der Reformation, vor 465 Jahren in Genf. Der Name des Mörders: Jehan Calvin.

Was es für Gedenken 2018 geben wird, gerade in Österreich, davon kann im Kapitel

Im Gedenkjahr 2018 eine ÖVP-FPÖ-Regierung: Schaften, geht voran!

gelesen werden, von Menschen, die viel für das Verbrennen …

Vor rund 480 Jahren ging Calvin daran, in Genf „den ersten Gottesstaat auf Erden zu schaffen“. „Mit der Stunde, da dieser hagere und harte Mann im schwarz niederwallenden Priesterrock […] ein mit unzähligen Lebenszellen atmender Staat soll in einen starren Mechanismus, ein Volk mit allen seinen Gefühlen und Gedanken in ein einziges System verwandelt werden; es ist der erste Versuch einer völligen Gleichschaltung eines ganzen Volkes, der hier innerhalb Europas im Namen einer Idee unternommen wird.“

Vor rund 85 Jahren begann die Beschäftigung von Stefan Zweig mit diesem ersten Scheiterhaufenmörder und dem ersten Gottesstaat innerhalb Europas und mündete im Buch „Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt“, abgeschlossen 1936.

Stefan Zweig schrieb dieses Buch also in der Zeit, als die nächste völlige Gleichschaltung diesmal in Deutschland bereits im Gange war, die zu einer der grausamsten, barbarischsten Gleichschaltung führte. In Österreich nicht minder. In Österreich, wo so viele die massenmörderischste Gleichschaltung herbeisehnten, „sakral inbrünstig“ sie erwarteten, ihren Beitrag leisteten, vorerst in Wort und Schrift.

Es kann das Buch von Stefan Zweig hier nicht in seiner Gesamtheit zitiert werden. Dabei ist es ein Buch, das in seiner Gesamtheit zitiert werden muß. Aus diesem Buch ist nicht nur die Grausamkeit zu erfahren, mit welcher Perversion dieser erste Gesinnungsmord der Reformation begangen wurde. Es sind vor allem die Mechanismus beschrieben, wie es zu einer Diktatur kommt, wie eine Diktatur sich halten kann. Wie sich solche barbarischen Menschen selbst als „Verfolgte“ darstellen, sie die „Opfer“ seien … wer wird dabei nicht an die Gegenwart denken, besonders in Österreich an jene Menschen einer Partei, die sich stets als …

Es gibt so vieles, das in diesem Buch angeführt und auf so eindrückliche Art ausgeführt ist, was hier zu erwähnen wäre. Allein, es ist zu viel. Es ist in seiner Gesamtheit zu lesen.

Es ist in seiner Gesamtheit zu lesen. Was vor rund 480 Jahren begann mit dem ersten Gottesstaat innerhalb Europas, begann, wie es seitdem stets begann. Das sind die Jubiläen, die zu begehen sind. Und dem Buch von Stefan Zweig ist ein Jubiläum zu widmen, ein Gedenkjahr. Denn. Es gibt auch die Instrumente in die Hand, wie es zu einer Zeit kommen kann, in der nicht mehr Jubiläen mit den dunkelsten Figuren der Geschichte begangen werden.

Es ist in seiner Gesamtheit zu lesen. Eines aber soll doch noch angesprochen werden. Zweig schreibt auch von der stets vorgebrachten Entschuldigung für solche Gesinnungsmörder und Gesinnungsmörderinnen, sie seien eben „Kinder ihrer Zeit“ gewesen, Calvin sei ein „Kind seiner Zeit gewesen“. Stefan Zweig hält dagegen, es hätte auch andere zu dieser Zeit gegeben, vor allem aber nicht nur Castellio.

Und immer wieder die Gegenwart. „Kind seiner Zeit.“ Damit entschuldigt etwa ein Mann aus der ÖVP den Antisemitismus eines Leopold Kunschak.

Und ist nicht gerade Stefan Zweig selbst der größte Zeuge dafür, was für ein Pimpf, für ein Wicht Leopold Kunschak war, der zur gleichen Zeit wie Zweig lebte, und so gar kein Zeitgenosse von Zweig war, höchstens einer von Calvin, Luther, Maria Theresia …

Sie waren nicht „Kinder ihrer Zeit“. Sie waren und sind, kurz gesagt: „Squirts of her time“. Sie können es mit „Wichte ihrer Zeit“ übersetzten, auch mit „Pimpfe ihrer Zeit“. 

