Gegen die Welt von gestern

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagt: „Dieser Irrsinn muß bald ein Ende haben!“

Ein Beamter in Die Welt von gestern sagt: „Jetzt muß ein Ende gemacht werden!“

Zwischen diesen beiden Sätzen 75 Jahre, gezählt ab dem Jahr 1939, in dem Stefan Zweig begann, die Erinnerungen eines Europäers aufzuschreiben.

Tatsächlich aber sind es, und das wird in der Welt von gestern täglich schmerzlich erfahren, 100 Jahre, die vertan wurden. Einhundert weggeworfene Jahre. Weitere einhundert verblendete Jahre. Das Leben einer Europäerin im Jahr 2014 sind diese Erinnerungen eines Europäers.  Deshalb muß endlich alle der Ruf erreichen, muß dieser Ruf von allen hinausgeschrien, muß dieser Ruf in Taten gesetzt werden, muß dieser Ruf handelndes Bewußtsein werden. Es ist ein einfacher Ruf, ein leicht zu verstehender Ruf:

Gegen die Welt von gestern!

Dazu gehört wohl auch, Einschränkungen jedweder Art aufzugeben. Die Erinnerungen eines Europäers sind die Leben eines jedweden Menschen in dieser Welt im Jahr 2014.

Gegen die Welt von gesternEs kann doch nicht weiter angehen, ein Leben heute führen zu müssen, dessen Biographie Stefan Zweig geschrieben hat. Kein Mensch darf weiter hinnehmen, nicht Biograph seines Lebens zu sein. Eine eigene Biographie mag zwar nicht so elegant geschrieben sein, wie jene von Stefan Zweig, der unwissentlich, unbeabsichtigt und vielleicht auch gegen seine Hoffnungen über den heutigen Menschen dessen Biographie schrieb, aber in einer Welt in Trümmern zählt nicht Schönheit, sondern die Frage, ist es denn tatsächlich ein eigenes Leben, ein Leben also, das nicht täglich ohne eigenen Einfluß und ohne eigene Entscheidung der Vernichtung ausgesetzt ist und der Vernichtung preisgegeben wird.

Und es ist ein vernichtetes Leben, das auch heute noch nach wie vor geführt wird, mag es dabei physisch ein unversehrtes sein und bleiben. Es ist ein genichtetes Leben, das dem Menschen von heute nach wie vor geführt wird, während er in Verblendung meint, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Und es wird ihm auch leicht gemacht, sich dieser Verblendung hinzugeben, durch all die Forderungen an ihn, die zu Schlagworten gegen ihn verkommen sind: Eigenverantwortung, Eigeninitiative, Selbstmotivation, Selbstbestimmung, Mitbestimmung, Selbstvorsorge, Engagement und so weiter und so fort.

Aber erlaubte sich der erst weit nach 1939 in die Welt geworfene Mensch von heute wenigstens für einen Augenblick, Stefan Zweig zu sein, er könnte, nein, er muß das sagen über sich, seine Stellung und seinen Wert in der Welt, was Stefan Zweig vor seiner Geburt schon für ihn formulierte.

Einhundert weggeworfene Jahre. Die Situation spitzt sich dramatisch zu. Diesmal, heute ist es die Ukraine. Es wird von Krieg gesprochen. Gar schon von einem Weltkrieg. Das ist ein Augenblick, in dem alle Stefan Zweig sein sollten, um Ihre Ohnmacht, Ihr Ausgeliefertsein einzubekennen, gleichgültig, wie prosperierend Ihr Leben zwischen Küche und Kabinett sein mag, gleichgültig, wie mächtig Sie sich sonst fühlen dürfen, wie ernstgenommen Sie sich fühlen dürfen, in der Arbeit, im Freundeskreis, im Urlaub gegenüber dem Hotelpersonal, mit Ihren Präsentationen auf den Plattformen neuer Kommunikationstechnologien und so weiter und so fort.

Für einen Augenblick wenigstens Stefan Zweig zu sein, aber nicht um am Ende seine Konsequenz daraus zu ziehen, ein genichtetes Leben selbst zu beenden, sondern, gegen die Welt von gestern sich zu entscheiden, das Leben zu wählen, zu wählen das Leben, das fortan kein genichtetes mehr sein darf, die Absage zu wählen, je noch ein genichtetes Leben zugestanden zu bekommen.

