Vom Senkungswillen des Sebastian Kurz

Nun läuft Sebastian Kurz durch das Land und erzählt allen, die Menschen würden sich nichts aufbauen können, trotz harter Arbeit. Deshalb wolle er, kurz gesagt, die Abgabenquote von 43 % auf 40 % senken.

Drei Prozent weniger an Abgaben, ja, damit kann, will Kurz wohl vermitteln, der Mensch sich mit harter Arbeit etwas aufbauen, sich etwas leisten, etwas schaffen.

Drei Prozent weniger, ja, größer ward ein Senkungswille noch nie gewesen.

Rechnen Sie einmal, was drei Prozent bei Ihrem Gehalt ausmachen würden, wie viele Scheine mehr Sie durch drei Prozent weniger in Ihrer Brieftasche haben würden.

Sie hätten trotz drei Prozent weniger keinen einzigen Geldschein mehr in Ihrer Tasche?

Wie das?

Es verspricht doch Sebastian Kurz eine Abgabensenkung, damit Sie sich etwas aufbauen können.

Sie müssen sich verrechnet haben.

Nein, Sie haben sich nicht verrechnet?

Wie ist dies dann zu erklären?

Ja, es ist doch eine sehr akademische Diskussion über die Abgabenquote. Mit der Abgabenquote läßt es sich vortrefflich theoretisieren. Nur Sebastian Kurz führt keine akademische Diskussion, er theoretisiert nicht. Ganz im Gegenteil. Er tut so, als würde er ganz wirklich an die Abgabenquote herangehen, er tut so, als wäre die Abgabenquote von 43 % eine praktische und keine theoretische Größe, als müßten tatsächlich alle Menschen 43 % von ihrem Lohn abliefern. Und er, Kurz, will ihnen beistehen, damit sich die Menschen etwas aufbauen können, indem er die Abgaben auf 40 % senken will: ganz ehrlich, ganz wirklich.

Aber wie sieht es praktisch, konkret und wirklich um die Abgabenquote für wahlberechtigte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen aus?

Sie haben es für sich ausgerechnet. Drei Prozent weniger bringen Ihnen keinen Cent mehr in die Brieftasche. Das ist dann nur so zu erklären. Dann gehören Sie zu den vielen, vielen Menschen in Österreich, die so viel verdienen, daß Ihnen nicht dreiundvierzig Prozent von Ihrem Bruttolohn abgezogen werden können.

Vielleicht gehören Sie zu den Menschen in Österreich – Sie glücklicher Mensch –, die monatlich einen Bruttolohn von 3.026,00 Euro für harte Vollzeitarbeit beziehen, dann kommen Sie nach dem Brutto-Netto-Rechner des österreichischen Finanzministeriums auf eine Abgabenquote von rund 33 Prozent. Sie wird Sebastian Kurz also nicht meinen, mit seiner Sorge um die Menschen, die sich nichts aufbauen können, trotz harter Arbeit. Sie können sich also in Österreich gut aufgehoben fühlen, Sie haben jetzt schon eine um rund zehn Prozent niedrigere Abgabenquote. Aber neiden Sie den 86,78 % Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern nicht deren noch niedrigere Abgabenquote, weil Sie weniger verdienen als Sie und sich dadurch noch mehr aufbauen, leisten, schaffen können als Sie.

Weshalb hier mit 3.026,00 Euro Bruttolohn gerechnet wird. Nun, nach der Austria Statistik beträgt das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen 42.364,00 Euro für Vollzeitarbeit, allerdings von Männern, Frauen verdienen weniger, die Glücklichen, sie können sich durch ihre dadurch noch niedrigere Abgabenquote noch mehr aufbauen, noch mehr schaffen.

Übrigens und nur nebenbei: wenn Sie wissen möchten, wo Sie mit Ihrem Gehalt auf der Gehaltspyramide in Österreich genau stehen, dafür gibt es ein Berechnungsprogramm.