Es ist nicht das erste Mal, um zu einem Schluß zu kommen, daß von Castellio gesprochen wurde … schlagen Sie das Kapitel

Doppelpaß Südtirol und Faschismus vor den Augen des Bundespräsidenten

auf …

Und auch von den finsteren Figuren der Geschichte wurde schon erzählt, etwa von

Maria Theresia 2017

Schließlich leben neben Martin Luther und den M. T. Habsburgs Menschen

Der halbe Luther von Michael Bünker oder „Zigeuner“ werden Opfer sein dürfen, wenn sie keine Opfer mehr sind

„Nazikirche“, Hofer und die Angst des Bischofs vor dem Tor der Geschichte

Endlich Schluß mit Anhimmelung von Mao Hitlerstalin, heißen sie Johannes Calvin oder wie auch immer sonst noch

Gott ist nackt.

Gott also Papst ist nackt

Nach der kommenden Retrobenotung eine glatte Fünf für das österreichische Parlament, dass die „Ehe für alle“ nicht von dem gesetzgebenden Organ in Österreich beschlossen wurde, sondern der Verfassungsgerichtshof einspringen mußte.

Das ist auch und zu keinem geringen Teil darauf zurückzuführen, daß der Organisierte Glaube der römisch-katholischen kirche nach wie vor einen großen Einfluß in diesem Land hat, einen Einfluß, der zum Schaden der Menschen …

Und Christoph Schönborn als leitender Angestellter dieses Organisierten Glaubens ist somit der derzeit Hauptverantwortliche für den Schaden, den dieser Organisierte Glaube nach wie vor anzurichten vermag. Nicht so sehr in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die Christoph Schönborn meint zu kennen, wenn er dem Verfassungsgerichtshof vorwirft, dieser verneine die Wirklichkeit. Aber für den Schaden in der gesetzgebenden Wirklichkeit, in der nach wie vor auf Menschen, vor allem auf Männer gehört wird,

Vatikan befiehlt religiöse Gebote über staatliche Gesetze zu stellen

Christen haben das eigene Vaterland aber wie Fremde zu bewohnen

die durch einzige obsessive Lektüre der Bibel derart zugerichtet sind, daß sie nur eines bejahen können: den Unsinn.

Es ist beruhigend, daß die Verfassungsrichter und Verfassungsrichterinnen nicht den Sinn für den Rechtsstaatlichkeit, für die Gesetzgebung des Landes verloren haben, wie es der leitende Angestellte, besessen von seinen Evangelien, gegen die Menschen in diesem Land …

Noch ist es beruhigend, aber die Radikalisierung kann auch in diesem Land im Handkehrum, wird allein an die nächste gemachte Regierung in diesem Land gedacht, mit zwei Parteien, die ständig von christlichen Werten schwefeln …

Stets das Geschwefel von der „Schöpfungsordnung“.

Und vor allem stets das Geschwefel vom „Kindeswohl“ … und das ausgerechnet von einem leitenden Angestellten des Organisierten …

Dieses Geschwefel „für die Beibehaltung des bisherigen Begriffsinhalts von Ehe“ … Eine Lektüre der Geschichte der Ehe würde dem leitenden Angestellten des Organisierten seinen Unsinn erkennen lassen. Denn. Wie viele Wandlungen hat der Begriff Ehe durch die Jahrtausende bis zum heutigen Tage durchgemacht …

Was könnte nicht alles angeführt werden. Um dem Unsinn, den der Kardinal bejaht, zu widersprechen. Auch der Unterschied zwischen der Zivilehe und der Kirchenehe. Die Anmaßung der Kirche, Zugriff auf die Zivilehe … Hingegen die größte Toleranz des österreichischen Staates gegenüber der Kirche, etwa beim und nicht nur beim Gleichbehandlungsgesetz …

Aber es ist nicht wesentlich, ihm, Schönborn, zu widersprechen. Wesentlich ist, daß die gesetzgebenden Organe in diesem Land den Menschen in diesem Land nicht mehr hinterherhinken, weil sie offenbar der irrigen Meinung sind, es sei immer noch besser den Unsinn anzubeten und gehorsam zu folgen als …

Stets das Geschwefel vom „Kindeswohl“ … Dabei beweist der Organisierte Glaube der römisch-katholischen kirche bereits mit der Trauungsformel, wie wenig ihm am „Kindeswohl“ gelegen ist. Es geht nur einmal um Kinder. Es geht darum, dem Führer, also Gott, also dem Papst und also seinen leitenden Angestellten Kinder zu schenken …

„Pfarrer: Seid ihr beide bereit, die Kinder anzunehmen, die Gott euch schenken will, und sie im Geist Christi und seiner Kirche zu erziehen?“

