Moravagine aber trat auf das Antlitz Gottes

Es gibt eine Stelle im Roman über das Leben von Moravagine, die gefällt, im Moment, weil sie auch eine Erklärung sein kann, für heute, sie es verstehbar macht, für den Augenblick oder für ein Immer, weshalb der Mensch sich kein Bild von den monotheistischen Göttern machen soll …

Einmal nur sprach er den Namen Gottes aus, der ihm gar nicht geläufig schien. Und zwar auf dem Trottoir, vor einem Pissior. Moravagine trat in Unrat. Er erbleichte und klammerte sich an meinen Arm: „Merde“, sagte er, „ich trat gerade auf das Antlitz Gottes!“ Und er stampfte mit dem Fuß, um auch nicht das kleinste Partikelchen mit sich fortzutragen.

Moravagine sah das Antlitz GottesMoravagine trat also auf das Antlitz – in die Scheiße. In das Antlitz Allahs vulgo Gottes – in Hundescheiße? Menschenscheiße? Wie verstehbar es dadurch wird, wie erklärlich, das Gebot, sich kein Bild von Gott vulgo Allah zu machen. Wer könnte je noch vor abgebildeter Scheiße beten? An einen Gott, an einen Allah glauben? Andererseits, wird bedacht, woran alles geglaubt wird, ist es sehr gut vorstellbar, daß auch Scheiße zur Allmächtigen, zur Schöpferin von Himmel und Erde … Auch dann, sogar ohne Bildverbot der absolute Glaube an Scheiße, das Einhalten des absoluten Gebotes, Scheiße gehorsam zu sein und widerspruchslos zu folgen …

Moravagine tritt in das Antlitz GottesWie in diesem Falle wohl die heiligen Schriften geschrieben worden wären, hätte Allah vulgo Gott einen anderen Namen bekommen? Nämlich einen Namen nach seinem Antlitz, wie es Moravagine offenbart ward. Und worüber würden etwa Predigerinnen und Imame beim Übertragen heiliger Schriften beispielsweise in die deutsche Sprache uneinig sein? Für eine Übersetzerin hieße vielleicht eine berühmte Stelle: Im Anfang war das Wort und das Wort ward in der Scheiße. Ein Übersetzer würde möglicherweise bevorzugen: Im Anfang war das Wort und das Wort ward Scheiße. Eine andere vielleicht entgegenhalten: Im Anfang war das Wort und das Wort ward Dreck. Und so weiter und so fort.

Moravagine trat in das Antlitz GottesEs würde Organisierten Gläubigen wohl auch ganz menschgemäß und glaubensvernünftig vorkommen, beispielsweise die Serie Passion Christi sich anzusehen, auch dann, sogar dann, wenn die Lebenswegbildchen das Antlitz zeigten, in das Moravagine trat …

Auf das Leben von Moravagine wird, vielleicht, irgendwann noch einmal eingegangen werden. Wenn, vielleicht, einmal darüber nachgedacht werden will, weshalb ein französisch-schweizerischer Schriftsteller Moravagine ausgerechnet in Ungarn auf die Welt kommen läßt. Diesem Frauenmörder, diesem Monster eine ungarisch-österreichische Identität verpaßt, der aber „fliehen wollte, König- und Kaiserreich verlassen, fern von der Politik der Doppelmonarchie leben, woanders, anonym, in der Menge verloren, in einem unbekannten Land, in der Fremde.“ Der schon im Alter von zehn Jahren nicht und nicht nach Wien wollte, stattdessen lieber versuchte zu fliehen, alles unternahm, um Wien zu entkommen, nicht nach Wien zu müssen, Stallungen in Brand setzte …Was für einen schrecklichen Ruf muß Wien damals gehabt haben, als Blaise Cendrars …

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