Der Augenblick heute mit der Situation in der Ukraine ist günstig dafür. Die Diplomatie läuft wieder einmal hochtourig. Die Drohungen nehmen wieder einmal zu. Die Armeen marschieren wieder einmal auf. Das lebensteure militärische Aufrüsten ist wieder einmal forciert ausgerufen. Es wird hier nicht von der Furcht vor einem drohenden Weltkrieg geschrieben. Das wäre auch töricht. Denn. Es gibt ununterbrochen in dieser Welt Kriege, es wird in einer fortwährenden Weltkriegswelt gelebt, nur nicht überall auf der Welt wird dafür auch gestorben, gemordet. Es werden hier mit Blick auf die Ukraine auch keine historischen Vergleiche bemüht, mit 1914 oder 1939. Das wäre auch töricht. Denn. Was brächte eine geschichtliche Betrachtung? Nicht mehr als eine geschichtliche Einordnung, also eine Fortschreibung, der genichtete Mensch als stolzer Mensch, weil in einem weltgeschichtlichen Zusammenhang präsentiert. Es ist mit der Geschichte zu brechen, wenn der Mensch nicht weiter in einem genichteten Leben behaglich es sich einrichten lassen will.

Es mag sein, daß es wieder einmal glimpflich ausgeht, die Lage in der Ukraine sich entspannt, der Weltkrieg wieder einmal oder noch einmal abgesagt wird, aber was heute im Zusammenhang mit der Ukraine wieder einmal politisch und diplomatisch vorgeführt wird, ist das, was Stefan Zweig beschrieben hat, wie der Mensch heute nach wie vor gelebt wird. Es ist eine lange Einleitung geworden, um endlich Stefan Zweig selbst sprechen zu lassen. Aber es ist nicht leicht, sich selbst lesen zu müssen. Denn. Es wird unendlich schwer, irgend etwas noch im eigenen Leben wichtig nehmen zu können, dem Eigenen irgend eine Bedeutung beimessen zu können. Die Furcht vor den Konsequenzen. Zu wissen, vereinzelt wie der Mensch ist, bleibt im Grunde nur die Konsequenz, die Stefan Zweig persönlich ziehen konnte.

Gegen die Vereinzelung, gegen die Welt von gestern mit Die Welt von gestern, um endlich nicht mehr solche Erinnerungen, das heißt, solch ein genichtetes Leben zu leben haben. Beim Schreiben dieser Einleitung wurde besonders an das Kapitel „Die ersten Stunden des Krieges von 1914“ gedacht und an das Kapitel „Die Agonie des Friedens“, aus dem das Folgende stammt, nicht unter Anführungszeichen oder kursiv gesetzt. Denn, wer ein Ich hat und es, wenigstens für einen Augenblick, Stefan Zweig nennt, schriebe nicht anders, gleichgültig ob es das Ich von einem Schriftsteller, von einem Hauswart, von einer leitenden Angstellten, von …