Der einzige Satz in der Trauungsformel, der sich auf Kinder bezieht. Bereits vor der Rekrutierung von Ungeborenen schreckt auch dieser Organisierte Glaube nicht zurück …

Gott ist nackt

Der Kaiser ist nackt, sagt in einem Märchen ein Kind. Damit war der Kaiser erledigt. Und es gibt den Kaiser auch nicht mehr. Es wäre wohl klüger gewesen, nicht zu sagen: Gott sei tot. Denn. Die Nostalgieanfälligkeit der Menschen beschert Dingen stets eine zähe Langlebigkeit, auch dann, wenn diese längst unbrauchbar, unnütz geworden sind. Vielleicht gäbe es Gott wie den Kaiser ebenso lange schon nicht mehr, wäre vor langer Zeit einfach gesagt worden:

Gott ist nackt.

Gott ist nackt.

Zu spät dafür ist aber nie, zu sagen: Gott, also der Papst ist nackt unter seiner nackten Belegschaft …

Rosenkranzgrenzhappening in Polen: Für Volk, Vaterland und Führerin. Kurz etwas zum identitären Glaubensdada

Glaubensdada - Für Volk Vaterland und Führer

Vor einer Woche marschierten in Polen Menschen zu den Grenzen, mit dem Rosenkranz in der Hand, um …

Ein recht willkommener Anlaß auch für FPÖ unzensuriert, darüber einen gesinnungsgemäßen Kommentar zu bringen, am 8. Oktober 2017:

Für „Volk, Vaterland und gegen Islamisierung Europas“

Zu der Aktion riefen die Stiftung „Gott allein genügt“ sowie die polnische Bischofskonferenz auf. 

An der Gebetsaktion nahmen auch mehr als 300 Kirchen in Grenznähe sowie Kirchen an den wichtigsten Flughäfen des Landes und in anderen Staaten, wo sich polnische Auslandsgemeinden befinden, teil. Ziel war es, für göttlichen Beistand für das polnische Volk und den Staat zu beten. 

Aber auch „für die Bekehrung Polens, die Bekehrung Europas und die Bekehrung der ganzen Welt zu Christus“ wurde gebetet. Denn in der wachsenden Masseneinwanderung nach Europa und den Terrorismus, sieht man die Gefahr einer voranschreitenden Islamisierung, forciert durch die EU und NGOs, die wiederum einen „Kleinkrieg“ gegen die Ost-Staaten führen. 

Recht willkommener Anlaß für das Grenzhappening in Polen am 7. Oktober 2017 war:

Die Aktion fand am Jahrestag der Seeschlacht von Lepanto im Jahr 1571 statt. Die christlichen Mittelmeermächte errangen dabei einen überraschenden Sieg über das Osmanische Reich. In ihrem Aufruf zu der Aktion teilte die Stiftung mit, damals sei „Europa vor der Islamisierung“ gerettet worden.

Und bei dieser Seeschlacht spielte einer aus der Familie Habsburg eine Rolle. Spanisch, ein hochtrabender Name: Don Juan de Austria. Österreichisch klingt sein Name schon weniger hochtrabend, mehr belustigend: Johann aus Österreich. Das klingt wie das Trachtenliedl Anton aus Tirol, dessen Sänger aus St. Jo…

Belustigend aber ist nicht, was er nach Lepanto in das Kreuz seiner Fahne schrieb:

In diesem Zeichen besiegte ich die Türken und werde die Ketzer besiegen.

In diesem Zeichen, also im Zeichen des Kreuzes, werde er „die Ketzer besiegen“. Daran ist stets zu denken, nicht nur, wenn gerade irgendwelche Rosenkranzgrenzorgien etwa in Polen stattfinden, zu denen Aussagen getätigt werden, wie:

In einer live im ultrakatholischen Sender Radio Maryja übertragenen Messe erklärte Krakaus Erzbischof Marek Jedraszewski, er bete „für die anderen europäischen Nationen, damit sie die Notwendigkeit verstehen, zu den christlichen Wurzeln zurückzukehren, damit Europa Europa bleibt.“

Es muß nicht daran erinnert werden, was mit „Ketzern“ durch die Jahrhunderte passierte. Was ihnen angetan wurde. Die Massenmorde. Hingerichtet auf blutrünstigste Arten in „diesem Zeichen“ im wahnhaften Orgien-Mysterien-Theater dieses Organisierten Glaubens. Diese Menschen gaben tatsächlich ihr Blut hin, während der Rosenkranzführer lediglich Wein trank und schwefelte, dies, der Wein, sei sein Blut, den er trinke …

