Migration ist des Menschen Heimat

Es heißt jetzt, Josef Hader ist Stefan Zweig. Aber, alle sollen Stefan Zweig sein, wie vor langer Zeit ausgeführt, weil es immer noch und immer mehr darum geht, gegen die Welt von gestern zu sein.

Es ist ein Film, der von den letzten Jahren des von Josef Hader gespielten Stefan Zweig erzählt, des Flüchtlings Stefan Zweig. Freilich wird bei herausragenden Menschen nicht davon gesprochen, er sei ein Flüchtling, sondern er ist Exilant. Eine Ehrenbezeichnung, und diese steht einem König des Geistes, einem Fürsten des Wortes auch rechtmäßig zu. Jedoch es ist ein zweifelhafter Titel. Denn. Das Exil ist kein Reich zum Leben. Und am Ende ist der Mensch im Exil schlicht ein Flüchtling.

Es sollen nicht nur alle Stefan Zweig sein, sondern auch der Flüchtling Stefan Zweig. Und dafür eignet sich dieser Film sehr gut, als Zuschauer und als Zuschauerin mit Josef Hader zum Flüchtling Stefan Zweig zu werden, um auf diese Weise eher zu verstehen, was es heißt, ein Flüchtling zu sein. Denn. Die sogenannten sachlichen Argumente, die Daten und Fakten, die ökonomischen, die sozialen, die politischen Zusammenhänge bringen immer weniger Menschen dazu, verstehen zu wollen, was es heißt, Flüchtling zu sein, was es sogar für einen Menschen heißt, Flüchtling zu sein, der zu seiner Flucht nicht auch noch die Last der Armut zu tragen hat, der sich überall auf dieser Welt ökonomisch gesichert sein Leben weiter gut einrichten könnte. Aber.

Es bräuchte den Film nicht, um auch zum Flüchtling Stefan Zweig zu werden, um also zu verstehen, wenn schon sogenannte sachliche Gründe zum Verstehenkönnen weniger und immer weniger gewollt werden, was es heißt, Flüchtling zu sein. Es reicht Stefan Zweig allein, der sich, lange bevor er zum Flüchtling werden mußte, vorstellen konnte, was es heißt, ein Flüchtling zu sein, wie er es im Jahr 26 des letzten Jahrhunderts in seiner Episode am Genfer See beschrieb.

Nahe des Genfer Sees starb ein weiterer Flüchtling, im April 1942. Auch einer aus Österreich, ebenfalls einer, von dem heute Österreich lebt als Kulturnation. Robert Musil hatte zur Last der Flucht die Sorge um den Lebensunterhalt. Im Februar zuvor nahm sich Stefan Zweig das Leben.

Es geht nicht um die Fürsten der Schrift. Es geht schon gar nicht um Österreich. Es geht um das Verstehen, was es heißt, Flüchtling zu sein, wie es auch die Episode am Genfer See erzählt, die sich vor bald einhundert Jahren zugetragen hat.

Und es geht immer noch und immer mehr und immer dringender auch darum, mit dem besonderen Blick auf Menschen, die flüchten müssen, daß es, wie es aller Menschen Zeitgenosse Stefan Zweig sagt, keine Opposition gegen den Krieg als solchen gibt, in keinem Land, daß es immer noch fehlt an einer Opposition gegen den Krieg als solchen, in jedem Land.

Auch dafür, um nicht wieder und wieder an Menschen appellieren zu müssen, doch verstehen zu wollen, was es heißt, Flüchtling zu sein, weil der grausamste Grund, der der Krieg nun einmal ist, wegfiele. Es blieben dann immer noch viele Gründe für die freiwillige Auswanderung und die widerwillig gewährte und allzu häufig abgelehnte Einwanderung, zum Unglück auch für die erzwungene Auswanderung und die verwehrte Einwanderung, Aber wie leicht ist es zu verstehen. Denn. Wenn es ein Synonym für Heimat gibt, dann ist es Migration. Wenn es für Migration ein Synonym gibt, dann ist es Heimat.

Heimat ist Migration, Migration ist Heimat, das lehrt die gesamte Menschheitsgeschichte von Anbeginn.

