Mittwoch in Österreich

An diesem Mittwoch, dem 30. Jänner, wieder ein Frauenmord in Österreich. Es ist nicht der erste und es wird nicht der letzte gewesen sein.

Allerdings geschieht der Frauenmord vor 130 Jahren. Der Mörder: Rudolf H. Nachdem er die Frau ermordete, tötete er sich selbst. Noch einhundertdreißig Jahre später gibt es nicht wenige, die es nicht als Mord und Selbstmord sehen wollen, es als Romanze, als Liebestod verklären, andere als diesen Prinzen von einem Mann als Mörder oder Mörderinnen haben möchten.

Nur deshalb, um einen Mann davon reinzuwaschen, ein Frauenmörder zu sein.

Viel dazu beigetragen hat auch seine Familie. Kaum war der Mord und der Selbstmord bekannt, begann das Vertuschen. Das Vertuschen gehört zur österreichischen Tradition, wie die Finsternis zur Nacht.

Das Vertuschen und Reinwaschen des Mannes ging damals weit, sehr weit, bis zum unglaublichen Vorwurf, bis zur Beschuldigung, die Frau hätte den Mann ermordet.

Ob sich die Frau gar so freiwillig ermorden ließ, darf sehr bezweifelt werden. Dieser Mann war schon vor M. V. auf der Suche nach einer Frau, die sich von ihm ermorden lassen sollte wollen, wenn er sich selbst tötet.

Allein kann halt ein recht traditionsgebundener Mann nicht aus dem Leben. Zumindest eine Frau muß mit ihm mit in den Tod. Ob es aber eine Frau sein muß, die er wirklich liebt, um sie mit in den Tod zu nehmen … eine Frau jedenfalls muß es sein, gleichgültig wie groß die Liebe ist, gleichgültig, ob es überhaupt Liebe ist, denn so eines rechten Mannes dieser Tradition größte Liebe ist der Tod, und den will er nur mit einer Frau gemeinsam besteigen.

Die Ballade von Oscar Wilde über einen anderen Reitersmann, der auch eine Frau ermordete, ist vielleicht in dieser Hinsicht allzu romantisch ausgefallen, das arme Weib, das er geliebt, im Bett schlug er sie tot

Vielleicht war der Kavalleriesoldat C. T. W. nur ein paar Jahre später bloß ein Nachahmungsmörder von Rudolf H. Darüber wird in Österreich 130 Jahre später recht spekuliert, wer blutige Taten nachahmt, die schon Jahre zuvor geschehen sind. 130 Jahre später geht es allerdings um Männer ohne Pferde …

Das Vertuschen gehört zur österreichischen Tradition, wie die Dunkelheit zur Nacht. Und auch, daß der Mann in Österreich ohne Frauenmord nicht leben kann.

Ist es dafür nicht bezeichnend, sagt das nicht alles über Österreich aus, wenn Édouard Louis in seinem 2018 erschienenen Buch „Qui a tuè mon pére“ nicht einen Menschen, um einen Kontinent zu nennen, aus Afrika zitiert, wenn er vom Schicksal seiner Mutter, vom Schicksal einer Frau erzählt, sondern einen Menschen aus Europa, einen aus Österreich:

„Als Frau in diese Umstände geboren zu werden, ist von vornherein schon tödlich gewesen.“

Édouard Louis, 1992 geboren, erzählt das Schicksal einer Frau in der zweiten Hälfte und am Ende des 20. Jahrhunderts und greift dabei zurück auf Peter Handke, der vom Schicksal einer Frau aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erzählt, das Schicksal seiner Mutter, die 1971 ihr Leben beendete, durch Selbstmord …

Louis lebt in Frankreich. Und was einem in Frankreich also augenblicklich einfällt, wenn es um die Umstände geht, in die Frauen hineingeboren werden, ist Peter Handke aus Österreich. Dieses Land mit diesen Umständen seit … jedenfalls länger als nur seit 130 Jahren.

Die brutal offenste Literatur aber über diese Umstände schreibt die Statistik …

Vielleicht hat ein Angehöriger einer Verbindung, der auf Bälle in der Hofburg geht, deshalb nichts „gegen die H…, im Gegenteil“, weil gerade einer aus dieser Familie recht wußte, wie mit Frauen und wohin Frauen gehören, mit in den Tod …

Es gibt auch um diesen Rudolf H. nach wie vor Verklärungen, bekommen Menschen glasige Augen beim Hören seines Namens … daß es doch verwundert, noch nicht davon gehört zu haben, es sei seine Seligsprechung oder gar Heiligsprechung beantragt worden. Möglicherweise fehlt dazu bloß noch das unabdingbare Wunder, ein Mann, der sich meldet und bezeugt, Rudolf H. habe ihm sicher und fest die Hand geführt, als er mit einer Pistole 9 mm oder mit einem Messer die Frau mordete, die er …

Möglicherweise muß davor doch die Rudolfschläfe mit steckender Patrone ausgegraben, aufgetrieben werden oder zumindest irgend ein Rudolfknochen,  zur Ausstellung auf einem recht männlichen Areal zur Anbetung …

2 Gedanken zu „Mittwoch in Österreich

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