Was für ein Mann des Durchblicks doch Sebastian Kurz ist. Präzise hat er erkannt, woran es in Österreich hängt, daß Menschen sich trotz harter Arbeit nichts mehr leisten, aufbauen, schaffen können. Es ist die Abgabenquote, über die vortrefflich theoretisiert werden kann, also nicht die konkrete … Wäre diese nicht, ach, was könnten sich alle mit harter Arbeit leisten, aufbauen, schaffen. Denn sonst wäre alles vorzüglich, um sich etwas leisten, aufbauen, schaffen zu können – kurz aufgezählt: seit Jahrzehnten sinken die Baukosten für Eigenheime kontinuierlich um drei Prozent, werden Jahr für Jahr Eigentumswohnungen um drei Prozent billiger, die Mieten für Wohnungen sind schon auf ein Niveau gesunken, daß von Minusmieten gesprochen werden muß, also die Vermieterinnen den Mietern … Und erst die Löhne, oh die Löhne, seit Jahrzehnten wöchentlich um drei Prozent gestiegen, ja, wahrlich, Arbeitgeberinnen sind heutzutage, so hoch sind die Löhne bereits, Mäzene zu nennen.

Maximalbruttolohn für alle Arbeitnehmerinnen bringt allen eine Abgabenquote von 20 Prozent - Da bleibt ordentlich was für den Aufbau wie ihn Sebastian Kurz versteht

Und weil das alles in Österreich so hervorragend ist, bloß bis auf die Abgabenquote, kann es, kurz gesagt, nur eines geben, nach der kurz’schen Sicht jedenfalls, damit Menschen von ihrer harten Arbeit sich etwas leisten, aufbauen, schaffen können, der Maximalbruttolohn für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer darf nicht höher sein als 1.500,00 Euro. Denn. Mit einem Bruttolohn in dieser Höhe ist eine Abgabenquote von rund zwanzig Prozent bereits Wirklichkeit. Oh, und was können sich all jene, die diesen Maximalbruttolohn bereits beziehen, alles leisten, aufbauen, schaffen – ganz schön viel, ordentlich unvorstellbar!

Seit dem letzten Jahr bleibt Ihnen dennoch weniger in der Brieftasche? Wenn Sie sich etwas leisten möchten, wird Ihnen seit dem letzten Jahr immer drei Prozent mehr aus Ihrer Brieftasche … ah, Sie meinen durch die Erhöhung der Umsatzsteuer um drei Prozent von zehn auf dreizehn Prozent durch den Finanzminister aus der kurz’schen Partei …

Nun, seien Sie ohne Sorge, auch bei der Umsatzsteuer will Sebastian Kurz etwas tun, also eine Senkung herbeiführen, aber nicht bei der gesamten Umsatzsteuer, nur bei der Umsatzsteuer für Beherbergung, wie bei der Abgabenquote von 43 % auf 40 %, damit alle Menschen im Land sich etwas leisten, schaffen, aufbauen können …

Sebastian Kurz läuft jetzt vor der Nationalratswahl durch das Land und erzählt allen, er würde die Abgabenquote senken wollen, und wie er es erzählt, klingt es eben danach, als wolle er die Abgabenquote für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer senken, damit sie mit harter Arbeit sich endlich etwas leisten, aufbauen, schaffen können. Von den anderen Werten, aus denen sich die Abgabenquote zusammensetzt, spricht er nicht, aber die betreffen wohl viel zu wenige Wahlberechtigte, die ihm nicht seinen Aufbau schaffen können, wenngleich sie davon ausgehen können, sie, die wenigen, seien tatsächlich unausgesprochen als Nutznießende gemeint, wenn er, kurz gesagt, Senkungen bei der Abgabenquote verspricht … Da geht es um Werte, die Sie vom Hörensagen kennen werden: Kapital, Gewinne, Vermögen …

Generell kann gesagt werden, Sebastian Kurz will überall eine Senkung auf sein Niveau.

