Von Krieg zu Krieg

Lueger und die Kontextualisierung

Je mehr der Krieg sich verschärft, desto schwieriger wird der Frieden, aber desto dringender ist er nötig.

Edgar Morin. De gueere en guerre. De 1940 à l’Ukraine. Von Krieg zu Krieg. Von 1940 bis zur Invasion der Ukraine. Turia + Kant. Februar 2023.

Sie werden sich fragen, wie das zusammengeht, Lueger und die Kriege, bis hin zum letzten um die Ukraine unter den vielen gegenwärtigen.

Es geht zusammen. Denn. Es geht um Kontextualisierung. Die Kontextualisierung ist in Österreich angekommen — als Modeerscheinung.

Das KL-Denkmal auf dem KL-Platz in Wien steht hierfür beispielhaft, wie in Österreich Kontextualisierung verstanden wird. Und so beispielhaft wie die Denkmalkontextualisierung wird nun in Österreich auch die Kontextualisierung des letzten unter den vielen gegenwärtigen Kriegen gegen die Ukraine —

Was wäre das für ein Buch geworden, hätte Edgar Morin sich an diesem LK-Denkmal ein Beispiel genommen, genauer, an dem beschlossenen Plan der Kontextualisierung des JM-Denkmals?

Es wäre ein Buch mit rein weißen Blättern geworden, ein Buch mit leeren, dafür aber um dreikommafünf Grad schiefen Seiten

Vielleicht, daß auf einer sonst vollkommen weißen Seite die Überschrift „Die Kontextualisierung“ einzig zum Verdeutlichen, es geht um Kontextualisierung, wie die wienerische Schieflage behauptet, es gehe um Kontextualisierung

Es ist kein Buch nach österreichischer Kontextualisierung geworden; wer von diesem Buch nach seiner Lektüre weggeht, geht von diesem Buch nicht ohne Wissen, wie weggegangen werden wird

von dem KL-Denkmal ab dem nächsten Jahr, weg, dieses Buch, das ein Buch der Einladung zum komplexen Denken ist, über das im Vorwort „Wer den Frieden will, muss die Komplexität von Krieg und Frieden begreifen – Zur Warnschrift von Edgar Morin“ von Werner Wintersteiner und Wilfried Graf zu lesen ist:

Im Alter von über 101 Jahren hat der französische Philosoph und Soziologe Edgar Morin diese Warnschrift verfasst, in der er seine erlebten und reflektierten Erfahrungen mit dem Zweiten Weltkrieg und all den Kriegen und Konflikten, die er in seinem langen Leben studiert hat, verdichtet. Dies führt ihn zu der Kernaussage: „Jeder Krieg bringt Verbrechen mit sich, Manichäismus, einseitige Propaganda, Kriegshysterie, Spionage, Lügen, die Herstellung immer tödlicherer Waffen, Irrtümer und Illusionen, Unerwartetes und Überraschendes … Der Krieg in der Ukraine entgeht dieser Logik eines jeden Krieges nicht, der zwischen entschlossenen und erbitterten Gegnern geführt wird.“

Morin [Edgar Nahoum] benennt Widersprüche, die andere zu glätten versuchen, er zeigt die Ambivalenz der amerikanischen Demokrtie und die zwei Seiten des russischen Despotismus. So kommt er auch zu dieser komplexen Einschätzung des Krieges: „Es gibt drei Kriege in einem: die Fortsetzung des internen Krieges zwischen der ukrainischen Regierung und den separatistischen Provinzen, den russisch-ukrainischen Krieg und einen internationalisierten antirussischen politisch-wirtschaftlichen Krieg des Wetens, der von den USA angeführt wird.“ Dabei bleibt es aber nicht, denn das komplexe Wechselspiel dieser Kriege treibt die Eskalation immer weiter voran.

Während diese Warnschrift gelesen wird, während dieses Kapitel geschrieben wird, es ist Juli 2023, ist zu erfahren, daß die USA Streubomben an die Ukraine liefern will, Streubomben, das heißt letztendlich auch, Streubomben gegen die Menschen in der Ukraine selbst, Streubomben, die, mag den sogenannten heutigen Waffen noch so viel Eigenintelligenz nachgesagt werden, mögen diese Waffen noch so ob ihrer Intelligenz beworben werden, in ihrer mörderischen Wirkung nicht unterscheiden werden, zwischen Menschen aus der Ukraine und Putins willfährigen Kohorten —

Die Lehre, die er daraus gezogen hat, und die ein Grundgedanke des vorliegenden Buches ist: „Auch der Krieg des Guten birgt das Böse in sich. Es geht darum, dass uns bewusst wird, dass jeder Krieg nicht nur physisches Unheil bringt, sondern auch intellektuelles Unheil, das den Geist blind macht; das uns bewusst wird, dass jede Radikalisierung in einem Krieg sich desaströs auswirkt.“ Edgar Morin in einem Brief an die Herausgeber, Februar 2023. So deutlich sich Morin gegen die Invasion durch Putins Armee ausspricht, so leidenschaftlich plädert er daher gleichzeitig für diplomatische Auswege. „Es ist überraschend, dass es in Europa so wenig Bewusstsein und so wenig Bereitschaft gibt, sich zunächst überhaupt einmal eine Vorstellung von Friedenspolitik zu machen und diese dann durchzuführen.“

