Homesoils

„Hunde, wollt ihr ewig leben?“ Zu welcher Schlagzeile könnte er sonst greifen, wurde gedacht und gleich, ohne die Schreibe darunter zu lesen, die Seite umgeschlagen. Später dann wurde doch zurückgeblättert. Auch bis zur Seite mit der Schreibe von Christian Ortner. Was für ein Erstaunen aber, feststellen zu müssen, eine gehörige Fehlleistung erbracht zu haben, einem Verleser erlegen zu sein, sich bei der Überschrift von Christian Ortner seines vorvorvorvorgestrigen Kommentars in der Tageszeitung des Republik Österreich gänzlich verlesen zu haben.

Nicht die Überschrift „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ schrieb Christian Ortner als Überschrift für seinen Kommentar am 28. Mai ’20, sondern „Künstler, wollt ihr ewig beben?“ …

Und was er, Ortner, unter dieser Überschrift, die so einfach wie kurz zum Verlesen einlädt, schreibt, nun, bereits ein einziges Argument dagegen vorzubringen, hieße, dieses Geschwefel ernst zu nehmen, dieses Geschwefel gar als eine qualifizierte Aussage zu würdigen.

Wenn er, Ortner, das auf seiner homesoil schreibt, nun, gut, wer würde es ihm verbieten wollen? Kein Mensch. Das gehört eben dazu, zum Internet, zur auch im Internet sich ausdehnenden Scholle. Von der Tageszeitung der Republik Österreich aber könnten doch qualifizierte Aussagen erwartet werden. Das heißt ganz und gar nicht, nur verherrlichende Aussagen zu Kunst und Literatur, etwa zu, weil Ortner sie namentlich erwähnt, Thomas Bernhard oder Peter Handke

Es sollte die Tageszeitung der Republik Österreich doch den Anspruch haben, qualifizierte Aussagen zu veröffentlichen. Wobei. Es wird gar nicht erwartet, daß in der Tageszeitung der Republik nur Menschen von der Größe eines Franz Kafka, auch dieser von Ortner namentlich erwähnt, schreiben. Aber eine Tageszeitung einer Republik sollte wenigstens auf das Gekritzel von alten Männern zu verzichten, die ein langes, langes Leben lang nicht geschafft haben, eine einzige Zeile nur annähernd in der Qualität eines Franz Kafka zu schreiben, von dem ein Punkt, ein Beistrich bedeutender ist als die gesamte Schreibe von einem …

Sie werden vielleicht sagen, ja, aber, in einer Tageszeitung geht es doch nicht um Literatur, Christian Ortner ist nur ein Jou…

Da darf eingewendet werden, es gab eine Zeit, in der schrieb beispielsweise auch ein Joseph Roth für Tageszeitungen Artikel …

Und nun, einfach wie kurz gesagt, gelten in diesem Land alte Männer als „Edelfedern“, die den Männern und Frauen der homesoils als „Edelfedern“ – wer will ihnen dies verwehren – kein Mensch – gelten mögen, aber eine Tageszeitung, gar eine Tageszeitung einer Republik sollte doch den Anspruch haben, sich nicht selbst alle Qualitätsfedern zu rupfen.

„Es stimmt schon, dass die Produktion von Kunst in Österreich einen überdurchschnittlich hohen Stellenwert hat. Weniger, weil die Österreicher so besonders kulturaffin wären, sondern weil die Marke ‚Österreich‘ eng mit kulturellen Hervorbringungen verknüpft ist. ‚Schöne Berge und Seen gibt es woanders auch‘, sagt der Gastronom und Neos-Abgeordnete Sepp Schellhorn zu recht, ‚aber die Verknüpfung mit der Kultur ist schon einmalig‘. Und trotzdem legt der seit Wochen schwelende Aufstand der Kulturproduzenten, die beklagen, zu wenig Geld und das auch noch zu spät bekommen zu haben, und den nun die neue Staatssekretärin Andrea Mayer zu besänftigen sucht, eine kleine ketzerische Frage nahe. Nämlich die Frage, ob die Produktion von Kunst und Kultur mit einer Art grundlegendem Anspruch an den Staat verbunden ist oder sein soll, dieses Schaffen finanziell zu fördern, in normalen Zeiten routinemäßig, in Ausnahmesituationen wie jetzt ganz besonders. Ja natürlich, ist die ziemlich einhellige Forderung fast aller am Kunstbetrieb beteiligten; und darüber besteht auch in der interessierteren Öffentlichkeit weitgehend Konsens. 1000 Euro Grundeinkommen für jeden Künstler fordern etwa, ausgerechnet, sogar die vermeintlich marktliberalen Neos jetzt. Eine Frage muss trotzdem gestattet sein: Warum beschäftigt sich eigentlich jemand damit, Kunst zu produzieren? Und was ist daraus ökonomisch abzuleiten? Im Grunde gibt es darauf eigentlich nur zwei Antworten: entweder aus einem tiefen inneren Bedürfnis, um nicht zu sagen: einem Zwang heraus; nicht selten verbunden mit einer Art therapeutischem Prozess, etwa beim Schreiben von Prosa, man denke an das Werk Thomas Bernhards, Peter Handkes oder Franz Kafkas. Erfolg, und schon gar kommerzieller Erfolg, ist, wenn alles gut geht, dann gleichsam eine Nebenerscheinung des Schaffensprozesses. Wer aus dieser Motivlage heraus Kunst schafft, kann freilich daraus nicht wirklich einen Anspruch an die Allgemeinheit auf Alimentierung ableiten. Wer komponiert, schreibt oder malt, weil es sein muss, wird das unabhängig von den pekuniären Umständen tun. Wer hingegen, was völlig legitim ist, Kunst aus Erwerbsgründen produziert, wird aus den sozusagen umgekehrten Gründen keinen Anspruch auf Alimentation ableiten können. Denn in diesem Fall wird die künstlerische Hervorbringung zu einem Produkt, das den üblichen Marktgesetzen unterworfen ist – wer Nachfrage befriedigt, wird Erfolg haben; wer nicht, hat keinen besonderen Anspruch, von der Öffentlichen Hand finanziert zu werden. Dagegen kann zu recht eingewendet werden, dass derzeit ja praktisch alle Schlange stehen um Geld vom Staat, von Großkonzernen bis zu Kleinstunternehmen. Stimmt, und das ist in gewisser Weise in manchen Fällen problematisch genug. Daher ist auch nachvollziehbar, dass Künstler da nicht noble Zurückhaltung üben wollen. Aber weniger nachvollziehbar ist, aus dem Künstler-Sein irgendeinen Anspruch auf Bevorzugung ableiten zu wollen, oder gar auf eine Art bedingungsloses Grundeinkommen, Kunstnation hin oder her.“