Ich hatte in jenen Monaten London verlassen und mich auf das Land nach Bath zurückgezogen. Nie in meinem Leben hatte ich die Ohnmacht des Menschen gegen das Weltgeschehen grausamer empfunden. Da war man, ein wacher, denkender, abseits von allem Politischen wirkender Mensch, seiner Arbeit verschworen, und baute still und beharrlich daran, seine Jahre in Werk zu verwandeln. Und da waren irgendwo im Unsichtbaren ein Dutzend anderer Menschen, die man nicht kannte, die man nie gesehen, ein paar Leute in der Wilhelmstraße in Berlin, am Quai d’Orsay in Paris, im Palazzo Venezia in Rom und in der Downing Street in London, und diese zehn oder zwanzig Menschen, von denen die wenigsten bisher besondere Klugheit oder Geschicklichkeit bewiesen, sprachen und schrieben und telephonierten und paktierten über Dinge, die man nicht wußte. Sie faßten Entschlüsse, an denen man nicht teilhatte, und die man im einzelnen nicht erfuhr, und bestimmten damit doch endgültig über mein eigenes Leben und das jedes anderen in Europa. In ihren Händen und nicht in meinen eigenen lag jetzt mein Geschick. Sie zerstörten oder schonten uns Machtlose, sie ließen Freiheit oder zwangen in Knechtschaft, sie bestimmten für Millionen Krieg oder Frieden. Und da saß ich wie alle die andern in meinem Zimmer, wehrlos wie eine Fliege, machtlos wie eine Schnecke, indes es auf Tod und Leben ging, um mein innerstes Ich und meine Zukunft, um die in meinem Gehirn werdenden Gedanken, die geborenen und ungeborenen Pläne, mein Wachen und meinen Schlaf, meinen Willen, meinen Besitz, mein ganzes Sein. Da saß man und harrte und starrte ins Leere wie ein Verurteilter in seiner Zelle, eingemauert, eingekettet in dieses sinnlose, kraftlose Warten und Warten, und die Mitgefangenen rechts und links fragten und rieten und schwätzten, als ob irgendeiner von uns wüßte oder wissen könnte, wie und was man über uns verfügte. Da ging das Telephon, und ein Freund fragte, was ich dächte. Da war die Zeitung, und sie verwirrte einen nur noch mehr. Da sprach das Radio, und eine Sprache widersprach der andern. Da ging man auf die Gasse, und der erste Begegnende forderte von mir, dem gleich Unwissenden, meine Meinung, ob es Krieg geben werde oder nicht. Und man fragte selbst zurück in seiner Unruhe und redete und schwätzte und diskutierte, obwohl man doch genau wußte, daß alle Kenntnis, alle Erfahrung, alle Voraussicht, die man in Jahren gesammelt und sich anerzogen, wertlos war gegenüber der Entschließung dieses Dutzends fremder Leute, daß man zum zweitenmal innerhalb von fünfundzwanzig Jahren wieder machtlos und willenlos vor dem Schicksal stand und die Gedanken ohne Sinn an die schmerzenden Schläfen pochten. Schließlich ertrug ich die Großstadt nicht mehr, weil an jeder Straßenecke die posters, die angeschlagenen Plakate einen mit grellen Worten ansprangen wie gehässige Hunde, weil ich unwillkürlich jedem der Tausenden Menschen, die vorüberfluteten, von der Stirn ablesen wollte, was er dachte. Und wir dachten doch alle dasselbe, dachten einzig an das Ja oder Nein, an das Schwarz oder Rot in dem entscheidenden Spiel, in dem mein ganzes Leben mit als Einsatz stand, meine letzten aufgesparten Jahre, meine ungeschriebenen Bücher, alles, worin ich bisher meine Aufgabe, meinen Lebenssinn gefühlt.

Aber mit nervenzerrüttender Langsamkeit rollte die Kugel unentschlossen auf der Roulettescheibe der Diplomatie hin und her. Hin und her, her und hin, schwarz und rot und rot und schwarz, Hoffnung und Enttäuschung, gute Nachrichten und schlechte Nachrichten und immer noch nicht die entscheidende, die letzte. Vergiß! sagte ich mir. Flüchte dich, flüchte dich in dein innerstes Dickicht, in deine Arbeit, in das, wo du nur dein atmendes Ich bist, nicht Staatsbürger, nicht Objekt dieses infernalischen Spiels, wo einzig dein bißchen Verstand noch vernünftig wirken kann in einer wahnsinnig gewordenen Welt.