Übrigens, Niveau, da fällt unweigerlich sofort ein Mann ein, mit dem er, Kurz, nicht abgeneigt ist, auf einer gemeinsamen Regierungsbank … ein Mann, der auch für alle Menschen steuerlich etwas …

 

Sebastian Kurz - Löhne und Abgabenquote.png

PS Wie es theoretisch um das Senken der Abgabenquote bestellt ist, dazu eine Modellrechnung, die im „Kurier“ gelesen werden konnte:

Und so sieht die Rechnung aus: Als Inflationsrate wird zwei Prozent pro Jahr angenommen, als Realwachstum 1,5 Prozent. Das nominelle Wachstum läge also bei 3,5 Prozent pro Jahr. Somit würde Österreichs Wirtschaftsleistung von derzeit 350 Milliarden Euro auf 415 Milliarden Euro in fünf Jahren zulegen. Die Steuern und Abgaben würden im selben Zeitraum von 151 Milliarden Euro auf 166 Milliarden Euro steigen. Womit die Steuer- und Abgabenquote bei 40,1 Prozent des BIP läge. Und das, obwohl die öffentlichen Ausgaben um etwas mehr als zehn Prozent höher liegen könnten als heute.

Agenda Austria-Chef Franz Schellhorn sagt, die Regierung müsste die Ausgabenbremse nicht einmal in allen Ressorts gleichermaßen anziehen, sie könnte in einem Ressort mehr sparen – etwa bei den von Kurz zitierten Subventionen – und an anderer Stelle, etwa bei der Gesundheit, mehr als die Inflationsrate ausgeben. Schellhorn: „Das ist eine politische Entscheidung.“

Die größten Kostentreiber bei den Bundesausgaben werden laut Schellhorn in den kommenden Jahren die Pensionen sein, vor allem die der Beamten, sowie die Ausgaben für den Arbeitsmarkt (für Arbeitslose, Schulungen etc.)

So also könnte nach einem Beispiel theoretisch die Senkung der Abgabenquote um drei Prozent erreicht werden. Eine Spielerei. In einem Spiel kann viel angenommen werden, etwa, die Inflationsrate zwei Prozent, das Realwachstum eineinhalb Prozent … Wesentlich aber in diesem Theoriespiel: Steuern und Abgaben würden um 15 Milliarden Euro steigen, die Wirtschaftsleistung um 65 Milliarden Euro. Und zu diesem Spiel kann, wie stets, ein alter Schlager gesummt werden: „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ …

Wer wird diese angenommenen Steigerungen aber praktisch erbringen? Wer wird für die Entlastung, von der Sebastian Kurz spricht, praktisch sorgen? Da bekommt seine Ansage, „der Löwenanteil der Entlastung solle den Arbeitnehmern zugutekommen“, eine neue Bedeutung, das heißt, eine alte Bedeutung. Die Arbeitnehmerinnen werden es praktisch sein. Sie werden die Wirtschaftsleistung praktisch zu erbringen haben. Sie werden durch Steuern und Abgaben die Einnahmen des Staates praktisch zu erhöhen haben, auf „Sozialleistungen“, die für Sebastian Kurz ohnehin „fehlgeleitete“ sind, praktisch zu verzichten haben.

Von einem konkreten genannten Zeitpunkt, wann die theoretische Abgabenquote von drei Prozent weniger erreicht werden soll, ist von Sebastian Kurz nichts bekannt. Ein vermittelter Eindruck aber ist, das werde sofort, wenn er – Wähler und Wählerinnnen, behüte! – … Dem obigen Modellrechnungsspiel ist ein Zeitraum von fünf Jahren, also in fünf Jahren könnte die Abgabenquote theoretisch eine um drei Prozent gesenkte sein … praktisch aber werden es sofort alle spüren, und das wird kein angenehmes, wohliges Spüren sein, sollte nach dem 15. Oktober 2017 tatsächlich, kurz gesagt, ÖVP und FPÖ auf der Regierungsbank … und das alles wofür? Für eine Zahl auf dem Papier, für eine Zahl, die nicht einmal auf dem Papier etwas hergibt – drei Prozent weniger …

6 Gedanken zu „Vom Senkungswillen des Sebastian Kurz

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