Glauben - Dada

Es ist nicht von der Hand zu weisen, zu sagen, das letzte Abendmahl ist das erste Dada-Gedicht, entstanden während einer Perfomance … Wie überhaupt die gesamten Schriften von Organisierten Glauben Dada zugerechnet werden können, Dada sind. Mit ihren Absurditäten, ihren Verstiegenheiten, ihren Steckenpferdreitereien und so weiter und so fort. Es verwundert bis heute, daß die Künstlerinnen und Künstler der Dada-Bewegung nicht den Rosenkranz als ihr Emblem, nicht den Rosenkranz als ihr Logo nahmen, statt Dada es nicht Rosenkranz oder Kreuz oder Kreuzkranzrosen nannten.

Und zugleich verwundert es nicht, daß von ihnen nicht der Rosenkranz und das Kreuz zum Logo ihrer Dada-Bewegung auserkoren wurde. Ihr Dada war nicht das Programm des Blutsaufens, für sie gab es keine „Ketzer“, sondern nur Menschen mit anderen Meinungen, Ansichten, Weltanschauungen. Nur für Glaubensdada welcher Ausrichtung auch immer gibt es „Ketzer“, also zu Diffamierende, zu Ausstoßende und schließlich zu Ermordende …

Die Kunstrichtung Dada ist längst Geschichte. Keine Bewegung mehr. Der Glaubensdadaismus hingegen mit seinen Führern und Führerinnen, wie immer sie heißen mögen, ob Jesus-sich-selbst-essender-und-trinkender-Christus oder Lesen-und-Schreiben-unkundiger-Mohammed, Jungfrau-mit-Geschlechtsverkehr-Maria, ist nicht Geschichte. Seine Anhänger und Anhängerinnen streifen weiter durch die Welt auf der blutgierigen Jagd nach „Ketzern“ …

Glaubensdada, alles auf der Höhe von keiner Zeit

In einer Hinsicht ist Glaubensdada schon lange Geschichte. In bezug auf seine Diskussionen, Debatten, Diskurse: alles auf der Höhe von keiner Zeit. Wenn es etwa um den Begriff „Identität“ geht. Was für eine leidige Diskussion um die „Identität“, nicht nur in Polen, sondern um Beispiel zu bringen, auch in Österreich, wo diese vor der morgigen Nationalratswahl ebenfalls recht im Mittelpunkt stand, recht angetrieben von besonders zwei Parteien, deren Beiträge zur „Identität“ auf dem Niveau von keiner Zeit …

Dabei ist alles vorhanden, um Diskurse breitest anders, fruchtbringender zu führen. Was alles könnte dafür angeführt werden, wie anders breitest gesprochen und gehandelt werden könnte. Aber die, kurz und also pauschalierend gesagt, Parteien in Österreich haben es sich in ihrer Bequemlichkeit, in ihrer Faulheit eingerichtet, sich nicht zu bewegen, vielleicht ihrer Angst geschuldet, sie könnten, wenn sie sich bewegten, aufgrund ihrer Kurzsichtigkeit, mehr, aufgrund ihrer Blindheit, stolpern …

Identität - Ausdruck der Denkfaulheit.png

Ein Beispiel soll angeführt werden, wie anders und also fruchtbringender die Diskussion sein könnte, etwa im Hinblick auf den Begriff „Identität“. Aus „Es gibt keine kulturelle Identität“ von François Jullien:

