Alltagskultur in Österreich

Während in der Slowakei nach Morden innerhalb kürzester Zeit gleich zwei Innenminister zurücktreten, wird in Österreich im österreichischen Parlament für den Innenminister ein Dankgottesdienst abgehalten.

Nicht nur in der Slowakei treten in Wahrnehmung der politischen Verantwortung Innenminister zurück, sondern in vielen Staaten, daß von Innenministermassenrücktritten gesprochen werden kann. In Österreich hingegen nimmt der zurzeitige Bundeskanzler die Slowakei als Vorbild für „Massentests“.

Während in der Slowakei darunter medizinische Tests verstanden wird, versteht in Österreich die sogenannte Kurz-Regierung darunter politische Tests, das Austesten der sogenannten Masse in Österreich, wie weit diese also mitzugehen bereit ist, parteipolitische Egoismen als politische Verantwortung sich andrehen zu lassen.

Nachdem in Buchhandlungen verordnet keine neuen Bücher abgeholt werden dürfen, bleiben als Lektüre nur diese Erzählungen über, Erzählungen, die nicht der sogenannten fiction literature zuzuzählen sind, aber es sind doch wunderliche Erzählungen, etwa darüber, wie ein Dankgottesdienst im österreichischen Parlament …

Im Zuge der Budgetdebatte im Parlament zum Thema Innere Sicherheit am Mittwoch entspann sich eine Diskussion, die mit dem Ursprungsthema nur mehr wenig zu tun hatte. Nachdem Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) über Neuerungen im Sicherheitsbereich referiert hatte – 215 Millionen Euro mehr sollen unter anderem für eine Personaloffensive bei der Polizei sowie für den Ankauf von Munition und Schutzwesten zur Verfügung stehen –, kam er auch auf den vor zwei Wochen in Wien verübten islamistischen Terroranschlag und die Reform des Verfassungsschutzes zu sprechen. Man scheue sich nicht, der „Frage nachzugehen, wo Fehler passiert sind und wo Möglichkeiten der Verbesserung gegeben sind“, sagte Nehammer mit Verweis auf die Untersuchungskommission, die Versäumnisse der Behörden im Vorfeld des Anschlags klären soll. Das veranlasste den ÖVP-Abgeordneten Wolfgang Gerstl dazu, sich bei Nehammer ausführlich zu bedanken: „Danke, Herr Bundesminister, für Ihr Engagement“, sagte er etwa, und: „Danke, Herr Bundesminister, dass Sie für die Sicherheit in Österreich sorgen“, sowie: „Dafür sagen wir noch einmal ein ganz, ganz großes Danke, meine Damen und Herren.“

Nehammer hat sich „Danke verdient“

Die SPÖ-Abgeordnete Nurten Yılmaz entgegnete ihrem Kollegen in ihrer Rede daraufhin: „Dass es heute noch peinlichere Reden geben wird, hätte ich mir nicht gedacht. Kollege Gerstl, warum haben Sie sich nicht gleich hingekniet? Dann hätten wir wenigstens am nächsten Tag schöne Bilder gehabt.“

Das wiederum bewegte den ÖVP-Abgeordneten Reinhold Lopatka dazu, Yilmaz angebliche Höflichkeitsformen zu erklären: „Kollegin Nurten Yılmaz, in unserer Kultur ist es nichts Unanständiges, wenn man Danke sagt. Der Innenminister hat sich ein Danke verdient – das sage ich Ihnen. Es würde Ihnen auch nicht schlecht anstehen, diese Arbeit objektiv einzuschätzen und nicht immer nur die Versäumnisse zu sehen.“

Der Höhepunkt in dieser Art von Erzählungen sind aber stets die nachgereichten Erklärungen, stets die immer nur nach dem Einfordern gelieferten Entschuldigungen, wie eben erst jene des vom Bundeskanzler mit einer Telefonhülle Beschenkten. So ist auch die nachgereichte Klarstellung dieses Mannes der Höhepunkt dieser recht frischen, aber auf eine recht lange Tradition aufbauende Erzählung …

Lopatka selbst stellte klar, dass „Danke zu sagen“ Teil „unserer gemeinsamen Alltagskultur in Österreich“ sei, und davon habe er Kollegin Yılmaz „ganz sicher nicht ausschließen wollen“. Ihm rassistische Entgleisungen vorzuhalten entbehre jeder Grundlage und sei „absolut unfair“.

Dieser Mann spricht mit seiner nachgereichten Klarstellung vollkommen die Wahrheit.

Tatsächlich ist dieser Mann „Teil unserer gemeinsamen Alltagskultur“, die in Österreich vor allem von der Partei zelebriert wird, in der für ihn der „bessere Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten“ nach wie vor das formale Sagen hat.

Den wählenden Menschen in Österreich freilich war er nicht der „bessere Kandidat“, aber für die christschwarze Partei, die „Teil unserer gemeinsamen Alltagskultur“ ist, war er der rechtbeste Minister für kurz