Doch er hat sich bereits 2014, anlässlich der Besetzung der Krim durch Putin, wenig Illussionen über die europäische Politikfähigkeit gemacht. „Leider ist die Ohnmacht des Westens, was Europa betrifft, nicht nur militärischer Natur, sie ist nicht nur ein Mangel an Willenskraft. Es ist eine Frage des politischen Denkens, es ist eine Frage des Denkens überhaupt.“

— „Es ist eine Frage des Denkens überhaupt.“ —

Sobald man versucht, sich auch nur ansatzweise der Notwendigkeit zu stellen, die komplexen Hintergründe und die Vorgeschichte dieses Krieges zu durchleuchten, wird das bereits als Rechtfertigung der russischen Invasion betrachtet. Auch Edgar Morin ist es mit dieser Schrift nicht anders ergangen. Er hat dazu in einem Tweet sehr treffend festgestellt: „Eine sehr verbreitete intellektuelle Schwäche besteht darin, anzunehmen, dass eine Erklärung auch eine Rechtfertigung ist.“

Morin stellt diesen Krieg in den Kontext der Menschheitsaufgaben, die heute anstehen, ein Argument mehr für friedliche Lösungen: „Der Krieg verdunkelt die lebenswichtigen Probleme, denen wir uns stellen müssen: die ökologische Zerstörung des Planeten, die globale Erwärmung, die unkontrollierte Entfesselung des Profits, die die ökologische Krise bestimmt und die allgemeine Krise der Demokratie in der Welt verschärft, die durch die nicht gezähmte Pandemie, die erneut ausbrechen könnte, noch verschlimmert wird.“

Mit dem aus dem Buch hier Zitierten erschließt es sich bereits, daß es ein Buch ist, das zur Gänze zu lesen ist, es braucht dazu wohl kaum mehr Zeit, als etwa ein Spaziergang vom dritten Bezirk zum KL-Denkmal mit einem kurzen Verweilen vor dem Denkmal, bei dem allerdings nichts zu erfahren ist, nur das Geschmiere erinnert wird, nicht das Geschmiere auf dem Denkmal, sondern das Geschmiere über die Kontextualisierung des Mals, und dem Rückgang in den dritten Bezirk

Etwas soll aus dem Buch doch noch zitiert werden. Dabei geht es um das, was die Ukraine mit Österreich gemeinsam hat, und das ist der Umgang mit Straßennamen, das heißt,

das Benennen, das Umbenennen, genauer, das Nicht-Umbenennen von Plätzen, Straßen, Gassen …

Der Maidan war ein demokratisches Erwachen, aber der Banderismus wurde dort verherrlicht. Das ruft auch Arno Klarsfeld in Erinnerung: „Eine der ersten Maßnahmen der Kiewer Stadtverwaltung nach der Revolution von 2014 war die Umbennung der langen Allee, die zum Babi-Jar-Gelände führt und den Namen Moskauer Allee trug, in Bandera-Allee, dessen Anhänger die Nazis bei der Vernichtung von mehr als 30.000 Juden, Männern, Frauen und Kindern, in der Babi-Jar-Schlucht am 29. und 30. September 1941 unterstützten, als die deutschen Truppen in Begleitung der Einsatzgruppen in Kiew einmarschierten. Das Bezirksverwaltungsgericht Kiew hatte die Stadtverwaltung angewiesen, die Umbenennung von zwei Hauptstraßen nach Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch, der ebenfalls ein Judenmörder war und nach dem in der Großstadt Ternopil ein Stadion benannt wurde, rückgängig zu machen. Der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, legte jedoch Berufung gegen die Entscheidung ein und das Berufungsgericht gab ihm Recht.

In Lwiw (Lemberg) marschierten noch vor zwei Jahren Hunderte von Männern in SS-Uniformen ukrainischer Kollaborateure bei einer von der Stadt genehmigten Veranstaltung. In den letzten Jahren enthüllten mindestens drei ukrainische Gemeinden Statuen für Banderas Stellvertreter Jaroslaw Stezko, der während des Holocaust die ‚Ausrottung der Juden‘ guthieß.“ Hinzu kommt, dass es immer noch eine aktive Minderheit ukrainischer Nationalsozialisten gibt, darunter das Kommando des Asow-Regiments, das sich im Bürgerkrieg im Donbass und später bei der dramatischen Verteidigung von Asowstal in Mariupol hervorgetan hat. Die ukrainische Führung feuert als allen Rohren und nutzt in ihrem Krieg die Dienste dieser erbitterten Feinde Russlands, kann aber nicht mit ihnen identifiziert werden. Was allerdings bleibt, ist eine Nachsichtigkeit gegenüber dem Banderismus und vor allem eine antirussische hypernationalistische Hysterie, die die russische Sprache, Literatur und Musik verboten hat — der Hass auf die Kulztur der feindlichen Völker war auch ein Merkmal der Kriegshysterie Deutschlands.