Es ist wichtig, sich die Kosten vor Augen zu führen, die es haben kann, wenn man sich hier der falschen Konzepte bedient. Man muss ermessen, welche – politischen – Gefahren es mit sich bringt, wenn man die Vielfalt der Kulturen in Begriffen von Unterschiedlichkeit und Identität betrachtet, sich bewusst machen, welche negativen Folgen das nicht nur für das Denken, sondern auch für die Geschichte haben kann. Ein Buch wie Samuel P. Huntingtons Kampf der Kulturen ist in dieser Hinsicht ein denkwürdiges Beispiel. Dass er die vermeintlich wichtigsten Kulturen der Welt (die „chinesische“, die „islamische“, die „westliche“) in der Logik der Unterschiede und damit der Identität beschreibt, dass er ihre charakteristischen Züge auflistet, sie in einer Tabelle ordnet und eine Typologie erstellt, ist bequem und hat sicherlich zum Erfolg des Buchs beigetragen. Das brachte natürlich nichts durcheinander, wich in keiner Weise von Hergebrachten ab: Es zerstörte keine Klischees – der Vorurteile –, auf die man die Kulturen zu reduzieren beliebt, um sich nicht länger mit ihnen aufhalten zu müssen. Um das Heterogene (die interne „Heterotopie“), das jede Kultur kennzeichnet und das sie von innen her durch Abweichung zur Entfaltung bringt und intensiviert, ausblenden zu können, gibt man sich der Seichtigkeit hin, die jeder Klassifizierung innewohnt, und bestärkt sich somit zugleich in der eigenen Sichtweise. Aber gibt es überhaupt einen „harten, reinen Kern“ einer Kultur? Wenn Huntington dies behauptet, gelingt es ihm nicht ansatzweise, das Interessante an diesen Kulturen zu erfassen. Indem er sie auf Banalitäten reduziert, indem er sich voneinander isoliert und in das einmauert, was vermeintlich ihre Besonderheiten, ihre am klarsten konturierten Unterschiede ausmacht, indem er sie auf ihre Identität zusammenschrumpfen lässt, können die Beziehungen zwischen ihnen eigentlich nur in einem „Zusammenstoß“ enden, in einem clash, wie es im amerikanischen Original heißt. 

Will man ermessen, welche Kosten dadurch entstehen und welche Schäden dies anrichtet, muss man sich – um ein uns näher liegendes Beispiel zu nehmen – ansehen, woran Europa gescheitert ist. Als es darum ging, eine Präambel für die Europäische Verfassung zu entwerfen, wollten wir definieren, was Europa ausmacht, und uns über seine Identität verständigen. Dieses Unterfangen erwies sich jedoch als aussichtslos, wir landeten in der angesprochenen Sackgasse. Die einen behaupteten, Europa sei christlich (und beriefen sich dabei auf seine „christlichen Wurzeln“ oder – in Frankreich – auf das „Erbe Chlodwigs“). Die anderen insistierten darauf, Europa sei in erster Linie laizistisch (und dachten dabei an die folgenreiche „Aufklärung“ und den Aufstieg des Rationalismus). Da man sich nicht auf eine europäische Identität einigen konnte, verfasste man schließlich auch keine Präambel. Daraufhin haben sich Überzeugungen verflüchtigt, die Entschlossenheit ist erschlafft, Energien wurden gelähmt. Man hat keine europäische Verfassung verabschiedet: Man hat Europa abgebaut. Davon hat es sich nicht erholt. Was Europa in Wirklichkeit ausmacht, ist natürlich der Umstand, dass es zugleich christlich und laizistisch (und Weiteres) ist. Es hat sich nämlich im Abstand zwischen den beiden entwickelt: in dem großen Abstand von Vernunft und Religion, von Glauben und Aufklärung. In einem Zwischen, das keine Kompromiss ist, kein einfaches Mittelding, sondern ein In-Spannung-Versetzen, so dass sich beide Strömungen gegenseitig beleben. So kommt es, dass sich die Anforderungen des Glaubens im Abstand zu den Anforderungen der Vernunft geschärft haben und umgekehrt (und das sogar in ein und demselben Geist: Pascal): Von daher rühren der Reichtum oder die Ressourcen dessen, was Europa ausmacht. Oder besser: dessen, was „Europa macht“. Vor diesem Hintergrund ist jede Definition der europäischen Kultur, jede identitäre Annäherung an Europa nicht nur schrecklich vereinfachend und denkfaul. Sondern sie lässt verkümmern, führt zu Enttäuschungen und demobilisiert.

Marsch der Familie – Der Pranger sagt alles

Im Freilichtmuseum nahe bei Riga ist eine Holzkirche aufgebaut. Unmittelbar vor dem Eingang zur Kirche steht ein Pranger. Der Holzprangerpfahl ist schlicht, im Gegensatz zum Inneren der Kirche, die reich geschmückt und verziert ist, zur Blendung der Menschen, die in Holzhäusern wohnten, ohne Schmuck, ohne Zier.

Was sprachen die Menschen damals, vor Jahrhunderten, muß gedacht werden, vor der Holzkirche stehend, den Blick auf den Pranger gerichtet, wenn ein Mensch an den Pfahl gekettet war. Und plötzlich sind die Stimmen zu hören, sind die Menschen zu sehen, wie sie im Juni 2017 auf dem Albertinaplatz zu Wien standen, schnaubend sprachen, anprangerten.