An einer Aufgabe fehlte es mir nicht. Seit Jahren hatte ich die vorbereitenden Arbeiten unablässig gehäuft für eine große zweibändige Darstellung Balzacs und seines Werks, aber nie den Mut gehabt, ein so weiträumiges, auf lange Frist hin angelegtes Werk zu beginnen. Gerade der Unmut gab mir nun dazu den Mut. Ich zog mich nach Bath zurück und gerade nach Bath, weil diese Stadt, wo viele der Besten von Englands glorreicher Literatur, Fielding vor allem, geschrieben, getreulicher und eindringlicher, als jede sonstige Stadt Englands ein anderes, friedlicheres Jahrhundert, das achtzehnte, dem beruhigten Blicke vorspiegelt. Aber wie schmerzlich kontrastierte diese linde, mit einer milden Schönheit gesegnete Landschaft nun mit der wachsenden Unruhe der Welt und meiner Gedanken! So wie 1914 der schönste Juli war, dessen ich mich in Österreich erinnern kann, so herausfordernd herrlich war dieser August 1939 in England. Abermals der weiche, seidigblaue Himmel wie ein Friedenszelt Gottes, abermals dies gute Leuchten der Sonne über den Wiesen und Wäldern, dazu eine unbeschreibliche Blumenpracht – der gleiche große Friede über der Erde, während ihre Menschen rüsteten zum Kriege. Unglaubwürdig wie damals schien der Wahnsinn angesichts dieses stillen, beharrlichen, üppigen Blühens, dieser atmend sich selbst genießenden Ruhe in den Tälern von Bath, die mich in ihrer Lieblichkeit an jene Badener Landschaft von 1914 geheimnisvoll erinnerten.

Und wieder wollte ich es nicht glauben. Wieder rüstete ich wie damals zu einer sommerlichen Fahrt. Für die erste Septemberwoche 1939 war der Kongreß des Penklubs in Stockholm angesetzt, und die schwedischen Kameraden hatten mich, da ich amphibisches Wesen doch keine Nation mehr repräsentierte, als Ehrengast geladen; für Mittag, für Abend war in jenen kommenden Wochen jede Stunde schon im voraus von den freundlichen Gastgebern bestimmt. Längst hatte ich meinen Schiffsplatz bestellt, da jagten und überjagten sich die drohenden Meldungen von der bevorstehenden Mobilisation. Nach allen Gesetzen der Vernunft hätte ich jetzt rasch meine Bücher, meine Manuskripte zusammenpacken und die britische Insel als ein mögliches Kriegsland verlassen sollen, denn in England war ich Ausländer und im Falle des Krieges sofort feindlicher Ausländer, dem jede denkbare Freiheitsbeschränkung drohte. Aber etwas Unerklärbares widersetzte sich in mir, mich wegzuretten. Halb war es Trotz, nicht nochmals und nochmals fliehen zu wollen, da das Schicksal mir doch überallhin nachsetzte, halb auch schon Müdigkeit. »Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht«, sagte ich mir mit Shakespeare. Will sie dich, so wehre dich, nahe dem sechzigsten Jahre, nicht länger gegen sie! Dein Bestes, dein gelebtes Leben, erfaßt sie doch nicht mehr. So blieb ich. Immerhin wollte ich meine äußere bürgerliche Existenz zuvor noch möglichst in Ordnung bringen, und da ich die Absicht hatte, eine zweite Ehe zu schließen, keinen Augenblick verlieren, um von meiner zukünftigen Lebensgefährtin nicht durch Internierung oder andere unberechenbare Maßnahmen für lange getrennt zu werden. So ging ich jenes Morgens – es war der 1. September, ein Feiertag – zum Standesamt in Bath, um meine Heirat anzumelden. Der Beamte nahm unsere Papiere, zeigte sich ungemein freundlich und eifrig. Er verstand wie jeder in dieser Zeit unseren Wunsch nach äußerster Beschleunigung. Für den nächsten Tag sollte die Trauung angesetzt werden; er nahm seine Feder und begann mit schönen runden Lettern unsere Namen in sein Buch zu schreiben.

In diesem Augenblick – es muß etwa elf Uhr gewesen sein – wurde die Tür des Nebenzimmers aufgerissen. Ein junger Beamter stürmte herein und zog sich im Gehen den Rock an. »Die Deutschen sind in Polen eingefallen. Das ist der Krieg!« rief er laut in den stillen Raum. Das Wort fiel mir wie ein Hammerschlag auf das Herz. Aber das Herz unserer Generation ist an allerhand harte Schläge schon gewöhnt. »Das muß noch nicht der Krieg sein«, sagte ich in ehrlicher Überzeugung. Aber der Beamte war beinahe erbittert. »Nein«, schrie er heftig, »wir haben genug! Man kann das nicht alle sechs Monate neu beginnen lassen! Jetzt muß ein Ende gemacht werden!«

3 Gedanken zu „Gegen die Welt von gestern

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