Flüchtlinge – Zwei Episoden am Genfer See

Flüchtlinge - Zwei Episoden am Genfer See - Musil Robert und Stefan Zweig

 Am Ufer des Genfer Sees, in der Nähe des kleinen Schweizer Ortes Villeneuve, wurde in einer Sommernacht des Jahres 1918 ein Fischer, der sein Boot auf den See hinausgerudert hatte, eines merkwürdigen Gegenstandes im Wasser gewahr, und näherkommend erkannte er ein Gefährt aus lose zusammengefügten Balken, das ein nackter Mann in ungeschickten Bewegungen mit einem als Ruder verwendeten Brett vorwärts zu treiben suchte. Staunend steuerte der Fischer heran, half dem Erschöpften in sein Boot, deckte seine Blöße notdürftig mit Netzen und versuchte dann, mit dem frostzitternden, scheu in den Winkel des Bootes gedrückten Menschen zu sprechen; der aber antwortete in einer fremdartigen Sprache, von der nicht ein einziges Wort der seinen glich. Bald gab der Hilfreiche jede weitere Mühe auf, raffte seine Netze empor und ruderte mit raschen Schlägen dem Ufer zu. In dem Maße, als im frühen Licht die Umrisse des Ufers aufglänzten, begann sich auch das Antlitz des nackten Menschen zu erhellen; ein kindliches Lachen schälte sich aus dem Bartgewühl seines breiten Mundes, die eine Hand hob sich deutend hinüber, und immer wieder fragend und halb schon gewiss, stammelte er ein Wort, das wie »Rossiya« klang und immer glückseliger tönte, je näher der Kiel sich dem Ufer entgegenstieß. Endlich knirschte das Boot auf den Strand; des Fischers weibliche Anverwandte, die auf nasse Beute harrten, stoben kreischend, wie einst die Mägde Nausikaas, auseinander, da sie des nackten Mannes im Fischernetz ansichtig wurden; allmählich erst, von der seltsamen Kunde angelockt, sammelten sich verschiedene Männer des Dorfes, denen sich alsbald würde bewußt und amtseifrig der wackere Weibel des Ortes zugesellte. Ihm war es aus mancher Instruktion und der reichen Erfahrung der Kriegszeit sofort gewiss, dass dies ein Deserteur sein müsse, vom französischen Ufer herübergeschwommen, und schon rüstete er sich zu amtlichem Verhör, aber dieser umständliche Versuch verlor baldigst an Würde und Wert durch die Tatsache, dass der nackte Mensch (dem inzwischen einige Bewohner eine Jacke und eine Zwilchhose zugeworfen) auf alle Fragen nichts als immer seinen ängstlichen Ausruf »Rossiya? Rossiya?« wiederholte. Ein wenig ärgerlich über seinen Misserfolg, befahl der Weibel dem Fremden, durch nicht misszuverstehende Gebärden, ihm zu folgen, und, umjohlt von der inzwischen Gemeindejugend, wurde der nasse, nacktbeinige Mensch in seiner schlotternden Hose und Jacke auf das Amtshaus gebracht und dort in Verwahr genommen. Er wehrte sich nicht, sprach kein Wort, nur seine hellen Augen waren dunkel geworden vor Enttäuschung, und seine hohen Schultern duckten sich wie unter gefürchtetem Schlag. Die Kunde von dem menschlichen Fischfang hatte sich inzwischen bis zu den nahen Hotels verbreitet, und einer ergötzlichen Episode in der Eintönigkeit des Tages froh, kamen einige Dame und Herren herüber, den wilden Menschen zu betrachten. Eine Dame schenkte ihm Konfekt, das er misstrauisch wie ein Affe liegen ließ; ein Herr machte eine photographische Aufnahme, alle schwatzten und sprachen lustig um ihn herum, bis endlich der Manager eines großen Gasthofes, der lange im Ausland gelebt hatte und mehrerer Sprachen mächtig war, an den schon ganz verängstigten nacheinander auf deutsch, italienisch, englisch und schließlich russisch das Wort richtete. Kaum hatte er den ersten Laut seiner heimischen Sprache vernommen, zuckte der Verängstigte auf, ein breites Lachen teilte sein gutmütiges Gesicht von einem Ohr zum anderen, und plötzlich sicher und freimütig erzählte er seine ganze Geschichte. Sie war sehr lang und sehr verworren, in ihren Einzelheiten auch nicht immer dem zufälligen Dolmetsch verständlich, doch war im wesentlichen das Schicksal dieses Menschen das folgende: Er hatte in Russland gekämpft, war dann eines Tages mit