Und wenn im kommenden Jahr, was zu erwarten ist, die Familie des Marsches wieder am Albertinaplatz sich versammeln wird, wird der Albertinaplatz unweigerlich als das gesehen werden, zu dem diese Familie den Platz für die Zeit ihres Anprangerns verwandeln, nämlich als Platz vor der Holzkirche mit dem Pranger unmittelbar vor dem Eingang zu ihrem …

Was für eine erfreuliche Veränderung aber wird es 2018 zu 2017 geben. Es wird nichts mehr von dem gehört werden, was sie wieder sagen, was sie nur wiederholen werden, was sie seit Jahren nur stur und starr wiederholen.

Denn.

Der Albertinplatz wird augenblicklich zum Platz vor der Holzkirche mit dem Pranger werden. Und soher werden sie nicht mehr gehört werden müssen. Alles, was sie sagen, was sie wiederholen, sagt der Pranger.

Der Pranger, nahe bei Riga bloßes Museumsdunkelstück, ist Inhalt und Zusammenfassung ihrer seit Jahren in Wiederholungsschleifen auf dem Albertinaplatz vorgebrachten Reden.

Marsch der Familie - Pranger

 

 

Dem Haus des Herrn Schönborn ist Katharina Deifel, Marschrednerin der Familie, eine gute Schwester

Katharina Deifel im Haus des Herrn - Marsch für die Familie 17-06-2017

Was gestern gesprochen wurde, ist nicht zu erwähnen. Es wurde das gesprochen, was Jahr für Jahr gesprochen. Wie es zu erwarten war:

Kurz etwas zum Religiongsgesetzesterror, ein weiteres Mal

Es kommen vielleicht auch deshalb so wenige zu diesem „Marsch für die Familie“, weil es allen klar ist, was hier gesprochen wird, wird jedes Jahr gleich gesprochen, und das ist seit Jahren eben bekannt, es genügt also, es einmal zu hören, um es für ein ganzes Leben zu wissen; diese in diesen Reden transportierten Inhalte sind darüber hinaus seit Jahrhunderten unveränderte und nicht weiterentwickelte Inhalte.

Der „Marsch für die Familie“ ist dabei auch immer ein Etikettenschwindel, Jahr für Jahr. Es wird stets damit geworben, es gehe um die Familie, und dann ist stets viel über Zuwanderung zu hören, über sogenannte ausländische Menschen, über andere, genauer, den Marschiererinnen und Marschierern fremde Organisierte Glauben. Und das alles wird ist ihnen nicht, um es milde auszudrücken, positiv gesprochen. Ganz im Gegenteil.

Nun könnten Sie fragen, weshalb dann überhaupt die Beschäftigung mit dem „Marsch der Familie“, wenn es doch nur die kleinste Gruppe ist, die je auf der Gasse sich versammelt, das zwar Jahr für Jahr, aber eben doch die kleinste Gruppe, ohne Zulauf über die Jahre, und vielleicht waren es gestern sogar weniger als 2016.

Es sind die Rednerinnen und Redner, die nicht unerheblich sind, sie sind unerheblich ob ihrer verbreiteten Inhalte, aber sie nicht unerheblich ob ihrer Verbindungen, ihrer, wie es nun gar modern heißt, Netzwerke, auch nicht unerheblich ob ihrer Funktionen.

Es soll mit dem Arzt begonnen werden, der seinen wichtigen Stuhl bald räumen wird müssen, nämlich seinen im österreichischen Parlament: es sprach gestern wie vorgestern wie vorvorgestern Marcus Franz. Er wird wohl auch 2018 wieder sprechen,

Dr. Marcus Franz, Volksvertreter: „Sie sind nicht das Volk.“

aber dann wird er nur noch beworben werden können mit: der ehemalige Abgeordnete zum österreichischen Nationalrat …

Dann sprach gestern Katharina Deifel, eine römisch-katholische Schwester, die, so Christian Zeitz in seiner Ankündigung, für die Ausbildung von Religionslehrern und Religionslehrerinnen zuständig gewesen sei und auch einer katholischen Gruppe angehöre, die für militärische Verteidigung der Freiheit eintrete … Deifel werde von der Erzdiözese auf ihrer Website im besten Lichte dargestellt, und ganz modern, die Erzdiözese Wien verbreitet von ihr auf der Plattform des Unternehmens Youtube ein Interviewvideo … Hans Rauscher wird aber keine Glosse schreiben können, Christoph Schönborn verurteile das von Deifel Verbreitete, Schönborn distanziere sich von Deifel …