Vitali Klitschko legte gegen die Umbenennung Berufung ein, jener Klitschko, mit dem auch ein österreichischer Bundeskanzler telefoniert, dessen Bruder ein österreichischer Bundeskanzler freundschaftlich oder, was unter Männern wohl dasselbe ist, mitten im Krieg kameradschaftlich boxt —

Vor dem Mal eines antisemitischen Nationalratspräsidenten drängt es sich menschgemäß auf, den Konflikt zu erwähnen, den Edgar Morin in seinem Buch ebenfalls anspricht. Denn.

Es zeigt sich auch an diesem die fehlende Kontextualisierung in Österreich, in der eine gegenwärtige Bundesregierung den sogenannten Antizionismus mit dem Antisemitismus unterschiedslos gleichsetzt

Es wird in Österreich recht gern unter Wegwischen des Kontextes ein „importierter Antisemitismus“ bemüht, um Menschen, die nach Österreich kommen, den landeseigenen Antisemitismus, der tatsächlich ein Antisemitismus ist, anzuhängen, sich frei von Antisemitismus darzustellen, während es für die aus diesem geographischen Raum nach Österreich kommenden ein Konflikt ist, der tatsächliche Ursachen hat, die mit dem österreicheigenen Antisemitismus nichts zu tun haben.

Schließlich muss man auch auf den israelisch-palästinensischen Konflikt eingehen. Dieser begann eindeutig mit der Gründung und Entwicklung einer zionistischen Kolonie auf arabischem Gebiet; nach der Teilung Palästinas durch die UNO und der Gründung des Staates Israel versuchte eine Koalition der arabischen Staaten, dieses neue Land in einem Krieg zu beseitigen, der mit dem Sieg Israels endete.

Der Sechstagekrieg ermöglichte es Israel, ganz Palästina in Besitz zu nehmen, was zu den Infifadas, d. h. Aufständen und Unterdrückungen führte.

Trotz der extremen Radikalisierung hätte der israelisch-palästnensische Konflikt unter dem Druck der USA eine Lösung finden können, als Präsident Clinton Rabin und Arafat dazu brachte, sich in Washington die Hände zu schütteln, da das Oslo-Abkommen von 1993 die Bildung eines palästinensischen Staates nach einem fünfjährigen Prozess vorsah. Doch die Ermordung Rabins durch einen israelischen Fanatiker im November 1995, die darauf folgende verstärkte israelische Besiedlung des Westjordanlandes, die Unterdrückung der Palästinenser*innen, die Aufstände und Anschläge der Palästinser*innen und die Abkehr von der palästensischen Sache vonseiten der arabischen Staaten führten zur vollständigen Eingliederung des Westjordanlandes in Israel und zum Verlust aller palästinensischen Hoffnungen auf Unabhängigkeit. Es gab jedoch zwei Lösungen: Die erste, die eines gemeinsamen demokratischen Staates, wurde durch die Ausrufung Israels zum jüdischen Staat hinweggefegt; die zweite, die zweier assoziierter Nationen, wird derzeit beseitigt. Von 1948 bis 2022 hat die Radikalisierung eines siebzigjährigen Konflikts Israel zu einem hypernationalistischen und kolonialen Staat gemacht, der einen Teil der Palästinser*innen in Lager im Libanon und in Jordanien verstreut hat und die Palästinser*innen im Westjordanland auf das Schicksal eines kolonisierten Volkes reduziert, dessen Regierung mit der Besatzungsmacht zusammenarbeitet.


Westjordanland, wieder einmal, während dieses Buch gelesen wird, dieses Kapitel geschrieben wird, im frühen Sommer 2023, im Mittelpunkt der Berichterstattung, derart aktuell im Mittelpunkt, daß darauf verzichtet werden kann, anzuführen, was berichtet wird, was wieder berichtet werden muß —

All diese Beispiele zeigen, warum ich eine Radikalisierung des Krieges in der Ukraine befürchte, deren globalen Folgen, die bereits jetzt beträchtlich sind, horrend werden und sich sogar zu einem neuen Weltkrieg ausweiten können.

Denn die Radikalisierung nimmt in diesem Krieg ständig zu. Die Entfesselung des Hasses des Aggressors gegen den Widerstand leistenden Angegriffenen und des Hasses des Angegriffenen auf den Aggressor hat bereits den großrussischen Nationalismus angeheizt, Putins Despotismus verschärft und in der Ukraine die Ablehnung der russischen Sprache, die ja auch von den Ukrainer*innen gesprochen wird, aber vor allem der gesamten russischen Kultur hervorgerufen.

Im September 2022 definierte Putin diesen Krieg neu als Krieg gegen den Westen, Selenskyj sprach die absolute Weigerung aus, mit Putin zu verhandeln, während die USA nicht nur die Befreiung der Ukraine, sondern auch die dauerhafte Schwächung Russlands anstreben.

Unsere Medien weisen nur auf einen Imperalismus hin, den russischen, der versucht, Großrussland wiederherzustellen; sie schweigen über den anderen Imperalismus, der überall auf dem Globus interveniert und dabei oft, wie Russland in der Ukraine, gegen internationale Konventionen verstößt.