tausend anderen in Waggons verpackt worden und sehr weit gefahren, dann wieder in Schiffe verladen und noch länger mit ihnen gefahren durch Gegenden, wo es so heiß war, dass, wie er sich ausdrückte, einem die Knochen im Fleische weichgebraten wurden. Schließlich waren sie irgendwo wieder gelandet und in Waggons verpackt worden und hatten dann mit einemmal einen Hügel zu stürmen, worüber er nichts näheres wusste, weil ihn gleich zu Anfang eine Kugel ins Bein getroffen habe. Den Zuhörern, denen der Dolmetsch Rede und Antwort übersetzte, war sofort klar, dass dieser Flüchtling ein Angehöriger jener russischen Division in Frankreich war, die man über die halbe Erde, über Sibirien und Wladiwostok an die französische Front geschickt hatte, und es regte sich mit einem gewissen Mitleid bei allen gleichzeitig die Neugier, was ihn vermocht habe, diese seltsame Flucht zu versuchen. Mit halb gutmütigem, halb listigem Lächeln erzählte bereitwillig der Russe, kaum genesen, habe er die Pfleger gefragt, wo Russland sei, und sie hätten ihm die Richtung gedeutet, die er durch die Stellung der Sonne und der Sterne sich ungefähr bewahrt hatte, und so sei er heimlich entwichen, nachts wandernd, tagsüber vor den Patrouillen in Heuschobern sich versteckend. Gegessen habe er Früchte und gebetteltes Brot, zehn Tage lang, bis er endlich an diesen See gekommen. Nun wurden seine Erklärungen undeutlicher, es schien, dass er, aus der Nähe des Baikalsees stammend, vermeint hatte, am anderen Ufer, dessen bewegte Linien er im Abendlicht erblickte, müsse Russland liegen. Jedenfalls hatte er sich aus einer Hütte zwei Balken gestohlen und war auf ihnen, bäuchlings liegend, mit Hilfe eines als Ruder benützten Brettes weit in den See hinausgekommen, wo ihn der Fischer auffand. Die ängstliche Frage, mit der er seine Erzählung beschloss, ob er schon morgen daheim sein könne, erweckte, kaum übersetzt, durch ihre Unbelehrtheit erst lautes Gelächter, das aber bald gerührtem Mitleid wich, und jeder steckte dem unsicher und kläglich um sich Blickenden ein paar Geldmünzen oder Banknoten zu. Inzwischen war auf telephonische Verständigung aus Montreux ein höherer Polizeioffizier erschienen, der mit nicht geringer Mühe ein Protokoll über den Vorfall aufnahm. Denn nicht nur, dass der zufällige Dolmetsch sich als unzulänglich erwies, bald wurde auch die für Westländer gar nicht fassbare Unbildung dieses Menschen klar, dessen Wissen um sich selbst kaum den eigenen Vornamen Boris überschritt und der von seinem Heimatdorf nur äußerst verworrene Darstellungen zu geben vermochte, etwa, dass sie Leibeigene des Fürsten Metschersky seien (er sagte Leibeigene, obwohl doch seit einem Menschenalter diese Fron abgeschafft war) und dass er fünfzig Werst vom großen See entfernt mit seiner Frau und drei Kindern wohne. Nun begann die Beratung über sein Schicksal, indes er mit stumpfen Blick geduckt inmitten der Streitenden stand: die einen meinten, man müsse ihn der russischen Gesandtschaft nach Bern überweisen, andere befürchteten von solcher Maßnahme eine Rücksendung nach Frankreich; der Polizeibeamte erläuterte die ganze Schwierigkeit der Frage, ob er als Deserteur oder als dokumentloser Ausländer behandelt werden solle; der Gemeindeschreiber des Ortes wehrte gleich von vornherein die Möglichkeit ab, dass man gerade hier den fremden Esser zu ernähren und zu beherbergen hätte. Ein Franzose schrie erregt, man solle mit dem elenden Durchbrenner nicht so viel Geschichten machen, er solle arbeiten oder zurückspediert werden; zwei Frauen wandten heftig ein, er sei nicht schuld an seinem Unglück, es sei ein Verbrechen, Menschen aus ihrer Heimat in ein fremdes Land zu verschicken. Schon drohte sich aus dem zufälligen Anlass ein politischer Zwist zu entspinnen, als plötzlich ein alter Herr, ein Däne, dazwischenfuhr und energisch erklärte, er bezahle den Unterhalt dieses Menschen für acht Tage, inzwischen sollten die Behörden mit