Und dann Ján Čarnogurský. Den ehemaligen Ministerpräsidenten der Slowakei kündigt Christian Zeitz an, eben noch beim Requiem für Alois Mock in der Stephanskirche und jetzt beim „Marsch für die Familie“ … Für ihn, Zeitz, sei Ján Čarnogurský ein „Thomas Morus unserer Zeit“ … Christian Zeit meint das gesinnungsgemäß positiv, aber:

Warum die Gesellschaft keinen „neuen Thomas Morus“ als Lehrer braucht

Franz - Ley Deifel - Marsch 17-06-2017

Ob Michael Ley ebenfalls gestern gesprochen hat, wird nicht gewußt, aber es wird den Marschierern und Marschiererinnen wohl eine Ehre gewesen sein, daß er gestern mit dabei war. Ist er doch ein Mann, der auch in das österreichische Parlament geladen wird. Und sollte er gestern gesprochen haben, was würde er schon gesprochen haben können, als das, was von ihm ohnehin recht bekannt ist, und Werbung für die eigenen Bücher könnte wohl auch dabei gewesen sein:

Parlamentsdinghoferreferent Michael Ley: „Im Grunde verhalten wir uns wie umgedrehte Nationalsozialisten“

Michael Ley im österreichischen Parlament: „Kein Bier für Nazis“

„Wehret den Anfängen“ – Ganz und gar erfüllt von der Wiener Zeitung

Markus Ripfl --national-sozial - Marsch für die Familie 17-06-2017

Und dann soll es gestern irgendwelche Turbulenzen um Markus Ripfl gegeben haben, wie „Marsch für die Familie“ berichtet. Es überrascht nicht, daß Ripfl zu diesem „Marsch“ … gesinnungsgemäß kommt auch kein anderer in Frage:

„Völkeraustausch“ oder Markus Ripfl von der Hofer-FPÖ hat kein Licht zum Lesen von einem Bedeutungswörterbuch

Auf der Plattform des Unternehmens Facebook hat Markus Ripfl eine Beschreibung abgegeben, wenn es eine Selbstbeschreibung ist, kann zu dieser gesagt werden. Es ist wahr, er ist „jung“. Was bei diesen Inhalten, zu denen er gestern hinmarschierte, „revolutionär“ sein soll, erschließt sich nicht. Es bleibt neben „jung“, wofür er nichts kann, nur übrig: „national-sozial“ …

Das wird Ihnen jetzt wohl ein wenig verständlicher gemacht haben, weshalb der „Marsch der Familie“ nicht zu ignorieren ist, obgleich er inhaltlich gänzlich zu ignorieren ist. Es ist kein Marsch für die Familie, aber die Familie marschiert, und die hier marschieren, das sind nicht die sogenannten schwarzen Schafe der österreichischen Familie, sie haben Einfluß, sie werden gehört, von nicht wenigen, die tatsächlich Einfluß haben, die gewählt werden, die nicht wenige in der nächsten Regierung sehen wollen …

Marsch für die Familie - Albertinaplatz - Parlament - Erzdiösese Wien - 17.06-2017.jpg

Andreas Laun ist einmal zu danken für seine Psalter und Gleichnisse der Erheiterung

Es ist zwar dazu nichts mehr zu schreiben, was Hans Rauscher im Halbdunkel Österreichs vor kurzem schrieb, aber es scheint doch angebracht, etwas noch hinzufügen.

Wurde in Österreich je verlangt, die Aussagen von dem Prediger Andreas Laun zu verurteilen, sich von ihm zu distanzieren, von den Mitgliedern seines Organisierten Glauben? Hat sich etwa der leitende Angestellte dieser Organisation in Österreich je von ihm distanziert, ihn verurteilt?

Andreas Laun fällt ein, weil die Copysite der identitären Parlamentspartei am 15. Juni 2017 ein Interview mit ihm veröffentlichte. Seine Aussagen, nun, eben seine Aussagen, ohne Wert für die geringste Aufregung. Sein Aberwitz eben. Er redet eben den Aberwitz seines Korans nach, beeinflußt eben von seinem biblischen Märchenbuch, und das wird er wohl bleiben bis über das Ende seiner Berufstage hinaus.

Aber heute, am 17. Juni 2017, am Tag der „Regenbogenparade“, soll es um das Heitere gehen, und gibt es einen besseren Psalmisten im Halbdunkel Österreichs, der für eine ausgelassene Stimmung, für Heiterkeit und Lustigkeit sorgen kann, als ebendieser bärtige Prediger oder, mit Hans Rauscher zu sprechen, dieser „geistliche und geistige Führer von“ fünf Millionen Christen und Christinnen?