der Gesandtschaft ein Übereinkommen treffen; eine unerwartete Lösung, welche sowohl die amtlichen als auch die privaten Parteien zufrieden stellte. Während der immer erregter werdenden Diskussion hatte sich der scheue Blick des Flüchtlings allmählich erhoben und hing unverwandt an den Lippen des Managers, der einzige innerhalb dieses Getümmels, von dem er wusste, dass er ihm verständlich sein Schicksal sagen könne. Dumpf schien er den Wirbel zu spüren, den seine Gegenwart erregte und ganz unbewusst hob er, als jetzt der Wortlärm abschwoll, durch die Stille beide Hände flehendlich gegen ihn auf, wie Frauen vor einem heiligen Bild. Das Rührende dieser Gebärde ergriff unwiderstehlich jeden einzelnen. Der Manager trat herzlich auf ihn zu und beruhigte ihn, er möge ohne Angst sein, er könne unbehelligt hier verweilen, im Gasthof würde die nächste Zeit über für ihn gesorgt werden. Der Russe wollte ihm die Hand küssen, die ihm jedoch der andere rücktretend rasch entzog. Dann wies er ihm noch das Nachbarhaus, eine kleine Dorfwirtschaft, wo er Bett und Nahrung finden würde, sprach nochmals zu ihm einige herzliche Worte und ging dann, ihm noch einmal freundlich zuwinkend, die Straße zu seinem Hotel empor. Unbeweglich starrte der Flüchtling ihm nach, und in dem Maße, wie der einzige, der seine Sprache verstand, sich entfernte, verdüsterte sich wieder sein schon erhellteres Gesicht. Mit zehrenden Blicken folgte er dem Entschwindenden bis hinauf zu dem hochgelegenen Hotel, ohne die anderen Menschen zu beachten. Als ihn dann einer mitleidig anrührte und in den Gasthof wies, fielen seine schweren Schultern gleichsam in sich zusammen, und gesenkten Hauptes trat er in die Tür. Man öffnete ihm das Schankzimmer. Er drückte sich an den Tisch, auf den die Magd zum Gruß ein Glas Branntwein stellte, und blieb dort verhangenen Blicks den ganzen Vormittag unbeweglich sitzen. Unablässig spähten vom Fenster die Dorfkinder herein, lachten und schrien ihm etwas zu – er hob den Kopf nicht. Eintretende betrachteten ihn neugierig, er blieb, den Blick auf den Tisch gebannt, mit krummem Rücken sitzen, schamhaft und scheu. Und als mittags zur Essenszeit ein Schwarm Leute den Raum mit Lachen füllte, Hunderte Worte um ihn schwirrten, die er nicht verstand, und er, seiner Fremdheit entsetzlich gewahr, taub und stumm inmitten einer allgemeinen Bewegtheit saß, zitterten ihm die Hände so sehr, dass er kaum den Löffel aus der Suppe heben konnte. Plötzlich lief eine dicke Träne die Wange herunter und tropfte schwer auf den Tisch. Scheu sah er sich um. Die anderen hatten sie bemerkt und schwiegen mit einmal. Und er schämte sich: immer tiefer beugte sich sein struppiger Kopf gegen das schwarze Holz. Bis gegen Abend blieb er so sitzen. Menschen gingen und kamen, er fühlte sie nicht und sie nicht mehr ihn: ein Stück Schatten, saß er im Schatten des Ofens, die Hände schwer auf den Tisch gestützt. Alle vergaßen ihn, und keiner merkte darauf, dass er sich in der Dämmerung plötzlich erhob und, dumpf wie ein Tier, den Weg zum Hotel hinaufschritt. Eine Stunde und zwei stand er dort vor der Tür, die Mütze devot in der Hand, ohne jemanden mit dem Blick anzurühren: endlich fiel diese seltsame Gestalt, die starr und schwarz wie ein Baumstrunk vor dem lichtfunkelnden Eingang des Hotels im Boden wurzelte, einem der Laufburschen auf, und er holte den Manager. Wieder stieg eine kleine Helligkeit in dem verdüsterten Gesicht auf, als seine Sprache ihn grüßte. »Was willst du, Boris?« fragte der Manager gütig. »Ihr wollt verzeihen«, stammelte der Flüchtling, »ich wollte nur wissen … ob ich nach Hause darf.« »Gewiss, Boris, du darfst nach Hause«, lächelte der Gefragte. »Morgen schon?« Nun ward auch der andere ernst. Das Lächeln verflog aus seinem Gesicht, so flehendlich waren die Worte gesagt. »Nein, Boris…jetzt noch nicht. Bis der Krieg vorbei ist.« »Und wann? Wann ist der Krieg vorbei?« »Das weiß Gott. Wir Menschen wissen es nicht.« »Und früher? Kann ich nicht früher gehen?« »Nein, Boris.« »Ist es so weit?« »Ja.« »Viele Tage noch?« »Viele Tage.« »Ich werde doch gehen, Herr! Ich bin stark. Ich werde nicht müde.« »Aber du kannst nicht, Boris. Es ist doch eine Grenze dazwischen.« »Eine Grenze?« Er blickte stumpf. Das Wort war ihm fremd. Dann sagte er wieder mit seiner merkwürdigen Hartnäckigkeit: »Ich werde hinüberschwimmen.« Der Manager lächelte beinahe. Aber es tat ihm doch weh, und er erläuterte sanft: »Nein, Boris, das geht nicht. Eine Grenze, das ist fremdes Land. Die Menschen lassen dich nicht durch.« »Aber ich tue ihnen doch nichts! Ich habe mein Gewehr weggeworfen. Warum sollten sie mich nicht zu meiner Frau lassen, wenn ich sie bitte um Christi willen?« Dem Manager wurde immer ernster zumute. Bitterkeit stieg in ihm auf. »Nein«, sagte er, »sie werden dich nicht hinüberlassen, Boris. Die Menschen hören jetzt nicht mehr auf Christi Wort.« »Aber was soll ich tun, Herr? Ich kann doch hier nicht bleiben! Die Menschen verstehen mich hier nicht, und ich verstehe sie nicht.« »Du wirst es schon lernen, Boris.« »Nein, Herr«, tief bog der Russe den Kopf, »ich kann nichts lernen. Ich kann nur auf dem Feld arbeiten, sonst kann ich nichts. Was soll ich hier tun? Ich will nach Hause! Zeige mir den Weg!« »Es gibt jetzt keinen Weg, Boris.« »Aber, Herr, sie können mir doch nicht verbieten, zu meiner Frau heimzukehren und zu meinen Kindern! Ich bin doch nicht mehr Soldat!« »Sie können es, Boris.« »Und der Zar?« Er fragte es ganz plötzlich, zitternd vor Erwartung und Ehrfurcht. »Es gibt keinen Zaren mehr, Boris. Die Menschen haben ihn abgesetzt.« »Es gibt keinen Zaren mehr?« Dumpf starrte er den anderen an. Ein letztes Licht erlosch in seinen Blicken, dann sagte er ganz müde: »Ich kann also nicht nach Hause?« »Jetzt noch nicht. Du musst warten, Boris.« »Lange?« Ich weiß nicht. Immer düsterer wurde das Gesicht im Dunkel: »Ich habe schon so lange gewartet! Ich kann nicht mehr warten. Zeig mir den Weg! Ich will es versuchen!« »Es gibt keinen Weg, Boris. An der Grenze nehmen sie dich fest. Bleib hier, wir werden dir Arbeit finden!« »Die Menschen verstehen mich hier nicht, und ich verstehe sie nicht«, wiederholte er hartnäckig. »Ich kann hier nicht leben! Hilf mir, Herr!« »Ich kann nicht, Boris.« »Hilf mir um Christi willen, Herr! Hilf mir, ich ertrage es nicht mehr!« »Ich kann nicht, Boris. Kein Mensch kann jetzt dem anderen helfen.« Sie standen stumm einander gegenüber. Boris drehte die Mütze in den Händen. »Warum haben sie mich dann aus dem Haus geholt? Sie sagten, ich müsse Russland verteidigen und den Zaren. Aber Russland ist doch weit weg von hier, und du sagst, sie haben den Zaren … wie sagst du?« »Abgesetzt.« »Abgesetzt.« Verständnislos wiederholte er das Wort. »Was soll ich jetzt tun, Herr? Ich muss nach Hause! Meine Kinder schreien nach mir. Ich kann hier nicht leben. Hilf mir, Herr! Hilf mir! »Ich kann nicht, Boris.« »Und kann niemand mir helfen?« »Jetzt niemand.« Der Russe beugte tiefer das Haupt, dann sagte er plötzlich dumpf: »Ich danke dir, Herr«, und wandte sich um. Ganz langsam ging er den Weg hinunter. Der Manager sah ihm lange nach und wunderte sich noch, dass er nicht dem Gasthof zuschritt, sondern die Stufen hinab zum See. Er seufzte tief auf und ging wieder an seine Arbeit im Hotel. Ein Zufall wollte es, dass derselbe Fischer am nächsten Morgen den nackten Leichnam des Ertrunkenen auffand. Er hatte sorgsam die geschenkte Hose, Mütze und Jacke an das gelegt und war ins Wasser gegangen, wie er aus ihm gekommen. Ein Protokoll wurde über den Vorfall aufgenommen und, da man den Namen des Fremden nicht kannte, ein billiges Holzkreuz auf sein Grab gestellt, eines jener kleinen Holzkreuze über namenlosem Schicksal, mit dem jetzt unser Europa bedeckt ist von einem bis zum anderen Ende.

4 Gedanken zu „Migration ist des Menschen Heimat

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