Wahrlich, schwerlich.

Auf die Frage, ob seine Aussage, Homosexuelle seien „gestörte Männer und Frauen“, mißverstanden worden sei, antwortet der Prediger des dreifaltigen Aberwitzes:

„Ein wenig schon, weil es natürlich nicht meine Absicht ist und war, jemand zu beleidigen. Aber ich erlaube mir anzumerken: Mir scheint, die Betroffenen reagieren etwas zu empfindlich, zumal wenn man bedenkt, dass viele Menschen mit solchen Neigungen das selbst auch so sehen, darunter leiden und aussteigen wollen. Auch rein biologisch gesehen, gibt es Argumente, die man nüchtern auf die Waagschale legen sollte.“

Ob denn die „Menschen heutzutage verweichlicht“ seien, weiß der „geistliche und geistige Führer“ eines genau:

„Ja! Zum Menschsein gehört es, auch Schwierigkeiten durchzutragen. Im Christentum heißt das: Nimm Dein Kreuz an!“

Es ist, muß zugegeben werden, kein heiterer Gedanke, gibt es in seinem Organisierten Glauben Variationen von „Nimm Dein Kreuz an!“, wenn etwa Pfarrer und Priester in für sie besonderen Stunden im Dunkeln Mädchen und vor allem Buben die „Schwierigkeiten“ des Lebens nahebringen – nimm das Kreuz in Dich auf?

Die Frage nach der „klassischen Familie in all dem Geschlechterwirrwarr“ ist für den bärtigen Prediger für immer beantwortet:

„Gott hat den Menschen als Mann und Frau und für die Liebe geschaffen. Das ändert sich nicht und ist, gelebt, Quelle größten Glücks auf Erden.“

Aus dieser „Quelle des größten Glücks auf Erden“ trinkt nur der Mensch, ohne sich zu vergiften, der ohne „klassische Familie“ ist.

Und mit dem Trinken der letzte und schönste Psalm des Bärtigen noch. Auf die Frage nach der Gefahr durch „Frühsexualisierung“, wohlgemerkt, es wird von „Frühsexualisierung“ gesprochen und nicht von „sexueller Aufklärung“, weiß der Fraulose und soher auch ohne „klassische Familie“ Seiende sein hohes Wissen anschaulich mit einem Gleichnis zu verkünden, ja, Jesus Christus ist ohne Zweifel sein erster und einziger Lehrer:

„Die Gefahr ist, dass die Kinder nicht lernen, was es heißt, zu lieben und der Sex in ihrem Leben einen falschen Stellenwert erhält und nicht das wird, was er sein sollte: Körpersprache der Liebe. Man erzieht auch nicht Alkoholiker, damit sie später lernen, ein Glas Wein zu genießen.“

Bei aller Heiterkeit, die launsche Gleichnisse hervorrufen, könnte dennoch das Grübeln einsetzen. Etwa darüber, weshalb verweigern sich Prediger seiner Organisation der Liebe von Mann und Frau, wenn doch diese „Quelle“ das „größte Glück auf Erden“ … halten sie doch nichts von der Liebe, oder haben sie eine andere Quelle noch größeren Glücks gefunden, ganz irdisch?

Und wer jetzt noch nicht genug hat von Heiterkeitsknödeln, die im Hals steckenbleiben, es gibt weitere Kapitel, wie in der Collage Kreuz der Heiterkeit gesehen werden kann, zu denen Sie hier mit einem Klick …

Es muß an diesem Tag der „Regenbogenparade“ und des „Marsches für die Familie“ einmal, und damit soll geendet werden, Andreas Laun gedankt werden, gedankt für die vielen heiteren Sekunden, und das über Jahre, wie oft konnte herzhaft gelacht werden. Die ersten Lacher rief er vor etlichen Jahren hervor, mit seinem Spruch: „Gott straft aus Liebe.“

Was für eine Bürde, aus Liebe strafen zu müssen. Vielleicht ist Gott einer Selbsthilfegruppe inzwischen beigetreten, in der er sich mit seinen Kameraden austauschen kann, wie schmerzlich es ist, Frau und Kind strafen, schlagen zu müssen, das sind Schmerzen, die sie ihren Frauen und Kindern, weil sie so lieben, niemals im Leben wünschen, erfahren zu müssen. Ob Männer der „klassischen Familien“ in solch eine Gruppe je …, na ja, warum nicht, wenn die Bedingung erfüllt ist, Andreas Laun moderiere sie …

Andreas Laun - Heiterkeitsauslösender Prediger